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18.6.2014

Hacke, Spitze, Tor

Spielästhetik, Spielsysteme und Jugendförderung

Der deutsche Fußball galt als siegreich, aber wenig elegant. Doch der Stil hat sich verändert. Deutsche Tugenden wie Kampf und Einsatz weichen Technik und moderner Taktik. Gibt es verbindliche Kriterien, wann ein Spiel attraktiver ist als ein anderes? Wie wird die Jugendförderung organisiert?

1920er Jahre: Präsentation der Mannschaftsaufstellung vor dem Spiel 1.FC Nürnberg gegen TSV 1860 München mittels einer bewegten Tafel. (© imago/Otto Krschak)



Wann gilt ein Spiel als attraktiv?



Das Sportspiel Fußball ist national wie international weitverbreitet und trägt seit Jahrzehnten einen Massencharakter, der "seinesgleichen"[1] sucht. Die zurückliegende UEFA EURO 2012 in Polen und der Ukraine hat das unlängst wieder bestätigt. Das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Italien sahen knapp 28 Millionen TV-Zuschauerinnern und -Zuschauer in Deutschland[2], indes das zweite Halbfinalspiel zwischen Spanien und Portugal sogar mit 18,1 Millionen TV-Zuschauerinnen und -Zuschauern und einem Marktanteil von 83,3 Prozent einen neuen Zuschauerrekord in Spanien aufstellte[3].

Der Statistik zufolge hat das Spiel weltweit eine hohe Anziehungskraft. Doch was macht ein Fußballspiel so attraktiv und massenkompatibel? Die einfachen Regeln und die damit einhergehende Möglichkeit, nahezu an jedem Ort mit einfachen Mitteln unkompliziert ein Spiel zu organisieren, erlauben es jedem, sich schnell ein eigenes Meinungsbild über die "Qualität" und die "Richtigkeit" des Spiels zu bilden. Ausreichend ist es, einen Ball oder einen ballähnlichen Gegenstand und zwei als Tor markierte Male zu verwenden, um ein Wettspiel durchzuführen. Dabei ist es auf einfachster Ebene nicht einmal notwendig, Spielfeldmarkierungen zu nutzen.

Auf der anderen Seite ist das Spiel multidimensional und deshalb für Trainer wie für Spieler gleichermaßen schwer zu erklären[4]. Die Interaktion von 22 Spielern unter- und gegeneinander sowie die Feldgröße sind Gründe für die stetig wechselnden Spielsituationen[5], in deren Folge sich ein Spiel selbst unter identischen Spielbedingungen nicht reproduzieren lässt[6]. Ist die Leistung einer Mannschaft systemtheoretisch noch binär (zweiteilig) in Sieg oder Niederlage zu messen, so sind doch Meinungen nicht selten konträr darüber, ob eine Mannschaft verdient oder unverdient gewonnen hat. Grund hierfür sind die unterschiedlichen Akzentuierungen auf die Teilzielspielideen.

Grundsätzlich geht es beim Sportspiel Fußball darum, Tore zu schießen und Tore zu verhindern. Insbesondere Letzteres wird häufig in der öffentlichen Wahrnehmung vergessen, womit die mangelnde Attraktivität von Spielweisen zu erklären ist, bei denen der Fokus vermehrt darauf gerichtet ist, Tore zu verhindern.

Huub Stevens

Die Null muss stehen!

Huub Stevens als verantwortlicher Trainer des FC Schalke 04 prägte in der Saison 1996/97 den Ausspruch: "Die Null muss stehen!" und der der FC Schalke 04 gewann mit dieser Taktik überraschend den damaligen UEFA-Cup. Gleiches gilt unter aktuellerem Zeitbezug auch für das Beispiel des FC Chelsea in der UEFA Champions League 2011/12. In den beiden Halbfinalspielen, am 18. April 2012 in London und am 24. April 2012 in Barcelona, lag die relative Ballbesitzhäufigkeitsverteilung bei 28 Prozent zu 72 Prozent zugunsten des FC Barcelona[7], aber der FC Chelsea setzte sich mit einer defensiv eingestellten Taktik nicht nur gegen den Titelverteidiger durch, sondern konnte später auch das Finale in München gegen den FC Bayern München gewinnen. "Ungerecht, grausam, schrecklich, unverdient"[8], urteilte die spanische Presse über den Ausgang des Spiels in Barcelona.

Die Attraktivität eines Spiels obliegt demnach stets der Subjektivität der Betrachterin oder des Betrachters und scheint nicht mit dem Spielausgang zwingend einherzugehen, sondern vielmehr ist es wohl die Teilzielspielidee – Tore zu erzielen –, welche Attraktivität symbolisiert, denn ein 5 zu 5 wird anders wahrgenommen als ein 0 zu 0.

Wie hat sich das Spiel gewandelt?



1893: Aston Villa gegen Sunderland AFC, eine Ballung von Spielern vor dem Tor. (© imago/Colorsport)



Das Spiel selbst entwickelt sich stets weiter. Neue taktische Grundformationen, wie Spieler auf dem Spielfeld angeordnet sind, werden kontinuierlich variiert und sind Sinnbild für die Evolution des Spiels. Ziel dabei ist es immer, die gegnerische Mannschaft in ihrer Spielweise zu hindern, aber vor allem auch, sie mit der eigenen Ausrichtung vor unlösbare Probleme zu stellen. Innovativ sein, bedeutet Vorsprung. In den Anfängen des Spiels vor gut 100 Jahren, waren Mannschaften vor allem auf die Teilzielspielidee – Tore erzielen – ausgerichtet. Bedingt auch durch die Veränderung der Abseitsregel rückte im Laufe der Zeit vermehrt die Verteidigung des eigenen Tores in den Mittelpunkt.

Das im ZDF ausgestrahlte Sport-Magazin "Sport-Spiegel" präsentiert ein Gespräch mit dem ehemaligen DFB-Trainer Sepp Herberger über Eckbälle, Spielsystem und Taktik. (Ausschnitt aus der Sendung vom 20.12.1966 © ZDF, 1966) (© ZDF, 1966)
Das WM-System als 3-2-5-System mit drei Verteidigern, zwei Mittelfeldspielern und fünf Angreifern war über Jahrzehnte eines der erfolgreichsten Spielsysteme, mit dem auch Deutschland beim Gewinn der FIFA-Weltmeisterschaft (WM) 1954 agierte. Allerdings galt es als starres positionstreues System, indes die brasilianische Nationalmannschaft schon vier Jahre später bei der FIFA-WM 1958 erstmals in einem 4-2-4-System flexibel mit vielen Positionswechseln erfolgreich spielte. Es entwickelte sich ein 3-5-2-System mit einem "freien" Verteidiger – Libero – und zwei fest zu einem Gegenspieler zugeordneten Manndeckern, ehe 1994 in den USA wiederum Brasilien die Basis für die bis heute moderne Spielweise der Raumdeckung im 4-4-2 kreierte.

Die Relevanz der taktischen Anordnung der Spieler wird im modernen Sprachgebrauch dadurch exponiert, dass heute vor allem in den Positionen des Mittelfelds weiter unterteilt wird. So stellt beispielsweise ein 4-2-3-1 eine Anordnung von vier /Verteidigern, zwei defensiven und drei offensiven Mittelfeldspielern und einem Stürmer die am häufigsten gewählte Formation bei der UEFA EURO 2012 dar[9]. Viele Mannschaften agieren im modernen Spiel mit nur noch einem Stürmer und zwei offensiv ausgerichteten äußeren Mittelfeldspielern. Einhergehend mit der verstärkten Akzentuierung der Verteidigung des eigenen Tores ging auch eine Minderung der Offensivaktionen im Angriffsdrittel und im gegnerischen Strafraum einher.

