zurück 
1.3.2012

Deutschland: Wachsende Zuwanderung aus Südeuropa

Immer mehr Griechen, Spanier, Portugiesen und Italiener erwägen, in der Bundesrepublik nach Arbeit zu suchen. Wegen der schwierigen Wirtschaftslage wollen sie ihre Herkunftsländer verlassen. Deutschland wirbt aktiv um gut ausgebildete Arbeitskräfte.

Das Goethe-Institut verzeichnete im vergangenen Jahr Rekordzahlen bei den Teilnehmern an Deutschkursen und Prüfungen. Nach Jahren eher konstanter Nachfrage stieg vor allem in Südeuropa die Zahl der Menschen, die Deutsch bei dem Kulturinstitut der Bundesrepublik lernen, so dass die Kapazitäten ausgebaut wurden. Weltweit stieg die Zahl der Deutschlernenden 2011 gegenüber dem Vorjahr um 7,5% auf 235.000 Menschen. Besonders stark nahm die Zahl in Südeuropa zu, mit Zuwächsen von 10% (Griechenland), 14% (Italien), 20% (Portugal) und 35% (Spanien). Diese Entwicklung wird auf ein vermehrtes Interesse an der Aufnahme einer Erwerbsarbeit in Deutschland zurückgeführt. Wer Deutsch lernt, hat bessere Chancen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt.

Hintergrund



Deutschland ist im Vergleich zu den südeuropäischen Ländern bisher gut durch die weltweite Wirtschaftskrise gekommen. Die Beschäftigung wächst und die Arbeitslosigkeit geht weiter zurück. In einigen Regionen und Branchen lassen sich frei werdende Arbeitsplätze nur schwer besetzen (vgl. MuB 10/11, 6/11, 10/10). Die südeuropäischen Länder sind dagegen stärker und anhaltender von der Krise betroffen. Hohe Arbeitslosigkeit und drastische Sparprogramme treffen vor allem Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt – Migranten und junge Menschen, von denen z. B. in Spanien jeder Zweite arbeitslos ist. Unbesetzte Stellen auf der einen Seite – hohe Arbeitslosigkeit auf der anderen: Die Situation erinnert an die Aufbauzeit der Bundesrepublik, in der auf das Ungleichgewicht mit Anwerbeprogrammen vor allem in Südeuropa reagiert wurde. Im Unterschied zu den Arbeitsmigranten der Anwerbezeit (1955-1972) können die Menschen aus den südlichen EU-Staaten heute im Rahmen der europäischen Freizügigkeit selbstständig in Deutschland nach Arbeit suchen. Sie können dabei die Unterstützung der europaweiten Vernetzung der Arbeitsverwaltungen (EURES) in Anspruch nehmen und sich von einem der europaweit 850 EURES-Berater bei der Suche nach offenen Stellen helfen lassen. Zudem organisiert die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit, die im EURES-Netzwerk mitarbeitet, Informationsveranstaltungen auf Einladung anderer EU-Länder, um über Stellenangebote und Arbeitsbedingungen in Deutschland zu informieren. Dabei fahren zum Teil auch Arbeitgeber mit, die dort Vorstellungsgespräche für konkrete Stellen führen wollen. In letzter Zeit gab es nach Angaben der ZAV eine "deutliche Zunahme“ der Veranstaltungen in Südeuropa.

Großes Aufsehen erregte im März eine Aktion der baden-württembergischen Stadt Schwäbisch-Hall (37.500 Einwohner). Sie hatte Ende Januar Journalisten aus Südeuropa eingeladen, damit diese sich die Vorzüge einer Beschäftigung in der Stadt erläutern lassen konnten. Nach dem Besuch wurde ausführlich in den Herkunftsländern berichtet. Die Folge: Allein aus Portugal kamen für die 3.000 offenen Stellen rund 14.000 Bewerbungen. Dabei passten die Bewerber häufig nicht zum Profil der gesuchten Arbeitskräfte. Kritik kam daher von allen Seiten, einschließlich der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände. Das baden-württembergische Finanz- und Wirtschaftsministerium empfahl passgenauere Anwerbeaktionen wie eine vom Ministerium organisierte Anwerbetour nach Barcelona ("Aktion Nikolaus“). Auf diesem Weg wurde bis Mitte März 34 spanischen Ingenieuren eine Arbeitsstelle in Baden- Württemberg vermittelt.

