zurück 26.1.2018

Diaspora als Impulsgeberin für Entwicklung

Die globale Mobilität von Ideen und Menschen sowie neue Technologien haben dazu beigetragen, dass Migrantinnen und Migranten dauerhafte Verbindungen zu mehreren Ländern aufrecht erhalten können. Das Wissen, die Fertigkeiten, Werte und Ressourcen, über die Migrantinnen und Migranten verfügen, können sie zu strategischen Mitgestaltenden von Entwicklungsprozessen machen.

Mexikanische Studentin an einer US-Universität: Gebiete mit einer hohen Konzentration von Migrantinnen und Migranten schneiden auf Innovationsindizes tendenziell besser ab, beispielsweise durch eine höhere Zahl an Patenten, die in diesen Gebieten angemeldet wird. (© picture-alliance/AP)


Dieser Beitrag bietet einen Überblick über die Beiträge, die Migrantengruppen – Diaspora – für Entwicklungsprozesse leisten können. Solch ein Forschungsgebiet ist komplex und von Natur aus multilokal und multidisziplinär. Der Beitrag fasst die wesentlichen Überlegungen im Themenkomplex Diaspora und Entwicklung zusammen.

Wichtige Begriffe

Um zu verstehen, wie Diaspora und Entwicklung miteinander verknüpft sind, ist es wichtig, zunächst zu definieren, was Entwicklung bedeutet. Allgemein versteht man unter Entwicklung eine Verbesserung oder Weiterentwicklung. Grundsätzlich meint der Begriff eine Veränderung zwischen zwei oder mehr Bezugspunkten. Wie in dieser breiten Definition bereits angedeutet, sollte Entwicklung verstanden werden als 1) Prozess positiver Veränderung, 2) als die Stufen oder Einheiten der Veränderung zwischen zwei Bezugspunkten und 3) als ein Endzustand.

Die Entwicklung von Ländern, Regionen oder Gesellschaften kann auf verschiedene Arten gemessen werden, die sich nach den unterschiedlichen Vorstellungen von Fortschritt richten. Eine bedeutende Art und Weise Entwicklung zu beurteilen, ist der Blick auf das Wirtschaftswachstum. Wirtschaftliche Entwicklung kann mit Indikatoren gemessen werden wie dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder dem Bruttonationaleinkommen (BNE), die eine Vorstellung von der Gesamtproduktion einer Wirtschaft und individuellen Erträgen schaffen.

Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat sich das Verständnis von und haben sich Diskussionen über Entwicklung wegbewegt von wirtschaftlicher Entwicklung als einziger oder hauptsächlicher Dimension von Entwicklung. Stattdessen wurde die menschliche Entwicklung stärker betont. Innerhalb des Paradigmas menschlicher Entwicklung, wird Entwicklung als multidimensional begriffen. Entwicklung umfasst damit nicht nur wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch Verbesserungen in Bereichen wie Gesundheit und Humankapital. Die Perspektive der menschlichen Entwicklung betont die Bereicherung und Verbesserung der Lebensqualität eines jeden Einzelnen, zum Teil basierend auf den Möglichkeiten und Fähigkeiten, die die für ihn oder sie persönlich wichtig sind.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) ist ein prominenter Verfechter der Perspektive menschlicher Entwicklung, insbesondere durch den Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, HDI). Dabei handelt es sich um ein Instrument, das Länder danach einstuft, welche Entwicklungsergebnisse sie erreicht haben. Der HDI bezieht drei Dimensionen von Entwicklung ein: körperliche Gesundheit (gemessen anhand der Lebenserwartung bei der Geburt), Humankapital (gemessen anhand der vorgesehenen und tatsächlich durchschnittlich absolvierten Schuljahre) und finanzielles Kapital (gemessen anhand des Pro-Kopf-Bruttonationaleinkommens).

Je nachdem, wie "Entwicklung" definiert wird, kann man unterschiedliche, strategische Rollen für Migrantinnen und Migranten bzw. Diaspora als Entwicklungsakteure ausmachen. Wird Entwicklung ausschließlich als Wachstum des Bruttoinlandsproduktes definiert, ein Indikator der Makro-Ebene, scheint die Rolle eines einzelnen Migranten bzw. einer einzelnen Migrantin oder gar einer Diaspora-Gruppe nicht sehr bedeutsam. Wird Entwicklung hingegen als Ausbau von Humankapital verstanden, scheinen die Beiträge eines einzelnen Individuums wirkungsvoller.

Ein weiterer wichtiger Begriff ist Diaspora. Er wird sowohl in der akademischen als auch angewandten Literatur kontrovers diskutiert. In zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen meint Diaspora eine Gruppe von Migrantinnen und Migranten, die sich durch Charakteristika auszeichnen wie zum Beispiel eine geteilte Herkunft der Vorfahren, einen kollektiven Mythos über das Heimatland oder die Vergangenheit, ein geteiltes Gruppenbewusstsein und Engagement für den Schutz und die Verbesserung der Situation der Gruppe sowie das Bekenntnis (temporär) zum Herkunfts- oder Abstammungsort zurückkehren zu wollen. In älteren Definitionen des Begriffs entstand eine Diaspora durch eine traumatische Vertreibung und Zerstreuung einer Bevölkerung aus dem Heimatland (der Vorfahren), beispielsweise durch erzwungene Umsiedlung (wie im Fall von Afrikanerinnen und Afrikanern, die durch den Sklavenhandel verschleppt wurden) oder Zwangsmigration veranlasst durch Völkermord oder gewaltsamen Konflikt. Entsprechend dieser Vorstellung gilt die jüdische Diaspora als prototypische Diaspora. In neueren Begriffsdefinitionen wird die erzwungene Zerstreuung nicht mehr als kennzeichnendes Ereignis verstanden, das die Identität einer Diaspora prägt. Stattdessen wird der Begriff verwendet, um eine Bevölkerung zu beschreiben, die sich auf mindestens zwei Länder außerhalb des Herkunftslandes verteilt.

Im politischen Diskurs und im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Diaspora synonym für jedwede Migrantengruppe verwendet, die sich durch ein Bündel bestimmter Merkmale auszeichnet. Zum Beispiel ist die Rede von der "indischen Diaspora". Sie umfasst alle im Ausland lebenden Inder_innen (und Indienstämmigen), unabhängig ihrer eigenen Identifikation mit und ihres Engagements für eine kollektive Gruppenidentität. In einigen Fällen mag der Begriff auch verwendet werden, um eine Bevölkerung zu kennzeichnen, die beispielsweise durch die Beteiligung in einem Verein oder einer Organisation, die sich um eine Gruppenidentität formt, kollektiv mobilisiert wird.

In diesem Beitrag bezieht sich der Begriff Diaspora auf jede Migrantenbevölkerung, eingeschlossen der ersten Migrantengeneration und ihrer Nachkommen, die nicht länger als "Migrantinnen und Migranten" bezeichnet werden sollten, da sie selbst keine eigene Migrationserfahrung besitzen. Sollte die Literatur, auf die sich dieser Beitrag stützt, eine bestimmte Bevölkerung als Diaspora verstehen, wird dies im Text angezeigt.

Innerhalb des Feldes der Migrationsstudien wird zunehmend der Begriff des transnationalen Migranten verwendet. Dieser bezeichnet ein Individuum, das Beziehungen sowohl zum Herkunfts- als auch zum Aufenthaltsland pflegt, beispielsweise durch soziale Netzwerke, zivilgesellschaftliche und politische Partizipation (z.B. Teilnahme an Wahlen), durch finanzielle Zuwendungen (z.B. Remittances) und andere grenzüberschreitende Aktivitäten. In zahlreichen Veröffentlichungen werden transnationale Migrantinnen und Migranten aufgrund ihrer Vertrautheit mit und ihres Engagements in mehreren Gesellschaften als am besten positionierte Akteure betrachtet, um Entwicklung zu fördern.

Beiträge der Diaspora zur Entwicklung des Herkunftslandes

Liegt ein einheitliches Verständnis von "Entwicklung" und "Diaspora" vor, ist es leichter zu verstehen, wie und unter welchen Bedingungen Diaspora-Gruppen zur Entwicklung beitragen können. In Übereinstimmung mit der oben dargestellten multidemensionalen Natur von Entwicklung, unterscheidet dieser Beitrag zwischen sozialer, wirtschaftlicher und politischer Entwicklung.

Im Bereich der sozialen Entwicklung können Mitglieder der Diaspora durch den Transfer sozialer Rücküberweisungen (social remittances) zur Weiterentwicklung von Wissen und Normen beitragen. Bei sozialen Rücküberweisungen handelt es sich um Normen, Werte, Einstellungen und "Arten des Tuns und Seins", die Migrantinnen und Migranten in ihre Herkunftsländer "schicken". Solche sozialen Rücküberweisungen können Innovationen widerspiegeln – zum Beispiel die Art und Weise, wie etwas produziert oder eine Dienstleistung ausgeführt wird – oder sie signalisieren sich verändernde Einstellungen zu Themen wie Gleichstellung, sexuelle und reproduktive Gesundheit oder Schutz von Freiheitsrechten, um nur einige Beispiele zu nennen. Wenn Diaspora-Mitglieder neue Perspektiven mit denjenigen teilen, die im Herkunftsland verblieben sind, können sich im Laufe der Zeit subtile Veränderungen der Wertvorstellungen dieser Menschen ergeben. So unterstützt die Diaspora häufig allmählichen sozialen Wandel.

Neben dem subtilen Einfluss auf individuelle Werte, können Mitglieder der Diaspora das Wissen und die Fähigkeiten, die sie im Ausland erworben haben, nutzen, um durch Wissensnetzwerke direkt zur Entwicklung beizutragen. Einige transnationale oder Diaspora-Netzwerke haben sich explizit auf der Basis von Wissen und Expertise organisiert. Ein Beispiel sind die "Indus Entrepreneurs", eine Diaspora-Organisation, die die indische, pakistanische und bangladeschische sowie andere Diaspora-Gruppen aus der Region des Indus-Flusses dazu ermutigt, mit den im Ausland erworbenen Fähigkeiten und sozialen Netzwerken "zu Hause" Unternehmensentwicklung und Wachstum zu fördern. Ein weiteres Beispiel ist die "Nigerians in Diaspora Organization Europe" (NIDOE), eine Dachorganisation für Nigerianer, die in Europa leben. Sie bietet eine Plattform für Mitglieder der nigerianischen Diaspora, die bereit sind, mit spezifischen Fertigkeiten zu Nigerias Entwicklung beizutragen und im Rahmen von Entwicklungsaktivitäten im Herkunftsland (ihrer Vorfahren) zusammenzuarbeiten. Diese Diaspora-Netzwerke unterstützen Migrantinnen und Migranten dabei, gemeinsame Beiträge für ihr Herkunftsland zu leisten und sie bieten eine Struktur, um die Fähigkeiten und das Wissen ihrer Mitglieder zu mobilisieren.

Im wirtschaftlichen Bereich gibt es sowohl direkte als auch indirekte Wege, wie die Diaspora zu Entwicklung beitragen kann. Die Mobilität von Humankapital ist ein Beispiel für einen indirekten Weg. Wenn Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus und fachlichen Kompetenzen mobil sind, können sie dazu beitragen, dass das Angebot an und die Nachfrage nach bestimmten Fähigkeiten sowohl auf dem inländischen als auch auf dem ausländischen Arbeitsmarkt besser abgestimmt werden. Für einige qualifizierte Migrantinnen und Migranten, die auf dem lokalen Arbeitsmarkt keine ihren Qualifikationen entsprechenden Arbeitsplätze finden können, kann eine Migration und die anschließende Beschäftigung auf dem "richtigen" Qualifikationsniveau (mit besseren Löhnen) im Ausland zu einer höheren Bildungsrendite führen.

Der Transfer von finanziellen Rücküberweisungen, also das Geld, das ein Migrant oder eine Migrantin an andere Mitglieder seines/ihres sozialen Netzwerks schickt, stellen einen direkteren Weg dar, wie die Diaspora zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen kann. Zahlreiche Studien, einschließlich einer Untersuchung der Weltbank von elf lateinamerikanischen Ländern, haben gezeigt, wie der Empfang von Rücküberweisungen die Anzahl der von Armut und Härten betroffenen Individuen reduzieren kann. Für viele Empfänger stellen Rücküberweisungen vorhersehbare und regelmäßige Geldzahlungen dar, die bestehende Einkommensquellen ergänzen und diversifizieren. In vielen Kontexten wirken Rücküberweisungen als informelle soziale Sicherung. Sie helfen Haushalten, ihren Konsum über die Zeit zu glätten, indem sie es ihnen nicht nur ermöglichen, ihre Widerstandsfähigkeit gegen Einkommenseinbrüche zu erhöhen, sondern sich auch von Einkommensschocks zu erholen. Während oder unmittelbar im Anschluss an Umweltkrisen oder politische Krisen nehmen Rücküberweisungen tendenziell zu, damit die Empfänger sich schneller von der Krise erholen können, oder um sie zu schützen. Rücküberweisungen werden oft als antizyklisch beschrieben: So können sie in den Momenten ihren Höchststand erreichen, wenn andere Formen des Devisenhandels, wie ausländische Direktinvestitionen, abnehmen.

Auf der Meso- oder Makroebene kann die Diaspora zu robusteren Arbeitsmärkten beitragen. Mitglieder der Diaspora sind eher als ausländische Investorinnen und Investoren bereit, in einem weniger stabilen wirtschaftlichen oder politischen Umfeld ein Unternehmen zu gründen oder in ein solches zu investieren. Diaspora-Mitglieder wissen wahrscheinlich mehr über die lokalen Gegebenheiten und haben vor Ort Netzwerke, die ihnen helfen können, die regulatorischen Rahmenbedingungen zu verstehen. So gelingt es ihnen auch besser, Marktlücken zu entdecken, die mit innovativen Unternehmen besetzt werden können. Unternehmer_innen sowie Investorinnen und Investoren aus der Diaspora können selbst Unternehmen gründen oder zur Gründung von Unternehmen beitragen, die Arbeitsplätze schaffen. Dies kann die lokalen Wirtschaften unterstützen, indem Arbeitslosigkeit abgebaut wird. Geschäfte, die durch die Diaspora unterstützt werden, insbesondere solche Unternehmen, die transnational agieren, können Handelsflüsse zwischen Aufenthalts- und Herkunftsland stärken.

Die Beiträge, die Diaspora-Mitglieder zur Entwicklung im politischen Bereich leisten können, sind ähnlich vielfältig. Die Rolle der Diaspora bei der Unterstützung von Veränderungen politischer Steuerung, insbesondere in konflikthaften Umgebungen oder im Anschluss an Konflikte, ist gut dokumentiert. Es lässt sich nachweisen, dass die Diaspora zu Friedensverhandlungen und politischen Agenden nach der Beilegung von Konflikten beigetragen hat und zwar in so unterschiedlichen Kontexten wie Afghanistan, Burundi, Nepal, Somalia und Sudan. Diaspora-Gruppen haben als Vermittler zwischen Konfliktparteien gewirkt, den Dialog mit internationalen Mediatoren gefördert, Komponenten vorgeschlagen, die in Friedensvereinbarungen aufgenommen wurden und deren Umsetzung unterstützt. Die Diaspora kann ein Land auch dazu ermutigen, Übergangsregelungen im Bereich der Justiz einzuführen oder auszuweiten, wie Friedens- und Versöhnungsprozesse, die die Aufdeckung von Verbrechen aus der Vergangenheit begünstigen und dazu beitragen zwischen den unterschiedlichen Akteuren (wieder) Vertrauen herzustellen. Mitglieder der Diaspora, einschließlich Flüchtlinge, waren Befürworter einer Übergangsjustiz in Ländern wie Irak, Kenia, Liberia und Simbabwe.

Die Diaspora kann dabei helfen, politische Systeme wiederzubeleben, durch eine direkte oder indirekte Beteiligung an Wahlen und in politischen Systemen. Historisch haben ehemalige Diaspora-Mitglieder bedeutende Rollen in Regierungssystemen eingenommen. Das bekannteste Beispiel ist vermutlich Mahatma Gandhi, dessen Rückkehr aus dem Ausland (nach einem Aufenthalt von 21 Jahren in Südafrika, wo er als Anwalt arbeitete) politische Umbrüche in Gang setzte. Viele moderne Regierungen beinhalten ehemalige Diaspora-Mitglieder, die maßgeblich deswegen in ihre Herkunftsland zurückgekehrt sind, um dort in politischen Institutionen zu wirken. Im Jahr 2011 bestanden beispielsweise alle lokalen Regierungen Somalias zu mindestens einem Drittel aus ehemaligen Diaspora-Mitgliedern. In den Kurdengebieten im Irak waren 2013 rund 50 Prozent der Ministerinnen und Minister aus der Diaspora. 75 Prozent der Mitglieder des Interimskabinetts von Hamid Karzai in Afghanistan hatten vorher im Ausland gelebt. Die Diaspora kann zudem durch die Beteiligung an Wahlen aus dem Ausland eine wichtige Rolle bei der Gestaltung politischer Institutionen spielen. In einigen Ländern können die Wählerstimmen der Diaspora für das Wahlergebnis entscheidend sein, einschließlich in stabilen Demokratien wie Neuseeland, wo die Stimmen der Diaspora im Jahr 2008 zur Veränderung der Sitzverteilung zwischen den Parteien beitrugen. Die Beiteiligung der Diaspora in politischen Prozessen kann dazu führen, dass die politischen Systeme vielfältiger werden und ein breiteres Spektrum an Interessen und Meinungen widerspiegeln. In einigen Fällen führt dies dazu, dass auch Bevölkerungsgruppen repräsentiert werden, die zuvor innerhalb des politischen Systems marginalisiert wurden.

Die Beiträge der Diaspora zur Entwicklung im Aufnahmeland

Die getrennte Betrachtung der Beiträge der Diaspora zur Entwicklung einerseits der Herkunftsländer und andererseits der Aufnahmeländer verlangt nach einer klaren geografischen Trennung zwischen zwei Lebensorten der Diaspora. Wie oben schon gesagt wurde, sind viele der entwicklungsrelevanten Beiträge der Diaspora aber transnational und verbinden soziale, wirtschaftliche und politische Prozesse sowie Netzwerke über Orte hinweg. Diese Verbindungen werden besonders deutlich, wenn man sich anschaut, wie die Diaspora in den Aufnahmeländern Entwicklung fördern kann.

Beispielsweise konzentriert sich aktuelle Forschung zum Einfluss von Migration auf Zusammenhänge zwischen Innovation und Einwandererbevölkerung bzw. der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Gebiete mit einer hohen Konzentration von Migrantinnen und Migranten schneiden auf Innovationsindizes tendenziell besser ab, beispielsweise durch eine höhere Zahl an Patenten, die in diesen Gebieten angemeldet wird. Migrantinnen und Migranten können nicht nur als individuelle Wissensbrücken zwischen Ländern und Kontinenten wirken, sondern auch Wissensnetzwerke aufbauen, die den Fluss von Ideen und die Zusammenarbeit über Orte und manchmal Industrien hinweg erleichtern. Der Austausch von Ideen in vielfältigen Gemeinschaften kann zu sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung beitragen. Gesellschaftliche Werte, die sich auf die Unterstützung von kulturellem und politischem Pluralismus beziehen, sowie die Förderung unterschiedlicher Wissensformen können sich durch Migration verändern, was gesellschaftlichen Fortschritt anzeigen kann. Aus wirtschaftlicher Perspektive kann die Entwicklung von neuen Ideen und Normen wirtschaftliche Diversifizierung, Innovation und schließlich Wachstum fördern.

Wie in den Herkunftsländern kann das von der Diaspora angestoßene Wachstum von transnationalem Wissen und von Geschäftsnetzwerken in den Aufenthaltsländern wirtschaftliches Wachstum fördern, insbesondere durch die Schaffung neuer Unternehmen. In vielen Ländern gründen Diaspora-Mitglieder Geschäfte, die Lücken auf dem lokalen Markt füllen, entweder, indem sie bisher unbekannte Güter oder innovative Dienstleistungen anbieten. Ein aktuelles Buch des Journalisten Robert Guest bietet zahlreiche Beispiele dafür, wie migrantische Unternehmer_innen in ihren Aufenthaltsgemeinden Innovation angestoßen haben. Oft geschieht das durch die Kombination von Fähigkeiten und Wissen, das sie an unterschiedlichen Orten erlangt haben, und indem sie über verschiedene Länder verstreute Mitglieder sozialer Netzwerke miteinander in Verbindung gebracht haben. Die Entwicklung neuer Geschäfte im Aufnahmeland kann Arbeitsplätze auf dem lokalen Markt schaffen und manchmal auch dazu beitragen, die Kosten für produzierte Güter und Dienstleistungen zu senken.

Migrantische Arbeitskräfte können auch eine wichtige Rolle dabei spielen, lokale Ökonomien zu stärken, indem sie die Verfügbarkeit bestimmter Arten von Fertigkeiten und Wissen verändern. Migrantische Arbeitnehmer verschiedenster Qualifikationsniveaus können Diskrepanzen zwischen dem lokalen Angebot an Arbeitskräften und der Nachfrage verringern, was die Effizienz lokaler Märkte erhöht. Dies gilt insbesondere in Ländern mit einer drohenden demografischen Ruhestandskrise. Wie gut dies gelingt, hängt zum Teil davon ab, ob es sich bei Zugewanderten um ergänzende (komplementäre) oder ersätzende (substituierende) Arbeitskräfte handelt. Substituierende migrantische Arbeitskraft bedeutet, dass das Qualifikationsprofil sowie die Übereinstimmung von Fähigkeiten und beruflichen Funktionen migrantischer Arbeitskräfte mit denen lokaler Arbeitskräfte vergleichbar ist. Komplementäre Arbeitskräfte ergänzen hingegen die Fähigkeiten, die bereits auf dem lokalen Markt verfügbar sind. So können sie in einigen Fällen Qualifikationslücken schließen oder bestimmte qualifizierte Funktionen effektiver ausführen als lokale Arbeitskräfte. Komplementäre migrantische Arbeitskraft wird daher häufig als nützlicher für lokale Ökonomien beschrieben, weil sie die Effizienz lokaler Märkte erhöht, während potenziell mehr Beschäftigung für lokale Arbeitskräfte geschafften wird. In Ländern wie Italien zum Beispiel ist die Zuwanderung von Migrantinnen, die sich um Kinder und alte Menschen kümmern, als weitgehend komplementär betrachtet worden. Ihre Dienstleistungen haben es italienischen Frauen, die diese Funktionen zuvor ausfüllten, erlaubt, in eine formelle Beschäftigung zurückzukehren oder in einer solchen zu verbleiben. In den USA hat die Zuwanderung von niedriger qualifizierten Arbeitskräften in Industrien wie dem Baugewerbe zu einer erhöhten Beschäftigungsmobilität unter niedriger qualifizierten einheimischen Arbeitskräften geführt: Einheimische Arbeitskräfte haben einige Wettbewerbsvorteile gegenüber migrantischen Arbeitskräften, einschließlich Sprachkenntnisse und andere Kommunikationsfähigkeiten. Wenn Arbeitskräfte einwandern und körperliche Tätigkeiten übernehmen, können einheimische Arbeitskräfte, die diese Jobs in der Vergangenheit verrichtet haben, in höhere Funktionen aufsteigen, beispielsweise in Verwaltung und Vertrieb, in denen sie ihr lokales Wissen besser nutzen können.

