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28.8.2017

Sport im DDR-Fernsehen

Sport, Medien und Politik


Bernhardt Eckstein (li.), Zweiter der 3. Etappe der Friedensfahrt 1959, mit Reporter Heinz Florian Oertel. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Bundesarchiv Bild 183-63966-0004 / Fotograf: Heinz Wendorf)

Während in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg die Professionalisierung des Sports mit einer durch die Medien bedingten wachsenden Kommerzialisierung einherging, etablierte sich in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eine enge Verbindung von Sport, Medien und Politik. In der DDR wurde der Sport für innen- und außenpolitische Zwecke instrumentalisiert. Im Mittelpunkt der Sportpolitik stand seit den 1950er Jahren die Förderung des Leistungssports. Die Grundlagen dafür wurden im Kinder- und Jugendsport und den Betriebssportgemeinschaften gelegt. Sportliche Erfolge bei internationalen Wettkämpfen sollten die Anerkennung des Staates fördern. Die Organisation des Sports wurde durch zahlreiche Institutionen gewährleistet, z. B. durch den Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB), die Gesellschaft für Sport und Technik (GST), das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) und, als oberste Instanz, zunächst durch das Staatliche Komitee für Körperkultur und Sport (Stako), das dann 1970 als Organ des Ministerrates im Staatssekretariat für Körperkultur und Sport (StKO) aufging.

Staatlich abgesicherte Leistungssportler

Ziel der Sportpolitik war von Beginn an, der Vereinsbildung entgegenzuwirken, die als bürgerliche Tendenz gebrandmarkt wurde. Während sportfremde Investoren in der Bundesrepublik und anderen westlichen Gesellschaften durch Beeinflussung der Rahmenbedingungen zunehmend sportliche Leistungen erst ermöglichten, zum Beispiel durch Sponsoring und Werbeverträge, schufen in der DDR die Staats- und Parteiführung auf politischer Ebene die organisatorischen Voraussetzungen für das Leistungssportsystem. Damit war auch die Grundlage für die Existenz staatlich abgesicherter Profisportler gegeben. Eine Kommerzialisierung des Sports in der DDR konnte aufgrund des Ideals eines sozialistischen Staates offiziell nicht stattfinden und wurde "bekämpft". Doch machte die internationale Entwicklung diesbezüglich keinen Bogen um die DDR, so dass sich hier eher eine stumme und schleichende Kommerzialisierung auf niedrigem Niveau vollzog. DDR-Sportler wurden nicht nur staatlich finanziert, sondern erhielten auch Vergünstigungen von DDR-Firmen. Die Medien, insbesondere das Fernsehen, waren für die Verbreitung der Leistungen der DDR-Sportler sehr bedeutsam.

Ideologisierte Sportberichterstattung

Ziel aller Medien in der DDR, so auch des Sportfernsehens, war die Vermittlung politisch-ideologischer Inhalte. Sport wurde als nicht von den gesellschaftlichen Verhältnissen loszulösender politischer Gegenstandsbereich betrachtet. Vor allem waren die allgemeinen politischen Ziele und Grundsätze der DDR auf dem Gebiet des Sports zu transportieren - also ein fester Klassenstandpunkt, sozialistisches Denken, Verwirklichung von Parteitagsbeschlüssen und Abwehr "imperialistischer Ideologie" aus dem verfeindeten Westen. Die Vermittlung dieser Werte war Teil des ideologischen Auftrags der Massenmedien, Agitation und Propaganda zu betreiben, um den Menschen die "objektive historische Wahrheit" zu verkünden und sie zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen. Zum propagandistischen und agitatorischen Auftrag der DDR-Sportberichterstattung gehörte gemäß dem Parteiauftrag auch die Auseinandersetzung mit den Klassengegnern im Sport.

Grenzen der Instrumentalisierung

Allerdings ließ sich die Sportberichterstattung nicht grenzenlos beeinflussen, denn der Sport folgte und folgt eigenen Gesetzen. Ein Sieg des 'Klassengegners' bei einem Wettkampf ließ sich nicht in eine Niederlage umdeuten, und die Niederlage eigener Sportler nicht in einen Sieg. Solche Ergebnisse ließen sich nur unterschiedlich kommentieren. Doch die Sportreporter der DDR legten in ihren Kommentaren häufig politische Zurückhaltung an den Tag, denn auch sie wussten, wie sensibel international darauf reagiert wurde. So wurde nach den Olympischen Spielen 1972 in westdeutschen Medien das "fachliche Wissen der DDR-Reporter" gelobt und festgestellt: "Die Kommentierung westdeutscher Athleten ist sachlich und objektiv"[1].

Politik der sportlichen Erfolge

Bedeutend war die Förderung des Staatsbewusstseins der DDR-Bürger durch sportliche Erfolge. Im Mittelpunkt der Berichterstattung standen die Ergebnisse der DDR-Athleten. Aber auch die Erfolge der Sportler aus der Sowjetunion und anderer befreundeter sozialistischer Staaten wurden vor allem bei internationalen Wettkämpfen besonders herausgestellt, bei nationalen und internationalen Sportereignissen, vor allem bei Olympischen Spielen oder Welt- und Europameisterschaften. Sowohl dem Fernsehpublikum in der DDR als auch der ganzen Welt sollte durch die Darstellung von Titel- und Medaillengewinnen die Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftssystems vor Augen geführt werden. Dazu war der DDR-Führung jegliches Mittel recht, eben auch der Einsatz unerlaubter Mittel zur Leistungssteigerung, gemeinhin als Doping bekannt.

Sportübertragungen in den 50er Jahren


Bereits 1952 erklärte Hermann Zilless, der damalige Leiter des DFF-Fernsehzentrums in Berlin, dass "regelmäßige Sportsendungen" über "die wichtigsten Sportereignisse in der DDR, in Berlin und über gesamtdeutsche Spiele in Westdeutschland" berichten sollten. "Sie wollen darüber hinaus die demokratische Sportbewegung und die Sportler im Kampf um die Einheit des deutschen Sports unterstützen"[2].

Am 22.12.1952 wurde die erste Magazinsendung "Sport der Woche" mit Wortbeiträgen und Standbildern gesendet. Sie wurde mehrfach umgebaut und schließlich als "Sportgeschehen in Wort und Bild" und im Frühjahr 1954 als "Sportgeschehen – ferngesehen" ins Programm genommen. Verantwortlicher Mitarbeiter war bis 1955 Wolfgang Reichardt. Die Sendereihe wurde jedoch im Herbst 1954 wieder eingestellt.

Ab 1955, mit der Beschaffung der ersten beiden Übertragungswagen, wurden Sportsendungen auch live ausgestrahlt. Den Anfang machte ein Boxkampf am 19.1.1955. In der Folgezeit wurden – wie auch in der Bundesrepublik – vor allem am Sonntag Fußballspiele gezeigt. Das Spiel Sparta Prag gegen ZSK Vorwärts Berlin am 23.10.1955 wurde als erste Großveranstaltung aus dem Walter-Ulbricht-Stadion in Berlin übertragen [3].

Die "Tour de France des Ostens"

Neben den Fußballübertragungen und anderen Sportberichten bildete die Internationale Friedensfahrt den Höhepunkt der Sportberichterstattung im Frühjahr. Dieses Radrennen, das seit 1948 zwischen Warschau und Prag, seit 1952 zusätzlich auch in Ost-Berlin mit wechselnden Streckenführungen durchgeführt wurde, galt als die "Tour de France des Ostens". Das Radrennen wurde ab 1956 mit geringen Einschränkungen als Live-Sendung ausgestrahlt. 1959 wurden erstmals Bilder von einer Hubschrauber-Kamera aufgenommen. Das galt damals europaweit als Sensation und machte die Live-Berichterstattung von der Fahrt noch attraktiver. 1955 und 1959 siegte der ungemein populäre DDR-Radrennfahrer Gustav Adolf ("Täve") Schur. Täve Schur war sechsmal DDR-Meister, gewann viermal die DDR-Rundfahrt und zweimal die Straßenrad-Weltmeisterschaft (1958 und 1959). Er wurde 1960 noch beliebter, weil er bei der Straßenrad-WM seinem Kollegen Bernhard Eckstein vor laufenden Kameras den Vortritt ließ.

Bildmaterial aus anderen Ländern

Der DDR war es gelungen, beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) provisorisch anerkannt zu werden. Eigentlich durfte keine Nation mit zwei Delegationen vertreten sein. Auf Grund dieser Anerkennung konnte das DDR-Fernsehen 1956 aus Cortina d'Ampezzo berichten. Mit einigen Live-Übernahmen des italienischen Fernsehens. Aus Rom 1960 kamen ebenfalls Live-Berichte, während es dann 1964 aus Tokio wieder nur Filmberichte gab. Das DDR-Fernsehen griff dabei immer wieder auf das von den veranstaltenden Ländern produzierte Pool-Material zurück, das allen Beteiligten zur Verfügung gestellt wurde. Erst ab 1968, als die DDR mit einer eigenen Mannschaft in Mexiko antrat und damit sportpolitisch einen Durchbruch erzielte, konnte man zumindest mit einer 15-minütigen eigenen Livesendung aus dem "DFF Studio Mexiko" berichten. Für die Mehrheit der Berichte war man weiterhin auf Pool-Sendungen angewiesen, die vor allem von der Eurovision hergestellt und an die Intervision weitergereicht wurden [4].

Sportübertragungen in den 60er Jahren


Einmarsch der Mannschaft der DDR in das Olympia-Stadion in Mexiko-City während der Eröffnungsfeier im Sommer 1968 (© picture-alliance/dpa)


Von 1955 bis 1968 leitete Werner Cassbaum die Sportredaktion des DFF und baute in dieser Zeit eine intensive Sportberichterstattung auf. Neben aktuellen Beiträgen über die DDR-Oberliga im Fußball, aber auch über andere Sportarten, berücksichtigte Cassbaum zudem mit Sendereihen wie "Sport & Musik" (ab 1957) den Unterhaltungsaspekt von Sport-Programmen. In den 1960er Jahren etablierten sich einige regelmäßig erscheinende Magazinsendungen wie "Sport-Mix" (1961 aus der Sendung "Stafette" entstanden) und "Sport-Meridiane" (ab 1961). Diese sollten über den Sport in den befreundeten Ländern berichten. Die Aktualität der Sportberichterstattung erhöhte sich, als dem DDR-Fernsehen ab 1964 eine Magnetaufzeichnungsanlage zur Verfügung stand. Bereits am Vorabend konnten zusammenfassende Berichte von Nachmittagsveranstaltungen gesendet werden.

Das Sportmagazin "Sport aktuell" war ab 1965 im DDR-Fernsehen zu sehen und als Pendant zur ARD-"Sportschau" konzipiert worden. (Ausschnitt aus der Sendung vom 22.5.1977) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1977)

Die Folge war eine Standardisierung der Formen und Verfahren, um die Live-Aufnahmen rasch verarbeiten zu können. Ab 1965 ging dann "Sport aktuell" auf Sendung, vom Konzept und dem Studiodesign her deutlich orientiert an der ARD-"Sportschau"[5]. 1968 schließlich wurde mit der Umstrukturierung des DDR-Fernsehens die bis dahin selbstständige Sportredaktion in die Abteilung 'Kinder/Jugend/Bildung und Sport' integriert. Der parteilose Cassbaum wurde als Leiter der Sportredaktion abgelöst und durch Rolf Dietz ersetzt [6].

DDR-Fernsehen im Zugzwang

Durch die sich immer weiter verbessernden Übertragungstechniken kam das DDR-Fernsehen immer mehr in Zugzwang, bei internationalen Großveranstaltungen (Fußball-Weltmeisterschaften, Europameisterschaften) adäquat mitzuhalten, wanderten doch sonst die DDR-Bürger zum Westfernsehen ab, das die Spiele auch übertrug. Die Leistungen, zu denen das DDR-Fernsehen bei Sportübertragungen fähig war, zeigten sich vor allem bei den Friedensfahrten, von denen das DDR-Fernsehen aufwändiger berichtete als das polnische oder tschechoslowakische Fernsehen. Auch bei der Übertragung der Olympischen Spiele 1968 aus Grenoble wurde die DDR-Berichterstattung von den Zuschauern besser bewertet als die der ARD [7].

Sportübertragungen seit den 70er Jahren

Ab 1969 im zweiten Programm des DDR-Fernsehens ausgestrahlt lieferte die Sendung "Sportreporter" Berichte und vertiefende Hintergrundinformationen, angelehnt an das "ZDF-Sportstudio". Hier mit einem Bericht über die Rückkehr der Fußball-Nationalmannschaft von der WM 1974. (Ausschnitt aus der Sendung vom 8.7.1974) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1974)

Bei der Olympia-Berichterstattung 1972 aus München baute das DDR-Fernsehen den Umfang seiner Berichterstattung weiter aus: 390 Stunden Programm wurden gesendet. Als weitere regelmäßige Sendungen erschienen der "Sportreporter" und "Sportarena", ab 1978 auch die Sendereihe "Halbzeit". In den Sportsendungen wurde nun – auch durch die wachsende Routine – zuverlässig und informativ über die Sportereignisse berichtet.

Ab Oktober 1969 lief im zweiten Programm des DDR-Fernsehens jeden Sonntagabend die Informationssendung "Sportarena". Neben Direktübertragungen und Aufzeichnungen gab es auch ausführliche Berichte und Sport-Nachrichten. (Ausschnitt aus der Sendung vom 13.6.1971) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1971)

Bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik kam es in der ersten Finalrunde, nachdem die DDR-Mannschaft unerwartet gegen Australien und Chile gewonnen hatte, zum einzigen jemals ausgetragenen Länderspiel gegen die Bundesrepublik. Die DDR-Mannschaft gewann durch ein Tor von Jürgen Sparwasser mit 1:0. Nach dieser Niederlage kam es in der bundesdeutschen Mannschaft zu einer Aussprache ("Nacht von Malente"), die offenbar so wirkungsvoll war, dass sich die bundesdeutsche Mannschaft noch einmal aufraffte und schließlich doch noch den Sieg bei dieser Weltmeisterschaft errang. Für den DDR-Sport war der Sieg über die bundesdeutsche Mannschaft von großer Bedeutung und wurde zu einem regelrechten Kultereignis. Wiederholt wurde es thematisiert und ist seither mehrfach nachträglich erlebbar gemacht worden (so im Fernsehfilm "Küss mich, Genosse 2007" oder 2008 in der Performance von Massimo Furlan, bei der er allein in einem Stadion in Halle die Läufe Sparwassers nachstellt und damit Erinnerungen und nationale Mythen thematisiert).

DDR - BRD 1:0 - Mit einem Tor von Jürgen Sparwasser (links) besiegte die Mannschaft der DDR die Vertretung der Bundesrepublik bei der WM 1974. (© AP)



Internationalisierung und Ökonomisierung des Sports

In den 1970er Jahren veränderte sich auch in der DDR das Sportfernsehen "immer mehr zum Fernsehsport" [8] und passte sich der internationalen Entwicklung der Medialisierung des Sports an, bei der die sportlichen Geschehen immer weiter den Bedingungen des Fernsehens unterworfen wurden. "Hier fügte sich die DDR-Sportentwicklung trotz des Bemühens um ihre 'sozialistische' Eigenständigkeit ein, da im internationalen Wettkampfgeschehen kaum noch Unterschiede zwischen den politischen Lagern gemacht wurden"[9]. Das bedeutete auch, dass die spezifischen Sportereignisse der DDR im DDR-Fernsehen an Bedeutung verloren. So ging z. B. der Umfang der Friedensfahrtberichterstattung bis Mitte der 1980er Jahre deutlich zurück. Der Anteil der Berichterstattung über Fußball-Weltmeisterschaften dagegen blieb weiterhin hoch, aber in vielen anderen Sportarten konnte das DDR-Fernsehen vor allem aus ökonomischen Gründen nicht mehr mithalten. Die Kommerzialisierung, die international die Übertragungskosten für Sportereignisse in die Höhe trieb, machte sich auch in der DDR-Berichterstattung bemerkbar.

Das Sportmagazin "Sport aktuell" war ab 1965 im DDR-Fernsehen zu sehen und als Pendant zur ARD-"Sportschau" konzipiert worden. (Ausschnitt aus der Sendung vom 22.5.1977) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1977)


Sportsendungen zur Zeit der Wende


Neben den Übertragungen von großen Sportveranstaltungen blieben bis 1990 vor allem die drei Reihen "Sport aktuell", "Halbzeit" und "Sport am Sonntag" auf Sendung und sicherten den Zuschauern eine kontinuierliche Information über das Sportgeschehen. Mit dem Ende des DFF endeten auch diese Sendungen. Die Sportberichterstattung wurde von den bestehenden Einrichtungen des bundesdeutschen Fernsehens weitergeführt. Mit der Sendung "7, 8, 9, 10 Klasse – Fußballsterne in Elbflorenz" wurde ein Benefiz-Fußballspiel zugunsten des Wiederaufbaus des Dresdener Schlosses übertragen. Es spielten ehemalige Weltmeister: eine gesamtdeutsche Elf gegen eine Weltauswahl. Die Übertragung war die erste große Kooperation zwischen dem DFF und Sat.1. Auch Bundeskanzler Kohl war anwesend und begrüßte die Fußballzuschauer vom Rasen aus mit einer Ansprache.

Fußnoten

1.
Zit. n. Steinmetz/Viehoff 2008, S.356.
2.
Zit. n. Steinmetz/Viehoff 2008, S.97.
3.
Vgl. ebd., S.102.
4.
Steinmetz/Viehoff 2008, S.252ff.
5.
Vgl. Steinmetz/Viehoff 2008, S.241.
6.
Vgl. ebd., S.242ff.
7.
Vgl. ebd., S.252.
8.
Steinmetz/Viehoff 2008, S.361.
9.
Ebd.
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