Abb.: Aktionen in den gegnerischen Strafraum der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinal-Spiel der FIFA-WM 2006 gegen Italien (© Arbeitsstelle für Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln 2010)



Im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts der Arbeitsstelle für Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln[10] wurden bedeutende historische Spiele der deutschen Nationalmannschaft seit 1958 mit zeitgenössischen Spielen bis 2010 verglichen. Während beim Spiel um Platz drei der FIFA-WM 1958 Deutschland noch 62 Aktionen aus dem Spiel in den französischen Strafraum gespielt hat, waren es im Halbfinale gegen Italien bei der FIFA-WM 2006 "nur" noch 36 Aktionen[11].

Abb.: Aktionen in den gegnerischen Strafraum der deutschen Nationalmannschaft im Spiel um Platz 3 bei der FIFA-WM 1958 gegen Frankreich (© Arbeitsstelle für Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln 2010)



Selbst bei der FIFA-WM 2010 konnte Deutschland, obwohl offensiv beeindruckend, im Mittel aller Spiele lediglich rund 31 Mal in den gegnerischen Strafraum eindringen. Ebenfalls sinkend war die Anzahl an Torschüssen, was den Fußball-Nostalgikern Argumente liefert, von der Attraktivität früherer Spiele im Vergleich zur modernen Spielweise von heute zu schwärmen. Dies könnte auch erklären, warum heute noch das Teilzielspiel – Tore erzielen – als attraktiver wahrgenommen wird. Es ist evolutionsbedingt.

Welche Spielauffassungen gibt es?



Grundsätzlich unterscheiden sich zwei mannschaftstaktische Ausrichtungen im Fußballsport: Die Mannschaften unterscheiden sich jedoch innerhalb dieser Ausprägungen in der Interpretation nicht unerheblich. Ein wesentlicher Unterschied beider Spielweisen ist in der Geschwindigkeit auszumachen. Indes das Ballbesitzspiel vorrangig durch eine langsamere mittlere Spielgeschwindigkeit geprägt ist[12], zeichnet sich das Direktspiel bei Ballbesitz sowohl durch eine höhere Spielgeschwindigkeit des Balles als auch durch eine höhere Laufgeschwindigkeit der Spieler aus, gleichwohl die Angriffsdauer dabei abnimmt. Im Idealfall sind jedoch beide Angriffsverhalten erfolgsversprechend und hochattraktiv.

Gladbachs Marco Reus im April 2012 gegen den FC Augsburg. (© imago/Sven Simon)



Das Beispiel der dynamischen Auslegung des Angriffsspiels von Borussia Mönchengladbach in der Saison 2011/12 mit vielen schnellen Tempogegenstößen über den Fußballer des Jahres 2012, Marco Reus[13], wurde in der öffentlichen Wahrnehmung als höchstattraktiv empfunden. Am 18. Spieltag gewann Mönchengladbach trotz einer Ballbesitzhäufigkeit von nur 36 Prozent (DFL N.N.) gegen den Rekordmeister aus München mit 3 zu 1, doch war die Spielweise der Gladbacher keineswegs destruktiv, denn gerade die organisierte Abwehr in der eigenen Spielfeldhälfte leitete mit zahlreichen Ballgewinnen hochintensive und zugleich direkte Angriffe auf das gegnerische Tor ein.

Gleiches galt für die deutsche Nationalmannschaft bei der FIFA-WM 2010 in Südafrika. Der Spielstil der deutschen Mannschaft insbesondere gegen England im Achtelfinale und gegen Argentinien eine Runde später löste nicht nur national, sondern auch international Begeisterung aus. So titelte "Süddeutsche.de" : "Deutschland einig Zauberland"[14] und sprach von einer "taktischen Meisterleistung", indes die italienische "Tuttosport"[15] sogar behauptete, "Löws Mannschaft ist jetzt der wahre Favorit dieser Weltmeisterschaft und zeigt der Welt ein wahres Fest der Tore und des schönen Spiels". Interessanterweise hatte das deutsche Team weniger Ballbesitz (47 Prozent) als Argentinien (53 Prozent)[16]. Der heutige Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Robin Dutt, kam in einer Sportsendung zum Schluss, dass der Umschaltfußball[17] stets attraktiver sein werde als der Ballbesitzfußball, es sei denn, man spiele wie der FC Barcelona[18].

Anzunehmen ist, dass das Herausspielen von Tormöglichkeiten in Höchstgeschwindigkeit der Spieler verbunden mit einem direkten Passspiel in Spielrichtung vorwärts deshalb als ästhetisch, stilvoll und attraktiv beurteilt wird, weil der Reiz in der Geschwindigkeit liegt. Ähnliches gilt auch für das Ballbesitzspiel. Am Beispiel des FC Barcelona wird deutlich, dass die Attraktivität der Spielweise trotz einer Ballbesitzdominanz und einer geringeren Spielgeschwindigkeit nicht zwangsläufig leiden muss. Im Ballbesitzspiel trifft die angreifende Mannschaft auf eine abwehrende Mannschaft, die sich mit nahezu allen Spielern zwischen der Position des Balles und dem eigenen Tor befindet. Eine gut geordnete Abwehrreihe auszuspielen, erweist sich jedoch als schwieriger, als einen ohnehin schon desorganisierten Gegner mit schnellen Gegenangriffen zu überspielen. Da Tore vorrangig dann erzielt werden, wenn der stabile Spielrhythmus entweder durch extrem positive Offensiv- und/oder maßgeblich negative Defensivaktionen unterbrochen wird[19] und die gegnerische stabile Abwehrformation in Unordnung gerät [20], muss das Ziel im Ballbesitzspiel deshalb sein, kontrolliert ein Abwehrungleichgewicht beim Gegner zu provozieren, um dann schnellstmöglich eine Torgelegenheit herauszuspielen[21]. In der deutschen Bundesliga sind beide Spielauffassungen vertreten.

Saison 2011/12: Freude bei Borussia Dortmund über die Meisterschaft 2012. (© picture alliance / sampics )



Mittelwerte der durchschnittlichen Spielgeschwindigkeit Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Zumeist agieren Mannschaften aus der unteren Tabellenregion mit dem Direktspiel und einer höheren Spielgeschwindigkeit (vgl. Abb. Spielgeschwindigkeit). Ursächlich dafür sind häufig neben mangelnden technischen Fertigkeiten in der Ballkontrolle und dem Passspiel (vor allem unter gegnerischem, zeitlichem und räumlichem Druck) taktische Defizite im Freilaufverhalten sowie Schwächen in der koordinativen Fähigkeit der Orientierung, die die Basis für ein erfolgreiches Ballbesitzspiel bilden[22]. Andererseits zeigte mit Borussia Dortmund auch eine Mannschaft, die in den vergangenen zwei Spielzeiten Deutscher Meister werden konnte, dass auch schnelles direktes Spiel nach Ballgewinn erfolgreich sein kann.

Der Fokus liegt bei Borussia Dortmund aber vornehmlich auf der Spielfeldzone, in der die Bälle gewonnen werden, als auf eine reine defensive Grundausrichtung. Trainer Jürgen Klopp formulierte seine Idee wie folgt:

Jürgen Klopp

Alles, was du in einem hohen Raum des Feldes eroberst, ermöglicht es dir, gegen einen dann ungeordneten Gegner in unglaublich kurzer Zeit zum Abschluss zu kommen. Je spannender der Raum ist, in dem dein eigener Ballverlust zum Ballgewinn führt, desto cooler wird es.

Implizit bedeutet dies ein aktives Verteidigen nach eigenem Ballverlust, was dadurch gekennzeichnet ist, dass die Spieler den ballführenden Gegenspieler unmittelbar im Anschluss des Ballverlusts intensiv anlaufen und durch das Zustellen der Anspielmöglichkeiten in ihren/seinen Handlungsalternativen einschränken. Dieses Gegenpressing ist ein modernes Abwehrverhalten und steht konträr zur klassischen Methode, nach Ballverlust schnellstmöglich zurück in die Grundordnung zwischen Ball und eigenem Tor zu gelangen, um das eigene Tor zu sichern. Vorwärts statt rückwärts – oder anders: Agieren statt reagieren! Diese Verhaltensweise entspringt dem Stil des FC Barcelona, dessen Spieler aber im Gegensatz zu Borussia Dortmund im Anschluss an den Ballgewinn kontrollierter im Ballbesitzspiel agieren und weniger den direkten Weg zum Tor suchen.

Entscheidend dabei ist neben der Bereitschaft, im Moment des Ballverlustes in Spielrichtung vorwärts zu laufen statt nach hinten, die Gegnerin oder den Gegner regelkonform zu bedrängen. Als "typisch deutsch" galt lange eine robuste, kämpferische Spielweise, bei der auch einmal ein Foulspiel als probate Lösung galt. Dies hat sich im Zuge moderner Spielweisen verändert. So war die deutsche Mannschaft bei der UEFA EURO 2012 in Polen und der Ukraine in den drei Vorrundenspielen mit gerade einmal einem Foulspiel in der eigenen Spielfeldhälfte ausgekommen und das gegen Spieler auf höchstem internationalen Niveau wie Cristiano Ronaldo, Nani, Robin van Persie oder Arjen Robben. Nicht nur, dass ein Foulspiel den aufgebauten Handlungsdruck für die gegnerische Mannschaft "verpuffen" lässt, obendrein sind Foulspiele in der eigenen Spielfeldhälfte auch stets mit Torgefahr verbunden. Demzufolge erfährt in einer modernen Spielweise ein regelkonformes Verhalten im Kampf um den Ball eine gesonderte Stellung.

Wie wird heute in Deutschland ausgebildet?



Trainingslager für NachwuchsfußballerInnen (© imago/Hoch Zwei)



Nach vielen Erfolgen der A-Nationalmannschaft bei internationalen Verbandsturnieren erschien das Ausscheiden im Viertelfinale gegen Kroatien (0 zu 3) bei der FIFA-WM 1998 in Frankreich als sportlicher Tiefpunkt, welcher durch das Vorrunden-Aus bei der UEFA EURO 2000 in Belgien und den Niederlanden noch gesteigert wurde. Spätestens ab diesem Zeitpunkt "ist in den Reihen des Deutschen Fußball-Bundes das Thema Nachwuchsförderung wieder aktuell"[23]. Bis dahin gab es kein einheitliches Ausbildungsmodell innerhalb des föderalen Aufbaus aus Vereinen, 21 Landes- und fünf Regionalverbänden und dem DFB als Dachverband. Mit Gründung der Deutschen Fußball Liga (DFL) Ende 2000 ging im Zuge der Auflagen zur Lizenzerteilung am 28. Februar 2001 die Forderung nach der Einführung von Nachwuchsleistungszentren einher. Vereine der Bundesliga und der zweiten Bundesliga sind seither für die Teilnahme an einem der beiden Wettbewerbe aufgefordert, Bedingungen zu einer aktiven Nachwuchsförderung nachzuweisen, ohne die sie keine Spielgenehmigung erhalten. Wichtigste strukturelle Voraussetzungen sind neben örtlichen Gegebenheiten (internatsähnliche Einrichtungen) vor allem die adäquate sportliche, ärztliche und physiologische Betreuung der Nachwuchsspieler/-innen[24].

Nahezu zeitlich parallel entstand das Talentförderprogramm des DFB. In der Saison 2002/03 wurden 366 Stützpunkte eingerichtet, die als Bindeglied zwischen DFB, Landesverbände und Vereine fungieren. In der Zusammenarbeit von Schulen, Vereinen, Verbänden und des DFB werden vorrangig drei Ziele im deutschen Fußballsport verfolgt[25]:

Abb.: Leitbild Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/



Unter Berücksichtigung verschiedenster Leitlinien und Prinzipien beschreibt der DFB sein Leitbild für die deutsche Spielkultur[26]. Dies beinhaltet im Kern die Spielfreude, die sich aus technischen Fertigkeiten unter Druck, einem taktischen Konzept, einem notwendigen Fitnesszustand und einem ausgeprägten Siegeswillen konstituiert und dabei auf der Persönlichkeit der Spieler sowie der Mannschaft fußt[27].

Systematischer Aufbau der Ausbildungskonzeption des DFB
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Inhaltlich und organisatorisch orientiert sich die Ausbildungskonzeption an eindeutig "definierten Stufen eines systematischen Aufbaus fußballerischer Leistungen"[28]. Es wird deutlich, dass insbesondere die individuelle alters- und entwicklungsadäquate Förderung im Mittelpunkt steht[29]. Umfassender formuliert besteht das Konzept aus der Basis-, Talent- und Eliteförderung. Teil dessen sind die seit 2006 eingeführten Eliteschulen des Fußballs, deren Intention die noch bessere Abstimmung von schulischer und fußballerischer Ausbildung sowie geeigneter Wohnmöglichkeiten ist, um ein verbessertes Zeitmanagement im Sinne der ganzheitlichen Entwicklung zu gewährleisten[30].

70.860.000

Lizenzvereine investierten diese Euro-Summe für die Ausbildung eigener Spieler/-innen 2010/11.



Zusammenfassend wird die exponierte Stellung der fußballerischen Nachwuchsförderung dadurch sichtbar, dass neben den konzeptionellen Investitionen vor allem auch der monetäre Input der Lizenzvereine für die Ausbildung eigener Spieler innerhalb von drei Jahren von 49,95 Millionen Euro 2007/08 auf 70,86 Millionen Euro 2010/11 anwuchs. Dies bedeutete europaweit ein Rekordniveau[31]. Der Erfolg der deutschen Nationalmannschaft bei den vergangenen Welt- und Europameisterschaften verbunden mit einer attraktiven Spielweise und das gute Abschneiden deutscher Vereine in den internationalen Wettbewerben ist die Folge intensiver und konsequenter Nachwuchsförderung.

Quellen:



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Fußnoten

1.
Döbler/Herzog/Krauspe/Saß 1988, S. 255
2.
Sport-Informations-Dienst 29.06.2012
3.
Sport-Informations-Dienst, 28.06.2012
4.
Miller 1994
5.
Schnabel/Thieß 1986; Döbler/Scheidereit 1988
6.
Czwalina 1984
7.
UEFA 18.04.2012; UEFA 24.04.2012
8.
DiePresse.com N.N.
9.
DFB 2012
10.
Buschmann/Nopp 2007
11.
vgl. Abb. Aktionen in den Strafraum
12.
Nopp 2012
13.
"kicker-sportmagazin" vom 12.08.2012
14.
vgl. Süddeutsche Zeitung vom 25.03.2011
15.
rp-online N.N.
16.
FIFA, 03.07.2010
17.
gleich Direktspiel, Anmerkung des Verfassers
18.
Sport1, 29.01.2012
19.
Hughes u. a. 1998
20.
Garganta 2009
21.
Nopp 2012
22.
vgl. Nopp 2012
23.
Knoll/Fessler 2001, S. 73
24.
DFL 01.08.2004
25.
Niersbach 2008, S. 2 ff.
26.
Niersbach 2008, S. 12 f.
27.
vgl. Abb. Leitbild
28.
Niersbach 2008, S. 15
29.
vgl. Abb. Systematischer Aufbau der Ausbildungskonzeption
30.
Emrich/Fröhlich/Pitsch/Klein 2008, S. 47
31.
Franzke 2012, S. 88

Stephan Nopp

Stephan Nopp

Stephan Nopp

Dr. Stephan Nopp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsstelle für Scouting-Studien und im Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. In dieser Funktion war er für die Planung, Organisation und Durchführung der Spielanalyse-Projekte der Hochschule und des DFB für die internationalen Turniere seit der FIFA-WM 2006 verantwortlich. Vor und während der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2007 war der UEFA A-Lizenz-Inhaber als verantwortlicher Mitarbeiter im Betreuerstab der Frauennationalmannschaft für die Gegnervorbereitung und Analyse im Bereich Scouting zuständig. Seit Oktober 2010 ist er als Berater der A-Nationalmannschaft im Bereich der systematischen Spielanalysen Mitglied des Teams hinter dem Team.


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