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29.10.2018

Russlanddeutsche Literatur

Russlanddeutsche Literatur reflektiert häufig auf vielfältige Weise die spezifischen Erfahrungen der Deutschen Bevölkerungsminderheit im Russland der Zaren- und Sowjetzeit. Nach der Übersiedlung der Russlanddeutschen in die Bundesrepublik wird auch der Ankunftsprozess literarisch verarbeitet. Ihr Rückblick auf die Weltkriege und die Nachkriegszeit macht sie zum essentiellen Bestandteil der bundesdeutschen Erinnerungsliteratur.

Russlanddeutsche Literatur (© Friederike Mevissen)


Begriffsbestimmung



Unter dem Begriff russlanddeutsche Literatur können literarische Texte zusammengefasst werden, die thematisch auf Aspekte der russlanddeutschen Geschichte von der Kolonisierung im 18. Jahrhundert bis zur Aussiedlung in die Bundesrepublik in den 1990er Jahren Bezug nehmen[1] und deren Autorinnen und Autoren sich dem Kollektiv der Russlanddeutschen zugehörig fühlen. Die Texte reflektieren in einer Vielfalt an Gattungen die kollektivgeschichtlichen Erfahrungen der russlanddeutschen Bevölkerungsgruppen. Zudem beinhalten sie häufig den Versuch der Selbstbestimmung als Teil dieses ethnischen bzw. migrationshistorisch gewachsenen Kollektivs und behandeln somit Fragen nach individueller und kollektiver Identität.

Das Themenspektrum der russlanddeutschen Literatur greift bestimmte gruppenkonstitutive Narrative auf, wie beispielsweise die Ansiedlung in den zaristischen Gebieten unter der Herrschaft Katharinas II. sowie Lebens- und Alltagswelt der ländlichen Bevölkerung. Mit Blick auf das 20. Jahrhundert stehen vor allem die Deportations- und Diskriminierungserfahrungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg im Mittelpunkt der literarischen Darstellungen. Weitere Themen der russlanddeutschen Literatur sind die Auseinandersetzung mit interkulturellen Aspekten der beiden Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften, der russischen bzw. sowjetischen und der deutschen, sowie vereinzelt auch die Reflexion geistlicher und religiöser Traditionen, wie beispielsweise der Blick auf die Literatur russlanddeutscher Mennoniten zeigt.

Die russlanddeutsche Literatur umfasst zunächst "jene Auswahl von Texten, die seit der Ansiedlung unter Katharina d. Gr. [...] in den über das Russische Reich verstreuten Sprachinseln entstand"[2] und deren Autorinnen und Autoren sowie deren Vorfahren den historischen deutschsprachigen Siedlungsgebieten an der Wolga, am Schwarzen Meer und Wolhyniens entstammen. Somit werden in den meisten Texten der deutschstämmigen Autorinnen und Autoren Bezüge zur eigenen Biographie und zur familiengeschichtlichen Herkunft hergestellt. Oftmals mit dem Fokus auf individuelle Erfahrungen und Schicksale, illustrieren die Texte die räumlich weite Teile Ost- und Mitteleuropas umfassenden Migrationsbewegungen und Deportationserfahrungen des Kollektivs. Häufige Motive in den Texten sind daher beispielsweise die Sehnsucht nach Heimat, das Gefühl der Fremdheit sowie der Versuch, erlittene Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen zu verarbeiten.

Im Überblick über die russlanddeutsche Literaturgeschichte lassen sich unterschiedliche kulturgeschichtliche Entstehungsbedingungen differenzieren. Die in der Sowjetunion entstandene russlanddeutsche Literatur wird als sowjetdeutsche Literatur bezeichnet. Die Attribute russlanddeutsch und sowjetdeutsch verweisen somit auf die unterschiedlichen Entstehungsorte und -zeitpunkte der jeweiligen Texte. Die sowjetdeutsche Literatur umfasst jene Texte, die in der ehemaligen UdSSR im Zeitraum zwischen 1917 und 1991 aus einem Zugehörigkeitsbewusstsein zur deutschen Herkunftskultur verfasst und veröffentlicht wurden. Dagegen bezieht sich der Begriff russlanddeutsche Literatur zum einen auf die literarische Textproduktion von Deutschstämmigen vor der Oktoberrevolution, zum anderen auf diejenigen Texte, die von den Autorinnen und Autoren seit ihrer Rückwanderung als Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler in Deutschland verfasst werden.[3]

Von der Kolonisierung zur Rückkehr in die historische Heimat. Phasen der russlanddeutschen Literaturgeschichte



Die ersten Texte, die zur russlanddeutschen Literatur gezählt werden können, entstehen im Umfeld der beginnenden Einwanderung im ausgehenden 18. Jahrhundert, nachdem Katharina II. im Rahmen ihrer Peuplierungspolitik mit ihrem Einladungsmanifest vom 22. Juli 1763 um die Ansiedlung deutscher Bauern geworben hatte.[4] Damit beabsichtigte die Zarin, unbewohnte und dünn besiedelte Gebiete durch neue Untertanen besiedeln und bewirtschaften zu lassen.[5] Die Geschichte russlanddeutscher Literatur umfasst damit bis zum Zeitpunkt der Gegenwart knapp 250 Jahre, wobei die literarischen Zeugnisse Gedichte, Erzählungen, Schwänke, Romane und Dramen umfassen.[6]

Alexander Ritter unterteilt in seiner 1974 in der Bundesrepublik erschienenen Anthologie drei literaturgeschichtliche Phasen [7], die analog zu historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Übergang zum 21. Jahrhundert betrachtet werden können.[8] Die erste Phase umfasst darin den größten Zeitraum von 1763 bis zur Oktoberrevolution im Jahr 1917. Hierbei handelt es sich vor allem um Reise- und Lebensberichte der Kolonistinnen und Kolonisten sowie um Formen der geistlichen Literatur. Ritter beschreibt diese Phase als den "kulturgeschichtliche[n] Prozess der Etablierung und Konsolidierung eines auf heimatlichen Traditionen bezogenen Lebens"[9], den er besonders in literarischen Klein- und Gebrauchsformen repräsentiert sieht, wie Volksliedern, Laienspielen oder Predigttexten. Teilweise bezeugen diese Texte auch die zu der Zeit bestehenden Integrationsprobleme in die russische Gesellschaft, da in ihnen auch die Auswanderungswellen der Russlanddeutschen nach Südamerika in den 1870er und 1880er Jahren thematisiert werden.[10]

Herold Belger verweist in seiner Zusammenstellung russlanddeutscher Autorinnen und Autoren von den Anfängen bis zur Gegenwart allerdings darauf, dass für die Zeitspanne bis 1870 eine kaum nennenswerte Anzahl in Buchform veröffentlichter Publikationen vorliegt.[11] Die russlanddeutsche Literatur bestand demnach vor der Sowjetzeit vor allem in Form von mündlich Überliefertem.

Eine zweite literaturgeschichtliche Phase umfasst nach Ritter den Zeitraum von 1917 bis 1941.[12] Die in den 1920er und -30er-Jahren entstandenen Texte haben nun im Vergleich zu den früheren Texten vermehrt auch politische Dimensionen. In diese Zeitspanne fallen auch die Gründung und das Bestehen der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, dem einzigen historischen Siedlungsgebiet der russlanddeutschen Bevölkerung, das für 17 Jahre (6. Januar 1924 bis 28. August 1941) den Status einer autonomen Republik innerhalb des ethnisch-hierarchisch organisierten Sowjetstaates erlangt hat.[13] Die literarischen Texte dieser Jahre offenbaren ein bekennendes Gefühl der Zugehörigkeit zur Sowjetunion, ausgedrückt in Liedern, Gedichten und Prosatexten, die das einfache Leben der Landbevölkerung sowie die landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen des Sozialismus in den Blick nehmen.[14] Im ästhetischen Stil des sozialistischen Realismus orientieren sich die Autorinnen und Autoren am funktionalen Gebrauchswert der Literatur. Die Texte zeichnen sich daher vor allem durch ihre appellative Funktion aus. Der sich darin ausdrückenden positiven Grundhaltung zur sowjetischen Kultur werden in den Texten seit den 1930er-Jahren zunehmend die Erfahrungen von Ausgrenzung und Stigmatisierung entgegengesetzt.

