zurück 
23.1.2019

Afghanische Taliban und Mujaheddin: Prominente Beispiele der Militarisierung von Flüchtlingen

Militante Gruppen können in Flüchtlingskontexten erstarken, die Zugang zu staatlicher Unterstützung, humanitären Ressourcen, Rekruten und politischer Legitimität bieten. Das Phänomen wurde erstmals bei Afghanen in Pakistan beobachtet.

Mujaheddin in der Provinz Nangarhar in Afghanistan, 1980. (© picture-alliance, ZUMA Press)


Als Afghaninnen und Afghanen Anfang der 1980 Jahre nach Pakistan flohen, bestand die einzige Möglichkeit, als Flüchtling anerkannt zu werden, darin, sich bei einer der dort ansässigen afghanischen Widerstandsgruppen zu registrieren, die in ihrem Herkunftsland kämpften. Fast vier Jahrzehnte später ist viel über dieses Phänomen geschrieben worden. Afghanistan kann dabei als archetypischer (urbildlicher) Fall der Militarisierung von Flüchtlingen gesehen werden. Die Verbindung zwischen Flüchtlingen und Militanz, die ein grundlegendes Prinzip des internationalen Flüchtlingsrechts herausfordert, wird jedoch nur selten anerkannt.

"Flüchtlingskriegergemeinschaften"



Bei einem Besuch der afghanischen Flüchtlingslager in Pakistan Mitte der 1980er Jahre beobachtete die Wissenschaftlerin Astri Suhrke, wie stark Widerstandsgruppen an der Führung der Lager beteiligt waren. Sie beeinflussten nicht nur die Verteilung von Nahrungsmitteln, Lehrpläne in Bildungseinrichtungen und den Zugang zu Dienstleistungen, sondern engagierten auch Männer aus den Lagern, um in Afghanistan zu kämpfen. Einige Jahre später (1989) haben Aristide Zolberg, Astri Suhrke und Sergio Aguayo das Konzept der "Flüchtlingskriegergemeinschaften" (refugee warrior communities) geprägt. Die Wissenschaftler_innen beschrieben sie als "hochbewusste Gemeinschaften von Flüchtlingen mit politischer Führungsstruktur und bewaffneten Sektionen, die sich für ein politisches Ziel an Kampfhandlungen beteiligen, sei es zur Rückeroberung der Heimat, zur Veränderung des Regimes oder zur Erlangung eines eigenen Staates".[1]

Für die drei Wissenschaftler_innen liegt die Ursache der Flüchtlingskriegergemeinschaften in einem Globalisierungsprozess, in dem politische und wirtschaftliche Ungleichheit immer deutlicher wird. Diejenigen, die politischen Widerspruch äußern, werden von autoritären und repressiven Regimen vertrieben. Im Exil haben sie die Möglichkeit, ihren Widerstand mit gewaltsamen Mitteln voranzutreiben. Sie bilden einen Teil der schutzsuchenden Bevölkerung und treten als Gemeindevorsteher und Gesprächspartner von Hilfsorganisationen, Amtsträgern des Gastlandes und Vertretern ausländischer Regierungen auf. So gewinnen sie Einfluss darauf, wer zu was Zugang erhält, und können die Bedürfnisse der Flüchtlinge rechtfertigen. Sie können von der Flüchtlingsbevölkerung Loyalität und letztendlich auch Einsatzbereitschaft für den Kampf verlangen. Für manche Flüchtlinge, die in Lagern aufwachsen und keine Möglichkeit sehen, je andernorts und unabhängig von humanitärer Hilfe ein Leben zu führen, kann die Beteiligung am Kampf als die beste Option erscheinen.

