Dossier

Sound des Jahrhunderts

Kapitel 1 / 1889 bis 1919

Noch in der Frühen Neuzeit war die akustische Umgebung zu über 90 Prozent von Natur- und Menschenlauten geprägt. Im 18. Jahrhundert wurden dann die Geräusche von Maschinen und Verkehrsmitteln laut. Mit dem 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert durchlebten die westlichen Gesellschaften schließlich eine auditive Revolution – und dies im doppelten Sinne: Die Umweltgeräusche veränderten sich nachhaltig; mit der Erfindung neuer Tontechniken brach ein neues akustisches Zeitalter an. Auch der Lärm des Krieges und die zunehmende Urbanisierung brachten immer wieder neue akustische Erfahrungen in das Leben der Menschen.

Zum Anhören: Die Sounds der Jahrhundertwende

Otto von Bismarck auf einem Gemälde von Franz von Lenbach - TeaserbildKaiser Wilhelm II., König von Preußen, undatierte Fotografie - TeaserbildHistorische Bildpostkarte - TeaserbildWrack der "Florida" nach Kollision 1909 - TeaserbildPorträt von Enrico Caruso ca. 1915 - Teaserbild


Galerie: Das Grammophon

Eine Bänkelsängerin mit Grammophonbegleitung auf einem Jahrmarkt in Löwenberg (Schlesien). Foto, um 1900'Laubenpieper-Familie' um 1906 mit Grammophon vor ihrem Schreberhäuschen.Karikatur aus den Meggendorfer Blättern, 1906: „Hausierer: Sehen Sie, wenn Sie werden haben solch einen Phonograph und Sie hören nachts ein verdächtiges Geräusch, können Sie rasch auflegen die Hundeplatte und die Sache wird fortgebellt!“Gruppenaufnahme einer Badegesellschaft im Mittelpunkt ein Grammophon mit Schalltrichter. Einige Männer tragen Frauenkleidung. Abbazia oder Opatija. Kvarner-Bucht. Kroatien. 1907. Photographie von Hofphotograph Jelussich.Die Sängerin Geraldine Farrar, ehemaliger Star der Königlichen Oper in Berlin und Sängerin an der New Yorker Metropolitan Opera, lauscht 1910 ihrer eigenen Stimme, die von einer Schallplatte der Deutschen Grammophon ertönt.Ein Beethovenschwärmer. Wiener Werkstätten-Postkarte Nr. 505B. Farblithographie von 1911. Illustriert von Moriz Jung (1885–1915).Ein alter Plattenspieler der Firma "His Master's Voice" mit einem Hund aus Porzellan, der frech in den Trichter hineinschaut. Der Hund ist das Markenzeichen der Firma. (Foto undatiert)Bildpostkarte von 1912, Farblithographie mit Reliefprägung - Geburtstagskarte mit Abbildung eines Grammophons.Eine Gruppe Soldaten sitzt vor einem Grammophon (um 1917).1924: Werbung für den Electromophon-Plattenspieler: "Das Musikinstrument der guten Gesellschaft" - erschienen in "Reigen. Blätter für galante Kunst".Schallplatten-Werbung der Deutschen Grammophon AG um 1925: "Dirigenten von Weltruf nur auf Grammophon"Aufnahme aus dem Buch "Cape to Cairo" von Stella Court Treatt (1927). Die Britin Stella Court Treatt und ihr Mann reisten von 1924 bis 1926 mit ihrem Auto von Kapstadt nach Kairo.Deutschland, 20er Jahre: Drei Jungs spielen im Garten mit einem ausgedienten Grammophon.Grammophonfabrik der Brüder Joseph und Emile Berliner, Kniestraße 18, Hannover-Nordstadt, Foto undatiert.Rainer Maillard im April 2014 im Studio in Berlin Tiergarten. Er ist Chef der Emil Berliner Studios und macht Tonaufnahmen nach altem Verfahren.


Galerie: Das Antiphon findet Interessenten

Der Wiener Schriftsteller Peter Altenberg – hier auf einer Fotografie von 1914 zu sehen – wurde von seinem Arzt wegen "Übererregbarkeit des Nervensystems" zum Neurastheniker erklärt. Er verfasste sogleich ein Loblied auf die neue, unentbehrliche Erfindung: "Antiphon! Hartgummi-Kugel mit Stahl-Bügel! Getreuer Behüter tiefen von selbst endenden Schlafes! Helfer der Natur selbst, die liebevoll an der Nacht-Arbeit ist, die Schäden des Tages wiederherzustellen! Das Ohr verschließest du und den Nerven gibst du den Frieden bewusster Sicherheiten. Sei gesegnet!"Eine ähnliche Erleichterung durch das Antiphon empfand der ebenfalls hypersensible und äußerst geräuschempfindliche Komponist Hugo Wolf, dessen Idiosynkrasien bis ins Psychotische gesteigert waren und 1903 zu seinem frühen Tod führten. Hier sieht man ihn mit seinem Pfleger Johann Schreiber in der niederösterreichischen Landesirrenanstalt in Wien, wo er ab Oktober 1898 bis zu seinem Tod untergebracht war.Rosa Mayreder, eine bekannte Schriftstellerin und Frauenrechtlerin – hier auf einer Fotografie von Trude Fleischmann aus dem Jahre 1928 – war dem Komponisten Hugo Wolf in langjähriger Freundschaft eng verbunden. Sie verfasste für ihn das Libretto zu der Oper Der Corregidor und erinnerte sich später, dass ihn bei Konzertaufführungen sogar das Ticken einer Uhr aus der Fassung brachte. In seiner Wohnung in einem Wiener Zinshaus litt Wolf so sehr unter dem Lärm der Nachbarn, dass er fast ständig Antiphone verwendete: "Er war gegen Geräusche so empfindlich, dass er, wenn er arbeitete, gewöhnlich einen Apparat trug, durch den er sich künstlich schwerhörig machte. […] Sogar während der Nacht bediente er sich des Antiphons, so leise war sein Schlaf."Die zunehmende Verbreitung des Antiphons stieß aber auch auf Hohn und Spott. So entwarf Eduard Pötzl, renommierter Feuilletonist des Neuen Wiener Tagblatt, eine witzige Büroszene, in der alle Angestellten inklusive des Chefs "Antiphonerln" tragen, womit eine normale Kommunikation unmöglich ist.Der Wiener Schriftsteller Peter Altenberg – hier auf einer Fotografie von 1914 zu sehen – wurde von seinem Arzt wegen "Übererregbarkeit des Nervensystems" zum Neurastheniker erklärt. Er verfasste sogleich ein Loblied auf die neue, unentbehrliche Erfindung: "Antiphon! Hartgummi-Kugel mit Stahl-Bügel! Getreuer Behüter tiefen von selbst endenden Schlafes! Helfer der Natur selbst, die liebevoll an der Nacht-Arbeit ist, die Schäden des Tages wiederherzustellen! Das Ohr verschließest du und den Nerven gibst du den Frieden bewusster Sicherheiten. Sei gesegnet!"Eine ähnliche Erleichterung durch das Antiphon empfand der ebenfalls hypersensible und äußerst geräuschempfindliche Komponist Hugo Wolf, dessen Idiosynkrasien bis ins Psychotische gesteigert waren und 1903 zu seinem frühen Tod führten. Hier sieht man ihn mit seinem Pfleger Johann Schreiber in der niederösterreichischen Landesirrenanstalt in Wien, wo er ab Oktober 1898 bis zu seinem Tod untergebracht war.Rosa Mayreder, eine bekannte Schriftstellerin und Frauenrechtlerin – hier auf einer Fotografie von Trude Fleischmann aus dem Jahre 1928 – war dem Komponisten Hugo Wolf in langjähriger Freundschaft eng verbunden. Sie verfasste für ihn das Libretto zu der Oper Der Corregidor und erinnerte sich später, dass ihn bei Konzertaufführungen sogar das Ticken einer Uhr aus der Fassung brachte. In seiner Wohnung in einem Wiener Zinshaus litt Wolf so sehr unter dem Lärm der Nachbarn, dass er fast ständig Antiphone verwendete: "Er war gegen Geräusche so empfindlich, dass er, wenn er arbeitete, gewöhnlich einen Apparat trug, durch den er sich künstlich schwerhörig machte. […] Sogar während der Nacht bediente er sich des Antiphons, so leise war sein Schlaf."Die zunehmende Verbreitung des Antiphons stieß aber auch auf Hohn und Spott. So entwarf Eduard Pötzl, renommierter Feuilletonist des Neuen Wiener Tagblatt, eine witzige Büroszene, in der alle Angestellten inklusive des Chefs "Antiphonerln" tragen, womit eine normale Kommunikation unmöglich ist.
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