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22.12.2017

Rücküberweisungen und ihr Beitrag zur Entwicklung in den Herkunftsländern

Den Vereinten Nationen zufolge gibt es im Jahr 2017 weltweit über 250 Millionen internationale Migranten. Viele von ihnen zieht es aus wirtschaftlichen Motiven in andere Länder. Internationale Migration ist meist der effektivste Weg für Menschen aus Entwicklungsländern, ihr Einkommen stark zu verbessern. Insbesondere, wenn große Teile der Familie im Herkunftsland zurückbleiben, senden Migranten Geld oder Güter in ihre Herkunftsländer.

Büro des amerikanischen Bargeldtransferanbieters Western Union in Makeni/Sierra Leone. Weltweit übertreffen die Rücküberweisungen von Migrantinnen und Migranten an ihre in den Herkunftsländern verbliebenen Familienmitglieder die offizielle Entwicklungshilfe um ein Dreifaches. (© picture-alliance/dpa)


Die weltweit beobachteten Rücküberweisungen (Englisch: remittances) betrugen 2015 etwa 600 Milliarden US-Dollar. Hinzu kommen erhebliche Zahlungen mittels informeller Kanäle wie dem Hawala-System[1], die nur schwer messbar und daher nicht genau zu quantifizieren sind. Mindestens 440 Milliarden US-Dollar an Rücküberweisungen flossen in Entwicklungsländer.

Die größten Summen wurden nach Indien, China, in die Philippinen, Mexiko und geschickt. Dies liegt unter anderem daran, dass diese Länder eine hohe absolute Zahl von Emigranten haben, Indien und Mexiko jeweils geschätzte 13 Millionen. Anteilig an der Wirtschaftsleistung spielen Rücküberweisungen jedoch in kleineren Ländern, aus denen ein großer Anteil der Erwachsenenbevölkerung emigriert, eine entscheidendere Rolle. In Tadschikistan, Kirgistan, Nepal, Tonga und Moldawien machen Rücküberweisungen sogar mehr als 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus.[2]

Die umfangreichsten Rücküberweisungen erfolgen zumeist aus großen oder besonders wohlhabenden Volkswirtschaften, in denen viele Arbeitsmigranten leben. So liegen die USA deutlich vor den darauf folgenden Ländern Russland, Schweiz, Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Warum Rücküberweisungen?



Ein zentrales Motiv für Rücküberweisungen ist die Verbesserung der Einkommenssituation der eigenen Familie in Höhe und Stabilität. Letzteres gilt insbesondere für ländliche Haushalte in agrarisch geprägten Entwicklungsländern, die sowohl von an die Erntezeit gekoppelten Einkommen als auch von jährlichen Einkommensschwankungen (z.B. durch Dürren) abhängig sind. Um höhere Einkommen oder finanzielle Sicherheit zu erzielen, kann schon eine Migration innerhalb des eigenen Landes, zum Beispiel in die nächste Stadt, ausreichen. Solche internen Rücküberweisungen sind in den oben genannten Zahlen nicht enthalten. Der stete Zufluss von Einkommen aus Rücküberweisungen sorgt dafür, dass der Konsum essenzieller Güter wie Nahrung oder Kleidung, aber auch Bildungsausgaben nicht mehr an Unwägbarkeiten, wie den Ernteerfolg, geknüpft ist. Dies kommt einer Versicherung gleich und lässt sich beispielhaft nach Naturkatastrophen beobachten, wenn die an den betroffenen Ort gesendeten Rücküberweisungen typischerweise ansteigen[3].

Migranten sind dabei vor allem am Wohl der Empfänger ihrer Transfers interessiert. Es gibt aber auch weitere Motive für Rücküberweisungen: Beispielsweise können Migranten damit ein Familienmitglied, das zur Pflege der Eltern am Herkunftsort zurückbleibt, für seine Tätigkeit entlohnen.

Sind Haushalte nicht in der Lage, die Migration mehrerer Familienmitglieder zu finanzieren, so wird oft in den Weggang des am besten geeignet erscheinenden Familienmitglieds investiert. Rücküberweisungen stellen dann einen Investitionsertrag dar und Zahlungen werden unter anderem genutzt, um Schulden abzubezahlen, die zur Finanzierung der Migration aufgenommen wurden.

Effekte von Rücküberweisungen



Nicht nur die Motive finanzieller Rücküberweisungen sind vielfältig, sondern auch ihre Wirkungen. Rücküberweisungen reduzieren Armut und ermöglichen so beispielsweise Kindern einen längeren Schulbesuch.[4] Sie können das fehlende Startkapital für eine unternehmerische Tätigkeit im Herkunftsland bilden und dann im Idealfall sogar zur Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen.[5] Rücküberweisungen verbessern somit in erster Linie die Situation der Familien der Migranten, vor allem im Vergleich zu Familien, die keine Geldtransfers aus dem Ausland erhalten. Rücküberweisungen können daher dazu beitragen, dass die Ungleichheit innerhalb der Gemeinschaft wächst, vor allem dann, wenn nicht hauptsächlich die ärmeren Teile der Bevölkerung migrieren (die eine Abwanderung häufig erst gar nicht finanzieren können und dementsprechend auch nicht von Rücküberweisungen profitieren). Global gesehen nimmt Ungleichheit zwischen Ländern aber durch Rücküberweisungen ab.

