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7.8.2007

Computerspiele sind ein Markt für Künstler

Die Freiheit der Kunst gilt für alle künstlerischen Werke. Bei den immer komplexer werdenden Computerspiele kann mit Recht von Kunst gesprochen werden.

Einige Computerspieler berufen sich auf ein nicht juristisches, aber ethisches "Recht auf Gewalt": Bürger dürfen sich mit Gewaltdarstellungen unterhalten, wenn sie das wollen. Sehen Sie ein solches Recht bei Computerspielen, und wenn ja, mit welchen Pflichten und Grenzen geht es einher?



Foto: Olaf Zimmermann

Im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen dürfen Erwachsene sich selbstverständliche gewalthaltige Filme oder Bilder anschauen, solche Bücher lesen oder auch Computerspiele spielen. Dabei gibt es allerdings auch juristische Grenzen, die insbesondere durch die Jugendschutzgesetze sowie das Strafgesetzbuch vorgegeben sind. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hat die Aufgabe, Schriften, Filme, Musik und auch Computerspiele zu indizieren, wenn es sich um unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen und Rassenhass anreizende Medien handelt. Damit soll sichergestellt werden, dass sie für Jugendliche nicht zugänglich sind. Laut Strafgesetzbuch kann jemand, der Medien, die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildert, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt, verbreitet, zugänglich macht, dafür wirbt oder gar Jugendlichen unter 18 Jahren überlässt zu einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bestraft werden.


Die im Jugendschutzgesetz vorgeschriebene Kennzeichnung von Computerspielen oder auch Filmen soll sicherstellen, dass Jugendliche vor Gewalt in den Medien geschützt werden. Eine gestufte Kennzeichnung freigegeben ohne Altersbe-
schränkung, freigegeben ab 6 Jahren, freigegeben ab 12 Jahren, freigegeben ab 16 Jahren und freigegeben ab 18 Jahren soll sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche tatsächlich nur Zugang zu den Medien haben, die für Alter geeignet sind.

Erwachsene haben die Pflicht, die Bestimmungen des Jugendschutzes einzuhalten. Sie selbst dürfen selbst-
verständlich gewalthaltige Computerspiele spielen, bei Kindern und Jugendlichen sind die gesetzlich vorgegebenen Beschränkungen zu berücksichtigen.

Artikel 5 des Grundgesetzes verbürgt das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst. Gilt das auch für Computerspiele? Warum, warum nicht?



Selbstverständlich gilt das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Zusicherung der Freiheit der Kunst auch für Computerspiele. Genauso selbstverständlich greift aber auch Abs. 2 des genannten Grundgesetzartikels, in dem formuliert ist, dass das Recht auf Meinungsfreiheit z.B. durch den gesetzlichen Jugendschutz beschränkt wird. D.h. auch hier setzt der Gesetzgeber Schranken für den Umgang mit Computerspielen, wobei anzumerken ist, dass diese Schranken auch für andere Medien gelten.

Die Spruchpraxis der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zeigt sehr anschaulich, wie in den Gremien die verschiedenen Rechtsgüter Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und Jugendschutz gegeneinander abgewogen werden.

Die Spruchpraxis der Bundesprüfstelle zeigt auch, dass Computerspiele im Vergleich zu anderen Medien eher selten indiziert werden. Im Vergleich dazu wird relativ oft Musik indiziert. Hier ist in den letzten Jahren eine starke Zunahme der Indizierung von Hip-hop-Musik festzustellen, die sicherlich zweifelsfrei auch zur Kunst gezählt werden kann.

Ganz besonders wichtig mit Blick auf die Garantie der Kunstfreiheit ist, dass diese nicht an die Qualität eines Werkes gebunden ist. D.h. die Freiheit der Kunst gilt nicht nur für Werke, die als schön und qualitativ hochwertig gelten, sondern selbstverständlich für alle künstlerischen Werke.

Die immer komplexer werdenden Computerspiele rechtfertigen allemal, dass bei ihnen von Kunst gesprochen wird. Computerspiele wird so auch immer mehr zu einem Markt für Künstlerinnen und Künstler, die u.a. "Drehbücher" oder Musik für Computerspiele schreiben.

Schaden schärfere Jugendmedienschutzgesetze für Computerspiele der deutschen Kulturlandschaft? Umgekehrt: Wie könnte eine Kulturförderung für Computerspiele aussehen?



Im Kulturbereich kann grob unterschieden werden, in die Kultur, die marktvermittelt wird und in jene, die öffentlich gefördert wird. Der Buchmarkt und der Kunstmarkt funktionieren in erster Linie marktvermittelt. Der Theater-
bereich und die Museen werden zu einem erheblichen Teil öffentlich gefördert.

Computerspiele werden fast ausschließlich über den Markt vermittelt. D.h. die Entwicklung neuer Spiele muss über den Verkauf der vorhandenen finanziert werden. Die Entwicklung von Spielen wird in der Regel nicht durch die öffentliche Hand gefördert. Ebenso wenig gibt es eine Marktförderung, in dem besonders wertvolle Spiele ausgezeichnet werden und damit einen Vorteil auf dem Markt erhalten. Darin unterscheidet sich der Computerspielemarkt von anderen Kulturmärkten.

Im Filmbereich unterstützen sowohl der Bund als auch die Länder die Entwicklung und Produktion von Filmen. Im Buchbereich werden Auszeichnungen wie z.B. der durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestiftete Jugendliteraturpreis vergeben, um qualitativ hochwertige Bücher besonders hervorzuheben.

Solche Förderungen und Auszeichnungen fehlen im Bereich der Computerspiele bislang, so dass die Unternehmen vor allem jene Spiele auf den Markt bringen, die einen hohen Absatz versprechen. Will man besonders hochwertige, qualitativ anspruchsvolle Spiele haben, so muss auch in diesem Bereich über eine öffentliche Förderung nachgedacht werden.

Eine Verschärfung des Jugendschutzes ist meines Erachtens im Moment nicht vordringlich. Es scheint allerdings Informations-
defizite zu geben, diese gilt es aufzuarbeiten und zusätzlich die bestehenden Jugendschutzbestimmungen auszuschöpfen. Darüber hinaus sollten die qualitätvollen Spiele viel stärker bekannt gemacht werden, so dass insgesamt mehr Markttransparenz entsteht und somit die unzutreffende Gleichung Computerspiel gleich Gewaltspiel durchbrochen wird.

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Olaf Zimmermann

Zur Person

Olaf Zimmermann

Olaf Zimmermann, geb 1961 in Limburg a.d. Lahn ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber der Zeitung des Deutschen Kulturrates "Politik und Kultur". Zudem ist Zimmermann seit 2003 Mitglied der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestages.


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