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5.1.2018

Eine kurze Geschichte des Comicjournalismus

In Frankreich und den USA längst etabliert, ist die Comicreportage im deutschsprachigen Raum noch immer umstritten. Wie Lilian Pithan vom Deutschen Comicverein darstellt, sind starke Subjektivität und mangelnde Seriosität die gängigsten Vorwürfe. Sie ordnet das Genre ein und nennt Beispiele für gelungene Reportagen in Comicform.

Ein Besucher des 10. Comicfestivals in Lausanne betracht das Panaroma "Der Große Krieg" (La Grande Guerre) des maltesisch-amerikanischen Zeichners Joe Sacco (2014). (© picture-alliance/dpa, KEYSTONE)


Während in Frankreich und den USA in den letzten Jahren zahlreiche comicjournalistische Magazine, Online-Plattformen und Kollektive aus dem Boden geschossen sind, wird die Disziplin im deutschsprachigen Raum noch kritisch beäugt. Das ist verwunderlich, wird doch im Journalismus nahezu obsessiv nach neuen Formaten gesucht, um das Publikum bei Stange zu halten. Der Comic hingegen bemüht sich seit Jahren, sich als eigenständiges künstlerisches Genre zu etablieren. In Kombination trifft man die zwei Disziplinen trotzdem selten an. Vereinzelte Beiträge im Schweizer Magazin REPORTAGEN [1] fallen auf, ebenso einzelne Vorstöße des Zürcher Comicmagazins STRAPAZIN [2]. Jan Feindt, der für Weiße Wölfe (2015) mit correct!v-Gründer David Schraven zusammengearbeitet hat, hatte schon im Berliner Kollektiv Monogatari Reportagen gezeichnet. Auch die Österreicherin Ulli Lust, früher ebenfalls Mitglied von Monogatari, stößt mit ihren "dokumentarischen Comics" in journalistisches Gebiet vor. Bände wie "Im Land der Frühaufsteher" (2012) von Paula Bulling sind aber noch immer singulär: Comicjournalismus ist im deutschsprachigen Raum wenig etabliert, dementsprechend gibt es kaum allgemeingültige Standards.

Erzählende Sequenzen



Die genannten Beispiele illustrieren das sehr schön: Während in REPORTAGEN ausschließlich von "Comics mit journalistischen Inhalten" die Rede ist, bezeichnen Schraven und Feindt ihre Story als "grafische Reportage". Lust verwendet den Begriff "Comicreportage", Bullings Werk wird vom Verlag wahlweise als "Comicreportage" oder "Comic-Collage" bezeichnet. Allgemein liest man mindestens ebenso häufig von "grafischem" und "visuellem Journalismus" wie von "Comicjournalismus". Man könnte das nun so verstehen, dass es beim grafischen Journalismus vorwiegend um das bildliche Element ginge, wohingegen der Comicjournalismus mit erzählenden Sequenzen arbeite. Auf die meisten Beiträge trifft dies allerdings nicht zu. Die verwendeten Begrifflichkeiten erweisen sich als fließend und stark vom Selbstverständnis der Autorinnen und Autoren abhängig.

Grundsätzlich ist Comicjournalismus erst einmal das, was der Begriff ausdrückt: journalistische Beiträge jeglichen Formats in Comicform. Das können Hintergrundberichte, Interviews, Reportagen oder Features sein. In der Praxis stellt sich allerdings schnell heraus, dass sich die klassische Reportage am besten für eine Darstellung im Comic eignet. Das liegt zum einen daran, dass sie erzählerisch aufgebaut ist und das Zusammenspiel verschiedener Figuren in Szene setzt. Zum anderen werden in einer Reportage subjektive Elemente weit stärker als in andere journalistische Gattungen eingebaut: Die Art und Weise, wie eine Reportage erzählt wird, hängt vom direkten Erleben der Reporterin oder des Reporters ab.

Historisch betrachtet ist die Kombination journalistischer Texte und grafischer Elemente nichts Neues. Vor der Erfindung der Fotografie im 19. Jh. waren Presseillustrationen weitverbreitet. Daneben entwickelte sich die satirische Form der Karikatur. Den Siegeszug der Fotografie überlebte nur letztere unbeschädigt. Im 20. Jh. lässt sich ein erneutes Interesse an Presseillustrationen feststellen. Einflussreich waren vor allem die jährlich erscheinenden Television Notebooks des Columbia Broadcasting System (CBS), für die Zeichner die Arbeit hinter den Kulissen der Fernsehanstalt dokumentierten. Besonders schöne Beispiele sind die illustrierten Reportagen von Carl Erickson (1958) und Robert Weaver (1960). Im Januar des gleichen Jahres hatte Weaver für das Fortune Magazine schon die Reportage What’s Come Over Old Woolworth? gezeichnet.

Vorwurf der Subjektivität



Beispiele für Reportagen in Comicform, die einer klassischen Erzählsequenz in Panels folgen, finden sich erst ein paar Jahrzehnte später. Als Vorreiter wird gemeinhin der amerikanisch-maltesische Journalist Joe Sacco genannt, der mit Palestine (1993-1995) das erste größere comicjournalistische Werk veröffentlichte. Seine Reportagensammlung erschien allerdings nicht in der amerikanischen Presse, sondern im Comicverlag Fantagraphics Books. Sacco hat seither weitere Reportagen aus Bosnien, Gaza und Nordindien publiziert. Als Comicjournalist ist er aber keineswegs unumstritten: Seine bewusst einseitige Darstellung geopolitischer Konflikte verletzt die wichtigsten Grundsätze des Journalismus. Auch ist sein Zeichenstil relativ aufwendig, was dazu führt, dass seine Reportagen erst Jahre später erscheinen. Sie werden so eher zu historischen denn journalistischen Dokumenten. Sacco selbst verteidigt den Ansatz seiner Berichterstattung dahingehend, dass es die Aufgabe eines Journalisten sei, all jenen Menschen, die "zu wenig gehört werden", eine Stimme zu geben. [3]

Eben dieser Punkt wirft eine interessante Frage auf, die in der Diskussion über die Berechtigung des Comicjournalismus häufig gestellt wird: Kann eine Comicreportage überhaupt objektiv sein, wenn es doch in der Natur der Zeichnung liegt, subjektiv und individualistisch zu sein? Dem Vorwurf, Comicjournalismus sei kein "seriöser" Journalismus, liegen dabei zwei Annahmen zugrunde: Zum einen wird vorausgesetzt, dass eine objektive Abbildung der Realität durch Texte, Fotos oder Videos möglich ist, während die Mediengeschichte immer wieder das Gegenteil beweist. Zum anderen wird eine Zeichnung nur dann als wahrheitsgetreu akzeptiert, wenn es sich um eine detailtiefe, realistische Darstellung handelt. Beide Fragestellungen werden von den Vertretern des Comicjournalismus in Richtung der Subjektivität aufgelöst. Gerade bei einer reduzierten Zeichnung steht ohnehin mehr der persönliche Stil und weniger der Abbildcharakter im Vordergrund. Als problematisch wahrgenommen wird das von den meisten Zeichnerinnen und Zeichnern nicht, schließlich wurde die noch junge Tradition des grafischen Erzählens entscheidend beeinflusst von den stark subjektiven Nabelschauen des US-amerikanischen Underground.

Selbstreflexive Auseinandersetzung



Viele Comicjournalisten bemühen sich daher, die eigene Beobachtersituation von Anfang an klarzustellen. Nicht wenige zeichnen sich selbst direkt in den Comic ein, dokumentieren den Rechercheprozess und reflektieren die eigene Wahrnehmung der Realität. Indem sie sich auf ihre Subjektivität als Reporterin oder Reporter zurückziehen, unterstreichen sie gleichzeitig die Authentizität des Dargestellten: Alles wurde unmittelbar erlebt und wird dadurch glaubwürdiger. Eine Arbeit, in der diese selbstreflexive Auseinandersetzung auf die Spitze getrieben wird, ist Rolling Blackouts (2016) der amerikanischen Zeichnerin Sarah Glidden. 2010 begleitete sie zwei befreundete Reporter auf einer Recherchereise durch die Türkei, Syrien und den Irak. Aus ihren Skizzen und Tonbandaufnahmen erarbeitete Glidden drei Storys, die in der deutschen Übersetzung als "Reportagen" [4] bezeichnet werden, im englischen Original etwas weniger eindeutig als "dispatches" (engl. Depesche). Grundsätzlich trifft es die Definition "metajournalistisches Werk" aber wohl am besten.

Neben Zeichnerinnen und Zeichnern, die journalistische Techniken nutzen, gibt es ebenso Journalistinnen und Journalisten, die mit dem Skizzenblock auf Recherche gehen. Zu ihnen gehört der Brite Dan Archer, der sich selbst als "grafischen Journalisten" bezeichnet. Seine Website archcomix.com gibt einen guten Überblick über unterschiedliche Ansätze der gezeichneten Berichterstattung. Archer hat sich mittlerweile von der zweidimensionalen Zeichenebene verabschiedet und lotet mit seinen "Hypercomics" die Verbindung von Grafik mit Virtual und Augmented Reality aus. Ebenso interessant sind die Comicreportagen des Schweizer Journalisten Patrick Chappatte. So z.B. La mort est dans le champ (2011), die im kriegsversehrten Südlibanon spielt und von Chappatte zu einem animierten Kurzfilm weiterentwickelt wurde. Ein Genre, das er selbst als "animierten grafischen Journalismus" bezeichnet.

Comicjournalismus weltweit



Daneben haben sich in den letzten Jahren auch einige Print- und Onlinemagazine entwickelt. Ein Vorreiter auf dem Gebiet ist die französische Revue dessinée, die 2011 gegründet wurde. Inhaltlich konzentriert sich das Magazin, das in gedruckter Form und digital erscheint, ausschließlich auf Comicreportagen. Diese reichen von investigativen Reportagen über die Verstrickungen französischer Waffenkonzerne in Libyen und Erklärstücken über die Regulierungsmechanismen der Europäischen Zentralbank bis hin zu mehrteiligen Hintergrundberichten über Fracking in den USA. 2016 wurde von der Redaktion eine zweite Publikation namens TOPO lanciert, in der Comicreportagen für Jugendliche erscheinen. Ein weiteres französisches Magazin, das verstärkt mit Comics arbeitet, ist die Revue XXI. Die buchdicke Publikation beinhaltet seit der ersten Ausgabe im Jahr 2008 jeweils eine Comicreportage.

In den USA, wo sich in den letzten Jahren ein zweiter Hub comicjournalistischen Arbeitens entwickelt hat, setzt man vor allem auf Onlineformate. Am bekanntesten ist das Magazin The Nib, das 2013 von dem Comicjournalisten Matt Bors gegründet wurde und sich inhaltlich auf Themen der amerikanischen Innen- und Außenpolitik konzentriert. Zu den bekannteren Comicjournalisten, die in The Nib veröffentlichen, gehören Sarah Glidden und Matt Lubchansky. Ein ähnliches Format verfolgte auch das 2012 lancierte Symbolia, das von den Comicjournalistinnen Erin Polgreen und Joyce Rice als "Tablet-Magazin für illustrierten Journalismus" konzipiert worden war. Obwohl die Chefredakteurinnen sich bemühten, ihre digitalen Comics mit multimedialen Elementen anzureichern, musste Symbolia wegen zu geringer Verkaufszahlen 2015 eingestellt werden.

Neben Print- und Onlinemagazinen hat sich noch ein drittes Format entwickelt: das der digitalen Plattform bzw. Community. Ein Beispiel ist die niederländische Website Drawing the Times von Eva Hilhorst und Mara Joustra. Als "Plattform für grafischen Journalismus" kooperiert Drawing the Times regelmäßig mit anderen comicjournalistischen Publikationen, zu denen auch die Revue dessinée zählt. Das Cartoon Movement, das ebenfalls in den Niederlanden entstanden ist, hat sich auf ein Digital-Community-Format spezialisiert. Wie der Name schon sagt, ist die 2010 gegründete Plattform keine reine Website, sondern eine Bewegung: Thomas Loudon und Arend Jan van den Beld haben ein Netzwerk geschaffen, in der Zeichner auf Redakteure und Medienschaffende treffen, mit dem Ziel, Comicjournalismus rentabel zu machen. Mittlerweile sind mehr als 400 Zeichnerinnen und Zeichner aus knapp 80 Ländern Mitglieder des Cartoon Movement. Zu ihnen gehört auch der Gründer von The Nib, Matt Bors.

Hieran zeigt sich sehr schön eines der Charakteristika des Comicjournalismus: Da es sich um eine Disziplin handelt, die sich kaum auf Veröffentlichungs- und Förderstrukturen stützen kann, ist die intradisziplinäre Zusammenarbeit umso wichtiger. So hat sich eine schlagkräftige internationale Allianz herausgebildet, die drei Ziele verfolgt: Erstens will sie Comicjournalismus als professionelle Disziplin etablieren. Zweitens bemüht sie sich, in der Comicszene Interesse an journalistischen Inhalten zu wecken. Drittens versucht sie, ein stetig wachsendes Publikum zu erreichen. Mit all diesen Ansätzen ist die Comicjournalismus-Allianz schon relativ erfolgreich. Auch in Deutschland könnte sie es sein, gäbe es hier mehr Initiativen in dem Bereich. Mit dem "Alphabet des Ankommens" ist ein erster Schritt getan.
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Autor: Lilian Pithan für bpb.de
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Fußnoten

1.
Christoph Schuler/Harsho Chattoraj: "Geisterjagd am Ganges", in: REPORTAGEN 35/2017, 42-63.
2.
Christoph Schuler et al.: "Reportagen", STRAPAZIN 115/2014.
3.
Joe Sacco: "Lust auf ein Manifest?", in: Reportagen. Den Haag / Palästina / Kaukasus / Irak / Malta / Indien, Edition Moderne 2013, S. 5.
4.
Sarah Glidden: Im Schatten des Krieges. Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei, Reprodukt 2016.

Lilian Pithan

Lilian Pithan

Lilian Pithan

Lilian Pithan arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Seit 2014 leitet sie regelmäßig internationale Reportageprojekte.


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