Im anschließenden Zeitraum der Jahre von 1941 bis 1955 kommt die literarische Textproduktion in der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend zum Erliegen: Mit dem Inkrafttreten des offiziellen Deportationserlasses vom 28. August 1941 werden die Angehörigen der deutschen Volksgruppe im Zuge des Vorwurfs der Kollaboration mit dem NS-Regime in entlegene Gebiete des sowjetischen Reichs deportiert oder zur Zwangsarbeit verpflichtet.[15] Deutsche Autorinnen und Autoren unterliegen in diesen Jahren dem Verbot, sowohl deutschsprachige Texte zu veröffentlichen als auch die Deportations- und Internierungserfahrungen zu thematisieren.[16] Damit einher geht auch die Auflösung derjenigen Infrastrukturen und Institutionen, in denen die deutsche Sprache gepflegt und vermittelt wird. Einerseits treten demnach keine Autorinnen und Autoren in Erscheinung, deren Werke die Erfahrung der Deportationen öffentlich machen und literarisch reflektieren. Andererseits schwindet zunehmend eine Leserschaft, die diese Darstellungen in deutscher Sprache rezipieren kann. Alexander Ritter betont, dass erst mit der Aufhebung der Kommandaturaufsicht im Jahr 1955 erste Versuche unternommen werden, "das Erbe der noch gemeinsamen Sprache und die staatlich gewährten Ausbildungs- und Publikationsmöglichkeiten […] zu pflegen und an die literarische Tradition der Vorkriegszeit anzuknüpfen".[17]

Die darauffolgende literaturgeschichtliche Phase setzt demnach im zeitlichen Umfeld der 1955 eingeleiteten und 1964 vom Obersten Sowjet unterzeichneten Teilrehabilitierung ein[18], d.h. mit der Aufhebung des Kollaborationsvorwurfs im Zweiten Weltkrieg. In den darauffolgenden drei Jahrzehnten bis zu den Anfängen der Perestroika werden literarische Werke sowjetdeutscher Autorinnen und Autoren in regelmäßig erscheinenden Periodika veröffentlicht.

Literarische und literaturtheoretische Texte sowjetdeutscher Autorinnen und Autoren werden in Zeitschriften bereits seit den 1920er Jahren veröffentlicht. Als erste bedeutende Zeitschrift erscheint in den Jahren 1926 bis 1939 die Deutsche Zentralzeitung in Moskau. Daneben wird im ukrainischen Charkow von 1930 bis 1935 als das "einzige deutsche Literaturjournal in der Sowjetunion"[19] die Zeitschrift Sturmschritt vom Zentralverlag Charkow, ab 1932 vom Ukrainischen Staatsverlag der Nationalen Minderheiten herausgebeben.[20] Die darin veröffentlichte Literatur hatte im Sinne der 1927 beschlossenen Kulturrevolution einen explizit sozialen Auftrag im Dienste des Klassenkampfs und der Industrialisierung zu erfüllen.[21] Im Rahmen zunehmender Einschränkungen durch das kommunistische Regime, wie dem Verbot der publizistischen Tätigkeiten für deutschsprachige Autorinnen und Autoren im Jahr 1941[22], sowie dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kommt die Publikation sowjetdeutscher Literatur weitestgehend zum Erliegen. Die Herausgabe deutscher Periodika wird in den 1950er Jahren wieder aufgenommen. Im Jahr 1957 erscheint die ehemalige Deutsche Zentralzeitung unter dem Namen Neues Leben und bereits im Jahr 1955 die erste Ausgabe der Zeitschrift Arbeit. Erklärtes Anliegen beider Periodika ist es u.a., sowjetdeutsche Autorinnen und Autoren zu vernetzen und deren Texte zu veröffentlichen. Daneben erscheint 1966 in Kasachstan die Zeitschrift Freundschaft, die heute als Deutsche Allgemeine Zeitung bekannt ist, sowie 1981 erstmals ein Almanach für sowjetdeutsche Prosa, Poesie und Publizistik mit dem Titel Heimatliche Weiten.[23]

Angesichts der über große geographische Distanzen innerhalb der Sowjetunion zerstreuten Bevölkerungsgruppe, deren kulturelle Zentren vor allem die Ukraine, Kasachstan und einige Gebiete Sibiriens bilden, kann kaum von einer homogenen literarischen Entwicklung gesprochen werden.[24] Das liegt an den diversen soziokulturellen Kontexten der Gebiete, die die Deutschen in der Sowjetunion seit 1945 bewohnen: sie liegen einerseits teilweise geographisch sehr weit auseinander und zeichnen sich andererseits durch sprachliche Vielfalt aus. Als Literatursprache existiert neben dem Deutschen sowohl Russisch als auch Kasachisch und Ukrainisch. Die Autorinnen und Autoren der Nachkriegszeit in der Sowjetunion verfassen und veröffentlichen ihre Werke häufig zwei-, teilweise auch dreisprachig auf Russisch, Deutsch und vereinzelt auch in Mundart.[25] Hinsichtlich der Form dominiert die Gattung der Lyrik. Annelore Engel-Braunschmidt fasst die literaturgeschichtliche Hintergrundsituation dieser Zeit zusammen und betont trotz der geographischen und sprachlichen Heterogenität die Kontinuität ihrer Entstehung. Demnach wird deutlich, dass die Literatur von deutschen Autorinnen und Autoren in der Sowjetunion trotz Schwierigkeiten der Teilhabe am zeitgenössischen Literaturbetrieb und einem sehr eingeschränkten Austausch mit den literarischen Strömungen Westeuropas kontinuierlich Bestand hatte.[26]

Die letzte Phase russlanddeutscher Literaturgeschichte kann vom Ende der 1980er Jahre bis in die Gegenwart datiert werden. Im Umfeld der Ereignisse der Deutschen Wiedervereinigung und dem Zerfall der Sowjetunion entschließen sich auch viele russlanddeutsche Autorinnen und Autoren in die "historische Heimat" zurückzukehren.[27] Damit vollzieht sich sukzessive ein Wandel im Rahmen der Arbeitsbedingungen der Literaturschaffenden: Während die Autorinnen und Autoren ihre Texte zunächst noch mit Blick auf ein russischsprachiges Lesepublikum verfassen, liegen seit den 1990er Jahren vermehrt Texte in deutscher Sprache vor.[28] Der Sprachwechsel vom Russischen zum Deutschen ermöglicht den Autorinnen und Autoren die Publikation ihrer Werke auf dem deutschen Literaturmarkt und eine Erweiterung des Rezipientenkreises. Dennoch erscheint die sprachliche Vielfalt als eines der prägenden Merkmale russlanddeutscher Texte.

Thematisch wird darin häufig Bezug genommen auf autobiographische Erfahrungen, in denen rückblickend die sowjetische Lebenswelt mit den Herausforderungen der Ankunft in der Aufnahmegesellschaft in Deutschland kontrastiert wird.

Individuelle Erinnerung und kollektive Identität. Thematische Aspekte russlanddeutscher Literatur



Holger Belger fasst das Kollektiv der russlanddeutschen Autorinnen und Autoren zusammen als "Vertreter jener Literatur, die das Leben, die Kultur und Geschichte, das Schicksal und die Mentalität dieses Ethnos widerspiegelt"[29]. Das Themenspektrum der Texte, die Belger hier im Blick hat, bezieht sich sowohl auf die prägenden kollektivgeschichtlichen Erfahrungen der freiwilligen und unfreiwilligen Mobilisierung als auch auf gruppenspezifische Charakteristika wie Sprache, Religion und Lebenswelt. Diese Themen der russlanddeutschen Literatur tragen bis ins 20. Jahrhundert vor allem zur "Entwicklung eines nationalen Selbstbewusstseins"[30] bei. Auch die Wahl der Themen in den zeitgenössischen Texten von russlanddeutschen Schreibenden belegt, dass dem Ausloten der individuellen Identität vor dem Hintergrund der spezifischen Kollektivgeschichte ein zentraler Stellenwert zukommt.[31]

Analog zur Literaturgeschichte zeigt sich, inwiefern die historischen und politischen Rahmenbedingungen Form und Inhalt der Texte prägen. Einen bedeutenden formalen Aspekt stellt für die russlanddeutsche Literatur die Mehrsprachigkeit dar.[32] Die Variation zwischen Deutsch, Russisch und Mundart verweist auf die komplexen historischen Zugehörigkeitsverhältnisse des Kollektivs. Es lassen sich für das 20. Jahrhundert drei Generationen russlanddeutscher Autorinnen und Autoren voneinander differenzieren, bei denen die Wahl ihrer jeweiligen Arbeits- und Schreibsprache in enger Verbindung zur gesellschaftspolitischen Teilhabe und dem nationalen Selbstverständnis steht. Die erste Generation, deren Vertreterinnen und Vertreter im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts geboren sind, reflektiert in ihren Werken als Zeitzeugen die Oktoberrevolution, die Gründung der Wolgarepublik sowie die unter der Herrschaft Stalins massiv einsetzenden Repressionen. Für diese Generation von Schreibenden stellt das Deutsche als Muttersprache die primäre Schreib- und Arbeitssprache dar, daneben werden aber auch Elemente des Wolgadeutschen oder der schwäbischen Mundarten in die Texte eingeflochten. Vertreterinnen und Vertreter dieser "alte[n] Generation"[33] sind beispielsweise Nelly Wacker (1919 - 2006) oder Dominik Hollmann (1899 - 1990).

Die zweite Generation, zu der die in den 1930er- bis 1950er-Jahren in der Sowjetunion geborenen Autorinnen und Autoren wie Nelly Däs (1930) und Viktor Heinz (1937 - 2013) gezählt werden können, veröffentlicht ihre Werke vorwiegend bilingual in russischer und deutscher Sprache. Darin zeigt sich zum einen das Bestreben, die eigenen literarischen Werke auf dem sowjetischen Literaturmarkt zu etablieren und die Texte auch dem russischsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Zum anderen erhält das Deutsche zunehmend den Status einer Sprache in der Diaspora. Während die institutionelle Förderung der Sprache schwindet, wird sie in der Literatur bewahrt und dient teilweise als nostalgische Referenz der spezifischen kulturellen Identität. Die literarischen Texte der in Deutschland lebenden Autorinnen und Autoren der dritten Generation, wie Eleonora Hummel (1970) oder Viktor Funk (1978), markieren die Rückkehr zur Monolingualität: diese Generation von Schreibenden veröffentlicht ihre Werke ausschließlich in deutscher Sprache, wobei die Texte den Sprachenwechsel häufig thematisieren und die Interlingualität u.a. durch den Gebrauch einzelner russischer Wörter oder Phrasen in den Texten weiterhin präsent ist. Das Thema der sprachlichen Pluralität stellt somit neben dem Fokus auf die Migrations- und Deportationshistorie einen Schwerpunkt der russlanddeutschen Literatur dar. Die Annäherung an die Bestimmung einer kollektiven Identität erfolgt in den Texten in hohem Maße über die Auseinandersetzung mit kollektiven Zugehörigkeiten. Der in den Texten antizipierte Bezug zur deutschen und russischen Gesellschaft zeichnet ein komplexes Bild des Zugehörigkeitsempfindens vieler Russlanddeutscher. Während die russlanddeutsche Literatur in der Sowjetunion maßgeblich auf die deutsche Herkunft als identitätsstiftende Basis des Kollektivs referiert, nehmen die aus dem Selbstverständnis der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern in Deutschland verfassten Texte vor allem Bezug auf Russland als Diaspora- und Herkunftsland.[34]

Gruppenkonstitutive Ursprungs- und Heimatkonzepte



Demnach spiegeln die Texte unterschiedliche gruppenkonstitutive Ursprungs- und Heimatkonzepte. Welche konkrete Füllung der Begriff jeweils beinhaltet, hängt dabei von der Entstehungszeit und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab: so bezeichnet Heimat teilweise die Sehnsucht nach einem abstrakten, imaginierten oder auch transzendentalen Ursprung, teilweise aber auch konkrete, real existierende Orte der familiengeschichtlichen Herkunft.

In einigen Texten russlanddeutscher Autorinnen und Autoren ist das Konzept Heimat eng mit dem geographischen Raum der Wolgaregion und dem politischen Gebiet der ehemaligen Wolgarepublik verbunden. Die Wolga erscheint darin als zentrale Metapher für Heimat und damit den Ursprung der eigenen Lebensgeschichte.[35] Gesellschaftspolitisch referiert die Wolga-Metapher auf einen vergangenen Zustand und den Wunsch nach autonomer Selbstbestimmung.

Das in russlanddeutscher Literatur veranschaulichte Heimatkonzept verweist vielfältig auf das Bedürfnis nach eindeutiger Zugehörigkeit zu einem gesellschaftlichen Kollektiv. Eine Aussage beispielsweise der zwölfjährigen Protagonistin Alina Schmidt in Eleonora Hummels Roman Die Fische von Berlin aus dem Jahr 2005 führt den inneren Konflikt vor Augen, der sich aus russlanddeutscher Perspektive in der Auseinandersetzung mit Konzepten von Heimat und Zugehörigkeit ergibt. In einem Gespräch mit ihrer Schwester, kurz vor der Umsiedlung von Kasachstan nach Deutschland, sagt Alina: "[D]ort leben, wo andere sind wie ich, das möchte ich gern."[36] Das hier artikulierte Bedürfnis nach Zugehörigkeit beschreibt u.a. die Motivation der Russlanddeutschen, in die Bundesrepublik zurückzukehren, und sich in der historischen Heimat anzusiedeln. Die damit einhergehende Erfahrung einer doppelten Fremdheit, d. h. sich weder in die russische noch in die deutsche Gesellschaft integriert zu fühlen, wird in der russlanddeutschen Literatur immer wieder thematisiert.[37] Bei der Bestimmung kollektiver Identitäten von Russlanddeutschen im Rahmen ihrer literarischen Werke lassen sich auch Aspekte alltäglicher Lebensweisen und Glaubensüberzeugungen berücksichtigen.[38]

Hinsichtlich der Frage nach einer Kollektividentität der Russlanddeutschen spielt die Selbstbestimmung als nationale bzw. ethnische Minderheit eine entscheidende Rolle. Die Gruppe der Russlanddeutschen konstituiert sich im gesellschaftspolitischen Diskurs auch heute noch maßgeblich über die gewaltbesetzte Vergangenheitserfahrung der Deportationen, Enteignungen und Diskriminierungen, denen sie als Volksgruppe in der Sowjetunion ausgesetzt war. In diesem Sinne ist die Thematisierung und Aufarbeitung der über Jahrzehnte in der Sowjetunion verschwiegenen Erfahrungen ein zentraler Bestandteil der kollektiven Identitätszuschreibung.

Eleonora Hummel und Artur Rosenstein verweisen in der Einleitung zur 2016 erschienenen Anthologie Deutsche Autoren aus Russland auf die Einzigartigkeit der literarischen Stoffe und die Vielschichtigkeit russlanddeutscher Texte, insofern sich darin ein Bekenntnis zu den spezifischen Erfahrungen einer Bevölkerungsminderheit ablesen lässt.[39] Russlanddeutsche Literatur lässt sich aus dieser Perspektive als essentieller Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der Bundesrepublik begreifen, insofern sie thematisch einen bedeutsamen Teil der die Weltkriege und die Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts reflektierenden Erinnerungsliteratur darstellt.

Bibliographie



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Fußnoten

1.
Zum Überblick zur Geschichte der Russlanddeutschen vgl. den Beitrag von Viktor Krieger, Vom Kolonisten in Russland zum Bundesbürger. In: Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Russlanddeutsche, 12.9.2017. http://www.bpb.de/ges ellschaft/migration/rus slanddeutsche/25539 6/vom-kolonisten-in- russland-zum- bundesbuerger
2.
(Engel-Braunschmidt 2007, 153)
3.
(Vgl. Blum-Barth 2014).
4.
(Vgl. Dalos 2015, 13).
5.
Zu den Anfängen der deutschen Siedlungsgeschichte im zaristischen Russland vgl. den Beitrag von Viktor Krieger, Von der Anwerbung unter Katharina II. bis 1917. In: Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Russlanddeutsche, 18.7.2017. http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/252006/von-der-anwerbung-unter-katharina-ii-bis-1917
6.
(Engel-Braunschmidt 2004, 7)
7.
Ritter bezieht sich in der Anthologie lediglich auf Lyrik und Prosa. Die Dramatik lässt im Rahmen der literaturgeschichtlichen Periodisierung entsprechend ergänzen.
8.
(Vgl. Ritter 1974).
9.
ebd.
10.
(Vgl. Dalos 2015, 41).
11.
(Belger 1999, 10).
12.
(Vgl. Ritter 1974 XI).
13.
(Vgl. Dalos 2015, 87f.).
14.
(Ritter 1974 XI).
15.
(Vgl. Krieger u. a. 2006, 17ff; weiterführend zu den Repressionsmaßnahmen gegen Angehörige der deutschenVolksgruppe vgl. den Beitrag von Alfred Eisfeld, Die "deutsche Operation". Der NKWD.Befehl Nr. 00439 vom 25. Juli 1937. In: Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Russlanddeutsche, 18.7.2017. http://www.bpb.de/ges ellschaft/migration/rus slanddeutsche/24932 5/die-deutsche- operation).
16.
(Vgl. Fröschle 2009, 77; Zu Geschichte der systematischen Unterdrückung vgl. den Beitrag von Alfred Eisfeld, Nationalitätenpolitik gegenüber der deutschen Minderheit in der Sowjetunion von 1917 bis zur Perestroika. 18.7.2017. http://www.bpb.de/ges ellschaft/migration/rus slanddeutsche/25003 9/nationalitaetenpoliti k-gegenueber-der- deutschen- minderheit-in-der- sowjetunion-von- 1917-bis-zur- perestrojka)
17.
(Ritter 1974 XI).
18.
(Vgl. Eisfeld 2017).
19.
(Engel-Braunschmidt 1983, 176).
20.
(ebd.,177).
21.
(ebd.,172).
22.
(Vgl. Krieger 2015, 234).
23.
Ein Überblick über russand- und sowjetddeutsche Zeitungen wurde 1989 von im Almanach selbst vorgelegt, der über 150 deutschsprachige Zeitungen in Russland und in der Sowjetunion auflistet. Vgl.: Sidney Heitman 1995, 779.)
24.
(Vgl. Podelo 2015, 128).
25.
(Vgl. Engel-Braunschmidt 2007, 154).
26.
(Vgl. Engel-Braunschmidt und Heithus 1987 XII).
27.
(Zur Einwanderungsgeschichte seit der Perestrioka vgl. den Beitrag von Janis Panagiotidis, Geschichte der Russlanddeutschen ab Mitte der 1980er Jahre. In: Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Russlanddeutsche, 18.7.2017. http://www.bpb.de/ges ellschaft/migration/rus slanddeutsche/24984 2/geschichte-der- russlanddeutschen- ab-mitte-der-1980er- jahre).
28.
(Vgl. Blum-Barth 2014)
29.
(Belger 1999, 10).
30.
(Belger 1999,10).
31.
(Vgl. Artur Rosenstern 2016, 6).
32.
(Vgl. Engel-Braunschmidt und Heithus 1987 IX).
33.
(Engel-Braunschmidt 2007, 154).
34.
(Vgl. Blum-Barth 2014).
35.
(Vgl. Engel-Braunschmidt 1999, 104).
36.
(Hummel 2005, 64).
37.
(Vgl. Podelo 2015, 133).
38.
(Vgl. Gebhard 2014, 80).
39.
(Artur Rosenstern 2016, 9).

Sofie Friederike Mevissen

Sofie Friederike Mevissen

Sofie Friederike Mevissen ist Doktorandin im Fach Germanistik an der Bergischen Universität Wuppertal.


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