30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
zurück 
28.8.2017

Neue Medien und Nutzungsformen

Fernsehen und gleichzeitig im Internet surfen (© picture-alliance/dpa)



Im Wettbewerb mit dem Internet


 
Die steigende Bedeutung des Internets markiert einen langfristigen Trend. Ein auf das TV-Gerät beschränktes Fernsehen droht seine Funktion als Leitmedium zu verlieren. Das liegt daran, dass die Menschen in ihren Berufen verstärkt an Computern mit Internetzugang arbeiten. Insbesondere Jugendliche nutzen das Internet umfangreich in ihrer Freizeit. Der Zugang zu den Nachrichtenportalen des Internets steht jederzeit und jedem zur Verfügung. Dem suchen diese Portale durch permanente Auffrischung ihrer Titelzeilen gerecht zu werden. Informationen "in Echtzeit", wie aktuelle Aktienkurse oder Verläufe von Sportereignissen, erhöhen die Attraktivität. Das traditionell durch Antenne, Kabel oder Satellit zum Zuschauer gebrachte Fernsehen hinkt dem hinterher, sofern es nicht über "Live"-Berichterstattung präsent ist. 

Diesem strukturellen Nachteil wirken die Sender dadurch entgegen, dass sie selbst umfangreiche Portale im Netz aufbauen, die beispielsweise aktuelle Nachrichtensendungen und andere Sendungen auf Abruf bereithalten oder Hintergrundinformationen zu Themen bieten, auf die in den Fernseh-Sendungen hingewiesen wird.

Umstritten: Online-Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender 

Doch die umfangreichen Online-Auftritte gerade der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sind in der Mediendiskussion umstritten. Vor allem Zeitungsverleger und kommerzielle Fernsehanbieter kämpfen seit 2007 heftig dagegen, weil sie darin einen Übergriff der öffentlich-rechtlichen Anstalten auf den Pressebereich ("elektronische Zeitung") sehen. Sie drängten darauf, dass der Rundfunkstaatsvertrag die Online-Auftritte einschränkt und den öffentlich-rechtlichen Anstalten nur noch programmbegleitende Onlinepräsentationen gestattet. Auch das öffentliche Zugänglichmachen von Sendungen, die in Datenbanken gespeichert sind und in der Form einer Mediathek individuell durch den Nutzer aufgerufen werden können, stört die kommerzielle Konkurrenz, die ihrerseits durch Mediatheken zusätzliche Einnahmen generiert: RTL bietet z. B. auf www.tvnow.de Sendungen an, die dort "on demand" angeschaut werden können – zum Teil kostenlos, zum Teil aber eben kostenpflichtig. 

Mit dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag traten am 1. Juni 2009 verschiedene Einschränkungen für die Online-Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender in Kraft. So dürfen die Internetangebote nur programmbegleitend und in der Regel nicht länger als sieben Tage im Netz sein; sie müssen sich zudem einem sog. "Dreistufen-Test" unterziehen. Urteile in der Folgezeit wie z. B. des Oberlandesgerichts Köln vom 30. September 2016 in Bezug auf die Presseähnlichkeit der "Tagesschau"-App gaben den Zeitungsverlegern, die geklagt hatten, Recht.

Rundfunkstaatsvertrag zu Telemedien von ARD und ZDF

II. Abschnitt: Vorschriften für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

§ 11d Telemedien

(1) Die in der ARD zusammengeschlossenen Landesrundfunkanstalten, das ZDF und das Deutschlandradio bieten Telemedien an, die journalistisch-redaktionell veranlasst und journalistisch-redaktionell gestaltet sind.


Technik- und Programmvielfalt 

Das Fernsehen bestand um 1980 aus drei bis sechs vom Zuschauer frei empfangbaren Programmen, die terrestrisch verbreitet wurden. Bis heute hat es sich in eine unübersichtliche Zahl von Programmen ausdifferenziert. Sie kommen über sehr unterschiedliche Wege (terrestrisch, Kabel, Satellit, Internet via Telefonkabel, LTE, UMTS) und in unterschiedlicher Qualität (HDTV versus klassisches PAL-Bild, Schreibtischmonitor versus LCD-, Plasma- oder Projektionsgroßbild, Surround-Sound gegen Mono-Ton) zum Zuschauer. Dieser kann die Sendungen individuell auf Festplatte speichern oder individuell über Mediatheken abrufen.

Eines der erfolgreichsten Web-TV-Programme: Ehrensenf, 2006 moderiert von Katrin Bauerfeind (© Ehrensenf)



IPTV und Web-TV 

Hinzu kommt, dass neben den traditionellen Fernsehprogrammen, die eine Angebotsfolge in einer zeitlich festgelegten Reihenfolge präsentieren, neue Angebotsformen durch das Internet entstanden sind. Zum einen bieten unter dem Kürzel IPTV (Internet Protocol Television) seit 2006/2007 Telekommunikationsunternehmen wie die Deutsche Telekom (EntertainTV) und Vodafone (Vodafone TV) über ihre Netze Fernsehprogramme an, die der Zuschauer gegen eine Gebühr beziehen kann. Zusätzlich kann der Zuschauer auch Filme und andere verpasste Sendungen abrufen.

Video und Fernsehen per Internet 

Zum anderen werden unter Web-TV fernsehähnliche Angebote im Internet präsentiert, bei denen sich Nutzer zeitunabhängig und teils interaktiv mit den Bewegtbildangeboten beschäftigen können: einerseits in Form großer Datenbanken, in die auch Nutzer eigene Bildsequenzen einstellen können, wie z. B. das Videoportal YouTube, oder anderseits über die Nutzung von Plattformen wie Zattoo oder Magine TV, bei denen das klassische Fernsehprogramm über das Internet empfangen werden kann.

Die Vielzahl digitaler Abspielgeräte wie Smartphones und Tablets hat das Medium Fernsehen verändert. Bewegtbildinhalte werden immer häufiger zeitunabhängig und mobil konsumiert. Fernsehen und Internet verschmelzen zunehmend miteinander.

Bewegtbilder in Video-Blogs oder in den Online-Auftritten von Tageszeitungen gehören inzwischen zum Alltag. Das Internet hat sich von einem reinen Schriftmedium, das es am Anfang war, zu einem Multimedia- und Meta-Medium entwickelt, das andere Medien integriert, aber auch verändert, weiterentwickelt und durch spezifische Formen ergänzt.

Fernsehnutzung differenziert sich aus 

Nicht alle neuen technischen Standards und Übertragungswege werden sich auf Dauer halten. Aber dank der raschen Entwicklung in der digitalen Komprimierungstechnik ist mit weiteren neuen Verbreitungswegen und mobilen Nutzungsformen zu rechnen. Der Fernsehkonsum, der lange Zeit die Mitglieder der Gesellschaft regelmäßig zusammenführte, differenziert sich in höchst unterschiedliche Interessen und Vorlieben aus. Die Mehrheit des Publikums schaut nur noch bei großen Ereignissen wie Fußballweltmeisterschaften und Olympischen Spielen sowie bei visuell präsenten Katastrophen wie dem 11. September 2001 oder bei Kriegsereignissen, die in irgendeiner Form Deutschland berühren, gemeinsam fern.
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln