zurück 
15.3.2005

Flucht- und Zwangswanderungen in der Zwischenkriegszeit

In der Weimarer Republik sank die Zahl der ausländischen Arbeitsmigranten deutlich. Nach den Friedensverträgen gewannen gleichzeitig Zwangswanderungen (Flucht, Umsiedlung, Vertreibung) erheblich an Bedeutung: Mehr als zehn Millionen Menschen mussten nach den Friedensverträgen unfreiwillig die Grenzen überschreiten.

"Schutz des nationalen Arbeitsmarkts"



Der Erste Weltkrieg hatte mit seinem extremen Nationalismus die Ausgrenzung von Minderheiten und die Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit entscheidend gefördert. Für die weitere Entwicklung der Ausländerpolitik erwies sich er sich als Schrittmacher. Er erhöhte die Interventionskapazitäten des Staates in Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft deutlich, woraus sich erhebliche Rückwirkungen für die Migrationspolitik ergaben. Für die Ausländerbeschäftigung der Weimarer Republik blieb die weithin bruchlos aus dem kaiserlichen Deutschland übernommene ethnonational argumentierende antipolnische Ausländerpolitik konstitutiv.

Die Verhinderung der permanenten Ansiedlung war nach wie vor das Hauptziel der zuwanderungspolitischen Maßnahmen. Trotz des erheblichen Rückgangs der polnischen Minderheit im Reich nach dem Ersten Weltkrieg bildete das ethnonationale Schreckbild einer "Polonisierung" des preußischen Ostens immer noch die Basis der antipolnischen Ausländerpolitik. Sie verstand die Zuwanderung polnischer Arbeitskräfte ins Reich weiterhin als Gefahr für die innere und äußere Sicherheit, für Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Gesellschaft und Kultur Deutschlands. Zugleich aber wuchs die Bedeutung der Arbeitsmarktpolitik für die Ausländerbeschäftigung.

In der durch Wirtschaftskrisen geschüttelten Weimarer Republik hatte nunmehr die Formel vom "Schutz des nationalen Arbeitsmarkts" die Rede von der "Leutenot" in Industrie und Landwirtschaft abgelöst. Der Auf- und Ausbau einer flächendeckenden Arbeitsverwaltung war der wichtigste arbeitsmarkt- und sozialpolitische Modernisierungsbereich. Dabei wurden Arbeitsmarktbeobachtung, Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung miteinander verschränkt. Die weitreichende Entwicklung dieser modernen Arbeitsverwaltung schuf die Voraussetzungen für eine arbeitsmarktorientierte Ausländerpolitik.

Angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage in Deutschland galt als Vorgabe für die Ausländerpolitik ein klarer "Inländervorrang" auf dem Arbeitsmarkt. Ausländische Arbeitskräfte durften nur Ersatz- oder Zusatzfunktionen wahrnehmen. Dies entsprach auch Forderungen der deutschen Arbeiterbewegung, die bereits in der Vorkriegszeit entwickelt worden waren.

Vor dem Hintergrund der neuen politischen Macht von Gewerkschaften und Parteien der Arbeiterbewegung in der Anfangsphase der Weimarer Republik konnten sie durchgesetzt werden: So durften Ausländer ausschließlich unter den Bedingungen der für die einheimischen Arbeitskräfte gültigen Tarifverträge beschäftigt werden, um Lohndumping zu verhindern. Nach einer Übergangsphase, die durch die wirtschaftliche und personelle Demobilmachung geprägt war, wurde ab 1920 auf der Basis dieser Leitlinien die Ausländerbeschäftigung über ein zunehmend weiter ausdifferenziertes Instrumentarium geregelt und gesteuert.

Schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen und protektionistische Zuwanderungssteuerung wirkten zusammen auf den im Vergleich zur Vorkriegszeit massiven Rückgang der Ausländerbeschäftigung im Reich. In den 1920er-Jahren schwankte die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte im Reich zwischen 200.000 und 300.000. In der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre sank sie auf rund 100.000 ab. Das zunehmende Tempo der Wiederaufrüstung Deutschlands nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 ließ dann innerhalb weniger Jahre den Arbeitskräftemangel wieder zu einem zentralen Thema der Arbeitsmarktpolitik werden. Dennoch waren bis Mitte 1938 nur 375.000 ausländische Arbeitskräfte in der deutschen Industrie und Landwirtschaft beschäftigt.

Trotz des zunehmenden Arbeitskräftemangels blieb die Zuwanderungspolitik des nationalsozialistischen Regimes restriktiv. Das hatte vor allem wirtschafts- und devisenpolitische sowie politisch-ideologische Hintergründe: Zum einen galt die Beschäftigung von ausländischen Arbeitskräften als Problem, weil die Devisenlage des Reiches aufgrund der Rüstungsanstrengungen sehr angespannt war. Zum anderen verband sich aus der Sicht der radikal ethnonationalistischen und rassistischen nationalsozialistischen Weltanschauung mit der Ausländerbeschäftigung die Gefahr einer "Überfremdung" und die Gefährdung der "Blutreinheit" der deutschen Bevölkerung.

Zwangswanderungen in der Zwischenkriegszeit



Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und den Staatenbildungsprozessen in seiner Nachfolge gewannen in der Zwischenkriegszeit Zwangswanderungen (Flucht, Umsiedlung, Vertreibung) erheblich an Bedeutung. Die politischen Veränderungen durch die Friedensverträge ließen in Europa etwa zehn Millionen Menschen unfreiwillig die Grenzen überschreiten. Auch Deutschland war von solchen Bewegungen massiv betroffen. Bis Mitte der 1920er-Jahre wanderten ca. eine Million Menschen aus den abgetretenen Gebieten in das Rest-Reich zu. Es handelte sich um die größte unter allen Zuwanderungsbewegungen, die die Weimarer Republik zu bewältigen hatte.

