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27.5.2013

"Fakes" gehören nicht ins Radio

Mit einer offensichtlich vorgetäuschten Satellitenschaltung hat der Nachrichtensender CNN seine Glaubwürdigkeit nachhaltig beschädigt. Dieses Risiko gehen auch Radiomacher ein, wenn sie Originaltöne zu angeblichen Interviews zusammensetzen oder Live-Reportagen ausstrahlen, bei denen der Redakteur nie am Ort des Geschehens war.

Mit einer offensichtlich vorgetäuschten Satellitenschaltung hat der Nachrichtensender CNN seine Glaubwürdigkeit nachhaltig beschädigt. Dieses Risiko gehen auch Radiomacher ein, wenn sie Originaltöne zu angeblichen Interviews zusammensetzen oder Live-Reportagen ausstrahlen, bei denen der Redakteur nie am Ort des Geschehens war.

"So langsam schäme ich mich, für diesen Sender einst gearbeitet zu haben." Das ist die Reaktion von Richard Gutjahr bei Twitter auf die Information, dass der Nachrichtensender CNN offensichtlich eine so genannte "Satellitenschalte" vorgetäuscht hat. Dabei bezieht sich der Nachrichtenmoderator und renommierte deutsche Blogger auf Recherchen, die der amerikanische Informationsdienst Atlantic Wire öffentlich gemacht hatte.

Satellitenschaltung über 10 Meter bei CNN – Quelle: CNN/Atlantic Wire

Bei der Berichterstattung im Mai 2013 über die Befreiung von drei Frauen, die vor neun Jahren entführt - und seitdem in einem Haus in Cleveland/Ohio gefangen gehalten worden waren, sprach CNN-Nachrichtenmoderatorin Ashleigh Banfield angeblich live via Satellit mit Kollegin Nancy Grace. Anhand von Screenshots wird im Atlantic Wire jedoch nachgewiesen, dass sich beide CNN-Frauen vom selben Parkplatz in Phoenix/Arizona meldeten und höchstens 10 Meter von einander entfernt waren: Im geteilten Bildschirm (Splitscreen) sind derselbe "Nissan Xterra" - und kurze Zeit später derselbe Bus im Hintergrund beider Reporterinnen zu sehen.

Angesichts vieler Ungereimtheiten im hektischen "Nachrichtengeschäft" könnte man diese Geschichte womöglich als Lapsus abhaken. Allerdings macht dieser enttarnte "Fake" des US-Nachrichtensenders unmissverständlich deutlich, dass Journalisten heutzutage das Risiko der öffentlichen Bloßstellung in Blogs, auf Social-Media-Plattformen und in Diskussionsforen eingehen, wenn sie bei Vermittlung und Darstellung von Informationen ihre Leser, Hörer oder Zuschauer absichtlich täuschen. CNN sah sich zumindest einem regelrechten Shitstorm bei Facebook und Twitter ausgesetzt, nachdem der Atlantic Wire die Mauscheleien mit der angeblichen Satellitenschaltung öffentlich gemacht hatte.

Tricksereien bei der Vermittlung von Informationen sind auch in vielen deutschen Radioprogrammen verbreitet. Dass aus vorproduzierten Korrespondenten-O-Tönen so genannte Kollegengespräche entstehen, die dann auch noch als "live verkauft" werden, ist in der Radioszene inzwischen fast schon eine übliche Verfahrensweise. Peinlich werden solche "Schalten" vor allem dann, wenn sie später wiederholt - und erneut als "Live-Gespräche" angekündigt werden.

Auch angebliche Interviews mit Politikern, Top-Managern, Künstlern oder Sportlern werden gelegentlich aus Originaltönen "zusammengebaut", die nicht selten von PR-Agenturen den Sendern zur Verfügung gestellt werden. Die PR-Botschaften von Ministerien, Parteien, Unternehmen oder Interessenverbänden werden so in redaktionellen Teilen der Programme verbreitet, ohne dass der Hörer über die wahren Quellen und Zusammenhänge informiert wird. Mit journalistischer Ethik hat das wenig gemein, genauso wenig wie angebliche Live-Reportagen bei denen sich der Berichterstatter nicht etwa vom Ort des Geschehens, sondern auch schon mal aus dem Nachbarstudio meldet. Zur Erhöhung der vermeintlichen Authentizität wird dabei auch schon mal auf das Telefon für die angebliche "Live-Schalte" zurückgegriffen.

Ambitionierte Radiojournalisten sehen angesichts solcher Tricksereien die Glaubwürdigkeit ihres Mediums in Gefahr. Bereits im Jahr 2007 hatten sich die Initiatoren des Tutzinger Appels nachhaltig gegen jeglichen Betrug der Hörer bei der Informationsvermittlung eingesetzt. Im Rahmen des von der Akademie für politische Bildung und der Bundeszentrale für politische Bildung gemeinsam veranstalteten Kongresses "Radio Zukunft 2010" erarbeiteten seinerzeit engagierte Hörfunkjournalisten sechs Leitlinien um "die Glaubwürdigkeit unseres Mediums wieder zu stärken". Zu den Forderungen von "Fair Radio" gehört vor allem, dass im Radio "nichts vorgegaukelt wird was, was nicht tatsächlich so ist" und auch, dass "nicht als live verkauft" werden dürfe, "was nicht wirklich live ist". Schließlich - so eine weitere Leitlinie "gehören PR-Beiträge in den Werbeblock und nicht ins redaktionelle Programm".

Die Verantwortlichen etablierter deutscher Radioprogramme - ob privat oder öffentlich-rechtlich - mochten sich bislang diesen Leitlinien nicht anschließen, zumindest dieses nicht öffentlich bekunden. Lediglich die Macher des Leipziger Internetradios detektor.fm verkündeten vor einem Jahr, dass sie sich an den Leitlinien des Tutzinger Appells orientieren. Immerhin - 2012 wurde "detektor fm" mit dem Deutschen Radiopreis für die "Beste Innovation" ausgezeichnet und in diesem Jahr für den Grimme-Online-Award nominiert.

Inge Seibel-Müller

bio_Inge Seibel-Mueller Zur Person

Inge Seibel-Müller

Inge Seibel-Müller ist freie Journalistin und Radioberaterin. Sie arbeitete zuvor als Moderatorin, Chefredakteurin und Programmchefin bei Radio Charivari München und Antenne Thüringen in Weimar. 2003 bis 2010 gehört sie zum Projektteam Hörfunk der bpb. Sie ist Mitglied der Grimmejury für den Deutschen Radiopreis.


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