Während sich ein Großteil der bisherigen Ausführungen auf Neuzuwanderer bezieht, kann die Diaspora, die sowohl aus alten als auch neuen Kohorten mobiler Bevölkerungen besteht, eine wichtige Rolle in der politischen Entwicklung der Zielländer spielen. Sie kann eine größere Vielfalt und Pluralität von Politiken fördern, weil die Wählerschaft vielfältiger wird. Das kann auch für die politischen Institutionen gelten, die sie repräsentieren. Mitglieder der Diaspora, die das passive Wahlrecht haben – weil sie beispielsweise die Staatsangehörigkeit des Aufnahmelandes besitzen und/oder sich für eine bestimmte Mindestdauer im Land aufgehalten haben – können als gewählte Abgeordnete auch einen direkten Beitrag in politischen Institutionen leisten. Es gibt zahlreiche bekannte Politikerinnen und Politiker in verschiedenen Ländern, die entweder doppelte Staatsbürger oder Mitglieder der bereits lange im Land lebenden Diaspora sind. In einigen Fällen kann die Partizipation von Diaspora-Mitgliedern im politischen System des Aufnahmelandes zu einer besseren Repräsentation von Migranten- und Diasporagruppen in lokalen Regierungen beitragen. Die Beteiligung der Diaspora in der Politik, sowohl als Wählende als auch als Politikerinnen und Politiker, kann ein größeres Engagement für bilaterale Abkommen oder bilaterale politische Themen fördern. Ein weiterer Bereich politischen Engagements liegt in der Lobbyarbeit und der Bewusstseinsbildung: Viele Diaspora-Gruppen, insbesondere in durch Vielfalt geprägten Ländern wie den USA, bilden Koalitionen, um sich für bilaterale politische Fragen mit Einfluss auf Entwicklungsprozesse einzusetzen (wie Schuldenerlass oder Beihilfepolitiken). Bilaterale Vereinbarungen zur Übertragung von Pensionsansprüchen können zum Beispiel Mitglieder der Diaspora beeinflussen, die auf das Rentenalter zugehen und über ihre weiteren Mobilitätsschritte nachdenken.

Verbleibende Kontroversen und Schlussfolgerungen

Dieser Beitrag hat die verschiedenen positiven Zusammenhänge zwischen Diaspora und Entwicklung kurz zusammengefasst, aber dabei Aspekte ausgelassen, die grundlegende Bedingungen für diese Zusammenhänge darstellen. Der Einfluss von Migrantinnen und Migranten bzw. Diaspora-Gruppen auf Entwicklung ist umstritten. Die Modellierung der Auswirkungen setzt differenzierte und spezifische Daten voraus, die oft aber nicht vorliegen. Eine Schlüsselherausforderung liegt darin, dass die Identifizierung von "Einflüssen" die gesonderte Betrachtung von Migration als Entwicklungsfaktor voraussetzt. Die Mobilität von Menschen erfolgt allerdings oft parallel zu anderen Veränderungen oder Trends – wie Handelsabkommen und eine erhöhte Mobilität von Gütern – die ebenfalls Entwicklung beeinflussen können. Eine zusätzliche Herausforderung besteht darin, dass Entwicklung ein kontinuierlicher Prozess ist. Daher werden Daten benötigt, die über längere Zeiträume gesammelt werden, um die kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen von Migration auf ein bestimmtes Bündel an Entwicklungsindikatoren verstehen zu können.

Eine weitere Kontroverse besteht darin, dass viele positive Einflüsse auf Entwicklungsprozesse, die der Diaspora zugeschrieben werden, negative Kehrseiten oder Perspektiven haben können. So können zum Beispiel die Beiträge der Diaspora zu vielfältigeren und repräsentativeren politischen Systemen in Herkunfts- und Aufenthaltsländern unbeabsichtigt zu einer Fragmentierung politischer Parteien und Interessen beitragen. Das kann den Wettbewerb um Macht und Ressourcen in ohnehin schon fragilen politischen Kontexten verstärken. Zudem kann eine zunehmende Zahl zugewanderter Arbeitskräfte in einigen lokalen Ökonomien zu sinkenden Löhnen und der Aushöhlung des Arbeitsschutzes beitragen. Dies trifft insbesondere in Ländern mit schwacher Arbeitsmarktregulierung zu. Die Beiträge von Migrantinnen, Migranten und der Diaspora zur Entwicklung sollten daher in jedem lokalen Kontext sorgfältig geprüft werden. Dies macht es schwierig, daraus Erkenntnisse und Lektionen abzuleiten, die allgemeine Gültigkeit besitzen.

Trotz dieser Vorbehalte existieren dennoch starke Indizien dafür, dass Diaspora-Gruppen mächtige Agenten sozialer, wirtschaftlicher und politischer Entwicklung sein können. Es gibt allerdings bestimmte Bedingungen, unter denen sie größeren Erfolg als Entwicklungsimpulsgeberinnen haben. Sowohl akademische als auch Politikforschung betonen, dass das rechtliche und wirtschaftliche Umfeld eine wichtige Rolle einnimmt, um die positiven Entwicklungseinflüsse der Diaspora zu stärken. Politiken, die es der Diaspora ermöglichen, ein transnationales Leben zu führen und verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Systemen gleichzeitig anzugehören, sind ein Schlüssel bei der Unterstützung von Diaspora-Gruppen, positive Beiträge zu leisten. Diese Politiken beziehen sich nicht nur auf Identität (z.B. Akzeptanz doppelter Staatsangehörigkeit, Ausstellen von Identitätsdokumenten wie Genehmigungen zum Aufenthalt im Ausland), sondern auch auf wirtschaftliche Sicherheit, einschließlich des Rechts, zu Sozialversicherungssystemen nicht nur beizutragen, sondern auch Leistungen (wie z.B. Renten) zu beziehen. Sowohl im Herkunfts- als auch im Zielland, sind Migrantinnen, Migranten und Diaspora-Mitglieder besser ausgerüstet zur Entwicklung beizutragen, wenn sie Sicherheit bzgl. ihrer Identität und ihres Aufenthalts(status) haben. Dazu zählt auch das Recht, sich (temporär oder dauerhaft) im Herkunftsland aufhalten zu dürfen, ohne die Möglichkeit zu verlieren, wieder ins Aufnahmeland zurückzukehren. Eine weitere wichtige Bedingung für entwicklungspolitisches Engagement ist die Qualität und die Dauer des Beschäftigungsverhältnisses. Beide sind sowohl ein Zeichen für Integration als auch ein Spiegel der Rechte, die ein Migrant oder eine Migrantin genießt. Es liegt zwar nicht im direkten Einflussbereich der Migrationspolitik, aber die Transparenz und Berechenbarkeit des wirtschaftlichen Umfelds stellt auch eine wichtige Komponente dar, um Entwicklungsbeiträge der Diaspora sicherzustellen. Damit ein Diaspora-Mitglied in das Herkunftsland (seiner Vorfahren) investiert, ist es z.B. wichtig, dass er oder sie wirtschaftliche Risiken kalkulieren kann und Vertrauen in die Institutionen hat, die wirtschaftlichen Austausch steuern. Während Diaspora-Mitglieder von Natur aus eher geneigt sein mögen, zu Entwicklungsprozessen beizutragen, bleibt eine verantwortungsvolle Regierungsführung grundlegend, um diesen Austausch zu unterstützen.

Übersetzung aus dem Englischen: Vera Hanewinkel

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Migration und Entwicklung.

Literatur

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Autor: Michaella Vanore für bpb.de
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Michaella Vanore

Michaella Vanore

Dr. Michaella Vanore ist Forschungstipendiatin in der Graduate School of Governance, einem Forschungszentrum der United Nations University (UNU-MERIT) an der Universität Maastricht. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die Zusammenhänge zwischen Migration und Entwicklung sowie die Frage danach, wie politische Rahmenbedingungen diese Verflechtungen besser stärken können.


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