Allein aus Elsass-Lothringen kamen 120.000-150.000 Menschen in das Rest-Reich, weitere 16.000 Zuwanderer stammten aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Noch wesentlich umfangreicher war die Zuwanderung aus den Ostgebieten des Reiches, die nach dem Versailler Vertrag an Polen abgetreten worden waren. Bis Mitte 1925 zählte das Statistische Reichsamt 850.000 deutsche "Grenzlandvertriebene" aus den polnischen Westgebieten. Hinzu kamen die etwa 120.000 "Deutschstämmigen", die in den Kriegs- und Nachkriegswirren zwischen 1917 und 1921/22 aus dem ehemaligen Zarenreich ins Reich gekommen waren. Allerdings suchten rund die Hälfte von ihnen den Weg weiter nach Übersee oder wanderten zu Tausenden wieder zurück nach Polen oder in die UdSSR.

Diese Abwanderung von "Deutschstämmigen" aus dem ehemaligen Zarenreich gehört in den Kontext der Massenflucht vor der Russischen Revolution, dem damit verbundenen Systemwechsel und dem russischen Bürgerkrieg mit seinen Millionen Opfern. Am Ende betraf die Flucht aus den Gebieten des ehemaligen Zarenreiches wahrscheinlich anderthalb Millionen Menschen. Die Weimarer Republik war zunächst eines der Hauptziele dieser Fluchtbewegung: Wahrscheinlich zu hoch liegenden Schätzungen zufolge hielten sich 1922 und 1923 rund 600.000 russische Flüchtlinge im Reichsgebiet auf. Rund 360.000 von ihnen sollen 1923 allein in Berlin Asyl gefunden haben.

Zentrum der russischen Emigration

Rasch setzten Weiterwanderungen ein. Nach 1923 sank die Zahl der russischen Flüchtlinge im Exilland Deutschland immer weiter ab bis auf 150.000 im Jahre 1925 und 100.000 im Jahr 1933. Zunächst hatte das "Russische Berlin" mit wichtigen kulturellen und politischen Funktionen das europäische Zentrum der Emigration gebildet. Doch mit der Abwanderung vieler Flüchtlinge aus Deutschland Mitte der 1920er-Jahre übernahm das "Russische Paris" diese Rolle und behielt sie bis zum Einmarsch der deutschen Truppen 1940. Frankreich, insbesondere Paris und die unmittelbar angrenzenden Departements, wurde vor allem auch deshalb zum wichtigsten Ziel für die russische Emigration, weil die französische Regierung eine offensive Einwanderungspolitik betrieb und die französische Wirtschaft Arbeitskräfte suchte.

Doch das Zentrum der russischen Emigration wanderte über den Atlantik weiter nach Westen: Nordamerika und insbesondere das "Russische New York" wurden immer häufiger Endziel der stufenweisen räumlichen Distanzierung von der russischen Heimat. Der Zweite Weltkrieg verlagerte das Zentrum der russischen Emigration endgültig in die USA mit dem politischen und kulturellen Schwergewicht auf New York. Nicht nur Probleme des Wohnungs- und Arbeitsmarkts waren nach 1923 Hintergrund für den Rückgang der Zahl russischer Flüchtlinge in Deutschland. Hinzu kam eine insgesamt sehr restriktive deutsche Integrationspolitik, die sich am Verbleib der russischen Flüchtlinge in Deutschland nicht interessiert zeigte und ihnen deshalb weder rechtliche noch wirtschaftliche Integrationshilfen bot.

Juden aus Mittel- und Osteuropa in der Weimarer Republik



Noch restriktiver war die Migrations- und Integrationspolitik der Weimarer Republik gegenüber ost- und ostmitteleuropäischen Juden. Im Kontext der Staatenbildungen in Ost- und Ostmitteleuropa war es in der unmittelbaren Nachkriegszeit vor dem Hintergrund tiefgreifender wirtschaftlicher, sozialer und politischer Krisen zu Pogromen und anderen gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden gekommen. Viele von ihnen suchten, oft illegal, den Weg über die weithin verschlossenen Grenzen in den Westen. Nach Deutschland kamen bis 1921 rund 70.000 asylsuchende Juden aus Ostmittel- und Osteuropa. Denjenigen, die die Grenzsperren überwunden hatten, wurde in Preußen anfangs noch Asyl gewährt. Aber in den Jahren 1919 bis 1923 verstärkten sich sowohl in Preußen als auch im übrigen Deutschland antisemitische Ausschreitungen exzessiv.

Es kam zu offener Gewalt (Straßenkrawalle, Überfälle, Geiselnahmen) gegen ost- und ostmitteleuropäische Juden. Die antijüdische Politik auf Reichs- und Länderebene verschärfte sich. In Bayern kulminierte der regierungsamtliche Antisemitismus 1923 in einer Internierungs- und Ausweisungswelle gegenüber ausländischen Juden. Auch in Preußen wurde die 1919 noch großzügige Asylgewährung immer mehr eingeschränkt. Die im Ersten Weltkrieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit deutlich angestiegene Zahl der ost- und ostmitteleuropäischen Juden sank rasch wieder. Das lag nicht nur an jenen Weiterwanderungen, die durch antisemitische Ausschreitungen motiviert waren. Hinzu kamen auch die zunehmend restriktivere, auf Nicht-Integration zielende Asylpolitik und die angespannte wirtschaftliche Lage der frühen Jahre der Weimarer Republik.

Prof. Dr. Jochen Oltmer

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln