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28.2.2014

Mehr als ein Zelt: Menschenwürdige Unterkunft in Not?

Die Lebensbedingungen in Flüchtlingslagern oder informellen Migrantensiedlungen sind oft schlecht, Krisenlösungen bieten häufig nicht viel mehr als das sprichwörtliche Dach über dem Kopf. Der Verein und das Unternehmen "morethanshelters" haben ein Zelt entworfen, das nach ihrer Aussage einen menschenwürdigeren Aufenthalt in Ausnahmesituationen ermöglichen könnte. Ein Testeinsatz in einem Flüchtlingslager in Jordanien wird aktuell geprüft.

Notunterkunft von "morethanshelters" (© Nikolas Krause)


Herr Bader, Ihr Verein und das Unternehmen "morethanshelters" wollen mit ihrem Zeltsystem menschenwürdigeres Wohnen in Not ermöglichen. Ist das in einem Flüchtlingssammellager überhaupt möglich?

Es ist die Herausforderung, der wir uns mit unserer Arbeit stellen wollen. Wir wollen dabei helfen, so vielen Menschen wie möglich – auch in Notsituationen – eine menschenwürdige Unterbringung zu geben. Allen Prognosen zufolge wird die Zahl derer, die durch Krisen, Katastrophen und Klimafolgen gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen, deutlich steigen. Da gleichzeitig viele kurzfristig geplante Lösungen zu dauerhaften Situationen werden, sind neue Strategien zu suchen. Ziel muss es sein, aus bloßen "Überlebensräumen" nachhaltig menschenwürdige Lebensräume zu schaffen – ob in Flüchtlingslagern, in Slumgebieten oder in den Städten selbst.

Im Zentrum Ihres Ansatzes steht ein neues Zelt, das sich flexibel mit weiteren Zelten verbinden lässt. Was genau ist das Neue?

Wir sprechen von einem Raumsystem, das ein mobiles Zuhause für die humanitäre Nothilfe ist. Das DOMO ist eine Unterkunft, die schnell und direkt in Krisensituationen zum Einsatz kommen kann. Kombiniert ergeben mehrere DOMO ein modulares Notunterkunftssystem, das wie ein Baukasten funktioniert und im Zeitverlauf an die jeweiligen spezifischen und individuellen Bedürfnisse anpassbar ist. Durch Variationsmöglichkeiten und Modularität können soziokulturelle Besonderheiten berücksichtigt werden, wie z. B. das Leben in Großfamilien oder die Pflege von Religion und Brauchtum.

Die Lage der Flüchtlinge weltweit ist höchst unterschiedlich, Notfalleinsätze sind nur bedingt miteinander vergleichbar. Was unterscheidet Ihren Ansatz von der herkömmlichen Herangehensweise von etablierten Flüchtlingshilfsorganisationen?

Unterkünfte von "morethanshelters" (© Nikolas Krause)

Unser "Social Design"-Ansatz bezieht die betroffenen Menschen konsequent in den Gestaltungsprozess mit ein, indem Menschen im Selbstbau und dem vorhandenem Material die Zelte erweitern und sich so einen nutzbaren und an den Bedürfnissen ausgerichteten Lebensraum erschließen. Dieser Herangehensweise liegt die Überzeugung zugrunde, dass nur der Mensch selbst seinen Lebensraum so gestalten kann, dass er seine Bedürfnisse befriedigt. Dieses Ziel gilt es, gemeinsam mit den Hilfsorganisationen, zu erreichen.

Bei den herkömmlichen Systemen kritisieren Sie die Standardisierung und fehlende Flexibilität. Was ist so schlecht an Standards?

Die bisher verfügbaren Lösungen funktionieren sehr gut, wenn es darum geht, Menschen die in eine Notsituation geraten sind, mit einem dringend benötigten Dach über dem Kopf zu versorgen. Viele standardisierte Produkte und Strategien sind allerdings nicht in der Lage, auf oft sehr unterschiedliche klimatische, geographische und vor allem kulturelle Bedingungen zu reagieren und den Aufenthalt in einer Ausnahmesituation somit menschenwürdiger zu gestalten. Es geht hier um physische wie psychische Faktoren, die bei jedem von uns dazu beitragen, sich "zuhause" zu fühlen.

Wie schlagen sich die Erfahrungen der Mitarbeitenden von "morethanshelters" in dem Konzept nieder?

Die zentrale Erkenntnis der vielen Reisen und der Mitarbeit in großen und kleinen Projekten weltweit ist sicherlich, dass Menschen mitunter nur mit primitivsten Materialien wie Pappe, Restholz und umgenutzten Gegenständen sowie unter widrigen Umständen versuchen, mit viel Phantasie, Würde und Eigeninitiative ihren Lebensraum zu gestalten. Mit dieser Erkenntnis hat sich der Initiator und Gründer von "morethanshelters" Daniel Kerber auf Studienreisen in Slums und Favelas begeben, um informelles Siedeln, Selbstbau und partizipative Gestaltung genauer zu untersuchen und noch besser zu verstehen. Er hat dabei nach Antworten auf verschiedene Fragen gesucht: Wie kann sicheres Wohnen auch in Krisensituationen gewährleistet werden? Wie lassen sich Menschen und natürliche Ressourcen vor Ort sinnvoll einbinden? Und wie lässt sich dieses Wissen über Wohnen und informelles Bauen adäquat anwenden, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken? Wir sind davon überzeugt, dass Menschen ihre Situation weitaus besser kennen als Organisationen, die als Außenstehende (Hilfs-)Angebote unterbreiten. Meistens sind die Menschen selbst am besten in der Lage, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Die syrischen Flüchtlinge im Flüchtlingslager Za'atari in Jordanien sind z. B. sehr aktiv und erweitern bzw. verändern die vorhandenen Zelt- und Containerlösungen entsprechend kultureller und individueller Prägungen.

Das meist jahrelange Warten auf eine Besserung der Situation im Herkunftsland sowie die prekäre wirtschaftliche Lage von Flüchtlingen werden oftmals zur nächsten Belastung.

Wichtig ist, dass der Raum, die Architektur, den Menschen mitdenkt, der in ihm lebt, und dass gleichzeitig der Mensch ermächtigt wird, diesen Raum nach seinen Vorstellungen zu gestalten. DOMO soll deshalb idealerweise immer durch Strategien ergänzt werden, die eine Aktivierung und Partizipation der Menschen erreichen und sie ermächtigen, ihren Lebensraum mitzugestalten. Der Begriff des "Zuhauses" mag in diesen Kontexten zuerst schwer passen. Bei genauerem Nachdenken verbinden aber auch wir damit weniger die Größe oder den Schnitt unseres Wohnraums oder gar Möbel und Ausstattung. Vielmehr geht es um ein Gefühl der Sicherheit, inneren Ruhe und Geborgenheit im Kreis der Familie.

Wie verhindern Sie, dass Ihr Konzept zur Verbesserung der temporären Lebenssituation von Flüchtlingen zur Verstetigung der Flüchtlingssituation bzw. zur Ansiedlung fern der Herkunftsgebiete führt?

Dies ist sicherlich denkbar – hängt im konkreten Fall aber von so vielen Faktoren ab. Eine pauschale Antwort fällt daher schwer. Die Rückführung ist und bleibt eine wichtige Aufgabe der humanitären Hilfe. Hier spielt die Situation im Herkunfts- und Aufnahmeland eine Rolle. Außerdem sind politische und ökonomische Interessen sowie nicht zuletzt die Perspektive für die Menschen selbst zu berücksichtigen. In Jordanien leben aktuell zwei Drittel der fast 600.000 syrischen Flüchtlinge nicht in Lagern. Die temporäre Unterbringung in einem notwendigen (oder gewollten) Flüchtlingslager muss aber nicht zwingend eine Isolation von der Aufnahmegesellschaft bedeuten. Vielmehr kann man ein Lager in einen regionalen, sozialen und auch ökonomischen Zusammenhang einbinden.

Wie ist das morethanshelters-Konzept entstanden und in welcher Phase der Entwicklung befinden Sie sich aktuell?

Das Konzept wurde von Daniel Kerber auf Basis seiner zwei Jahrzehnte langen Erfahrungen in vielen Projekten weltweit entwickelt. Vor knapp zwei Jahren wurde morethanshelters als Sozialunternehmen gegründet. Seitdem wurde ein Team aufgebaut und erfolgte die Prototypenentwicklung des DOMO-Systems. Seit letztem Sommer haben verschiedene Produkttests in Europa stattgefunden, u. a. auf dem Roskilde-Musikfestival. Aktuell arbeiten wir hier an letzten Optimierungen und werden ab März die Produktion der ersten Kleinserie vorbereiten.

Verstehen Sie sich selbst als Teil des Flüchtlings- und Nothilfesystems?

Wir haben in den letzten zwei Jahren zahlreiche Kontakte zu den meisten großen und vielen kleinen Organisationen knüpfen können und einige als enge Partner und Unterstützer gewinnen können. Mit Letzteren teilen wir die Vision einer besseren, effektiveren und menschenwürdigeren Unterbringung und wollen diese gemeinsam umsetzen. Insbesondere versuchen wir die Position der Betroffenen in der Bearbeitung der genannten Situationen zu stärken.

Was hält Sie davon ab, Ihr System in Berlin den Organisatoren des Flüchtlingsprotestcamps am Oranienplatz oder in Hamburg der Lampedusa-in-Hamburg-Gruppe anzubieten?

Das DOMO-System ist aktuell noch in der Entwicklung. Eine Unterbringung in Zelten ist in Deutschland darüber hinaus rechtlich nicht erlaubt. Wir kennen die Situationen in Hamburg und Berlin gut, hatten auch Kontakt zu Betroffenen und Aktivisten. Letztlich geht es darum, den Menschen – ob in der jordanischen Wüste oder in Hamburg St. Pauli – einen Ort zu bieten, der nicht nur "Überlebensraum" ist, sondern eine aktive Lebensgestaltung ermöglicht – temporär oder dauerhaft.

Das Interview führte Thomas Hummitzsch

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Autor: Thomas Hummitzsch für bpb.de
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Thomas Hummitzsch

Thomas Hummitzsch

Thomas Hummitzsch ist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg und Chefredakteur des humanistischen Magazins "diesseits". Er ist Redakteur beim Newsletter "Migration und Bevölkerung". E-Mail: thomas.hummitzsch@migration-info.de


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