Während sie die Ursache für die Militarisierung von Flüchtlingen in der Ungerechtigkeit sehen, die durch die Globalisierung hervorgerufen wird, weisen Zolberg, Suhrke und Aguayo auch auf die wesentliche Rolle anderer Staaten (Gastländer und Großmächte) bei der Militarisierung von Flüchtlingen hin. Sie schrieben ihr Buch während des Kalten Krieges, einer Zeit, in der es im globalen Süden eine Reihe von zivilen Konflikten gab, an denen die USA und die Sowjetunion indirekt beteiligt waren. Sie unterstützten – oft in enger Zusammenarbeit mit Nachbarstaaten, die Flüchtlinge aufgenommen hatten – Truppen, die stellvertretend für sie kämpften. Dies, so das Forscher-Trio, sei nicht grundsätzlich neu, sei jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg aus zwei Gründen viel bedeutsamer geworden: Der erste Grund liege in der Entwicklung eines "internationalen Flüchtlingsregimes, das eine große Zivilbevölkerung im Exil über Jahre unterstützen könne".[2] Der zweite Grund sei die "vorherrschende Ideologie des demokratischen Nationalismus", mit der bewaffnete Oppositionsgruppen ihre Position erheblich stärken könnten, indem sie behaupten, eine größere Zivilbevölkerung zu vertreten. Tatsächlich können sie dies, wenn sie Teil einer Flüchtlingsbevölkerung sind.

Spätere Analysen des Phänomens hoben ebenfalls die Wirkung von zwei Faktoren für die Mobilisierung von Flüchtlingen hervor: die Unterstützung von Staaten (Gaststaaten und anderen Staaten, insbesondere Supermächten) und die Rolle des internationalen Flüchtlingsregimes.[3] Im afghanischen Fall wurden beispielsweise Hilfsorganisationen kritisiert, aus Naivität militante Gruppen zu stärken, eng mit ihnen bei der Verteilung von Hilfsgütern zusammenzuarbeiteten, ihre radikalen Bildungsprogramme zu unterstützen und sich weltweit für ihre Anliegen einzusetzen. Dieselben Kämpfer, die sie unterstützten, haben jedoch sowohl enormen Druck auf Flüchtlinge ausgeübt als sich auch im Heimatland an Kampfhandlungen beteiligt.

Andere Forschungen haben auf alternative Faktoren aufmerksam gemacht, um zu erklären, wie militante Gruppen innerhalb der Flüchtlingsbevölkerung Einfluss gewinnen und ausüben. Manchmal spielt Kultur eine wichtige Rolle im militanten Auftreten von Flüchtlingen. Für militante afghanische Flüchtlinge ist etwa die hijra eine leitende Erzählung: der Bericht, wie Prophet Mohammad und seine Anhänger vor einem gottlosen Regime in Mekka flüchteten und in Medina Sicherheit suchten, von wo aus sie die Kapazität aufbauten, rechtmäßig zurückzukehren und die Macht zu übernehmen.[4]

Bestehende soziale Netzwerke und traditionelle Formen der Autorität sind ebenfalls wichtige Faktoren, da sie die Grundlage für den Aufbau einer Organisation im Exil bilden. Manchmal gibt es bereits vor der Flucht ins Exil gut organisierte politische Gruppen, aber die Basis für neue militante Organisationen liegt wohl häufiger in Stammes-, religiösen oder lokalen Netzwerken.[5] Nach einem politischen Wandel kehren oft diejenigen als erstes aus dem Exil nach Hause zurück, die am besten organisiert, am stärksten bewaffnet und nach Jahren politischer Mobilisierung manchmal stark radikalisiert und unversöhnlich sind.[6] Wenn hartgesottene Kämpfer zu den ersten Rückkehrern zählen, kann dies eine große Herausforderung für einen fragilen Frieden bedeuten. Im schlimmsten Fall kann eine vereinbarte Lösung untergraben und der Konflikt verlängert werden.

Die Mujaheddin



Die Geschichte der Mobilisierung afghanischer Flüchtlinge in Pakistan reicht in die Zeit vor der militärischen Intervention der Sowjetunion im Dezember 1979 bzw. den damit im Zusammenhang stehenden Putsch im April 1978 ("Saur-Revolution") der kommunistischen Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA) zurück. Bereits 1973, kurz nachdem Daoud Khan durch einen unblutigen Putsch an die Macht gekommen war und eine Republik gegründet hatte, ließ sich eine kleinere Gruppe afghanischer Islamisten in Pakistan nieder. Zu dieser Zeit erfuhr diese Gruppe in ihrem Heimatland nur geringe Unterstützung. In Pakistan wurden sie hingegen von der Regierung willkommen geheißen, die sie als nützliches Instrument ansah, um in Afghanistan Unfrieden zu verbreiten.

Pakistan betrachtete Afghanistan als problematischen Nachbarn, zum einen, weil es die provisorische Grenze zwischen den beiden Ländern ablehnte und zum anderen, weil die afghanischen Führer die paschtunische Minderheitsbevölkerung Pakistans aufgefordert hatten, sich ihren ethnischen Brüdern in Afghanistan anzuschließen, wo Paschtunen die größte ethnische Gruppe bildeten. Noch wichtiger war jedoch die existenzielle Bedrohung, die Pakistan in seinem Erzrivalen Indien sah. Aus diesem Grund versuchte Pakistan, seinen eigenen Einfluss in Afghanistan zu maximieren und den indischen Einfluss dort zu minimieren. Dieses Bestreben wurde als Doktrin der "strategischen Tiefe" bezeichnet.[7] Afghanistan wurde mit dem Eingreifen der sowjetischen Truppen 1979 zu einem der Brennpunkte der Supermacht-Rivalität des Kalten Krieges. Für die USA und ihre Verbündeten in Europa und im Nahen Osten war die sowjetische Intervention nichts anderes als eine aggressive Besatzung, die gestoppt werden musste. Es bestand das Übereinkommen, die Streitkräfte der USA oder ihrer Verbündeten nicht direkt einzusetzen, da dies leicht zu einer Eskalation führen konnte – nicht nur in Afghanistan, sondern auch anderswo. Vor diesem Hintergrund wurde aus der kleinen Gruppe der in Pakistan lebenden afghanischen Radikalen der geschätzte Pool, aus dem die Mehrheit der afghanischen Widerstandsführer rekrutiert wurde.

Zum Zeitpunkt der sowjetischen Intervention befanden sich in Pakistan bereits rund 400.000 afghanische Flüchtlinge. Im Laufe der folgenden zwei Jahre stieg ihre Zahl Schätzungen zufolge auf fast drei Millionen. Die Kombination aus ehrgeizigen Reformen und ungeduldiger Brutalität der DVPA hatte bereits in ganz Afghanistan zu lokalen Aufständen geführt. Die sowjetische Intervention, die in Afghanistan ein weniger unbeholfenes Regime einführen sollte, löste nur weitere Unruhen aus. Und vor allem internationalisierte sie den Krieg. Wenige Monate zuvor hatten die USA aufgrund der islamischen Revolution im Iran ihren regionalen Brückenkopf verloren. Sie gingen daher auf Pakistan zu, um einen "Unterstützungskanal" für den Widerstand aufzubauen. In diesen frühen Tagen des Krieges fehlte dem Widerstand eine Suprastruktur. Die Widerstandsbewegung wurde hauptsächlich von lokalen Persönlichkeiten angeführt, von denen viele unmittelbar vom DVPA-Regime ins Visier genommen wurden. Diese Anführer trugen häufig dazu bei, ihren Anhängern die Flucht zu erleichtern. Sie wollten die Kriegsführung aus der relativen Sicherheit des Exils fortsetzen. Als die im Exil lebenden Parteien und ihre Kampfeinheiten zu organisatorischer Stärke gekommen waren, gelang es ihnen, Geld, Waffen und Rekruten zu lenken, um sich den sowjetischen und DVPA-Truppen in Afghanistan entgegenzustellen.

Im Exil vollzog sich innerhalb der afghanischen Flüchtlingsbevölkerung rascher Wandel der erst in Ansätzen vorhandenden politischen Struktur. Die Regierung des Gastlandes legte sieben Gruppen fest, die den afghanischen Widerstand repräsentieren sollten. Pakistan zählte nicht zu den Unterzeichnern internationaler Flüchtlingskonventionen und hatte so beträchtliche Handlungsfreiheit. Es wollte den afghanischen Widerstand unterstützen, ohne jedoch direkt in den Krieg hineingezogen zu werden. Daher bemühte sich der Staat, alle Arten von internationaler Hilfe zu maximieren und Einfluss auf ihre Verteilung zu gewinnen. Eine besonders wirksame Maßnahme war die Verknüpfung von Flüchtlingshilfe und Politik. Der Flüchtlingsstatus wurde von der Mitgliedschaft in einer der Widerstandsparteien abhängig gemacht. Es war daher nicht überraschend, dass fast alle Flüchtlinge in eine Partei eintraten.

In Pakistan wurde in den 1980er Jahren die Mehrheit der afghanischen Flüchtlinge in Lagern untergebracht, die häufig von einer bestimmten Partei kontrolliert wurden. Die Parteien hatten einen erheblichen Einfluss auf den Zugang zu Hilfsgütern in den Lagern, beispielsweise durch die Benennung von Mittelspersonen, die bei der Verwaltung der Verteilung behilflich waren. Das Flüchtlingsleben im Allgemeinen und insbesondere in den Lagern war stark politisiert. Die Ausbildung, einschließlich der religiösen Ausbildung in Medresen (islamischen Religionsschulen), war in großem Umfang organisiert, wobei die Widerstandsparteien das Unterrichtsmaterial festlegten. Die militärische Ausbildung wurde weitgehend in separaten Einrichtungen organisiert. Die Mittel kamen aus den USA und anderen westlichen Ländern sowie von staatlichen und privaten Geldgebern aus Saudi-Arabien und der Golfregion. Die pakistanische Armee und ihr Geheimdienst waren der wichtigste Mittler von Waffen und Geld. Sie gewann großen Einfluss auf den afghanischen Widerstand und stärkten gleichzeitig ihre Rolle in der pakistanischen Politik.

Auch die Frage der Rückkehr war politisch. Die Genfer Abkommen von 1988 zwischen Pakistan, Afghanistan, den USA und der Sowjetunion führten im Februar 1989 zum Abzug der sowjetischen Streitkräfte. Die pakistanischen Widerstandsparteien erklärten, dass eine Rückkehr nach Afghanistan vor einem Regimewechsel ein Akt des Verrats wäre, der den Grundsätzen des heiligen Krieges gegen die Ungläubigen widerspreche, an dem sie sich beteiligten. Während der gesamten achtziger Jahre hatten die Parteien ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, ihren Botschaften mit Gewalt, durch Inhaftierung, Entführung und Ermordung politischer Gegner Nachdruck zu verleihen. Als dann Berichte über Straßensperren und Belästigungen unter rückkehrwilligen Flüchtlingen, die Runde machten, zeigte dies Wirkung: Es sollte die Abdankung von DVPA-Präsident Najib im Jahr 1992 und die Einrichtung einer Übergangsregierung der Mujaheddin-Parteien erfordern, bis eine große Zahl von Afghaninnen und Afghanen in ihr Herkunftsland zurückkehrte. In jenem Jahr registrierte das UN-Flüchtlingswerk (UNHCR) 1.274.000 Menschen, die ihre Flüchtlingskarten als Gegenleistung für ein Rückkehrunterstützungspaket abgaben. Diejenigen, die hohe Posten in den Mujaheddin-Parteien innehatten, gehörten zu den ersten, die nach Afghanistan zurückkehrten. Bald brach die politische Vereinbarung der verschiedenen Parteien zusammen und in der Hauptstadt kam es zu massiven Kämpfen. Die Enttäuschung über die Mujaheddin-Parteien erklärt, warum so viele Menschen das Auftauchen der Taliban begrüßten, als diese im Herbst 1994 die politische Bühne betraten.

Die Taliban



Es dauerte ziemlich genau zwei Jahre vom Auftauchen der Taliban im Herbst 1994 bis zu ihrer Übernahme der Kontrolle über die afghanische Hauptstadt Kabul und der Vertreibung der Regierung der Mujaheddin. Die meisten führenden Persönlichkeiten der Bewegung entstammten den Reihen der Mujaheddin der 1980er Jahre und vor allem ihren eher traditionalistischen Zweigen. Diese Anführer verfügten über ein dichtes religiöses und politisches Netzwerk über die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan hinweg. Sie waren oft mit Medresen in Pakistan verflochten und viele von ihnen hatten im Exil lebende Verwandte; manchmal befanden sich auch Teile oder alle Haushaltsmitglieder noch im Exil. In den entscheidenden Jahren zwischen 1994 und 1996 war die Führung der Taliban in Afghanistan angesiedelt. Die Mehrheit ihrer Führer hatte jedoch ihren Hintergrund im politisierten Umfeld der pakistanischen Flüchtlinge der 1980er Jahre. Daher zog die Bewegung einen großen Teil ihrer Rekruten aus dieser Umgebung (und insbesondere aus den Medresen) an. Zudem erhielten sie großzügige Unterstützung – einschließlich Geld, militärische Ausrüstung und strategische Beratung – von ihrem ehemaligen Gaststaat. Daher war der Erfolg der Mobilisierung der Taliban in den 1990er Jahren in hohem Maße von historischen und gegenwärtigen Elementen der Militanz unter Flüchtlingen abhängig.