In vielen Entwicklungsländern, in denen finanzielle Mittel der öffentlichen Hand extrem knapp sind, gibt es Gruppen von Migranten, die gemeinsam und oft sogar in Vereinigungen organisiert für bestimmte Zwecke Zahlungen in ihre Herkunftsorte oder -regionen leisten. Derartige kollektive Rücküberweisungen dienen üblicherweise der Verbesserung lokaler öffentlicher Güter, insbesondere lokaler Infrastruktur, wie z.B. Schulen oder auch religiöser Gebäude.[6] So kann neben den Familien der Migranten ein breiterer Kreis potenzieller Begünstigter auch direkt von Rücküberweisungen profitieren. Ungleichheit im Zugang zu einigen öffentlichen Gütern kann so reduziert werden, doch die Nachhaltigkeit einer Finanzierung durch kollektive Rücküberweisungen ist nicht immer gegeben.

Neben finanziellen Rücküberweisungen gibt es auch sogenannte soziale Rücküberweisungen, die sich auf die Herkunftsländer auswirken. Durch neue Erfahrungen im Ausland können sich Informationen, Wissen, Ansichten und Werte von Migranten verändern. Bei einer Rückkehr ins Herkunftsland oder auch durch den Kontakt mit Familie und Freunden ist es möglich, dass dies einen politischen und sozialen Wandel in den Heimatgemeinden von Migranten auslöst. So kann Migration beispielsweise Korruption verringern, die politische Teilhabe fördern oder politischen Wandel begünstigen.[7] Auch das Familienbild, das Bild der Frau und die erwünschte Kinderzahl werden so in manchen Fällen beeinflusst.[8] Studien zeigen, dass Migration und Rücküberweisungen so zu einem langfristigen gesellschaftlichen Wandel beitragen.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Migration und Entwicklung.

Zum Thema

Literatur



Barsbai, T./Rapoport, H./Steinmayr, A./Trebesch, C. (2017): The Effect of Labor Migration on the Diffusion of Democracy: Evidence from a Former Soviet Republic. American Economic Journal: Applied Economics, Jg. 9, Nr. 3, S.36-69.

Beine, M./Docquier, F./Schiff, M. (2013): International Migration, Transfer of Norms, and Home Country Fertility. Canadian Journal of Economics, Jg. 46, Nr. 4, S. 1406-1430.

Chauvet, L./Gubert, F./Mercier, M./Mesplé-Somps, S. (2015): Migrants' Home Town Associations and Local Development in Mali. Scandinavian Journal of Economics, Jg. 117, S. 686–722.

Gröger, A./Zylberberg, Y. (2016): Internal Labor Migration as a Shock Coping Strategy: Evidence from a Typhoon. American Economic Journal: Applied Economics, Jg. 8, Nr. 2, S. 123-153.

Höckel, L./Santos Silva, M./Stöhr, T. (im Erscheinen): Can Parental Migration Reduce Petty Corruption in Education? World Bank Economic Review.

World Bank Group (2016): Migration and Remittances Factbook 2016, Third Edition. Washington, DC: World Bank. Abrufbar unter: https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/23743 (Zugriff: 3.7.2017).

Yang, D. (2008): International Migration, Remittances and Household Investment: Evidence from Philippine Migrants’ Exchange Rate Shocks. The Economic Journal, Jg. 118, S. 591–630.
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Autor: Tobias Stöhr für bpb.de
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Fußnoten

1.
Das Hawala-System ist ein auf Vertrauen basierendes, sehr altes Verfahren zur Geldüberweisung. Statt physisch oder elektronisch Geld über Grenzen hinweg zu senden, wird aus Land A eine Nachricht an einen Mittelsmann in Land B übermittelt, der in Erwartung zukünftiger Geschäfte in Gegenrichtung eine Auszahlung an beispielsweise die Familie eines Migranten macht.
2.
Alle hier genannten Statistiken aus dem Migration and Remittances Factbook 2016.
3.
Siehe beispielsweise Gröger/Zylberberg (2016).
4.
Siehe beispielsweise Yang (2008).
5.
Siehe beispielsweise Woodruff/Zenteno (2007).
6.
Für den Fall Malis untersucht von Chauvet et al. (2015).
7.
Siehe beispielsweise Höckel et al. (im Erscheinen) und Barsbai et al. (2017).
8.
Siehe beispielsweise Beine et al. (2013).

Tobias Stöhr

Tobias Stöhr

Dr. Tobias Stöhr ist Senior Researcher in der Entwicklungsforschungsabteilung am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Der studierte Volkswirt und Entwicklungsökonom forscht unter anderem zu den Effekten von Migration auf Migranten und Herkunftsländer.


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