zurück 
1.8.2008

Hintergrundinformationen

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

Mexiko Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)

Historische Entwicklung

Zuwanderung

Während des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat Mexiko, wie zahlreiche andere Länder in der westlichen Hemisphäre auch, um Einwanderer aus Europa geworben. Aufgrund der politischen Instabilität Mexikos und attraktiveren Alternativen in den USA, in Argentinien und Kanada kamen jedoch nur wenige Zuwanderer von jenseits des Ozeans. Gerade einmal ein halbes Prozent der europäischen Auswanderer im späten 19. Jahrhundert siedelte sich in Mexiko an.

i

Info

Mexiko

Hauptstadt: Mexiko-Stadt
Sprachen: Spanisch
Fläche: 1.972.550 km2
Bevölkerung (2007): 108,7 Mio. (CIA Factbook)
Bevölkerungsdichte (2005): 54,5 Einwohner pro km2
Bevölkerungswachstum (2006): 0,89% (OECD)
Erwerbsbevölkerung (2007): 42% (CIA Factbook)
Anteil der ausländischen Bevölkerung (2000): 0,5% (INEGI)
Arbeitslosenquote (2007): 3,7% (CIA Factbook)
Religionen (2000): Römisch-katholisch 76,5%, protestantisch 6,3%, keine Angabe 13,8%, andere/keine 3,4% (INEGI)
Nach den Misserfolgen im Werben um Europäer bemühte sich das Land im späten 19. Jahrhundert um chinesische Zuwanderer. Als die USA jedoch in den 1920er Jahren die Grenzen für nicht-europäische Zuwanderer schlossen, folgte Mexiko diesem Beispiel und beschränkte die Einreisemöglichkeit auf Zuwanderer aus Asien, aus dem Mittleren Osten und aus Osteuropa. Dies geschah im Zuge einer rassistischen Gegenbewegung gegen die postrevolutionäre Vision von Mexiko als Mestizennation, hervorgegangen aus Spaniern und indigener Bevölkerung. Der Anteil der im Ausland geborenen mexikanischen Bevölkerung wuchs von 0,4 % im Jahr 1900 auf 1 % im Jahr 1930, ist seitdem aber kontinuierlich auf 0,5 % im Jahr 2000 gefallen.

Abwanderung

Eroberung im 19. Jahrhundert
Die Wanderungsbewegungen von Mexiko in die USA stellen "gegenwärtig den größten andauernden Strom von Arbeitsmigranten der Welt" dar. [1] Mexiko teilt mit den USA eine 3.200 km lange Grenze. Eine derartig lange Grenze lässt sich kaum durchgehend kontrollieren und bietet somit zahlreiche Schlupflöcher, die eine massive mexikanische Migration begünstigen. Nur wenige Migranten stammen jedoch aus der Grenzregion; die meisten kommen aus Staaten, die Hunderte Kilometer entfernt im Süden liegen. So erstrecken sich rund 2.300 Kilometer Autobahn zwischen der Stadt Tijuana an der nordwestlichen Grenze zu Kalifornien und Guadalajara im Herzen der Hauptauswanderungsregion im Westlichen Hochland Mexikos.

Militärische und wirtschaftliche Interventionen sowie direkte Anwerbungen von Seiten der USA, aber auch Unruhen in Mexiko waren in der Vergangenheit auslösende Faktoren für die Abwanderung in die USA.

Durch die Abspaltung von Texas 1836 und den Vertrag von Guadalupe Hildago von 1848, durch den ein zwei Jahre währender Krieg zwischen den USA und Mexiko beendet wurde, verlor Mexiko mehr als die Hälfte seines Territoriums. Rund 80.000 Mexikaner lebten zu jener Zeit in den nördlichen Gebieten. Wie es die damaligen Zuwanderer treffend ausdrückten, überquerten nicht sie die Grenze, sondern die Grenze überquerte sie.

Die meisten Mexikaner in den USA sind jedoch erst während des 20. Jahrhunderts eingewandert bzw. stammen von Zugewanderten aus diesem Zeitraum ab. Demografische Untersuchungen gehen davon aus, dass die mexikanischstämmige Bevölkerung in den USA ohne die Zuwanderung aus Mexiko während des 20. Jahrhunderts nur etwa 14 % ihrer jetzigen Größe betragen würde. [2]

Anwerbung und Revolution
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Scouts der US-Eisenbahn und von Farmen – die enganchadores – auf der Suche nach Arbeitern ins Innere Mexikos reisten, setzte erstmals erhebliche Auswanderung in die USA ein. Zwischen 1917 und 1921 wurden als unilaterale Notfallmaßnahme gegen den Arbeitskräftemangel während des Ersten Weltkrieges 70.000 Vertragsarbeiter in die USA geholt. Die mexikanische Revolution zwischen 1910 und 1920 sowie die Cristero-Kriege zwischen der säkularen Regierung und katholischen Rebellen in den späten 1920er und in den 1930er Jahren veranlassten Hunderttausende zur Flucht nach Norden. Die Grenze zu den USA war in jener Zeit praktisch offen, da der US-Grenzschutz erst 1924 eingerichtet wurde. Überdies waren Länder der westlichen Hemisphäre von jährlichen Quoten für die Zuwanderung in die USA, wie sie von 1921 bis 1965 einzelnen Ländern zugeteilt wurden, ausgenommen.

Arbeitgeber im Südwesten der USA bevorzugten mexikanische Arbeiter vor anderen Nationalitäten, da sie diese für fügsame Arbeitskräfte hielten, die nicht nur niedrige Löhne und harte Arbeitsbedingungen akzeptierten, sondern auch in ihr Heimatland zurückgehen würden, sobald die Nachfrage nach Arbeitskräften nachließe.

Während der Großen Depression zwischen 1929 und 1939 wurden schätzungsweise 400.000 Mexikaner nach Mexiko zurückgeschickt, darunter zahlreiche Menschen, die aufgrund ihrer Geburt in den USA eigentlich US-Bürger waren.

Aufgrund der erneut gestiegenen Nachfrage nach Arbeitskräften während des Zweiten Weltkrieges wurde 1942 das "Bracero"-Programm aufgelegt, in dem für 4,5 Millionen ausländische Arbeitskräfte zeitlich befristete Arbeitsverträge ausgestellt wurden. Das Programm bestand in abgewandelten Formen bis 1964 fort; in den späteren Jahren übertraf die irreguläre Zuwanderung jedoch die reguläre. Als nachhaltigste Konsequenz verankerte sich Migration in den ländlichen Gebieten Mexikos als wichtiger Wirtschaftsfaktor und in kulturellen Erwartungen in Bezug auf ein besseres Leben außerhalb des Landes. Seit den ersten "Bracero-Pionieren" hat dieser Prozess dazu geführt, dass durch steten Nachzug viele ländliche Gemeinden Mexikos mittlerweile mehr Angehörige in Satellitenkommunen in den USA haben als in der Heimatgemeinde.

NAFTA und das beständige Lohngefälle
Der Unterschied im Lohnniveau zwischen den USA und Mexiko lag in der Vergangenheit konstant bei 10:1, bei niedrig qualifizierter Arbeit – dem für mexikanische Zuwanderer wichtigsten Sektor – bei 5:1. [3] Die meisten mexikanischen Zuwanderer waren vor ihrer Auswanderung keineswegs arbeitslos, auch kommen sie nicht aus den ärmsten Bundesstaaten. Das Problem ist weniger in der Arbeitslosigkeit zu suchen als vielmehr in Unterbeschäftigung und beständig niedrigen Löhnen, im Vergleich zu jenen in den USA.

Das 1994 in Kraft getretene nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) wurde von der Politik auch als Maßnahme verkauft, welche durch die Schaffung von mehr und besser bezahlten Arbeitsplätzen im Exportsektor der mexikanischen Wirtschaft die Migration eindämmen sollte.

Der Handel zwischen Mexiko und den USA hat sich seit Inkrafttreten des NAFTA verdreifacht; das Abkommen hat in Mexiko jedoch nicht nur Gewinner hervorgebracht. Aus der Perspektive der Subsistenzbauern ist das Freihandelsabkommen ein Desaster. Sie sind nicht in der Lage, mit der US-Landwirtschaft zu konkurrieren, die von massiven staatlichen Subventionen, Einsparungen durch Massenproduktion, Nutzung modernster Technologien und leichtem Zugang zu Kapital profitiert. Seit die mexikanische Regierung im Zuge des Abkommens Maissubventionen abgebaut hat, wandern mexikanische Maisbauern verstärkt in die USA aus. Ein ähnlicher Prozess lässt sich für die Rinder- und Geflügelindustrie verzeichnen. Während Mexiko die Hälfte des gehandelten Fleischs heute aus den USA importiert, arbeiten im Mittleren Westen der USA zunehmend mexikanische Zuwanderer als Fleischverpacker, die von der heimischen Wirtschaft entlassen worden sind.

Fußnoten

1.
Massey u. a. (1998): 73.
2.
Bean und Stevens (2003): 53.
3.
Cornelius und Salehyan (2007).

David Fitzgerald

Zur Person

David Fitzgerald

David Fitzgerald ist Assistant Professor für Soziologie and Direktor für Feldforschung am Zentrum für Vergleichende Immigrationsstudien der University of California, San Diego.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln