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8.8.2018

Steffen Herrmann: Den Unterstrich zu verwenden bedeutet, sich politisch zu positionieren

Der Unterstrich schiebt graphisch die männliche und die weibliche Form auseinander, um dazwischen Platz für etwas Neues zu machen. Nämlich genau für jene, die sich nicht mit der zweigeschlechtlichen Ordnung identifizieren können oder wollen. Der Unterstrich dient also in erster Linie der Sichtbarmachung.

Steffen Herrmann, Dozent für Sozialphilosophie und politische Philosophie am Institut für Philosophie der FernUniversität in Hagen. (© privat)

Liebe_r Leser_in! Warum sollten Sie den Unterstrich verwenden? Gleich vorweg: Sie sollten es nicht tun, weil Sie glauben, dass es sich beim Unterstrich um die modernisierte Form des Binnen-i handelt. Es geht hier nicht um eine zeitgenössische Form der Paarformulierung, die Frauen und Männern gleichermaßen gerecht werden will, sondern es handelt sich um einen Zäsur.

Der Unterstrich schiebt graphisch die männliche und die weibliche Form auseinander, um dazwischen Platz für etwas Neues zu machen. Nämlich genau für jene, die sich nicht mit der zweigeschlechtlichen Ordnung identifizieren können oder wollen. Er stellt sich quer, um queeren Identitäten eine sprachliche Repräsentation zu ermöglichen. Durch ihn sollen all jene in die sprachliche Ordnung Eingang finden, sie sonst nur als Abjekte in der Öffentlichkeit vorkommen: Transen, Tunten, Genderqueers.

Der Unterstrich dient also in erster Linie der Sichtbarmachung. Er bildet eine gemeinsame Repräsentation für Gender-Devianzen und bildet als solches die Bedingung der Möglichkeit, gemeinsam politisch aktiv zu werden. Die Macht des gemeinsamen Handelns, die Hannah Arendt als Quelle politischer Freiheit und politischen Glücks verstand, könne sich nur dort bilden, wo sich Menschen gemeinsam versammeln können. Dazu gehört sowohl die Möglichkeit der räumlichen Versammlung, welche die Voraussetzung dafür ist, neue, alternative Lebensweisen zu erkunden und zu erproben; dazu gehört aber auch die Möglichkeit der symbolischen Versammlung, welche die Voraussetzung dafür ist, sich als Gruppe überhaupt konstituieren zu können. Hier zeigt sich, was in der politischen Theorie als 'Paradox der Repräsentation' bezeichnet wird: Diejenigen, die repräsentiert werden sollen, existieren nicht vorab, sondern werden durch die Repräsentation überhaupt erst ins Leben gerufen.

Der Unterstrich benennt entsprechend keine schon feststehende Gruppe von Menschen, sondern einen Prozess des Werdens, in dem sich all diejenigen, die sich zunächst negativ als Nicht-Frau und Nicht-Mann bestimmen, beginnen können, darüber zu verständigen, wer und wie viele sie sind. Den Unterstrich zu verwenden bedeutet daher, sich politisch zu positionieren und mit all jenen solidarisch zu erklären, die sich der Erkundung einer neuen, emanzipativen Geschlechterordnung verschrieben haben.

Steffen Herrmann

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Steffen Herrmann, Dozent für Sozialphilosophie und politische Philosophie am Institut für Philosophie der FernUniversität in Hagen.


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