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1.2.2018

Mediennutzung der russischen Diaspora in Deutschland

Welche Medien nutzt die russische Diaspora in Deutschland? Welche Rolle spielen sowohl deutsche als auch russischsprachige Medien für die Identitäts- und Gemeinschaftsbildung der russischen Diaspora in Deutschland? Ein Überblick.

Ein Stapel aus Paketen Zeitungen und Werbeprospekten liegt auf einem Bürgersteig in Stuttgart (© picture-alliance/dpa)


In Diskussionen über die Verbundenheit von Migrierten und ihren Nachkommen mit ihrem Herkunftsland fallen oft Schlagwörter wie "Parallelgesellschaft" oder "kulturelle Abschottung" [1], die unter anderem mit einer intensiven Nutzung der Medien aus dem Herkunftsland in Verbindung gebracht werden. Dass die Mediennutzung von Menschen mit Migrationshintergrund sehr vielfältig ist und man nicht pauschal von einer kulturellen Abschottung sprechen kann, wenn nur Medien des Herkunftslandes konsumiert werden, haben jedoch diverse Studien gezeigt.[2] Ähnlich wie andere Diasporagruppen, ist auch die russische Diaspora nicht homogen. Russische Migrant_innen und ihre Nachkommen sind im Alltag dauernd mit Fragen zu ihrer Herkunft und Zugehörigkeit konfrontiert. Bin ich Deutscher? Bin ich Russe? Oder ist meine Identität in einem "Dazwischen" verortet?

Russische Diaspora – Definition



Zur russischen Diaspora werden Personen gezählt, die sich im Ausland lebend auf irgendeine Art und Weise mit der russischen Kultur und mit dem Raum der ehemaligen Sowjetunion verbunden fühlen. Für die Medienauswahl und die Mediennutzung sind Fragen der eigenen Zuordnung prägend. Gleichzeitig haben die genutzten Medien wiederum Einfluss auf die Identitätsorientierung der Diasporamitglieder. Zudem ist ihre Alltagswelt durch eine umfassende Durchdringung mit Medien geprägt. Mithilfe von Medien entwickeln Eingewanderte und ihre Nachkommen ein geteiltes Selbstverständnis der Zugehörigkeit zur russischen Diaspora. Medienbilder prägen das, was sie als ihre kulturelle Herkunft konstruieren. Die Herkunftsorte ihrer Familie kennen sie einerseits aus ihren Besuchen dort. Andererseits bleiben sie mittels Telefon, Social Media und anderen Medien in Kontakt mit ihren dort lebenden Familienangehörigen.

Mediennutzung allgemein



Eine allgemeine Übersicht der Mediennutzung der russischen Diaspora liefern die Daten der ARD/ZDF-Studie "Medien und Migranten 2011".[3] In dieser wurden 500 Personen aus der ehemaligen Sowjetunion zu ihrer Mediennutzung telefonisch befragt. Betrachtet man die Daten der Stammnutzer, also der Nutzer, die das entsprechende Medium an mindestens vier Tagen pro Woche nutzen [4], so wird deutlich, dass die russische Diaspora vorwiegend deutschsprachige Medien nutzt (siehe Abbildung). Ein Teil der Diaspora schaut sowohl deutsch- als auch russischsprachiges Fernsehen und konsultiert im Internet deutsche und russische Seiten. Ausschließlich russische Medien konsumieren nur wenige Personen der russischen Diaspora.

Nutzung russisch- und deutschsprachiger Medienangebote (PDF-Icon Grafik zum Download) (© bpb)


Die ARD/ZDF-Studie zeigt zudem, dass Deutschkenntnisse und das Alter bedeutsame Faktoren für die Nutzung der russischen und deutschen Medien darstellen. Bei Menschen mit guten Deutschkenntnissen und in den jüngeren Altersgruppen kommt die ausschließliche Nutzung russischsprachiger Medien nur selten vor.

Mediennutzung – eine Typologie



In ihrer qualitativen Studie, in der sie neben 32 bzw. 37 Personen der marokkanischen und der türkischen Diaspora auch 31 Personen der russischen Diaspora vertieft durch Interviews, Medientagebücher [5] und Netzwerkkarten untersucht haben, stellten Andreas Hepp und Kolleginnen fest, dass die Identitätsorientierung der russischen Diaspora wie auch anderer Diasporagruppen sich allgemein in drei Gruppen einteilen lässt: herkunftsorientierte, ethnoorientierte und weltorientierte Diasporaangehörige. Jede dieser Gruppen zeichnet zudem eine spezifische Mediennutzung aus.[6]

Vereinfacht lässt sich sagen, dass Herkunftsorientierte eine subjektiv gefühlte Zugehörigkeit zu ihrer Herkunftsregion in der ehemaligen Sowjetunion haben, die ihr Leben in der "Fremde" prägt. Diese gefühlte Zugehörigkeit kann, muss jedoch nicht auf einer Sozialisation in der Herkunftsregion beruhen. Gerade bei jüngeren Diasporaangehörigen, die weitgehend in Deutschland, dort aber stark fokussiert auf die Gemeinschaft der russischen Diaspora aufgewachsen sind, basiert die herkunftsorientierte Zugehörigkeit eher auf Vorstellungen oder Erfahrungen, die sie im Zuge von Urlaubsreisen in die Herkunftsregion (ihrer Vorfahren) gesammelt haben. Ihre kulturelle Identität definieren diese Menschen – das zeigen qualitative Interviews aus der genannten Studie – schlicht als "Russe" oder als zu der "sowjetischen Kultur" gehörend.

Die herkunftsorientierte kulturelle Identität der Migrierten dieser Gruppe zeigt sich u.a. darin, dass ihre Deutschkenntnisse eher schlecht sind und sie im Alltag hauptsächlich auf Russisch kommunizieren. Die Aufrechterhaltung dieser Identität in der Fremde findet auch vermittelt über die Mediennutzung statt. So konsumieren Herkunftsorientierte russisches Fernsehen, um sich über aktuelle Geschehnisse in ihrer Herkunftsregion in der ehemaligen Sowjetunion zu informieren. Sie verwenden den Computer und das Smartphone, um über das Internet russische Filme und Serien zu laden. Die generelle Ausrichtung auf die russische Herkunft manifestiert sich deutlich beispielsweise an der Nutzung russischer Suchmaschinen und Nachrichtenportale wie Yandex.ru oder Rambler.ru. Ihre meist russischsprachigen Freundinnen und Freunde und Bekannten leben in ihrer Herkunftsregion und in Deutschland. Mit diesen sind sie meistens über die russischen Social Networking-Seiten vkontakte.ru oder odnoklassniki.ru vernetzt.

Anders verhält es sich bei der Gruppe der ethnoorientierten Diasporaangehörigen. Die Bezeichnung dieser Gruppe verweist darauf, dass diese ihre Zugehörigkeit im Spannungsverhältnis zwischen ihrem Herkunftsland und ihrem aktuellen Lebensort Deutschland sieht. Sie bezeichnen sich selbst charakteristischer Weise als "Russlanddeutsche", "Deutschrussen" oder "Deutsche". Im Zentrum der Zugehörigkeit steht jedoch der Teil der jeweiligen russischen Diasporagemeinschaft, der in Deutschland lebt. Mit der Bezeichnung "Ethnoorientierte" soll verdeutlicht werden, dass für solche Personen Fragen der ethnischen Verortung ein wichtiger Aspekt der Identitätsorientierung sind. Viele von ihnen verorten ihre Zugehörigkeit in einem "Dazwischen", also zwischen der russischen und deutschen Kultur.

Diesem bikulturellen Spannungsverhältnis ethnischer Zugehörigkeit entspricht die kommunikative Vernetzung der ethnoorientierten Angehörigen der russischen Diaspora. Neben deutschem Fernsehen konsumieren sie auch solche russischen Fernsehsender wie den für das Ausland produzierten Sender Rossija 1. Für die Vernetzung mit anderen Diasporaangehörigen in Deutschland, aber auch mit Freundinnen und Freunden und Familie im Raum der ehemaligen Sowjetunion, nutzen die Ethnoorientierten russische Social Networking-Seiten oder die deutsche Seite germany.ru, die im deutschsprachigen Raum lebende Russischsprachige adressiert. Gleichzeitig pflegen sie ihre deutschsprachigen Kontakte auf Facebook.

Die dritte Gruppe der Angehörigen der russischen Diaspora, die man in Bezug auf ihre Zugehörigkeitsbeschreibung und daran angelehnte Mediennutzung unterscheiden kann, sind die Weltorientierten. Für diese Gruppe sind Fragen ethnischer Zugehörigkeit eher unwichtig. Sie bezeichnen sich als "Weltmensch" oder als "Europäer". Ihre subjektiv gefühlte kulturelle Zugehörigkeit sehen sie jenseits des Nationalen. Vorstellungen der Nation als primärer zugehörigkeitsstiftender Rahmen lehnen sie ab. Stattdessen werden das supranationale Europa oder gar das Menschsein als solches zum Bezugspunkt von Zugehörigkeit. Ähnlich ausgerichtet ist auch ihre Mediennutzung. Neben deutschen Fernsehsendern wie ARD, ZDF oder RTL nutzen die Weltorientierten internationale Sender wie BBC, Deutsche Welle oder Euronews. Sie weisen ein transkulturelles Freundschaftsnetzwerk auf und sind über die Social Networking-Seite Facebook, E-Mail und Skype mit Freundinnen und Freunden, die neben der russischen Herkunft diverse andere Nationalitäten aufweisen und in verschiedenen Ländern leben, vernetzt.

Die beschriebene Typologie der Mediennutzer_innen in der russischen Diaspora zeigt die Pluralität dieser Diaspora sowohl auf der Ebene der Identitätsorientierung als auch auf der Ebene der Mediennutzung. Sie unterstreicht die skizzierten Ergebnisse der ARD/ZDF-Studie "Medien und Migranten 2011". Und sie zeigt: Mediennutzung und Identitätsorientierung bedingen sich gegenseitig. Eine herkunftsorientierte kulturelle Identität geht mit einer medialen Orientierung auf die Herkunftsregion der ehemaligen Sowjetunion und der medienvermittelten Kommunikation mit dort lebenden Menschen sowie Teilen der russischen Diaspora in Deutschland einher. Ein Selbstverständnis doppelter kultureller Zugehörigkeit in Form einer Ethnoorientierung entspricht einer Nutzung von Medien aus dem Herkunftsland und dem aktuellen Aufenthaltsland (Deutschland). Eine europäische bzw. globale Zugehörigkeit spiegelt sich in einer globalen Ausrichtung der Mediennutzung wider. Insgesamt bilden Ethnoorientierte die größte Gruppe unter den in der Studie befragten Angehörigen der russischen Diaspora (siehe Tabelle).

Mediennutzungstypen nach Diaspora

Absolute Zahlen1

HerkunftsorientierteEthnoorientierteWeltorientierte
Marokkanische Diaspora (n=32) 9 18 5
Russische Diaspora (n=31) 9 17 5
Türkische Diaspora (n=37) 12 23 2
Gesamt 30 58 12

1Die Tabelle stellt absolute Zahlen dar und verdeutlicht die Tendenz der Verteilung der Typologie innerhalb der drei Diasporagruppen.
Quelle: Hepp, Andreas; Bozdag, Cigdem; Sūna, Laura (2011). Mediale Migranten. Mediatisierung und die kommunikative Vernetzung der Diaspora. Wiesbaden: VS Verlag, S. 67.


Insgesamt bleibt festzuhalten, dass in Deutschland lebende Angehörige der russischen Diaspora bevorzugt deutschsprachige Medien nutzen. Die überwiegende Mehrheit lebt nicht in medialen Parallelwelten. Für viele Menschen der russischen Diaspora gehört aber die Integration zweier Medienkulturen – also die Nutzung deutscher und russischsprachiger Medien – zum Alltag.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Russlanddeutsche.

Zum Thema

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Laura Sūna für bpb.de

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Fußnoten

1.
So zum Beispiel in den Medien im Zuge des im Beitrag zur politischen Partizipation von Russlanddeutschen angesprochenen "Falls Lisa".
2.
Hepp, A.; Bozdag, C. & Sūna, L. (2011). Mediale Migranten: Mediatisierung und die kommunikative Vernetzung der Diaspora. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Aksen, B. (2013). Mediatisierte Partizipationsgenerationen. Medienpartizipation und IKT-Berufspartizipation türkischer Migrationsgenerationen. Hamburg: Verlag Dr. Kovac. Bozdag, C. (2013). Aneignung von Diasporawebsites Eine medienethnografische Untersuchung in der marokkanischen und türkischen Diaspora. Wiesbaden: Springer VS.
3.
www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/migranten-und-medien100.pdf (Zugriff: 16.1.2018).
4.
Simon, Erk; Neuwöhner, Ulrich (2011). Medien und Migranten 2011, in: Media Perspektiven 10, S. 467.
5.
Die Studienteilnehmer_innen haben eine Woche lang ein Tagebuch über ihre Mediennutzung geführt.
6.
Die Typologie wurde im Rahmen des durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierten Forschungsprojekts "Integrations- und Segregationspotenziale digitaler Medien am Beispiel der kommunikativen Vernetzung von ethnischen Migrationsgemeinschaften" entwickelt. Das Projekt wurde von 2008 bis 2011 an der Universität Bremen realisiert. Für weitere Informationen siehe Hepp, Andreas; Bozdag, Cigdem; Sūna, Laura (2011). Mediale Migranten. Mediatisierung und die kommunikative Vernetzung der Diaspora. Wiesbaden: VS Verlag, S. 64-72.

Laura Sūna

Laura Sūna

Laura Sūna, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Derzeit arbeitet sie im Sonderforschungsbereich 1171 "Affective Societies" der Freien Universität Berlin.


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