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16.1.2014

Großbritannien: Zuwanderung und öffentliche Meinung

Mehr als drei Viertel der Briten sprechen sich für eine Verringerung der Zuwanderung aus. Dies geht aus einer Anfang Januar veröffentlichten Umfrage hervor. Der konservative Premierminister David Cameron setzt seine restriktive Rhetorik gegenüber der Zuwanderung, vor allem aus osteuropäischen EU-Staaten, fort.

NatCen

Für die repräsentative Meinungsumfrage "British Social Attitudes Survey" befragte das sozialwissenschaftliche Forschungszentrum NatCen zwischen Juni und Oktober 2013 insgesamt 3.244 erwachsene Personen in Großbritannien. Demnach sprachen sich 77 % der Befragten für eine grundsätzliche Reduzierung der Zuwanderung nach Großbritannien aus. Insgesamt 56 % wünschen sogar eine "starke" Verringerung der Immigration, was einem Anstieg von fünf Prozentpunkten gegenüber 2011 (51 %) entspricht. Andererseits ist der Anteil derjenigen, die Zuwanderung als schlecht für die britische Wirtschaft ansehen, von 52 % (2011) auf 47 % (2013) zurückgegangen. Doch selbst unter jenen, die Zuwanderung als positiv für die britische Wirtschaft betrachten, sind mehr als die Hälfte (54 %) der Ansicht, dass sie dennoch reduziert werden müsse.

Ipsos

Eine etwa zeitgleich erschienene Studie des Meinungsforschungsinstituts Ipsos-MORI kommt zu dem Ergebnis, dass Bedenken in der britischen Öffentlichkeit zwar mit steigenden Zuwanderungszahlen seit der Jahrtausendwende einhergehen, aber eine ablehnende Haltung in großen Teilen der Bevölkerung schon bei weit geringeren Einwanderungszahlen bestanden hatte. So waren bereits 1989 63 % der Befragten der Meinung, dass "zu viele Zuwanderer" in Großbritannien leben würden. Zudem sei eine deutliche Differenz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Realität zu erkennen, heißt es in der Studie. Während der tatsächliche Anteil von Zuwanderern an der britischen Gesamtbevölkerung bei 13 % liegt, wird er in der Bevölkerung mit 31 % mehr als doppelt so hoch eingeschätzt. Zuwanderung wird meist mit sozialen Kosten in Verbindung gebracht, obgleich Einwanderer der Studie zufolge nahezu durchgehend Nettoeinzahler in das britische Sozialsystem sind.

Hintergrund

Seit seinem Amtsantritt im Mai 2010 sprach sich der britische Premierminister David Cameron (Konservative) wiederholt für eine Verringerung der Zuwanderung aus (vgl. Ausgabe 8/11). Nach Angaben der britischen Statistikbehörde ist die Nettozuwanderung seither zurückgegangen. Kamen zwischen Juni 2010 und Juni 2011 noch 247.000 Personen mehr als Menschen das Land verließen, sank die Nettozuwanderung im Vergleichszeitraum 2011/12 auf 163.000 Personen (vgl. Ausgabe 3/13). 2012/13 stieg sie wieder leicht auf 182.000 Personen an. Zudem führte die britische Regierung umstrittene Kampagnen zur Abschreckung von Zuwanderern durch, wie etwa die "Go Home"-Kampagne gegen Zuwanderer ohne Aufenthaltsstatus (vgl. Ausgabe 7/13).

Seit November 2013 kritisierte Cameron mehrfach die Zuwanderung aus mittel- und südosteuropäischen EU-Staaten. Seit dem 1. Januar haben EU-Ausländer in den ersten drei Monaten nach ihrer Einreise in Großbritannien keinen Anspruch auf Arbeitslosenhilfe mehr. Bislang war eine Beantragung bereits innerhalb der ersten Wochen nach der Einreise möglich. Zudem sollen sogenannte "Armutsmigranten" schneller abgeschoben werden (vgl. Ausgabe 2/13). Andererseits versucht die britische Regierung, hochqualifizierte Fachkräfte anzuwerben und im Land zu halten (vgl. Ausgabe 8/13).

Zuletzt verlangte Cameron neue EU-Bestimmungen, um den Zugang von Zuwanderern in die Sozialsysteme der Zielländer einzuschränken. Dabei bezog er sich vor allem auf polnische Zuwanderer, die die größte Gruppe von Ausländern in Großbritannien stellen (2012: 700.000). Der polnische Regierungschef Donald Tusk (PO, liberal-konservativ) bezeichnete die Äußerungen Camerons als "unangemessen" und kündigte ein polnisches Veto für den Fall an, dass Sozialleistungen für einzelne Nationalitäten eingeschränkt würden. Der EU-Arbeitskommissar László Andor wies auf das Grundprinzip der Freizügigkeit der Arbeitnehmer hin.

Von den Ende 2012 insgesamt 7,7 Mio. im Ausland geborenen Zuwanderern in Großbritannien kamen rund 1 Mio. aus den osteuropäischen EU-8-Staaten (15,2 %). Aus Rumänien und Bulgarien kommen lediglich 158.000 Personen (2 %). Fünf Mio. Zuwanderer in Großbritannien (65 %) sind außerhalb der EU geboren. Wichtige Herkunftsländer von Zuwanderern sind die Commonwealth-Staaten Indien und Pakistan.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Stefan Alscher für bpb.de

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Stefan Alscher

Stefan Alscher

Stefan Alscher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Forschungsfeld "Weltweite und irreguläre Migration, Islam, Demographie, Forschungstransfer, wissenschaftliche Leitung des Doktorandenprogramms". Er ist Redakteur beim Newsletter "Migration und Bevölkerung". E-Mail: stalscher@migra.org


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