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13.7.2017

Russlanddeutsche in Russland

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion siedelte die Mehrheit der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik aus. Einige Hunderttausend leben nach wie vor in der Russischen Föderation. Warum bleiben sie dort? Was ist in ihrem alltäglichen Leben wichtig? Welche Vorstellungen haben sie von Deutschland und von einer deutschen Kultur?

Bau von 50 Einfamilienhäusern für Russlanddeutsche, finanziert von der Bundesrepublik Deutschland in Strelna-Neudorf Strelna, Russland. (© picture-alliance)


Aktuell leben in der Russischen Föderation 394.000 Russlanddeutsche. Das ist um einiges weniger als zu Zeiten der Sowjetunion. Damals wurden dort mehr als zwei Millionen Deutsche gezählt, davon 842.000 in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) und 958.000 in der kasachischen Sowjetrepublik. Derzeit lebt der Großteil der Russlanddeutschen in Sibirien – hauptsächlich in der Oblast’ Omsk und im Altaigebiet. Dorthin waren sie freiwillig im Zuge der Kolonisierung der östlichen Peripherie des Russischen Reiches am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gezogen. Unter Zwang kamen Russlanddeutsche im Zuge der Deportationen unter Stalin im Jahr 1941 nach Sibirien. Im 20. Jahrhundert war die wechselvolle Geschichte der Russlanddeutschen dominiert von Repression, Diskriminierung, Autonomieverlust und der Zerstörung der Wolgadeutschen Republik.

Aktuelle Migrationen zwischen Russland und Deutschland



Es gab zahlreiche Gründe für die massenhaften Aussiedlungen von Russlanddeutschen nach Deutschland in den 1990er Jahren. Zu den grundlegenden Ursachen gehört erstens die schwere Wirtschaftskrise, die mit dem Zerfall der UdSSR einherging. Zweitens verweigerte die russische Regierung die Wiedererrichtung der Wolgadeutschen Republik sowie die volle Rehabilitierung der deutschen Bevölkerung.

Inzwischen ist der Zuzug der Russlanddeutschen nach Deutschland praktisch zum Erliegen gekommen. Neben denen, die ihre Herkunftsländer hinter sich gelassen haben, gibt es (in geringerem Umfang) jene Personen und Familien, die nach Russland zurückkehren und jene, die in zwei Ländern leben: Sie arbeiten, haben Eigentum (Wohnraum, Unternehmen, Landwirtschaft, Dienstleistungsbranche) oder absolvieren ihre Ausbildung sowohl in Russland als auch in Deutschland. Heute kann man sagen, dass alle, die aussiedeln wollten, es bereits getan haben. Die Migrationsbewegungen zwischen Russland und Deutschland haben sich einander angenähert. Die Differenz zwischen den Fortzügen aus Russland nach Deutschland und den Zuzügen aus Deutschland nach Russland hat sich in den vergangenen knapp 20 Jahren stark verringert. Entsprechend den Zahlen von Rosstat beläuft sich die Differenz in den Jahren 2010 bis 2014 auf nur noch zwischen ca. 200 und ca. 1.000 Personen. 2005 betrug sie noch über 18.000 Personen. In jedem Fall erweisen sich diese Migrationen als nicht so umfangreich, wie noch vor 20 Jahren.

Migrationen zwischen Russland und Deutschland

in Personen

2000 2005 2010 2011 2012 2013 2014
Zuzüge in die Russische Föderation aus der Bundesrepublik Deutschland1.7533.0252.6212.6214.2394.1663.727
Fortzüge aus der Russischen Föderation in die Bundesrepublik Deutschland40.44321.4583.7253.8153.7813.9794.780
Wanderungssaldo zwischen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland-38.690-18.433-1.104705458187-1.053

Quelle: Föderaler Dienst für staatliche Statistik, Rosstat


Gründe für den Verbleib in Russland



Ebenso wie es nicht nur einen Grund für die Aussiedlung von Russlanddeutschen gibt, gibt es auch nicht bloß den einen Grund für den Verbleib einer großen Zahl von Deutschen in Russland, die nicht planen, nach Deutschland auszureisen.

