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23.9.2014

Von Willimowski zu Lewandowski

Die Rolle polnischer Spieler im deutschen Elitefußball

Der deutsche Elitefußball reflektiert die große Welle polnischer und masurischer Einwanderung in die Industriezentren seit den 1880er Jahren. Aussiedler und ihre Kinder wie Podolski, Klose, politische Flüchtlinge wie Trochowski und aus der polnischen Ekstraklasa weggekaufte Spieler, wie Lewandowski, Błaszcykowski und Piszek sind Beispiele hierfür.

EURO 2008 - Deutschland - Polen 2:0: Der deutsche Stürmer Lukas Podolski erzielt sein zweites Tor gegen die Polen, deren Verteidiger Jacek Bak ihn nicht stoppen kann. Podolskis Teamgefährte Miroslav Klose schaut zu. @ picture-alliance/ dpa



Als die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag, den 13. Juli 2014 in Rio de Janeiro den vierten Weltmeistertitel in ihrer Geschichte errang, erschien am nächsten Montag die nationalkonservative polnische Tageszeitung „Rzeczpospolita“ mit einem besonderen Lob für die Nummer 11 des siegreichen Teams, den aus dem schlesischen Oppeln (poln. Opole) stammenden Miroslav Klose. Die Zeitung bezeichnete es „als eine zusätzliche Genugtuung für uns“[1], also für die Polen, dass der Rekordtorschütze in Polen geboren wurde.

Damit setzte sie eine Geschichte fort, die schon 1934 zu einer Art Zeitungskrieg geführt hatte. Zwischen 1934 und 1942 gewann der legendäre Ruhrgebietsklub Schalke 04 sechsmal die deutsche Meisterschaft. Die Mannschaft war dabei gespickt mit Spielern, die polnisch klingende Namen trugen. Am bekanntesten die Nationalspieler Ernst Kuzorra und Fritz Szepan. Als die Gelsenkirchener 1934 vor der Kamera mit Hitlergruß posierten, triumphierte die polnische Sportpresse: „Die deutsche Meisterschaft in den Händen der Polen“[2], und die Vereinsführung von Schalke beeilte sich, im „Kicker“ das Gegenteil zu beweisen, nämlich, „dass die Eltern unserer Spieler sämtlich im heutigen oder früheren Deutschland geboren und keine polnischen Emigranten sind“[3].

Die Kontrahenten redeten dabei stetig aneinander vorbei. Die Eltern der genannten Schalker Spieler stammten nämlich in der Mehrheit aus dem südlichen Ostpreußen, gehörten also per se nicht zu den polnischen Zuwanderern, sondern zum evangelischen, preußentreuen Kreis der Masuren. Die ethnische Gruppe der Masuren, die von Hause aus einen altpolnischen Dialekt sprachen, war ein Amalgam aus Polen, assimilierten Deutschen, Hugenotten, Schotten und Salzburgern[4]. Ihr Wanderungszentrum in Deutschland war Gelsenkirchen. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten ca. 180.000 Masuren im Revier. Beharrlich wurden sie von der deutschen Bevölkerung mit den Polen, denen sie fremd waren, in einen Topf geworfen[5].

Offensichtlich verwies diese Auseinandersetzung damit auf eine viel ältere, komplexe Geschichte, nämlich auf eine jahrhundertealte deutsch-polnische Nachbarschaft, die voller Konflikte und Reibungsflächen war und auch im Fußballsport ihre Spuren hinterlassen hat und die bis heute Fußballgeschichte schreibt[6].

Karikatur zur Situation poln.Gastarbeiter im Ruhrgebiet: 'Mutter Bronislaw: Müssen zurückwandern nach unserer polnischen Heimat! Vater ist tot und Wohnung für neu angeworbene Landsleute nötig.' Farbdruck, n. Zeichnung v. H.G.Jentzsch, aus: Der Wahre Jacob, Jg.1912/13 @ picture alliance / akg-images



Es begann schon in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit der Zuwanderung polnisch-sprachiger Menschen aus den agrarischen Ostprovinzen des Deutschen Reiches, aus den Provinzen Posen, Westpreußen, Ostpreußen, aber auch aus dem bereits industrialisierten Teilen Schlesiens in die rasant wachsenden Industriezentren, besonders ins Ruhrgebiet.

Die in der Mehrheit jungen und männlichen Migranten arbeiteten in den großen Zechen des Reviers, von denen 19 bald im Volksmund „Polenzechen“[7] genannt wurden, weil in ihnen mehr als 50% der Belegschaft Zuwanderer aus dem Osten waren. Sie waren also Bergarbeiter und in der Regel waren sie preußische Staatsbürger. Anders als die Masuren, lebten die geschätzt ca. 400.000 polnischsprachigen Zuwanderer im Ruhrgebiet in einer Art „Parallelgesellschaft“ [8], die ein ausgedehntes Vereinswesen, eine eigene Gewerkschaft und eigene Sportvereine, die so genannten Sokol-Turnvereine[9], organisierte.

Im Gegensatz zu einer lange tradierten sozialromantischen Legende, war der Fußball damals kein Arbeitersport, sondern ein Feld, in dem Angestellte und bürgerliche Berufe dominierten[10]. Dies änderte sich im Ruhrgebiet nach dem Ersten Weltkrieg. Dazu schrumpfte die polnische Minderheit durch Abwanderung in den wieder errichteten polnischen Staat und weitere Abwanderungen nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande auf geschätzt 150.000 Menschen, also auf unter 40% ihres ursprünglichen Umfangs[11].

Für die Verbliebenen war die Assimilation, im Grunde also die Germanisierung, eine probate rationale Wahl für die Zukunft und die Karriere im Fußball, als Weg aus dem „Pütt“ oder heraus aus einer anderen körperlich schweren und gesundheitsschädlichen Arbeit, eine Option, die bekanntlich bis heute für Zuwanderer attraktiv bleibt.

Polnische und masurische Migranten im Fußball des Reviers: Die zweite Generation



Nach dem 1:0-Sieg gegen den Dresdner SC im Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft am 21.07.1940 im Berliner Olympiastadion gehen die Schalker Spieler (l-r) Fritz Szepan (mit einer Flasche Bier), Herbert Burdenski, Ernst Kuzorra (mit dem Meisterkranz) und Heinz Hinz über den Platz. Fotograf: Schirner Sportfoto, @ picture-alliance/ ASA



Viele Migranten hatten an der Front des Ersten Weltkriegs gedient und den Fußballsport als Militärsport kennen gelernt[12]. Schalke wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch die Nähe zur Zeche Consolidation, mit welcher der Klub personell und materiell eng verbunden war, zum Prototyp des Ruhrgebietsvereins[13]. Die Mannschaft rekrutierte sich jetzt aus der Arbeiterschaft, aber die späteren Stars, wie die genannten Fritz Szepan und Ernst Kuzorra, genossen am Arbeitsplatz Privilegien, die mit der Rolle des einfachen Bergarbeiters nichts mehr zu tun hatten.

Andere Vereine, die zu den klassischen Klubs des Ruhrgebiets zählen, wie die Spielvereinigung Herten oder Hamborn 07, erlebten jetzt als Vereine aus den Zechenkolonien ihren Aufstieg. Polnische bzw. masurische Namen – das lässt sich in dieser Zeit nicht mehr glaubwürdig trennen – sind gang und gäbe in den Vereinen des Reviers. In der Gauligasaison 1937/38 spielten 15 Vereine aus dem Ruhrgebiet um die Gaumeisterschaft, dabei setzte jeder Verein mindestens einmal einen Spieler mit polnischer Namenswurzel (Rodzinski, Pawlowski, Sobczak. Lukasiewicz, Tomaszik, Piontek) ein, während der Gesamtsaison werden 68 Spieler dieser Kategorie erwähnt.

Die Schalker Spieler Ernst Kuzorra, Fritz Szepan, Adolf Urban und Rudolf Gellesch, sowie der Düsseldorfer Stanislaus Kobierski, die Hamborner Paul Zielinski und Josef Rodzinski gehörten regelmäßig zum Kader der deutschen Nationalmannschaft. Spieler mit polnischer oder masurischer Familienbiographie bürgten so ausgerechnet in der Zeit des Dritten Reiches für die Spielstärke des Ruhrgebietsfußballs, besonders Schalkes, aber auch der deutschen Nationalmannschaft. Die nationalsozialistische „Volkstumsforschung“ löste dieses Dilemma dadurch, dass ihre Vertreter im Revier nur noch Masuren sichteten und diese für „ihrer Kultur und Denkungsart nach rein deutsch“ erklärten[14].

„Der Größte aller Torjäger“ – Ernst Willimowski



Willimowski (9. v. links) spielt 1934 für die polnische Nationalmannschaft in Belgrad gegen Jugoslawien. @ Narodowe Archiwum Cyfrowe Warschau.



In der Person des Schlesiers Ernst Willimowski[15] betrat während des Zweiten Weltkrieges eine fußballerisch und biographisch außergewöhnliche Gestalt die deutsche Fußballbühne. Der begnadete Stürmer mit den sechs Zehen am rechten Fuß war im mischkulturellen und mehrsprachigen schlesischen „Grenzland“ auf der polnischen Seite aufgewachsen und hatte vor dem Zweiten Weltkrieg bereits Aufsehen erregende Auftritte in der polnischen Nationalmannschaft hinter sich. Zum Beispiel ein Spiel als Achtzehnjähriger beim 2:5 der Polen gegen die deutsche Nationalelf in Warschau 1934. Hier markierte der Schlesier eines der beiden polnischen Tore. Willimowski ist damit der einzige Spieler, der gegen die deutsche Nationalmannschaft und für die polnische Nationalmannschaft Tore erzielte. Sein Klub war die schlesische Spitzenmannschaft „Ruch Chorzów“ (Königshütte), der Klub der polnischen Patrioten.

Willimowski im Dress der deutschen Nationalmannschaft. @ Deutsche-Sport-Illustrierte 42/1942.

Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen und der Okkupation Schlesiens wurde das Bekenntnis zu Deutschland im Grenzland auch für Willimowski zur Überlebensstrategie. Der Fußballer trug sich in die Volksliste[16] ein und wechselte Anfang 1940 aus Schlesien nach Sachsen. Im Jahre 1941 holte Herberger ihn in die deutsche Nationalmannschaft. Willimowski debütierte mit zwei Toren beim 4:1 gegen Rumänien in Bukarest. Damals begann sein Triumphzug in der deutschen Elf, flankiert von höchst erfolgreichen Stationen bei München 1860 und in der Pariser „Soldatenelf“[17], einer Mannschaft aus Quasi-Profis, die in den besetzten Ländern als sportliche Unterhaltungskünstler für gute Stimmung unter den Soldaten sorgen sollten. In dieser Mannschaft spielten weitere Ausnahmespieler, wie u. a. Fritz Walter, der beim „Wunder von Bern“ 1954 als Kapitän eine zentrale Rolle spielen sollte. Der Kaiserslauterner hielt Willimowski für den „Größten aller Torjäger“[18].

Der Schlesier schoss während seiner Karriere in der deutschen Nationalmannschaft in acht Spielen 13 Tore. Sein Torquotient ist damit besser als der von Gerd Müller. Nach dem Krieg war er zu alt für Herbergers Mannschaft. Nach Polen konnte er aus politischen Gründen nicht zurückkehren. Im Grunde jedoch stellt der in Karlsruhe beerdigte Schlesier bis heute eine Brücke zwischen Deutschland und Polen dar. Nicht von ungefähr schätzte der unpolitische „Nur-Sportler“ einen deutschen Politiker ganz besonders: Willy Brandt, weil dieser für die Aussöhnung mit Polen arbeitete[19].

Nachkrieg: Die dritte Generation



Der Zivilisationsbruch durch die Nationalsozialisten wirkte, auch was die Fußballgeschichte angeht, wie eine Wasserscheide für das kollektive Gedächtnis der Deutschen. Phillip Ther hat darauf hingewiesen, dass die Historiker, die nach 1945 forschten, in ihrem Vorverständnis “bereits von der ethnisch und kulturell homogenisierten Bundesrepublik geprägt“ waren[20].

Torwart Hans Tilkowski von Borussia Dortmund im Jahr 1966. @ picture-alliance / dpa

Die Erinnerung an polnisch-gebürtige Spieler in der Nationalmannschaft und im Vereinsfußball wurde verdrängt oder zur Ruhrgebietsfolklore idyllisiert, für die die konfliktreiche ruhrpolnische Geschichte jetzt zum harmonischen Bestandteil des „Malocher“-Erbes wurde. Dabei war die Vergangenheit in ihren Namen und in ihrer Herkunft präsent: Da waren Spieler wie Hans Tilkowski, der Torwart der deutschen Nationalmannschaft in den sechziger Jahren, als „Mann im Wembley-Tor“ seit 1966 eine deutsche Fußball-Legende[21].

Hans Tilkowski war der Sohn eines Bergmanns aus Dortmund, wuchs in einer Zechenkolonie auf und begann seine Karriere als Torwart bei Westfalia Herne. Die Höhepunkte seiner Laufbahn erlebte er bei Borussia Dortmund und dann als Vizeweltmeister im Tor der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in England 1966.

Dem tragischen, früh verstorbenen Star des Ruhrgebietsfußballs Reinhard „Stan“ Libuda (1943-1996), der für Schalke, Dortmund und die Nationalmannschaft auflief, war noch die Ähnlichkeit seiner Laufbahn und seiner Herkunft mit dem Leben des großen französischen Nationalspielers Raymond Kopa(szewski) aus dem polnischen Bergarbeitermilieu in Frankreich bewusst[22], aber nicht der Öffentlichkeit.

Reinhard "Stan" LIBUDA (r.), FC Schalke 04, gegen Paul BREITNER, FC Bayern Muenchen,1972. @ picture-alliance / Sven Simon



Zahlreiche andere Spieler in der deutschen Fußballgeschichte ließen in ihren Namen die Geschichte der masurischen und polnischen Migration anklingen[23].

Der professionelle Fußball: Aussiedler und „Legionäre“



Die überfällige Einführung des Profifußballs in Deutschland zwischen 1963 und 1972[24] veränderte die Situation grundlegend. Jeder, der ausreichendes Talent besaß, konnte jetzt mitmachen und Anfang der 70er Jahre war der Arbeiteranteil unter den deutschen Elitefußballern zum ersten Mal so hoch wie ihr Anteil in der Gesellschaft[25]. Gleichzeitig wurde der deutsche Markt attraktiv für ausländische Profis, damit auch für polnische Spieler. Der erste Pole, der bei einem deutschen Klub spielte war Waldemar Piotr Słomiany, der zwischen 1967-1970, „natürlich“ für Schalke spielte[26] und „natürlich“ vom oberschlesischen Klub Górnik Zabrze in den „Pott“ wechselte. Von einem Klub, der die bergmännische Herkunft stolz im Namen trägt: Górnik=Bergmann.

In den 80er Jahren folgten Spieler wie Andrzej Buncol[27] bei Leverkusen, Jan Furtok beim Hamburger SV sowie Włodzimierz Smolarek[28] bei Eintracht Frankfurt. Nach der Wende in Polen strömten bis Mitte der 90er Jahre Dutzende polnischer Spieler in die Bundesliga, unter ihnen populäre Athleten wie z. B. Tomasz Waldoch beim VFL Bochum[29].

Miroslav Klose und Piotr Trochowski feiern das 2:0 der deutschen Nationalmannschaft gegen Aserbaidschan (2009). @ picture-alliance/ dpa



Gleichzeitig verstärkte sich seit den 80er Jahren eine Wanderung aus politisch bedingter Migration und von Aussiedlern. Zu ersteren gehörten die Eltern des späteren Nationalspielers Piotr Trochowski. Seine Familie war Ende der 80er Jahre zugewandert und der Junge sollte als zehnjähriger Schüler bald aus Hamburg abgeschoben werden. Dem konsequenten Einsatz eines Anwalts und den Protesten von Mitschülern und Lehrern verdankte die Familie Trochowski, dass ihre Existenz in Deutschland erhalten blieb. Piotr nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an und optierte für das deutsche Team[30].

Anders erlebte Miroslav Klose die Bundesrepublik. Seine Eltern blieben 1985 nach einem Urlaub in Deutschland. Der Vater hatte als Profi in Frankreich gespielt und der polnische Bundesligaprofi Stefan Majewski nahm den jungen Miroslav Klose unter seine Fittiche[31]. Lukas Podolski zog mit seinen Eltern bereits als Zweijähriger nach Bergheim. Auch sein Vater war in Polen Fußballer gewesen. Der ehemalige Fußballspieler des FC Köln, Lukas Podolski, der z. Zt. beim FC Arsenal unter Vertrag ist, spielt gerne mit seiner Rolle zwischen Polen und Deutschland[32] und seiner Zuneigung zum Trikot mit der Nr. 10 der polnischen Nationalmannschaft. Der Profi ist mit seiner Stiftung „Arche“ für benachteiligte Kinder besonders im Warschauer Problemstadtteil Praga engagiert[33].

28.09.2013, BVB Borussia Dortmund - SC Freiburg, Robert Lewandowski jubelt nach seinem Tor. @ picture alliance / augenklick/firo Sportphoto.



Seit dem Völkerfrühling 1989/90 ist die Nähe zwischen dem deutschen und dem polnischen Fußball noch größer geworden. Das polnische Trio aus Nationalspielern bei Borussia Dortmund, Lewandowski, Piszczek und Błaszcykowski wurde in Polen wohlwollend „Polonia Dortmund“ genannt und die drei entwickelten sich zu begehrten Werbeträgern für deutsche Marken auf dem polnischen Markt[34]. Im Frühjahr 2014 waren 23 polnische Spieler in den drei Profiligen unter Vertrag[35].

Bei der Europameisterschaft 2012 standen sieben Bundesligaprofis im polnischen Kader[36]. Wobei allerdings die polnische Ekstraklasa, die höchste polnische Spielklasse, den Preis dafür zahlt, ihre Spielstärke ist nur noch etwa mit der der 2. Bundesliga in Deutschland vergleichbar[37].

Fazit



Die bedeutende Rolle polnischer Spieler für den deutschen Elitefußball begründet sich historisch aus der engen, im Grenzland Schlesien lange Zeit unauflöslichen Nachbarschaft. Während der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland stellte ein Journalist eine „Nationalmannschaft“ auf, die aus Spielern bestand, die in Polen geboren wurden und damals bereits einen deutschen Pass besaßen[38]. Sie stammten aus den ehemaligen Ostprovinzen des Reiches, aus Schlesien oder Ostpreußen.

Über mehr als einhundert Jahre waren es zuerst Wanderungen von Arbeitsmigranten aus eben diesen Provinzen in die sich schneller modernisierenden Zentren des Deutschen Reiches, dann ihre Nachkommen, dann Flüchtlinge und Aussiedler, schließlich die Sportmigranten der Postmoderne, kosmopolitische Profis auf einem globalisierten Spielermarkt, die dem Ruf des Balls nach Deutschland folgten und großen Anteil an der Spielstärke der Vereine und der Nationalmannschaft in Deutschland hatten und weiter haben.

Willimowski erzielt 1942 ein Tor für München 1860 gegen Schalke 04. @ Narodowe Archiwum Cyfrowe Warschau.



Erst mit der Europameisterschaft 2012 in Polen und in der Ukraine rückten diese engen Verknüpfungen zwischen dem deutschen und dem polnischen Fußball in das Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit. Im Jahr 2016 jährt sich der Geburtstag Ernst Willimowskis zum einhundertsten Mal. In Polen ist ein Spielfilm über den schlesischen Star mit seiner abenteuerlichen deutsch-polnischen Fußball-Biographie in Vorbereitung. In Deutschland wird an einer wissenschaftlichen Publikation zum Lebenslauf des großen Athleten gearbeitet.

Das Spiel geht weiter, auch auf dem Platz, wo sich die Elite der Spieler in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 gegenübersteht. Nicht nur angesichts von aktuell zwei Millionen Deutschen mit polnischer Familiengeschichte bleibt die Hoffnung, dass der Fußball eine weitere Brücke zwischen den immer noch fremden Nachbarn Deutschland und Polen bildet.

