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28.8.2017

Die 1970er Jahre

Beteiligung der Jugendlichen im West-Fernsehen


 
Zu Beginn der 1970-er Jahre veränderte sich die Konzeption der westdeutschen Jugendsendungen. Den Jugendlichen wurden in einigen Sendungen ermöglicht, an der Gestaltung der Sendung mitzuwirken. Die Fernsehmacher reagierten damit auf die in den Protestbewegungen artikulierte Forderung nach mehr Selbstbestimmung. Sie versuchten, sich bei der Planung an den neu artikulierten Bedürfnissen und Problemen der Jugendlichen, zu orientieren [1]. Die samstägliche ARD-Reihe "Diskuss" (1973/74), die sich den in vielen Regionen aktiven Jugendzentrumsinitiativen widmete, wurde als eine Art Tourneeproduktion aus wechselnden Städten live übertragen. Die Jugendlichen der Gastgeberstädte erhielten Gelegenheit, sich mit Spielszenen, Musikbeiträgen, Filmen und Diskussionen zu beteiligen [2].  
 
Diskussionen über "Direkt" (ZDF) 
   
Den Kontakt zu den Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren suchte ebenso die Jugendredaktion des ZDF, die 1971 mit "Direkt" – Untertitel: "Ein Magazin mit Beiträgen junger Zuschauer" – eine zeitkritische Sendereihe einrichtete und dort Raum bot für eigenständig erstellte Schüler- und Lehrlingsfilme (bis 1987). Die jungen Filmemacher wurden von professionellen Teams unterstützt und wählten zumeist eine subjektive Perspektive für ihre Sendungen, die als solche dem journalistischen Gebot der Ausgewogenheit zuwiderlief. Heftige Kontroversen zwischen Mitarbeitern einerseits und Sendeleitung sowie politischen Funktionsträgern andererseits folgten. Massive Eingriffe in die Beiträge und umstrittene Personalentscheidungen machten die Reihe regelmäßig zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen.  
 
Einer der Redakteure war Peter Rüchel, der 1974 zum WDR wechselte, wo er unter anderem den "Rockpalast" etablierte. Während unter Beteiligung der Fachkritik intensiv um "Direkt" gerungen wurde, meldete die ZDF-Zuschauerforschung, dass eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen lieber Musiksendungen wie die "ZDF-Hitparade" und "Disco" einschaltete und damit leichte musikalische Unterhaltung den kritischen Magazinen vorzog [3].  
 
Schülerfernsehen statt Schulfernsehen  
 
Auch der WDR praktizierte eine Form von Beteiligungssendungen. Unter der Leitung des Redakteurs Karl Mertes entstand 1973/74 eine Reihe "Schüler machen Filme", in denen regionale Jugendgruppen selbst Fernsehsendungen über ihre Probleme herstellten – mit Unterstützung des WDR [4]. Hier sollte nicht Schulfernsehen gemacht werden, sondern Schüler sollten sich selbstständig und unabhängig im Fernsehen mit eigenen Beiträgen zu Wort melden ("Schülerfernsehen"). Dabei ging es vor allem um Konfliktthemen; angeknüpft wurde dabei auch an die Videoprojekte alternativer Stadtteilgruppen und sozialpädagogischer Initiativen.  
 
Neue Sendungen – mäßige Reichweite 
  
Die Jugendredakteure der ARD beschlossen im Oktober 1973 ein neues Programmkonzept. Danach sollten künftig gesonderte Sendungen für Schüler im Alter zwischen 12 und 15 Jahren und für ältere Jugendliche angeboten werden. Den Jüngeren war der Sendeplatz am Freitagnachmittag vorbehalten. Es wurden im Wechsel die Sendereihen "Szene", "Teamwörk", "Joker" und "Teletechnikum" gezeigt. Diese boten – unter jugendlicher Beteiligung – mit Schul- und Familienproblemen, mit Musik, Hobbys und vielem mehr Orientierungshilfe. Beispielsweise bei der Berufswahl. Ein zweiter Sendeplatz wurde am Sonntagmorgen eingerichtet. Dort liefen unter dem Obertitel "Elf ½" Erzählserien wie "Die Geschichte vom Lehrling Franz" (ab 22.02.1976) und die Sitcom "Goldener Sonntag" mit Hanns Dieter Hüsch (ab 16.05.1976). Ferner liefen Informationssendungen zu Themen wie "Stress in der Schule" (10.08.1975) oder "Existenzangst" (07.09.1975).  
 
