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11.5.2015

Deutsche Bevölkerung schrumpft und altert trotz Zuwanderung

Die Bevölkerung Deutschlands wird in den kommenden Jahrzehnten stark altern und selbst bei anhaltender Zuwanderung abnehmen. Dies geht aus der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung hervor, die das Statistische Bundesamt am 28. April vorstellte. Die Zahlen bestätigen einmal mehr, dass Deutschland künftig noch mehr Zuwanderung benötigt, um den Arbeitskräftebedarf und das Sozialstaatsprinzip zu sichern.

Auswirkungen der Nettozuwanderung auf die prognostizierte Bevölkerung im Jahr 2060 (© Bevölkerung Deutschlands bis 2060 – 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, www.destatis.de Migration und Bevölkerung 2015, http://www.migration-info.de | Infografik: Thomas Hummitzsch)


"Deutschland braucht Zuwanderung und Deutschland profitiert von Zuwanderung", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bei den vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge organisierten Nürnberger Tagen für Integration im April. Wie dringend Deutschland auf Zuwanderung angewiesen ist, zeigt die neue Bevölkerungsvorausberechnung.

Während die vorherigen Prognosen noch auf der Fortschreibung der Volkszählung von 1987 basierten (vgl. Ausgaben 10/06, 6/03), stützt sich die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung auf die Fortschreibung des Zensus 2011. Dieser zeigte, dass die Bevölkerung Deutschlands um etwa 1,5 Mio. Personen geringer war als bis dahin angenommen (vgl. Ausgabe 5/13). Die Autoren entwickelten verschiedene Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland bis 2060 auf der Basis unterschiedlicher Annahmen zu Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Wanderungssaldo.

Im Unterschied zu früheren Berichten geht die neue Prognose davon aus, dass die Bevölkerungszahl Deutschlands (2013: 80,8 Mio.) aufgrund der aktuell relativ hohen Zuwanderung in den kommenden fünf bis sieben Jahren wachsen wird. Langfristig wird sie jedoch schrumpfen. Im Falle einer annähernd gleichbleibenden Geburtenhäufigkeit von 1,4 Kindern pro Frau und einer moderaten Erhöhung der Lebenserwartung würde die Zahl der Gesamtbevölkerung bis 2060 auf einen Wert zwischen 77,6 Mio. und 67,6 Mio. Menschen schrumpfen, je nachdem, ob jährlich 300.000, 200.000 beziehungsweise 100.000 Menschen mehr ein- als auswandern. Im unwahrscheinlichen Extremfall eines Wanderungssaldos von Null würde die Bevölkerung sogar auf nur 60,2 Mio. Menschen zurückgehen (siehe Grafik). Seit Jahrzehnten schon kann die Zahl der Geburten die Sterbezahlen nicht ausgleichen. Um dieses Geburtendefizit langfristig auszugleichen, wäre ein jährlicher Wanderungssaldo von etwa 500.000 Personen notwendig.

Die weiterhin abnehmende Zahl der Geburten sowie die Alterung der besonders starken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre (sog. "Babyboomer") wird zu "gravierenden Veränderungen in der Altersstruktur der Bevölkerung" führen, heißt es in dem Bericht weiter. Während heute noch 61 % der Bevölkerung Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren sind, werde dieser Bevölkerungsteil bis 2060 – je nach Variante – auf einen Wert zwischen 53 % und 50 % sinken (2030: 55 %). Der Bericht geht nur am Rande auf die aus dem demografischen Wandel resultierenden Konsequenzen für Arbeitsmarkt und soziale Sicherungssysteme ein. Er beschreibt vor allem mögliche Entwicklungen von Altersstruktur, Wanderung, Geburten und Sterbefällen in unterschiedlichen Szenarien. Dennoch wird deutlich, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bei allen Annahmen schrumpft, während die Bevölkerung im Rentenalter wächst. Damit steht der Sozialstaat absehbar vor gravierenden Herausforderungen.

Derzeit verlangsamt die verstärkte Zuwanderung aus Ost- und Südosteuropa die Alterung der Bevölkerung. Die Gesellschaften in diesen Regionen sind jedoch ebenso stark von Alterungsprozessen betroffen wie die deutsche. In ein bis zwei Jahrzehnten werden dort deutlich weniger Menschen im "wanderungsaktiven" Alter sein, so dass das Statistische Bundesamt bereits bis 2030 mit einem deutlichen Rückgang der Zuwanderung aus jenen Regionen rechnet. Insgesamt werde sich der "Bedarf an einer Anwerbung von Arbeitskräften" in Deutschland weiterhin erhöhen. Zugleich steige das Zuwanderungspotenzial aus Regionen mit jungen und wachsenden Bevölkerungen in Afrika und Asien.

Auch in der wirtschaftsnahen Bertelsmann-Stiftung sowie beim arbeitgebernahen Kölner Institut für Wirtschaft (IW) will man sich nicht auf die aktuell hohe Zuwanderung aus EU-Mitgliedstaaten verlassen. Unabhängig voneinander fordern Experten beider Institutionen mehr Einwanderung aus Drittstaaten. In der vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Coburger Hochschule für angewandte Wissenschaften verfassten Bertelsmann-Studie "Zuwanderungsbedarf aus Drittstaaten in Deutschland bis 2050" schlussfolgern die Autoren, dass Deutschland bis 2050 jährlich eine Nettozuwanderung von 276.000 bis 491.000 Personen benötigt, um die Zahl der Arbeitskräfte und das Sozialsystem stabil zu halten. Dabei sei Deutschland auf Einwanderung aus Nicht-EU-Staaten angewiesen, weil der demografische Wandel in der gesamten EU die Bevölkerung schrumpfen lasse und bei einer wirtschaftlichen Erholung der Krisenländer der Anreiz zur Auswanderung schon bald sinken werde.

Eine geringere Zuwanderung aus diesen Staaten hätte schwerwiegende Folgen für Arbeitsmarkt und Sozialkassen in Deutschland, wie das IW auf seiner Frühjahrstagung deutlich machte. Langfristig sei daher ein stärkerer Zuzug aus asiatischen, lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten notwendig. Nur mit einem für mobile Fachkräfte attraktiven Einwanderungsgesetz könne Deutschland dem absehbaren Arbeitskräftemangel beikommen, sagte IW-Direktor Michael Hüther Mitte April. "Wenn wir nicht heute unsere Zuwanderungsregeln auf die demografiestarken Länder ausrichten, dann kommen aus diesen Ländern auch langfristig keine Menschen zu uns."

Neben mehr Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften braucht es auch eine bessere Ausschöpfung des vorhandenen Arbeitskräftepotenzials, wie die Arbeitsmarktprognose 2030 sowie der Berufsbildungsbericht 2015 verdeutlichen. Noch nicht ausgeschöpftes Potenzial sei vor allem bei Frauen und bei Menschen mit Migrationshintergrund vorhanden, hieß es bei der Vorstellung der Arbeitsmarktprognose 2030 am 2. Februar. Es gäbe einen "erheblichen Handlungsbedarf zur Verbesserung der Ausbildungschancen junger Menschen mit Migrationshintergrund", heißt es in der Mitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum neuesten Berufsbildungsbericht. Die Ausbildungsanfängerquote junger Ausländer (32 %) liegt deutlich unter der junger Deutscher (57 %). Darüber hinaus gäbe es noch ungenutzte Potenziale in der Gruppe der Asylsuchenden, Geduldeten und Kontingentflüchtlinge, heißt es im Bundesbildungsbericht.

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Stefan Alscher, Thomas Hummitzsch

Stefan Alscher

Stefan Alscher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Forschungsfeld "Weltweite und irreguläre Migration, Islam, Demographie, Forschungstransfer, wissenschaftliche Leitung des Doktorandenprogramms". Er ist Redakteur beim Newsletter "Migration und Bevölkerung".
E-Mail: stalscher@migra.org


Thomas Hummitzsch

Thomas Hummitzsch gehört beim Newsletter "Migration und Bevölkerung" zur Redaktionsleitung. Beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg ist er als Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit angestellt. Ferner ist er freier Journalist und bloggt unter www.intellectures.de.
E-Mail: thomas.hummitzsch@migration-info.de


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