Der erste Grund besteht darin, dass die wirtschaftliche und soziale Katastrophe, die Russland in den 1990er Jahren durchlebte, der Vergangenheit angehört. Russland weist eine geringe Arbeitslosigkeit sowie niedrige Miet- und Immobilienpreise auf (mit Ausnahme Moskaus, wo insgesamt 5.000 Deutsche leben). Der durchschnittliche Lebensstandard in Deutschland ist zweifellos höher, doch für die Mehrheit der Migranten schwer erreichbar.

Zweitens sieht weiterhin eine große Anzahl von Russlanddeutschen ihre Chancen vornehmlich in einem Leben in der Russischen Föderation. Unter ihnen gibt es z.B. Bankiers und Unternehmer, Gouverneure, Kunst- und Kulturschaffende. Es gibt russlanddeutsche Rektoren großer Universitäten, Professoren, Museums-, Betriebsleiter und Unternehmensdirektoren oder erfolgreiche Landwirte. Personen, die sich einen Namen gemacht, sich etabliert haben und eine hohe Stellung in Russland einnehmen, zieht es nicht nach Deutschland. Einige erwägen eine Emigration, jedoch erst dann, wenn sie in Rente gehen. Viele haben Kinder und Enkelkinder in Deutschland und ziehen dann zu ihnen. Darüber hinaus ist das Gesundheitssystem in Deutschland besser als in Russland und es gibt diverse soziale Programme für ältere Menschen: häusliche Pflegehelfer, Seniorengemeinschaften, ein entwickeltes Sozialversicherungssystem.

Ein weiterer Grund für den Verbleib in Russland sind Familienbeziehungen und persönliche Verhältnisse. Russlanddeutsche schlossen schon immer auch Ehen mit Nicht-Deutschen. Im familiären Umfeld der Russlanddeutschen spiegelt sich das gesamte ethnische Mosaik Russlands wider, wo mehr als 150 Ethnien leben. Ein Teil der Verwandten wäre nicht berechtigt, nach Deutschland zu ziehen.

Registrierungen/Verteilungen von (Spät-)Aussiedlern und ihren Angehörigen in der Bundesrepublik Deutschland

2000 2005 2010 2011 2012 2013 2014 2015
94.55835.3962.2972.0921.7822.3865.6136.096

Quelle: Bundesverwaltungsamt


Lebensentwürfe von Russlanddeutschen



Heterogenität kennzeichnet die Deutschen in Russland. Das gilt nicht nur hinsichtlich des Wohnortes, des sozialen Status und des Einkommens. Ein großer Unterschied besteht in ihrem Bezug auf eine deutsche Identität. Im Gegensatz zur UdSSR wird in Russland die Nationalität, d.h. die ethnische Zugehörigkeit, nicht mehr in Ausweispapieren erfasst. Welcher Nationalität sich ein Mensch zugehörig fühlt, ist seine Privatsache. Diese wird lediglich bei den Volkszählungen für die Statistik erfasst. Bei den eingangs genannten 394.000 Deutschen handelt es sich daher um Personen, die sich bei der letzten Volkszählung im Jahr 2010 als Deutsche bezeichneten. Unter ihnen gibt es Russlanddeutsche, die in größeren Städten leben und einen urbanen Lebensstil führen. Sie fühlen sich in verschiedenen Ländern der Welt wohl und sprechen mehrere Sprachen, doch nicht unbedingt Deutsch.

Auf der anderen Seite haben sich in einigen Dörfern in Sibirien relativ eng geschlossene deutsche Religionsgemeinschaften bewahrt. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Baptisten, Mennoniten und andere protestantische Glaubensrichtungen. Diese Menschen behalten ihre traditionellen Ansichten bei, feiern deutsche Feste und sprechen deutsche Dialekte. Sie verfügen über ein Wertesystem, das sie nicht nur von der Bevölkerung im Umfeld unterscheidet, sondern auch wenig Bezug zum Leben in Deutschland hat. Manche religiösen Aussiedler sind deswegen nach Russland zurückgekehrt. Dabei handelt es sich um Einzelfälle. Es gibt wenige solcher Gemeinden. Sie lehnen beispielsweise Sexualkundeunterricht in der Schule, Abtreibungen und Verhütung kategorisch ab, sehen nicht fern und sind intolerant gegenüber Minderheiten. Dabei handelt es sich um christlichen Fundamentalismus.

Einige Russlanddeutsche sehen sich als "Beinahe-Russen" mit deutschen Wurzeln und Nachnamen. An Feiertagen oder wenn sie sich mit in Deutschland lebenden Verwandten unterhalten (nahezu jeder, wenn nicht alle haben Verwandte in Deutschland), erinnern sie sich daran, dass sie einen Bezug zu Deutschland haben. Wie wichtig ist es für Russlanddeutsche, Deutsch zu bleiben?

Deutsche Kultur in Russland



In Nowosibirsk besprechen Redakteure der Zeitschrift Sibirische Zeitung Plus den Inhalt der nächsten Ausgabe. (© picture-alliance/dpa)

Mit dem Erhalt einer deutschen Kultur in Russland beschäftigen sich heute zivilgesellschaftliche Organisationen und deutsche Kulturzentren, die mit bundesdeutscher Unterstützung gegründet wurden und wirken können. Diese gibt es nicht nur in Großstädten, sondern sogar in den entlegenen Ortschaften. Eine wichtige Rolle bei der Organisation dieser Tätigkeiten spielt der Internationale Verband der Deutschen Kultur (IVDK). Unter anderem organisiert dieser Verband Sprachkurse für Russlanddeutsche. Als wir Menschen befragten, weshalb sie diese Zentren besuchten und die deutsche Sprache lernten, antwortete die Mehrheit, es handele sich um die Sprache der Vorfahren. Sie zu lernen, sei ein Ausdruck der Hochachtung gegenüber der Familie. Außerdem sähen sie sich als Deutsche, daher sei der Wunsch selbstverständlich, die deutsche Sprache lernen zu wollen. Die Kurse werden außerdem von Personen besucht, die vorhaben, nach Deutschland auszuwandern – sei es für immer zu den Verwandten, sei es auf Zeit, um z.B. ein Unternehmen zu gründen oder eine Ausbildung zu machen.

Vorstellungen von Deutschland



Die Vorstellungen der Russlanddeutschen von Deutschland sind in vielerlei Hinsicht stereotyp: Deutschland gilt als ein Land mit einem sehr hohen Lebensstandard, mit hochentwickelter Technologie, das Land der besten Autos, der Sauberkeit und der Ordnung, der Disziplin und der Einhaltung von Gesetzen, einer hervorragenden Bildung und Medizin. Für viele ist es ein sehr fernes Land.

Es darf jedoch nicht verallgemeinert werden. Vorstellungen über Deutschland sind individuell, sie hängen von ganz unterschiedlichen Faktoren ab: War die Person schon einmal dort oder kennt sie das Land nur von Erzählungen, aus dem Fernsehen? Je nachdem, ob die Person in Ost- oder Westdeutschland, im Norden oder in Bayern war, wird sie unterschiedliche Eindrücke gewonnen haben. Weitere Faktoren sind, wie sich die Verwandten in Deutschland eingerichtet haben und welche Werte für die Person wichtig sind. In erster Linie interessieren sich Russlanddeutsche für ihre Alltagsfragen, nicht für ihre ethnische Zugehörigkeit.

Aus dem Russischen übersetzt von Anna Flack, Redaktion focus Migration.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Russlanddeutsche.

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Autor: Tatjana Smirnova für bpb.de
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Tatjana Smirnova

Zur Person

Tatjana Smirnova

Prof. Dr. phil., Lehrstuhl für Ethnologie und Anthropologie der Staatlichen F. M. Dostojevskij-Universität Omsk, Prorektorin für Lehre, stellvertretende Vorsitzende der Internationalen Assoziation der Forscher der russlanddeutschen Geschichte und Kultur.


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