Die Intervention der USA im Jahr 2001 zerschlug den Taliban-Apparat: Die absolute Mehrheit seiner Führungs- und Unterstützungspersonen zog sich zurück, einige in ihr früheres Leben in Afghanistan, andere gingen ins Exil nach Pakistan. In den ersten Jahren nach der Intervention gab es keinen bewaffneten Widerstand der Taliban. Bei der anschließenden allmählichen Remobilisierung waren wieder sichere Zufluchtsorte in der pakistanischen Flüchtlingsumgebung von zentraler Bedeutung. In den ersten Jahren der Remobilisierung wurden die meisten bewaffneten Angriffe von Einzelpersonen oder Gruppen aus Pakistan durchgeführt, die rasch zurückkehrten. Die Mobilisierung der Taliban nach 2001 war fest im Flüchtlingsdasein verwurzelt, das die vorangegangenen 20 Jahre geprägt hatte. Die Rekrutierung unter Exil-Afghanen in Pakistan und zum Teil auch unter jüngst nach Afghanistan Zurückgekehrten war für die Organisation unerlässlich. Als es den Taliban gelang, in einigen Gegenden nach und nach wieder Fuß zu fassen, erfolgten vermehrt Initiativen und Angriffen aus Afghanistan heraus. Der Großteil der Führung sowie die Familienangehörigen waren jedoch im Exil stationiert.

Ebenso wichtig war die Unterstützung durch den pakistanischen Staat, vor allem beim Aufbau militärischer Kapazitäten, aber auch bei der Bereitstellung sicherer Zufluchtsorte, wo Kämpfer trainieren und leben sowie ihre Familien in Sicherheit wähnen konnten. Die Art und das Ausmaß der finanziellen und militärischen Unterstützung sowie die Frage, wie viele Mittel möglicherweise von anderen Gebern auf internationaler Ebene hinzukamen, sind nicht eindeutig zu bestimmen. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass dies ein entscheidender Faktor für die Fähigkeit der Taliban war, sich wieder aufzubauen. Die Taliban hatten ihre Lehren aus der jahrzehntelangen Mobilisierung von Flüchtlingen gezogen. Sie übernahmen einfach das gleiche Repertoire, um sich Legitimität zu erarbeiten, Rekruten anzuwerben und ihre Streitkräfte zu unterhalten, ihr Personal auszubilden und einen sicheren Hafen für die Kämpfer und ihre Familien bereitzuhalten sowie die notwendigen finanziellen und militärischen Ressourcen einzutreiben.

Der Weg nach vorn



Die militante Mobilisierung in Flüchtlingskontexten ist heute genauso verbreitet wie im Kalten Krieg. Wie Pakistan in den 1990ern die Taliban unterstützte, bieten auch heutzutage Länder in der Nachbarschaft von Konfliktherden Unterstützung für Gruppen im Exil. Dies gilt z.B. für Gruppen, die seit 2011 in Syrien kämpfen.

Eine der Erkenntnisse der Konfliktforschung ist, dass Kriege, in denen Konfliktparteien in Nachbarländern eine Zufluchtsstätte finden, besonders schwer zu lösen sind. Militante Gruppen, die die Chancen nutzen, die das Exil bietet und im Widerspruch zum Flüchtlingsrecht stehen, sind wahrscheinlich ein entscheidender Grund, warum das so ist. Das Recht auf Flüchtlingsschutz dürfen nur Personen in Anspruch nehmen, die sich nicht in militanten Zusammenhängen engagieren. Daher waren sowohl in der praktischen Flüchtlingsarbeit Aktive als auch Forscherinnen und Forscher zurückhaltend, das Phänomen der Militarisierung von Flüchtlingen anzuerkennen und zu analysieren.

Dies führt zu einer Diskrepanz zwischen der Unterstützung von Flüchtlingen und Maßnahmen zur Begrenzung von Konflikten oder deren Folgen. Beispielsweise werden Programme zur Unterstützung der Rückkehr von Flüchtlingen in ihre Herkunftsländer und Programme zur Demobilisierung von Kämpfern ohne gegenseitige Anerkennung geplant und durchgeführt. Die Flüchtlinge, die unmittelbar nach der militärischen, US-geführten Intervention von 2001 nach Afghanistan zurückkehrten, wurden als Zeugnis der Zustimmung zu dieser Intervention betrachtet. Die Rückkehr wurde als "Abstimmung mit den Füßen" verstanden. Diejenigen, die sich für eine frühe Rückkehr entschieden, waren größtenteils eng mit den Streitkräften verbunden, die den Kampf gegen die Taliban gewonnen hatten. Die Rückführung im Kontext der Militanz unter Flüchtlingen stellt ein besonders schwierig anzugehendes Problem dar, mit dem sich internationale Akteure aber auseinandersetzen müssen.

Der afghanische Konflikt, der sich bereits über 40 Jahre hinzieht, kann nur vor dem Hintergrund der Militarisierung von Flüchtlingen verstanden werden. Während es sich bei vielen der ursprünglichen Triebkräfte des Konflikts um interne Ursachen handelte, spiegeln die Intensität und die Richtung, die der Konflikt genommen hat, die Mobilisierung im Exil wider. Diese Mobilisierung muss natürlich auf der Ebene der internationalen Politik verstanden werden – nicht zuletzt die strategische Überlegung sowohl der Flüchtlingsaufnahmestaaten als auch weiter entfernter Befürworter einer solchen Militanz. Ebenso wichtig ist es jedoch, dass die Mobilisierung von Flüchtlingen auch im Zusammenhang mit dem afghanischen Konflikt selbst verstanden wird und inwiefern die Möglichkeiten, die sich aus dem Verbleib im Exil ergeben, bestimmten Akteuren und bestimmten Strategien auf Kosten anderer Macht verleihen.

Übersetzung ins Deutsche: Vera Hanewinkel

Literatur



Harpviken, Kristian Berg/Lischer, Sarah (2013): Refugee Militancy in Exile and Upon Return in Afghanistan and Rwanda. In: Jeffrey Checkel (Hg.): Transnational Dynamics of Civil War. Cambridge: Cambridge University Press, S. 89–119.

Harpviken, Kristian Berg/Naftalin, Mark (im Erscheinen): Going Home to Fight? Refugees, Return and Political Violence. O.O.

Harpviken, Kristian Berg/Tadjbakhsh, Shahrbanou (2016): A Rock Between Hard Places: Afghanistan as an Arena for Regional Insecurity. London/New York: Hurst/Oxford University Press.

Lischer, Sarah Kenyon (2005): Dangerous Sanctuaries: Refugee Camps, Civil Wars and the Dilemmas of Humanitarian Aid. Ithaca: Cornell University Press.

Shahrani, Nazif (1995): Afghanistan’s Muhajirin (Muslim "Refugee -Warriors"): Politics of Mistrust and Distrust of Politics. In: E. Valentine Daniel und John Chr. Knudsen (Hg.): Mistrusting Refugees. Berkeley, CA: University of California Press, S. 13–35.

Stedman, Stephen John/Tanner, Fred (Hg.) (2003): Refugee Manipulation: War Politics and the Abuse of Human Suffering. Washington DC: Brookings Institution Press.

Terry, Fiona (2002): Condemned to Repeat: The Paradox of Humanitarian Action. Ithaca: Cornell University Press.

Zolberg, Aristide/Suhrke, Astri/Aguayo, Sergio (1989): Escape from Violence: Conflict and the Refugee Crisis in the Developing World. New York: Oxford University Press.

Dieser Text ist Teil des Länderprofils Afghanistan.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Kristian Berg Harpviken für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Fußnoten

1.
Zolberg/Suhrke/Aguayo (1989), S. 275. Zitat ins Deutsche übersetzt.
2.
Ebenda.
3.
Terry (2002); Stedman/Tanner (2003); Lischer (2003).
4.
Shahrani (1995).
5.
Harpviken/Lischer (2013).
6.
Harpviken/Naftalin (im Erscheinen).
7.
Harpviken/Tadjbakhsh (2016).

Kristian Berg Harpviken

Kristian Berg Harpviken

ist Forschungsprofessor und ehemaliger Direktor des Peace Research Institute Oslo (PRIO).
Seine Forschungsschwerpunkte sind kriegsbedingte Migration und soziale Netzwerke sowie transnationale Mobilisierung im Kontext von Bürgerkriegen mit einem geographischen Fokus auf Afghanistan und seine Nachbarschaft.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln