zurück 
24.11.2011

Deutschland: Studie zu Zwangsehen

Die Untersuchung mit dem Titel "Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen" beleuchtet erstmals das Phänomen der Zwangsehe bundesweit. Die Studie der Hamburger Lawaetz-Stiftung, die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben wurde und in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes entstand, gibt Aufschluss über Geschlecht, Alter, Herkunft, Staatsangehörigkeit und den sozialen Kontext der Betroffenen.

Eine Anfang November im Auftrag der Bundesregierung veröffentlichte Studie zeigt, dass Zwangsehen oft in religiös geprägten Familien vorkommen. Viele Opfer haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder kündigte ein Hilfstelefon für Betroffene an. Dies geht der Opposition und Menschenrechtsorganisationen nicht weit genug.

Die Untersuchung mit dem Titel "Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen" beleuchtet erstmals das Phänomen der Zwangsehe bundesweit. Die Studie der Hamburger Lawaetz-Stiftung, die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben wurde und in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes entstand, gibt Aufschluss über Geschlecht, Alter, Herkunft, Staatsangehörigkeit und den sozialen Kontext der Betroffenen.

Ausgewertet wurden die Angaben von bundesweit 830 Beratungseinrichtungen aus dem Jahr 2008. Zusätzlich wurden Untersuchungen u. a. in Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe durchgeführt. Die Studie wurde am 8. November in Berlin von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder in Anwesenheit der Integrationsbeauftragten des Bundes Maria Böhmer (beide CDU) vorgestellt.

Definition



Eine "Zwangsverheiratung" liegt laut der Studie dann vor, "wenn mindestens einer der Eheleute durch die Ausübung von Gewalt oder durch die Drohung mit einem empfindlichen Übel zum Eingehen einer formellen oder informellen Ehe gezwungen wird und mit seiner Weigerung kein Gehör findet oder es nicht wagt, sich zu widersetzen." Bei Zweifeln an der Zuordnung wurde die Perspektive der Betroffenen zugrunde gelegt.

Der Studie zufolge wurden 2008 insgesamt 3.443 Personen in den Beratungsstellen registriert. In rund 60% der Fälle drohte eine Zwangsehe, bei 40% war sie bereits vollzogen. Terre des Femmes geht jedoch von einer deutlich höheren Dunkelziffer von Betroffenen aus, da sich von 1.445 Beratungsstellen lediglich 830 Einrichtungen zurückgemeldet hatten. Außerdem hätten 25% der Betroffenen in der Falldokumentation angegeben, dass weitere Familienangehörige betroffen seien. Betroffene, die sich nicht an eine Hilfseinrichtung gewandt haben, sind ebenfalls nicht erfasst. "Nur die mutigsten Mädchen suchen aktiv Hilfe bei einer Beratungsstelle", sagte Geschäftsführerin Christa Stolle bei der Vorstellung der Studie.

Geschlecht /Alter



Die große Mehrheit der Beratungsfälle waren Frauen und Mädchen, die von Zwangsverheiratung bedroht oder betroffen waren. Die Studie weist auf 7% betroffene Männer hin (252), es sei aber auch hier "von einem erheblichen Dunkelfeld auszugehen".

Rund 40% der Frauen und 46% der Männer waren zum Zeitpunkt der Beratung zwischen 18 und 21 Jahre alt, rund 30% der Frauen und 22% der Männer waren noch minderjährig. Die jüngste Hilfesuchende war 9 Jahre alt.

Herkunft / Religion



Etwas mehr als die Hälfte aller Zwangsverheiratungen (52%) fand im Ausland statt oder wurde dort geplant. Damit verbunden war oft ein "unfreiwilliger Umzug ins Ausland" bzw. die Befürchtung, zu einem dauerhaften Umzug ins Ausland gezwungen zu werden.

Fast alle Beratenen haben einen Migrationshintergrund. Die meisten wurden in Deutschland geboren (32%), gefolgt von der Türkei (23%), Serbien, Kosovo oder Montenegro (8%) und dem Irak (6%). Bei der Elterngeneration ist die Türkei mit 44% das häufigste Herkunftsland.

Die Eltern der Betroffenen sind zu 83% Muslime. Fast zwei Drittel der Opfer von Zwangsehen (59,4%) stammen aus stark religiösen Familien.

Staatsangehörigkeit



Knapp die Hälfte (44%) der Zwangsverheirateten oder davon Bedrohten waren deutsche Staatsbürger. Dies zeige, dass der Erwerb der Staatsbürgerschaft allein "kein Indikator für eine gelungene Integration" sei, schlussfolgerte Familienministerin Schröder bei der Vorstellung der Studie.

Gewalt



Die Studie macht deutlich, dass Zwangsverheiratung oft mit familiärer Gewalt einhergeht. Zwei Drittel der Betroffenen (67%) erlitten psychische oder körperliche Gewalt. 27% der Ratsuchenden berichteten von Bedrohungen mit Waffen und/oder Morddrohungen, 11% sagten aus, sexuelle Gewalt erlebt zu haben.

Nutzung von Hilfsangeboten



Knapp ein Drittel der Betroffenen hatte von sich aus Unterstützung gesucht. Ein weiteres Drittel war von Freunden überzeugt worden, zur Beratung zu gehen. Bei rund 36% der Fälle waren es Außenstehende, etwa Mitarbeitende von sozialen Einrichtungen oder Diensten an Schulen, die den Kontakt herstellten.

Schlussfolgerungen



Familienministerin Schröder kündigte an, bis Ende 2012 ein bundesweites Hilfstelefon "Gewalt gegen Frauen" einzurichten. Es soll rund um die Uhr und in mehreren Sprachen angeboten werden und sich auch an weibliche Opfer anderer Gewaltformen als der Zwangsverheiratung richten. Der Zusammenhang mit dem Islam dürfe nicht geleugnet werden, sagte Schröder, warnte aber zugleich vor Pauschalurteilen. Sie appellierte an "islamische Autoritäten" in Deutschland, Eheschließungen unter Zwang zu verweigern.

Zwangsehen seien eine schwere Menschenrechtsverletzung, kommentierte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer. Die Zahl der Beratungsstellen soll flächendeckend erhöht werden. Auch soll das Thema Zwangsheiraten künftig bei der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften eine größere Rolle spielen. Seit Juli ist Zwangsverheiratung ein eigener Straftatbestand (vgl. MuB 4/11). Damit sei ein wichtiges Signal gesetzt worden, sagte Böhmer. Das Verbot von Zwangsheiraten und die Verlängerung des Rückkehrrechts von Betroffenen, die nach ihrer zwangsweisen Verheiratung verschleppt werden, auf bis zu 10 Jahre, müsse unter Migranten noch besser bekanntgemacht werden, sagte die Integrationsbeauftragte.

Reaktionen



Die Opposition kritisierte die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung als nicht ausreichend. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, forderte Gesetzesänderungen zum Schutz der Opfer. Zwar habe die Bundesregierung ein Rückkehrrecht für zwangsverheiratete Frauen eingeführt, jedoch nur unter der Bedingung, dass die Betroffenen über ausreichende Mittel zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts verfügen.

Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, kritisierte: "Immer wurden nur die Gesetze verschärft." Zur Stärkung der Opfer von Zwangsehen hätte sich die Regierung für mehr flächendeckende, niedrigschwellige Beratungsangebote und Notfallunterbringungen einsetzen müssen.

Die Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion Aydan Özoguz kritisierte das von der Bundesregierung beschlossene Hochsetzen der Ehedauer für ausländische Ehepartner für das eigenständige Bleiberecht von zwei auf drei Jahre (vgl. MuB 4/11, 9/10). Dies schade vor allem Zwangsverheirateten, die nun noch länger in der Ehe ausharren müssten.

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes warf der Bundesregierung vor, ihrer Fürsorgepflicht für junge Frauen nicht nachzukommen und Beratungsstellen nicht ausreichend zu finanzieren. Es reiche nicht aus, Betroffene erst in einer akuten Krise zu unterstützen, so Geschäftsführerin Christa Stolle. Vielmehr müssten Sozialarbeiter dorthin gehen, wo potenzielle Betroffene seien, etwa in Jugendzentren oder Schulen. up

Weitere Informationen


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln