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8.8.2018

Gabriele Diewald: Die Formen und Regeln des Deutschen sind veränderbar

Ich halte nichts vom autoritären Pochen auf Traditionen, aber auch nichts von neuen Präskriptionsversuchen. Entscheidend ist immer die Abstimmung der kommunikativen Absicht mit dem sprachlichen und situativen Kontext. Denn letzterer spielt eine große Rolle dafür, ob ich meine kommunikative Intention erfolgreich umsetzen kann.

Prof. Dr. Gabriele Diewald ist Professorin für deutsche Sprachwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover.

Sprache, geschlechtergerechte Sprache, ist ein wesentliches Mittel zur Verwirklichung der Gleichstellung. Was aber heißt "geschlechtergerecht"? Und wie verwende ich die deutsche Sprache in geschlechtergerechter Weise? Auf beide Fragen gibt es keine abschließende Antwort. Wir erleben eine Umbruchsituation, deren treibende Kräfte zum Teil unterschiedliche Richtungen nehmen.

Da inzwischen Geschlechter- und Genderkonzepte außerhalb der binären Geschlechterordnung diskutiert werden, ist auch der Begriff „geschlechtergerecht“ mehrdeutig geworden. Die "Selbst-Verständlichkeit" der vorausgesetzten Zweigeschlechtlichkeit ist geschwunden, d.h. die eigene Position muss im relevanten Fall expliziert werden. Dies gilt auch für die Frage, welche sprachlichen Formen man wann in welchem Kontext verwenden will und welche nicht.

Ich halte nichts vom autoritären Pochen auf Traditionen, aber auch nichts von neuen Präskriptionsversuchen. Entscheidend ist immer die Abstimmung der kommunikativen Absicht mit dem sprachlichen und situativen Kontext. Denn letzterer spielt eine große Rolle dafür, ob ich meine kommunikative Intention erfolgreich umsetzen kann, wobei "erfolgreich" hier heißen soll, dass die Rezipierenden meine Intention verstehen und akzeptieren. Diese Überlegung sollte m. E. eine Leitlinie bei der Frage sein, welche sprachlichen Formen wann Verwendung finden.

Das gilt insbesondere für neuere typographische Lösungen wie Gendergap (z.B. "Läufer_in") oder Genderstar (z.B. "Läufer*in"), die nicht Bestandteil des bisherigen Alphabets des Deutschen waren. Für die meisten Texte im beruflichen und öffentlichen Kontext halte ich – wie im Ratgeber "Richtig gendern“ ausgeführt – die Verwendung der seit den 70er Jahren bekannten sprachlichen Mittel der Gleichstellung inklusive des Binnen-I für am sinnvollsten. Durch sie wird die Intention, also das Bemühen um geschlechtergerechte Sprache, deutlich signalisiert und zugleich wird die Akzeptanzschwelle für alle Rezipierenden nicht allzu hoch gelegt.

Meines Erachtens spricht auch nichts dagegen, das Binnen-I als maximal inklusive Ausdrucksform zu interpretieren, so dass alle Personen in dieser Benennung eingeschlossen sind. Die Sprache selbst, die Formen und Regeln des Deutschen und vor allem dessen Gebrauchsgewohnheiten, sind veränderbar. Es gibt kein Richtig oder Falsch, das für alle Zeiten gilt. In den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass tief verwurzelte und weit verbreitete patriarchalische Gebrauchsgewohnheiten, z.B. das sogenannte generische Maskulinum, kritisiert und verändert werden können. Es hat sich aber auch gezeigt, dass sprachlicher Wandel – der Gebrauchsgewohnheiten ebenso wie der sprachlichen Formen und Strukturen – komplexen Dynamiken folgt, nicht deterministisch ist und nicht umfassend gesteuert werden kann.

Bezüglich des Umgangs mit dem Thema geschlechtergerechter Sprache plädiere ich für Explizitheit in der Zielsetzung, für Kreativität und Pragmatismus im eigenen Kommunikationsverhalten und für Toleranz im Umgang mit anderen.

Gabriele Diewald

Gabriele Diewald

Prof. Dr. Gabriele Diewald ist Professorin für deutsche Sprachwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Ihre aktuellen Forschungsthemen sind Sprachwandel und das Zusammenwirken sprachstruktureller und pragmatischer Faktoren bei Veränderungsprozessen.

Sie ist Sprecherin eines interdisziplinären Forschungsprojekts mit dem Titel "Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis" (https://www.gabrielediewald.de/forschung/genderprojekt.html) und Ko-Autorin des Ratgebers "Richtig gendern", Dudenverlag 2017.


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