Literatur



Bernhard, Ludwig (1907): Das polnische Gemeinwesen im preußischen Staat. Die Polenfrage, Leipzig

Blecking, Diethelm (2009): Migration, Sport und Integration in Westfalen: Die Bedeutung des polnischen Sokol im Ruhrgebiet. In: Westfälische Forschungen 59(2009), S. 109-131

Blecking, Diethelm (2013): Auf der Suche nach Erfolgen: Der polnische Fußball zwischen Tradition und Transformation. In: Ost-West. Europäische Perspektiven 4(2013), S. 251-258

Blecking, Diethelm (2014): Ern(e)st „Ezi“ Wil(l)imowski: Der Spieler. In: Blecking, Diethelm/Peiffer, Lorenz/Traba, Robert (Hrsg.): Vom Konflikt zur Konkurrenz. Deutsch-polnisch-ukrainische Fußballgeschichte, Göttingen, S. 71-88

Eisenberg, Christiane (1997): Deutschland. In: Eisenberg, Christiane (Hrsg.): Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München, S. 94-129

Haarke, Karl-Heinz/Kachel, Georg (1996): Fußball – Sport ohne Grenzen. Die Lebensgeschichte des Fußball-Altnationalspielers Ernst Willimowski, Dülmen

Herzog, Markwart (2008): „Sportliche Soldatenkämpfer im großen Kriege“ 1939-1945. Fußball im Militär – Kameradschaftsentwürfe repräsentativer Männlichkeit. In: Herzog, Markwart (Hrsg.): Fußball zur Zeit des Nationalsozialismus. Alltag-Medien-Künste-Stars, Stuttgart, S. 67-148

Homann, Ulrich( 1996): Die ausländischen Spieler beim Schalke 04. In: Jenrich, Holger (Hrsg.): Radi, Buffy und ein Sputnik: Ausländer in der Fußball-Bundesliga 1963-1995 Essen, S. 86-88

Jenrich, Holger (Hrsg.) (1996): Radi, Buffy und ein Sputnik. Ausländer in der Fußball-Bundesliga 1963-1995, Essen. Kleßmann, Christoph (1978): Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870-1945. Soziale Integration und Subkultur einer Minderheit in der deutschen Industriegesellschaft, Göttingen

Kossert, Andreas (2001), Masuren: Ostpreußens vergessener Süden, Berlin

Kossert, Andreas (2005): Kuzorra, Szepan und Kalwitzki: Polnischsprachige Masuren im Ruhrgebiet. In: Dittmar Dahlmann//Kotowski, Albert/Karpus, Zbigniew (Hrsg.): Schimanski, Kuzorra und andere: Polnische Einwanderer im Ruhrgebiet zwischen der Reichsgründung und dem Zweiten Weltkrieg (Essen 2005), pp. 169-181

Lenz, Britta (2014): „Gebürtige Polen“ und deutsche Jungen. Polnischsprachige Zuwanderer im Ruhrgebietsfußball im Spiegel von deutscher und polnischer Presse der Zwischenkriegszeit. In: Blecking, Diethelm/Peiffer, Lorenz/Traba, Robert (Hrsg.): Vom Konflikt zur Konkurrenz. Deutsch-polnisch-ukrainische Fußballgeschichte, Göttingen, S. 100-113

Pallaske, Christoph (2011): Langfristige Zuwanderungen aus Polen in die Bundesrepublik Deutschland in den 1980er Jahren. In: Kerski, Basil/Ruchniewicz, Krzysztof (Hrsg.). Polnische Einwanderung. Zur Geschichte und Gegenwart der Polen in Deutschland. Osnabrück, S. 215-225

Schulze-Marmeling, Dietrich (2008): Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft, Göttingen (zahlreiche Auflagen). Ther, Phillip (2005): Soll und Haben: warum das deutsche Kaiserreich kein Nationalstaat war. In: Le Monde diplomatique, Mai 2005, S. 16-17

Thielke, Thilo (2002): An Gott kommt keiner vorbei. Das Leben des Reinhard „Stan“ Libuda. Göttingen. Urban, Thomas: Schwarze Adler – Weiße Adler. Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik, Göttingen 2011
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Autor: Diethelm Blecking für bpb.de
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Fußnoten

1.
zitiert nach Süddeutsche Zeitung Nr. 160, 15.7.2014, S. 2
2.
zitiert nach Lenz, 2014, S. 100
3.
zitiert nach Lenz 2014, S. 102
4.
vgl. Kossert 2001, S.12
5.
vgl. Kossert, 2005
6.
vgl. Urban, 2011
7.
vgl. Kleßmann, 1978, S. 35
8.
Anm.: von den Zeitgenossen „polnisches Gemeinwesen“ genannt, siehe Bernhard 1907
9.
Anm.: Zu diesen Vereinen, zur Struktur der polnischen „Parallelgesellschaft“ und für die Zahlen der Zuwanderung vgl. Blecking 2009.
10.
vgl. Eisenberg, 1997, S. 99
11.
vgl. Kleßmann, 1978, S. 165-166
12.
Eisenberg 1997, S. 103-104
13.
für das Folgende vgl. Lenz, 2014
14.
zitiert nach Lenz, 2014, S. 109-110
15.
zum Folgenden siehe Blecking, 2014
16.
Hunderttausende Polen mussten zur Zwangsarbeit in das Altreich gehen, aus dem Wartheland allein bis 1943 mehr als 400000. Eine "Deutsche Volksliste" definierte nach willkürlich gewählten Kriterien abgesehen von der in Polen lebenden deutschen Minderheit (Gruppe I und II) in den Gruppen III und IV "eindeutschungsfähige" polonisierte Deutsche und Polen. Vgl. hierzu: bpb, Dossier Polen, Eingegliederte Ostgebiete
17.
vgl. Herzog, 2008, S. 88-111
18.
zitiert nach Haarke/Kachel, 1996, S. 54
19.
vgl. Blecking, 2014, S. 86
20.
vgl. Ther 2005, 16
21.
zum Wembley-Tor und Tilkowskis Karrierestationen, letzter Zugriff 27.7.2014
22.
zu Libuda siehe Thielke, 2002
23.
hierzu lohnt das Studium der alphabetischen Liste deutscher Nationalspieler vom Schalker „Flankengott“ Abramczyk über Burdenski bis Zaczyk und Zwolanowski: Schulze-Marmeling 2008, S. 657-664
24.
Eisenberg, 1997, S. 116
25.
vgl. Eisenberg, 1997, S. 115-116
26.
vgl. Homann, 1990; S. 86
27.
vgl. Urban, 2011, S. 147-148
28.
vgl. Urban, 2011, S. 149-150
29.
vgl. Liste der polnischen Spieler bei Jenrich, 1996, S. 167
30.
vgl.: http://www.spiegel.de/sport/fussball/nationalspieler-trochowski-kleiner-mann-langsam-gross-a-576830.html, letzter Zugriff 27.7.2014
31.
zu Klose siehe Urban, 2011, S. 163-166
32.
vgl, Urban, 2011, S. 168-169
33.
vgl.: http://www.lukas-podolski-stiftung.de/seite.php?name=projekte&lang=de, letzter Zugriff am 27.7.2011
34.
vgl.: http://www.wirtualnemedia.pl/artykul/lewandowski-blaszczykowski-i-piszczek-reklamuja-opla-astra-sedan-active-wideo#, letzter Zugriff am 27.7.2014
35.
vgl.: http://www.transfermarkt.de/polnische-fussballer-in-deutschland-iii/thread/forum/68/thread_id/96541, letzter Zugriff am 27.7.2014
36.
vgl. http://de.fifa.com/world-match-centre/news/newsid/162/508/8/index.html, letzter Zugriff am 27.7.2014
37.
zur Lage des polnischen Fußballs siehe Blecking, 2013
38.
vgl. Hinweis hierzu bei Pallaske, 2011, S. 215

Diethelm Blecking

Diethelm Blecking

Diethelm Blecking

Prof. Dr. Diethelm Blecking ist Professor für Sportgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Seine Arbeitsfelder in Forschung und Lehre sind u. a. Sport und Migration, die Geschichte des Arbeitersports, Sportgeschichte Osteuropas, Sport und Literatur sowie Sport im Film. Er arbeitet auch als freier Autor für den Deutschlandfunk und Printmedien (TAZ, Badische Zeitung).


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