1976 notierte der WDR-Redakteur Siegfried Mohrhof zufrieden: "Heute sind selbst über 2 Millionen eingeschaltete Geräte, das heißt 4 bis 5 Millionen Zuschauer, bei diesen Programmen keine Ausnahmen mehr. Die Sendungen zeichnen sich durch Qualität und Zielgruppennähe aus"[5].  
 
Publikumszuspruch bleibt gering  
 
Ungeachtet dieser Erfolgsmeldungen blieb der Zuspruch des jugendlichen Publikums zu vielen Jugendprogrammen vergleichsweise gering. In diesem Zusammenhang sind auch die Rahmenbedingungen der jugendlichen Mediennutzung zu berücksichtigen: Bis weit in die 1970er Jahre hinein war Fernsehen ein Familienerlebnis. Spätestens mit Beginn der "Tagesschau" um 20.00 Uhr wurde gemeinsam geschaut; über die Programmauswahl bestimmten die Eltern. In einem Lebensabschnitt, der von Abnabelung und dem Ringen um größere Selbstständigkeit geprägt wird, bevorzugten Jugendliche schon damals in der Regel eine andere Art von Freizeitgestaltung. 
   
Jugendliche bevorzugen das Radio  
 

Winfrid Trenkler im April 1974 während der Sendung "Radiothek" im Studio 35 des WDR in Köln. (© Wikimedia, Lucky2)


Deshalb war das Radio bei Jugendlichen sehr viel beliebter: Nach einer Studie des Münchner Instituts für Jugendforschung aus dem Jahr 1973 zogen 63 % der 14- bis 24-Jährigen das Radio dem Fernsehen vor – "weil es die Möglichkeit bietet, sich von der Familie abzusetzen"[6]. Auch als Informationsquelle genoss das Radio größere Wertschätzung [7] – die Geräte hatten einen Platz im Jugendzimmer, konnten problemlos mitgenommen werden und boten in diesen Jahren sowohl bei der Information wie der Musik ein breiteres Angebot für Jugendliche als das Fernsehen, das noch auf drei Programme beschränkt war. Das Radio punktete in den 1970er Jahren also mit teilweise ähnlichen Vorzügen wie das Internet im neuen Jahrtausend: Selbstbestimmung bei der Auswahl der Information und der Unterhaltung, Unabhängigkeit von den (Fernseh-)Gewohnheiten der Eltern, mobiler Empfang und ein breiteres Angebot im Vergleich zum herkömmlichen Fernsehprogramm.  
 
Neue Programmplätze für Jugendkultur 
  
Bei den Musikangeboten für Jugendliche richtete das ZDF 1971 eine neue Jugendschiene im samstäglichen Vorabendprogramm ein. Das war eine Reaktion auf eine Studie, derzufolge junge Zuschauer mehrheitlich erst nach 18.00 Uhr fernsehen würden. Zwischen 18.45 Uhr und 19.45 Uhr liefen abwechselnd die seit dem 18.01.1969 bestehende Schlagersendung "ZDF Hitparade" (bis 2000), das Magazin "Direkt" (bis 1987) und die Musiksendung "Disco" (bis 1982). Nach der Programmreform von 1978 wurden die Sendungen zwischen 19.30 Uhr und 20.15 Uhr ausgestrahlt. "Disco"-Moderator Ilja Richter, der als 16-Jähriger bei "4-3-2-1 Hot and Sweet" (1966–1970) begonnen hatte, schrieb selbst Gags und Sketche. Er spielte und sang auch. Diese oft gequält komischen Einlagen überbrückten die Pausen zwischen Auftritten zahlreicher Schlagerstars und einiger Pop-Interpreten, ebenso die Pausen zu Einspielungen von Musikclips mit Bands wie Creedence Clearwater Revival, T. Rex und Alice Cooper. Mit dieser gefälligen Mischung erreichte das ZDF ein Publikum mit breiter Altersstruktur.  
 
"Beat-Club" war die erste Musiksendung, die englischsprachige Gruppen im Fernsehen live präsentierte und die meisten bekannten Bands ins Programm holte. Die Sendung erhielt später Kult-Status und wird noch heute verschiedentlich wiederholt und auf DVD vertrieben. (Ausschnitt aus einer Sendung aus dem Jahr 1967) (© Radio Bremen, 1967)
In den 1970er Jahren breitete sich die Jugendkultur – bzw. was man darunter zu verstehen glaubte – auch vermehrt in andere Lebens- und Medienbereiche aus. Entsprechende TV-Angebote erreichten die Abendprogramme. Deutliches Indiz: Im Dezember 1972 wurde der nachmittägliche "Beat-Club" eingestellt und vier Tage später von der auf breitere Akzeptanz zielenden Abendsendung "Musikladen" (bis 1984) abgelöst. Dort gab es unter anderem eine Oldie-Zuschauerwahl mit Ausschnitten aus alten "Beat-Club"-Sendungen – ein nostalgisches Angebot für die Beat-Generation, die mittlerweile bürgerlich geworden war.  
 
"Rockpalast" – Livekonzerte im WDR 
   
Der Wunsch nach kompetent präsentierter Pop- und Rockmusik blieb bestehen [8]. Anknüpfend an die seit Oktober 1974 im WDR-Regionalprogramm gezeigte Konzertreihe "Rockpalast" entwickelte der Regisseur Christian Wagner die Idee, samstags nach dem damals üblichen mitternächtlichen Sendeschluss Rockkonzerte live zu übertragen. Die erste "Rockpalast"-Nacht stand am 23.07.1977 auf dem Programm. Jugendliche fanden sich zu Partys zusammen und warfen den Kassettenrekorder an, um die parallele Hörfunkübertragung mitzuschneiden. Videorekorder waren zu diesem Zeitpunkt noch wenig verbreitet.  
 
Konnten damals die von zahlreichen ausländischen Sendeanstalten übernommenen "Rockpalast"-Konzerte Musikfans in ganz Europa einschließlich des Ostblocks für eine Nacht vereinen, so geriet die Reihe mit Aufkommen der Musikkanäle (z. B. MTV) und der Differenzierung der Stile in eine Krise. 1986 wurden die klassischen "Rockpalast"-Nächte eingestellt.  
 
"Rock-Pop" und "Rock-Pop in Concert"  
 
Eine Variante der Musikpräsentation fand das ZDF mit "Rock-Pop" (1978–1989) und den "Rock-Pop in Concert"-Nächten, in denen gekürzte Fassungen vorab aufgezeichneter Konzerte gezeigt wurden. Ab 1982 leistete sich der Sender die Videoclip-Show "Ronny's Popshow" und ließ sie von einem Affen "moderieren", der vom Produzenten der Sendung, dem Komiker Otto Waalkes, synchronisiert wurde.  
 

Jugendlichkeit im DDR-Fernsehen



Die Fernsehsendung "rund", hier aufgenommen auf dem Hallmarkt in Halle (© Bundesarchiv, Bild 183-P0517-112 / Fotograf: Waltraud Raphael verehel. Grubitzsch)


Nach dem Wechsel in der DDR-Führung von Ulbricht zu Honecker 1971 und den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten im Sommer 1973, an denen Jugendverbände aus 140 Ländern teilnahmen, wollte sich die DDR auch im Fernsehen tolerant und weltoffen präsentieren. Den Hintergrund bildete eine Politisierung der Jugend nicht nur im Westen, sondern auch in der DDR: Protest gegen den Vietnamkrieg der USA, der politische Aufbruch in Lateinamerika nach Che Guevara, die Volksfrontregierung in Chile. Der DDR-Führung waren die Weltfestspiele der Jugend in Ost-Berlin besonders wichtig. Sie symbolisierten die DDR als Ort des Friedens und der Offenheit für die Jugend. 

"rund" – 'Immunisierung gegen westliche Einflüsse' 

Mit "rund" wurde bereits im Januar 1973 ein monatliches, in Farbe ausgestrahltes Magazin für die begleitende Berichterstattung der Weltfestspiele eingerichtet. Im Vorfeld wurden die Wünsche der Jugendlichen anhand von ausgiebigen Befragungen sorgfältig ermittelt. Die ersten sechs Sendungen repräsentierten mit internationalen Moderatoren und Saalzuschauern den Geist der Weltfestspiele. Später reiste das Team in der DDR von Stadt zu Stadt. Pro Sendung gab es jugendgemäße Nachrichten, Filmberichte, Interviews und viel Musik, einheimische Singeclubs, Interpreten aus Ostblockländern, aber auch westliche Hitparaden-Stars. Die Künstler bewegten sich häufig hautnah mitten im Publikum. Es gab attraktive elektronische Bildbearbeitungen, eine runde Bühne und darüber halbkreisförmig aufgehängte Monitore. 

Das Bühnenbild erinnerte an die ZDF-Musikreihe "Disco". Das erklärte politische Ziel der Sendereihe war "die ideologische 'Immunisierung' der Jugendlichen gegen westliche Einflüsse"[9]. Parallel zu diesen musikalischen Integrationsversuchen der DDR-Jugend, kam es 1976 zu einer Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. In der Folge verließen dann weitere, teilweise sehr populäre DDR-Künstler das Land. Deren Filme, Musikstücke und Fernsehsendungen durften nicht mehr aufgeführt werden. 

Das jugendorientierte Bildungsmagazin "AHA" 

Die Lockerungen in den Jugendsendungen bezogen sich vor allem auf äußere Aspekte. Das jugendorientierte Bildungsmagazin "AHA" (ab 1977 bis 1990) verzichtete z. B. bewusst auf eine förmliche Ansprache seines Publikums. Moderator der monatlichen Sendereihe war Dr. Dieter Herrmann, im Hauptberuf Direktor der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow. Er wollte mit "AHA" "Populärwissenschaft" betreiben, "aber nicht im althergebrachten Sinne. Da stellt sich der Professor nicht ans Katheder und trägt etwas vor, sondern wir wollen neue Formen ausprobieren, die jungen Leute im Studio zu Partnern der Wissenschaftler machen"[10]

Die Jugend-Talkshow "Jugendklub TV 2" 

Zu Gesprächen lud ab 1979 (bis 1982) einmal im Monat auch die politische Jugend-Talkshow "Jugendklub TV 2", die in einem Studio mit Publikum stattfand und Themen aus Wissenschaft, Technik, Politik und Wirtschaft behandelte. Es gab Interviews mit Experten, die auf Fragen aus dem Publikum antworteten oder von einem der drei Moderatoren befragt wurden. Auch hier sollten musikalische Einspieler und Film-Beiträge zu verschiedenen Themen die Sendung unterhaltender machen. 

Verjüngungskur für das Fernsehen 

Ähnlich wie die westdeutschen Programme unterzog sich das ostdeutsche Fernsehen in diesen Jahren in seiner Gesamtheit einer Art Verjüngungskur. Eine populäre Musikreihe wie "Hier geh'n wir wieder vor Anker" leistete sich z. B. eine Generalüberholung und verschaffte sich durch die Wahl einer zeitgemäßer wirkenden Kulisse einen jugendlichen Anstrich. So schrieb 1972 die DDR-Programmzeitschrift "FF dabei": "Das Ostseestudio Rostock serviert seine Lieder von Luv und Lee seit Beginn dieses Jahres in neuer, moderner Umgebung: Es ist vom kleinen 'altertümlichen Fischerlokal' in eine schmucke, mit vielen seemännischen Attributen ausgestattete Diskothek umgezogen"[11].

Musiksendungen in Ost und West

Musiksendungen der 70er und 80er Jahre im Fernsehen der DDR (Auswahl)Musiksendungen der 70er und 80er Jahre im Fernsehen der BRD (Auswahl)
Notenbank1969 – 1972Disco1971 – 1982
Rhythmus 1971 – 1978 Musikladen 1972 – 1984
RUND 1973 – 1988 Rockpalast seit 1974
STOP! Rock 1983 – 1989 Plattenküche 1976 – 1980
bong 1983 – 1989 Bananas 1981 – 1984
drammss 1987 – 1990 Vorsicht, Musik! 1982 – 1984
Elf 99 1989 – 1994 Ronny´s Pop Show 1982 – 1988
Formel Eins 1983 – 1990
Musik Convoy 1984 – 1985
Off Beat 1986 – 1990

Fußnoten

1.
Vgl. Paech 1977.
2.
Vgl. das Kapitel "Reifeprüfungen – Die Jugend hat das Wort" in Keller 2009.
3.
Vgl. Horn 1973, S.56.
4.
Vgl. Paech 1977.
5.
Mohrhof 1976, S.40.
6.
Der Spiegel 45/1973, S.177.
7.
Vgl. Horn 1973; Schmidtbauer/Löhr 1997.
8.
Schmidt 1972, S.10.
9.
Hoff 1993, S.215.
10.
Zit. n. Schmidt 1977, S.4.
11.
FF dabei 13/1972, S.18.
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