Die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland, die seit der Ölkrise der 1970er Jahre gestoppt war, erlebt derzeit eine Renaissance, wenn auch unter veränderten Vorzeichen und in bislang viel geringerem Ausmaß. Nicht nur Deutschland, sondern auch z. B. die skandinavischen Länder suchen wieder gezielt im Ausland nach Arbeitskräften. Für Westfinnland werden etwa Ärzte und Krankenpfleger, Metallarbeiter und landwirtschaftliche Facharbeiter angeworben. Im Unterschied zur alten Anwerbepolitik werden heute in erster Linie Fachkräfte gesucht, und eine Zuwanderung auf Dauer erscheint als wünschenswert (vgl. MuB 9/11, 8/11, 3/10).

Soziale Absicherung



Für EU-Bürger gilt: Wer mindestens drei Monate lang gearbeitet hat, kann bei späterer Arbeitslosigkeit auch Anspruch auf die gleichen Sozialleistungen wie die Bürger des Landes geltend machen. Ob und unter welchen Umständen schon ab dem ersten Tag Anspruch auf Grundsicherungsleistungen (Hartz IV) erhoben werden kann, ist derzeit rechtlich umstritten. Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts von Oktober 2010 konnten Arbeitssuchende, deren Staaten dem Europäischen Fürsorgeabkommen beigetreten waren, weitergehende Rechte geltend machen. Staatsangehörige aus 17 Staaten, unter anderem aus Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und der Türkei, konnten vom ersten Tag der Meldung als Arbeitssuchende auch einen Antrag auf Grundsicherung stellen. Diese Regelung löste bei einigen die Sorge vor einer Zuwanderung in die Sozialsysteme aus, obwohl von dieser Regelung nur ein verschwindend kleiner Teil der Neuzuwanderer Gebrauch gemacht hatte. Mit einem Vorbehalt zum Europäischen Fürsorgeabkommen und entsprechenden Anweisungen an die Behörden stellte die Bundesregierung Ende Februar im Wesentlichen den vorherigen Zustand wieder her. Dies wurde mit der Notwendigkeit, alle EU-Bürger gleich zu behandeln, begründet. Kritiker wie z. B. der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Ulrich Schneider bezeichneten den Vorbehalt dagegen als "ein europa- und sozialpolitisch fatales Signal“. Im Moment ist die Zuwanderung aus Südeuropa nach Deutschland noch durch ein relativ geringes Ausmaß, aber hohe Zuwächse gekennzeichnet (vgl. MuB 1/12). Während z. B. im Jahresdurchschnitt 2010 rund 1.000 Neuanmeldungen pro Monat aus Griechenland zu verzeichnen waren, wies die Wanderungsstatistik im November 2011 – dem Monat mit den aktuellsten vorliegenden Zahlen – 3.100 Zugezogene aus. Aus Spanien hatten sich die Novemberzuzüge im Vergleich zum Jahresdurchschnitt 2010 verdreifacht (2.577 Zuzüge im November 2011, 888 monatlich im Jahresdurchschnitt 2010). Auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus Südeuropa steigt seit 2010 wieder an, nachdem zuvor langfristig Rückgänge zu verzeichnen waren. Allerdings sind die Zuwächse bei Bürgern aus Osteuropa, insbesondere aus Polen und Rumänien deutlich höher (siehe Abbildung in der PDF-Version).

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rechnet in seiner Prognose für 2012 mit einer Netto- Zuwanderung von insgesamt rund 200.000 Personen – etwas weniger als 2011 (ca. 240.000), aber deutlich mehr als im Durchschnitt der letzten Jahre (vgl. MuB 6/10, 5/10, 5/08).

Weitere Informationen

Dita Vogel

Dita Vogel

Dr. Dita Vogel ist Senior Researcher im Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung an der Universität Bremen und Vorstandsmitglied im Netwerk Migration in Europa e.V. E-mail: dita.vogel@network-migration.org


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln