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18.12.2014

Aspekte der Einwanderer- und Minderheitenintegration

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich das Vereinigte Königreich zu einem Einwanderungsland entwickelt. Zunächst kamen vor allem Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien ins Land, später dann auch Menschen aus anderen Weltregionen. Aktuell steht die Einwanderung aus der Europäischen Union im Fokus der Aufmerksamkeit. Die hohe Zuwandererzahl führt zu kontroversen Diskussionen. Der Bereich der gesellschaftlichen Integration bleibt davon nicht unberührt.

Parkautomat in Chinatown in Liverpool 2006: Die gesellschaftliche Integration "sichtbarer Minderheiten" ist Ziel der britischen Innenpolitik. (© picture alliance/JOKER)

Multikulturalismus

Nach dem Wahlsieg der Labour-Regierung unter Tony Blair 1997 kam der Begriff Multikulturalismus – obwohl er an sich nie eindeutig definiert wurde – in Mode. Seit dem Ausbruch von Gewalt zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen 2001 ist der Begriff jedoch zunehmend in Verruf geraten. In allen großen Tageszeitungen werden Berichte und Leitartikel veröffentlicht, welche die "Balkanisierungseffekte" des Multikulturalismus an den Pranger stellen, und das Innenministerium hat seinen Fokus wieder auf Integration in die britische Gesellschaft und Loyalität gegenüber dem Vereinigten Königreich gelegt. Diese Entwicklung steht im Kontext dessen, was unter Multikulturalismus verstanden wird: Insbesondere für Kanadier steht der Begriff für Integration; für Briten und viele andere Europäer bedeutet er Segregation.

Seit den Ausschreitungen zwischen Asiaten und "Weißen" im Jahr 2001 hat die Regierung die Auflagen für das Erlangen der Staatsbürgerschaft verschärft, mit dem Ziel, sicherzustellen, dass eingebürgerte Einwanderer besser integriert würden. Selbst die Kommission für ethnische Gleichheit, die bis 2006 das offizielle britische Sprachrohr für die Belange "sichtbarer Minderheiten" darstellt, ist auf den Zug der Befürworter der gesellschaftlichen Integration aufgesprungen. Der schwarze Direktor der Kommission, Trevor Phillips, sorgte 2004 für landesweite Schlagzeilen, als er erklärte, dass der Multikulturalismus "tot" sei. Seither warnt er vor einer Tendenz zur Segregation nach US-amerikanischem Vorbild und drängt auf eine stärkere Betonung der allgemeinen britischen Wesensart. Im Jahresbericht von 2004 definiert die Organisation ihr Leitmotiv als "integriertes Großbritannien, in dem alle gleich sind". Im folgenden Jahr hat die Erkenntnis, dass drei der vier Attentäter der Anschläge vom 7. Juli 2005 in England geboren und in relativ wohlhabenden Familien aufgewachsen waren, der nationalen Psyche einen tiefgreifenden Schock versetzt. Auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2011 erklärte Premierminister David Cameron, dass der "staatliche Multikulturalismus gescheitert" sei und dass nicht "passive Toleranz" gefragt sei, die es dem Extremismus erlaube, zu erblühen, sondern vielmehr ein "muskulöser Liberalismus".[1]

Wie in anderen Ländern Europas ist auch im Vereinigten Königreich die Debatte um die Integration von Einwanderern seit einem Jahrzehnt in Wirklichkeit eine Debatte über den Islam und Muslime.[2] Dabei sehen die einen die gesellschaftliche Integration von Muslimen als gescheitert an, sie sind davon überzeugt, dass sich die Werte insbesondere von jungen männlichen Muslimen deutlich von jenen der breiteren Gesellschaft unterscheiden und Tendenzen eines gewaltbereiten religiösen Extremismus aufweisen. Andere wiederum sind der Meinung, dass die Wurzeln der Diskussion um die angeblich problematische Integration von Muslimen in einer islamophobischen Haltung der Gesellschaft liegen, die bislang keinerlei Anzeichen zeigt, abzuebben. Tatsächlich hat die im Spätsommer 2014 gewonnene Erkenntnis, dass britische Dschihadisten nach Syrien und Irak reisen, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen, die Diskussion um die Integration von Muslimen erneut entfacht.[3]

Antidiskriminierungspolitik

Die Geschichte der Antidiskriminierungspolitik des Vereinigten Königreichs ist lang und wird auch unter dem Schlagwort der sogenannten "race relations" diskutiert. Seit den 1960er Jahren ist die Antidiskriminierungspolitik schrittweise immer dann weiterentwickelt worden, wenn die Labour-Partei an der Regierung war. Die wichtigste Änderung der Antidiskriminierungspolitik seit Jahrzehnten markiert der Race Relations Act aus dem Jahr 2000. Obwohl dieses Gesetz als Reaktion auf das Fehlverhalten im Polizeidienst erlassen wurde, beeinflusst es einen weit größeren Kreis an Institutionen. Das neue Gesetz weitete den Race Relation Act von 1976 (der sowohl bewusst beabsichtigte als auch unbeabsichtigte Diskriminierung ächtete) auf alle öffentlichen Einrichtungen (die Polizei, die Universitäten, den staatlichen Gesundheitsdienst) sowie auf alle privaten Einrichtungen aus, die öffentliche Funktionen ausführen. Ausgenommen sind lediglich das Parlament, die Sicherheitsdienste (u.a. der Inlandsgeheimdienst MI5 und der Geheime Nachrichtendienst MI6) und die Einwanderungsbeamten. Das Gesetz etablierte zudem eine allgemeine Pflicht der Behörden, an der Abschaffung von Diskriminierung zu arbeiten und Chancengleichheit und gute Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft voranzutreiben. 2010 ging der Race Relations Act (2000) in den neuen Equality Act über. Dieser führte in einem einzigen Gesetz über einhundert gesetzgebende Instrumente der Antidiskriminierungsarbeit zusammen, eingeschlossen solche, die sich auf die Diskriminierung aufgrund von "Rasse", Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion oder Überzeugung sowie Behinderung beziehen. Das neue Gesetz deckte damit größtenteils die Gruppen ab, die von bereits bestehenden Gesetzen schon geschützt wurden, fügte dem aber noch das Verbot der Diskriminierung aufgrund von Wahrnehmung und Assoziationen hinzu, d.h. wenn jemand als Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe wahrgenommen und deswegen diskriminiert wird.

Die Änderungen seit 2000 haben zu einer wichtigen Weiterentwicklung der Antidiskriminierungsgesetzgebung geführt. Während die frühere Politik Zugang zu Ressourcen und Chancengleichheit in den Vordergrund stellte, liegt die Betonung der neuen Maßnahmen auf der Erzielung von Ergebnissen. Öffentliche Behörden sind gezwungen, auf die ethnische Zusammensetzung ihrer Mitarbeiter zu achten und sich zu fragen, ob eine eventuell unzulängliche Vertretung von ethnischen Minderheiten auf die Handlungsmaximen der eigenen Behörde zurückzuführen ist. Nichtsdestoweniger betreffen diese Maßnahmen nur einen Teil der Wirtschaft. Weder wird die gesamte Privatwirtschaft davon beeinflusst, noch können diejenigen sich darauf berufen, die in den schlecht bezahlten, prekären und oft nicht dokumentierten Teilen des Arbeitsmarktes beschäftigt sind, in denen Zuwanderer und "sichtbare Minderheiten" unverhältnismäßig stark vertreten sind.

Bildung

Die Qualität der Schule, die sie besucht haben, übt einen entscheidenden Einfluss auf die Integration der Mitglieder einer "sichtbaren Minderheit" und deren Chancen im Leben aus. Das britische Bildungssystem neigt aus historischen Gründen eher dazu, Unterschiede bei den Bildungserfolgen, die durch die ethnische Herkunft bedingt werden, zu verstärken, als sie auszugleichen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Zugang zu vielen guten Schulen entweder nur durch einen Wohnsitz in einem bestimmten Einzugsgebiet [4] oder aber durch die Entrichtung sehr hoher Schulgebühren gewährleistet werden kann.
Dieser Zusammenhang ist besonders für "sichtbare Minderheiten" bedeutsam. Es zeigt sich, dass Gruppen, die besonders schlecht in der Schule abschneiden – Pakistaner und Bangladescher – am häufigsten in den Einzugsgebieten von schlechten Schulen leben. Auch wenn es schwierig ist, eine direkte Kausalität herzustellen, ist es unzweifelhaft, dass schlechte Leistungen oder Schulversagen nicht getrennt von der Qualität der Schulen in den Innenstädten gesehen werden können. Reformversuche haben daran bislang wenig ändern können.

Religion und Diversität



Das Vereinigte Königreich, vor allem England, befindet sich in der sonderbaren Situation, sowohl eine etablierte Kirche zu haben, als auch eine der am meisten säkularisierten Gesellschaften der westlichen Welt zu sein. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat Religion kaum eine Rolle in der britischen Gesellschaft gespielt. Diese Tatsache änderte sich dramatisch, als Salman Rushdie 1989 "Die Satanischen Verse" veröffentlichte. Die Publikation hatte die Verhängung einer Fatwa durch den iranischen Ayatollah Ruhollah Khomeini zur Folge, die den Autor zum Tode verurteilte. Obwohl die Fatwa für internationale Schlagzeilen sorgte, war es auf lokaler Ebene von größerem Interesse, wie die britischen Muslime darauf reagierten: So gab es große Demonstrationen gegen Rushdie auf dem Trafalgar Square, auf denen Abbildungen Rushdies mit durchtrennter Kehle gezeigt wurden, während insbesondere in Nordengland Kopien seines Buches verbrannt wurden.

Seit den Attentaten in den Vereinigten Staaten am 11. September 2001 und den Selbstmordanschlägen in London am 7. Juli 2005 wird die traditionelle Voreingenommenheit der Briten in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit von Bedenken bezüglich der Religion – und insbesondere des Islam – überschattet. Infolge der Anschläge kam es zu einem Anstieg von rassistisch motivierten Übergriffen; ein allgemeines Klima des Misstrauens und der Feindseligkeit gegenüber Muslimen ist entstanden. Während Muslime als "sichtbare Minderheiten" durch das Zivilrecht geschützt werden, fehlte es an einer strafrechtlichen Grundlage, die sie vor religionsbedingten Vergehen schützte. Um dies zu ändern, verabschiedete die Regierung im Jahr 2006 das Gesetz über ethnischen und religionsbedingten Hass (Racial and Religious Hatred Act). Dieses Gesetz ermöglichte es erstmalig, Hass gegen eine Religion als Straftatbestand zu verfolgen. Allerdings kann eine Strafverfolgung nur durch die britische Regierung und nicht durch eine geschädigte Einzelperson erwirkt werden. Die Einführung des Gesetzes war sehr umstritten.

Ebenso heftig wurde auch eine andere Maßnahme der Labour-Regierung diskutiert: die Ausweitung von konfessionell gebundenen Schulen. Schulen in kirchlicher Trägerschaft haben im Vereinigten Königreich Tradition: Es gibt etwa 7.000 christliche Schulen, die staatlich bezuschusst werden. Im Gegensatz dazu erhalten allerdings nur 13 der insgesamt 156 existierenden muslimischen Schulen (Stand: 2014) staatliche Zuschüsse [5], eine Tatsache, die vom Oberhaus des britischen Parlaments (House of Lords) als "institutionell rassistisch" beschrieben wurde. Die Labour-Regierung unter Tony Blair begann mit der Bezuschussung muslimischer Schulen im Rahmen ihrer Bemühungen, Akademien einzurichten, d.h. staatlich finanzierte Schulen mit mehr Autonomie über Lehrplan und Arbeitsabläufe. 2010 hat der Bildungsminister der konservativen Regierung die Bezuschussung muslimischer Schulen noch erweitert. Für einige ist die staatliche Bezuschussung eine Frage der Gleichberechtigung, da auch katholische und anglikanische Schulen staatlich gefördert werden; andere fürchten, dass islamische Schulen dem religiösen Extremismus in die Hände spielen.[6]

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Fußnoten

1.
New Statesman (2011).
2.
Joppke (2014).
3.
Siehe zum Beispiel Haynes/Hamilton (2014).
4.
Im Jahr 2003 errechneten Immobilienmakler, dass der Zugang zu einer guten Schule den Kaufpreis eines durchschnittlichen Einfamilienhauses um ca. 69.000 Euro erhöht. Je nach Schule kann dieser "Zuschlag" auch bis zu 220.000 Euro und damit rund das Doppelte des Kaufpreises eines durchschnittlichen Hauses betragen.
5.
Association of Muslim Schools UK, "FAQs", http://ams-uk.org/faq/ (Zugriff: 2.10.2014).
6.
Siehe dazu die Kommentare von Russell Hobby, Leiter der National Association of Head Teachers [Nationale Schulleitervereinigung], im Artikel "Headteachers’ union raises serious concerns about Trojan Horse". The Guardian, 2. Mai 2014.

Randall Hansen

Zur Person

Randall Hansen

Dr. Randall Hansen ist Professor am Lehrstuhl für "Kanadische Forschung zu Einwanderung und Governance" sowie Direktor des "Zentrums für Europäische, Russische und Eurasische Studien" der Universität Toronto. r.hansen@utoronto.ca


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