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30.10.2018

Leben und Kultur der Deutschen in der Kasachischen SSR nach der Deportation

Während des Zweiten Weltkrieges wurden mehr als 444.000 Deutsche nach Kasachstan deportiert. Die Deportierten mussten in Arbeitskolonnen ("Arbeitsarmee") unter ständiger Aufsicht der Geheimpolizei schuften. Erst 1955 wurde der inzwischen in "Sondersiedler" umbenannte "Arbeitsarmisten-Status" aufgehoben. Trotz der Unterdrückung und gleichzeitiger Agitation durch das sowjetische Regime entsteht ab den 1960er Jahren eine Ausreisebewegung der Deutschen in der Sowjetunion.

Russlanddeutsche Kinder in einem kasachischen Dorf. (© picture-alliance)


Die Anzahl und die Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung haben sich während der Kriegsjahre 1941-1945 grundlegend verändert. Bereits vor dieser Zeit lebten in Kasachstan über 92.000 "ortsansässige Deutschen". Sie waren Nachfahren von freiwilligen Umsiedlern aus der Zeit der Jahrhundertwende, Hungerflüchtlingen der 1920er-Jahre aus der Wolgaregion, verbannte und enteignete Bauern aus der Ukraine, dem Nordkaukasus und aus der Wolgaregion sowie Bauern, die aus Wolhynien und grenznahen Landkreisen der Südukraine in den Jahren 1936-1938 deportiert worden waren. Während des Zweiten Weltkrieges kamen mehr als 444.000 deportierte Deutsche hinzu. In der sowjetischen Amtssprache nannte man sie "Sonderumsiedler". Dadurch erreichte die deutsche Bevölkerung in Kasachstan 1945 eine Gesamtzahl von über 500.000 Personen.

Die deutsche Bevölkerung hatte einen sehr unterschiedlichen rechtlichen Status und war, bis auf die "ortsansässigen" Deutschen, völlig unzureichend mit Wohnraum, Arbeit und Verpflegung versorgt. Die wichtigste Aufgabe der Betroffenen in den 1940er Jahren war es, das pure Überleben zu organisieren, wobei die eigene Initiative gegenüber den Entscheidungen der staatlichen Organe nachrangig war. Das Volkskommissariat des Innern (NKWD) hat über den Aufenthaltsort, die Zuweisung von Arbeit und die Lebensmittelzuteilung verfügt.

Die Mobilisierung von Männern und in geringerer Anzahl auch Frauen für den Arbeitseinsatz in Arbeitskolonnen, vor allem auf Baustellen im Ural und im Bergbau und der Forstwirtschaft in Sibirien, veränderte die Zusammensetzung der Bevölkerung. Diese Arbeitskolonnen wurden nach Kriegsende von der sowjetischen Propaganda beschönigend "Arbeitsarmee" ("Trudarmee") genannt. Am 1. Januar 1947 gab es in Kasachstan 101.330 Familien deutscher Sonderumsiedler (339.563 Personen, darunter 66.961 Männer, 131.911 Frauen, 140.691 Kinder im Alter unter 16 Jahren). Auffallend ist, dass es über 100.000 Personen weniger waren als 1945 und es nur halb so viele Männer wie Frauen gab.

Besserstellung von "ortsansässigen" gegenüber den deportierten Deutschen



1945 wurden auch die "ortsansässigen" Deutschen dem Regime der Sondersiedlung des NKWD unterstellt, wobei sie in ihren Dörfern und Häusern verbleiben durften. In den landwirtschaftlichen Betrieben (Kolchosen und Sowchosen) beließ man bewährte Fachleute in leitenden Funktionen (Kolchosvorsitzende, Abteilungsleiter, Agronome, Buchhalter usw.), obwohl auch sie dem Regime der Sonderkommandantur unterstellt wurden.

Die Sonderstellung der "ortsansässigen" Deutschen kam dadurch zum Ausdruck, dass ihre erfolgreiche Arbeitsleistung vom sowjetischen Staat gewürdigt wurde. So wurde beispielsweise der 18-jährige Viehhirte Peter Schmidt (Gebiet Pawlodar im Nordosten Kasachstans) 1948 mit dem Rotbannerorden und 1949 mit dem Lenin-Orden sowie dem Titel "Held der sozialistischen Arbeit" ausgezeichnet. Ähnlich wie der Traktorist Christian Schmidt (Gebiet Nordkasachstan), der1950 den Rotbannerorden und 1952 den Lenin-Orden sowie den Titel "Held der sozialistischen Arbeit" bekam.

Während der überwiegende Teil der Deutschen in ländliche Agrargebiete deportiert wurde, kamen die nach Kasachstan deportierten 14.624 Arbeitsarmisten (13. August 1946) vor allem im Kohlebergbau und in den während des Krieges aufgebauten Industriebetrieben zum Einsatz. Dadurch wurde nicht zuletzt auch die Urbanisierung des zentralasiatischen Landes beschleunigt. Diese Veränderungen lassen sich sehr gut am Beispiel der zentralkasachischen Stadt Karaganda nachvollziehen. 1943 wurden für den Kohlebergbau mehr als 5.000 deutsche Männer und Frauen rekrutiert. Ab Ende November 1945 wurde das bewaffnete Wachpersonal des NKWD aus den Sondersiedlungen der Kohlebergwerke abgezogen und der Zuzug von Familien, wenn auch zögernd, gestattet. Bis April 1946 wurden aus Deutschland 3634 Familien (11.336 Personen) nach Kasachstan zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs nach Karaganda "repatriiert" und dort der Aufsicht des NKWVD unterstellt. Dies waren deutsche Sowjetbürger, die während des Krieges von deutschen Besatzungsbehörden aus der Ukraine auf polnischen Gebiet (in der Warthegau) und in das Deutsche Reich gebracht und eingebürgert worden waren. Im August 1950 zählte die deutsche Bevölkerung der Stadt bereits 35.000 Personen. Zwei Jahre später waren mehr als 36.000 Deutsche in Industriebetrieben, auf dem Bau und im Transportwesen des Gebietes beschäftigt. Der Familienzuzug führte dazu, dass es im Juli 1951 in der Stadt bereits 4.142 schulpflichtige deutsche Kinder gab.

Sondersiedler standen unter ständiger geheimpolizeilicher Aufsicht



Von einer freiwilligen Binnenmigration konnte zu dieser Zeit noch keine Rede sein. Der Erlass des Obersten Sowjets der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) vom 26. November 1948 stellte das unerlaubte Entfernen aus den Sondersiedlungen unter Strafe von bis zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Im Dezember 1949 setzte sich das Zentralkomitee (ZK) der Kommunistischen Partei (KP) Kasachstans für die Beibehaltung des bestehenden Sondersiedlungsregimes ein, da dieses "dazu beiträgt, die Arbeitskräfte in den Volkswirtschaftszweigen, vor allem in der Landwirtschaft, zu binden". Nach einer Reorganisation der Unionsregierung wurde das Regime der Sondersiedlung ab April 1951 weiter verschärft. Im Befehl des Innenministeriums der UdSSR hieß es: "Nicht nur Verbannte und Ausgesiedelte, sondern auch Sondersiedler sind nicht als Arbeitskräfte, sondern in erster Linie als Personen anzusehen, die ständig unter strenger tschekistischer Aufsicht stehen müssen".

Ab November 1951 begann ein Umdenken, das aber erst ein Jahr nach Stalins Tod, im Sommer 1954 zu einer Lockerung des Regimes führte. Sondersiedler durften nun ihren Wohnort und die Arbeitsstelle innerhalb des jeweiligen Verwaltungsgebiets frei wählen. Zur Aufhebung des Regimes der Sondersiedlung kam es erst nach Inkrafttreten des Erlasses des Obersten Sowjets der UdSSR vom 13. Dezember 1955, mit dem gleichzeitig ausgesprochenen Verbot der Rückkehr in die Siedlungsgebiete der Vorkriegszeit. Ausgeschlossen blieb auch die Entschädigung für die Enteignungen von 1941-42 vor der Deportation.

Der berufliche und soziale Aufstieg von Deutschen begann bereits ab Ende der 1940er Jahre, d.h. noch während des Regimes der Sondersiedlung. So arbeiteten im Herbst 1956 in der Stadt und im Gebiet Karaganda bereits 187 Deutsche als Ingenieure in der Industrie, 366 als Mechaniker, 711 als Meister und 14 als Betriebsleiter. In der Landwirtschaft des Gebietes gab es 300 Deutsche, die als Kolchosvorsitzende, Sowchosdirektoren, Brigadeleiter und Agrarfachleuten arbeiteten.

Ab Mai 1955, ein halbes Jahr vor der Aufhebung des Regimes der Sondersiedlung, wurden junge Männer von den Militärkommissariaten erfasst und ab 1956 zum Wehrdienst eingezogen.

KP verstärkt "Politische Massenarbeit" gegenüber der deutschen Bevölkerung



Am 18. Oktober 1956 verfügte das Büro des ZK der KP Kasachstans, dass alle Partei-, Komsomol-, Sowjet- und Gewerkschaftsorgane die politische Massenarbeit unter der deutschen Bevölkerung zu verstärken haben. Diese Ziele wurden bis in die Mitte der 1970er-Jahre mehrmals in Beschlüssen des ZK der KP Kasachstans genannt. Im Einzelnen ging es darum mehr Deutsche für die Mitgliedschaft in der Partei, in der Jugendorganisation KOMSOMOL, in den Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Organisationen zu gewinnen. Die politische Massenarbeit, darunter auch in deutscher Sprache, sollte intensiviert, das Volkskunstschaffen gefördert, der Deutsch- und Russischunterricht verbessert, die atheistische Propaganda zur Daueraufgabe gemacht werden.

Erfolge ließen sich am ehesten dort erzielen, wo die Kommunistische Partei und die Regierung durch Erhöhung von Quoten den direkten Zugriff hatten. So waren im Gebiet Karaganda im Herbst 1956 zum Studium an höheren Bildungseinrichtungen 209 und an Fachhochschulen 238 Deutsche zugelassen. 317 Deutsche konnten bereits als Lehrkräfte und Wissenschaftler an diesen Bildungseinrichtungen tätig werden. Das war eine deutliche Steigerung gegenüber 1952, als für ganz Kasachstan auf Beschluss des ZK der KP Kasachstans nur 215 Sondersiedler aller Volkszugehörigkeiten zu Aufnahmeprüfungen und davon 105 zum Studium an insgesamt 15 Hochschulen zuzulassen waren.

Weit schwieriger war es den Unterricht der deutschen Sprache in Schulen einzuführen.

"Muttersprachlicher Deutschunterricht" und 30 Minuten Radio auf Deutsch



Ab 1957 wurde mit der Ausbildung von Lehrern für das Fach "muttersprachlicher Deutschunterricht" an den pädagogischen Hochschulen Alma-Ata und Kokčetav sowie an der pädagogischen Fachschule Saran' begonnen. Bereits ab der 2. Hälfte des Schuljahres 1957/58 sollte in den Orten mit einer hohen Konzentration der deutschen Bevölkerung auf Wunsch der Eltern in den Klassen 2 bis 4 Unterricht in der Muttersprache über den Lehrplan hinaus eingeführt werden. Schon dieser Beschluss des Bildungsministeriums war irreführend, denn in der Grundschule gab es kein Unterrichtsfach "Deutsch". Es musste neu eingeführt werden.

Im Gebiet Karaganda wurden 238 Gruppen mit 4.035 deutschen Schülern gebildet. Von den 5000 bestellten Fibeln traf selbst ein Jahr später kein einziges Exemplar ein. In den nordkasachischen Gebieten Akmolinsk und Kokčetav war die Lage ähnlich. Ungeachtet des Fehlens von Lehrern und Schulbüchern wurde beschlossen ab dem Schuljahr 1960/61 "Deutsch als Muttersprache" in den Klassen 5 bis 8 einzuführen. Dies musste in Kasachstan von Jahr zu Jahr verschoben werden. Offiziellen Angaben zufolge gab es 1959 in Kasachstan 1.429 Gruppen, in denen Deutsch unterrichtet werden sollte. Bis 1966 stieg deren Zahl auf 1.998 und die Schülerzahl von 24.966 auf 37.800. Ein vollwertiger Unterricht blieb aber unmöglich und ein Jahr später zählte man nur noch 1.583 Gruppen mit 24.708 Schülern.

Ab Juni 1958 hat das Rundfunkstudio Alma-Ata zweimal wöchentlich zu je 30 Minuten in deutscher Sprache gesendet, wobei die Zuhörer, anders als die Verantwortlichen auf Seiten der Partei, besonders an den Volksliedern und nicht an Berichten über die Bestarbeiter interessiert waren. Vor allem in den kompakten deutschen Siedlungen in der Steppenregion Kasachstans war seit Anfang der 1960er-Jahre eine Belebung der Laienkunstkollektive zu verzeichnen. Diese wurden von Kolchosen und Sowchosen unterstützt, da ihr Wirken nach Auffassung der KP Kasachstans zur Bereitschaft zum Verbleib auf dem Lande und zur Steigerung der Produktivität beitrug. Sie festigte in Teilen der Bevölkerung auch das Nationalbewusstsein und das Streben nach Gleichberechtigung mit den anderen Völkern der Republik.

Katakombenkirche – Gottesdienste im Verborgenen



Mit der Schließung und Zerstörung der meisten Kirchen in den 1920er- und 1930er-Jahren und der Ermordung fast aller Geistlichen war der christliche Glaube nicht ausgerottet, wie sich die Atheisten erhofften. Vielmehr gewann er unter den Bedingungen der Deportation und Arbeitslager, unter massenweisem Sterben an Hunger, Verletzungen und die Kräfte übersteigenden Arbeitsbelastung an Bedeutung. In Bezug auf die 1940er- und 1950er-Jahre spricht man von der Katakombenkirche, in der Betschwestern und Laien im Verborgenen Gottesdienste abhielten. Die erste evangelisch-lutherische Gemeinde entstand noch unter dem Regime der Sondersiedlung 1953 in Akmolinsk, dem heutigen Astana. Von 1955 bis 1972 wurde sie von dem einzigen überlebenden deutschen Pastor Eugen Bachmann für die gesamte Region geleitet, also Sibirien, Kasachstan und Mittelasien.

Die deutschen Katholiken besuchten Gottesdienste ihrer polnischen und litauischen Glaubensgenossen, die sich ebenfalls in der Verbannung befanden. Seit 1954 wurden sie von Pater Wladyslaw Bukowinski betreut. 1956 kam der zu Zwangsarbeit verurteilte griechisch-katholische Bischof Aleksandr Chira dazu. Zu neuem Leben wurde in Karaganda auch der Franziskanerorden erweckt, dem 1958 bereits einhundert Ordensschwestern angehörten. Allen Widrigkeiten zum Trotz konnte 1956 eine erste Kapelle für die deutschen Katholiken errichtet werden, die allerdings nicht staatlich registriert wurde. Die St.-Josef-Gemeinde zu Karaganda konnte erst 1977 die Registrierung erreichen und ein Jahr später eine Kirche errichten, in der 1000 Personen Platz fanden. Diese Gemeinde war der Kristallisationspunkt der 1991 geschaffenen Apostolischen Administratur Karaganda.

Baptisten und freikirchliche Gemeinden mit ihrem allgemeinen Priestertum, ihrer Opferbereitschaft und Solidarität erwiesen sich als unbeugsame Gegner der atheistischen Propaganda und Einwirkung auf die Jugend. Trotz Verhaftungen und Gefängnisstrafen nahm die Zahl der Gläubigen beständig zu, wobei es neben deutschen auch zahlreiche ethnisch gemischte Gemeinden mit Russisch als Gottesdienstsprache gab.

Verstärkte Organisation der Deutschen



1963 waren 200 Jahre vergangen seit der Einwanderung von Deutschen nach Russland auf Einladung von Zarin Katharina II. Aus diesem Anlass haben Wolgadeutsche verstärkt auf eine Rehabilitierung und die Wiederherstellung der verfassungswidrig aufgelösten ASSR der Wolgadeutschen gedrängt. Die Sowjetführung war bereit, die im Deportationserlass vom 28. August 1941 erhobene Beschuldigung der Wolgadeutschen, sie hätten Hitlerdeutschland aktiv unterstützt, als unbegründet zurückzunehmen. Im Erlass des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. August 1964 hieß es, das Leben habe gezeigt, dass diese pauschale Beschuldigung unbegründet und ein Willkürakt unter den Bedingungen des Personenkults Stalins gewesen sei. Gleichzeitig wurde behauptet, dass die früheren Siedlungsorte bevölkert seien und die deutsche Bevölkerung an neuen Orten Wurzeln geschlagen habe. Die Regierungen der Unionsrepubliken wurden daher aufgefordert, die deutsche Bevölkerung "auch weiterhin ... beim wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau unter Berücksichtigung von deren nationalen Besonderheiten und Interessen" zu unterstützen.

Diese allgemein gehaltenen Aufforderungen des Erlasses wurden, wie die spätere Entwicklung zeigte, über Jahrzehnte zum Ausgangspunkt der Begründungen von Forderungen nach weiteren Integrationsmaßnahmen seitens der deutschen Bevölkerung, insbesondere der sich Ende 1964 formierten Bewegung für die vollständige Rehabilitierung und Wiederherstellung der "Wolgadeutschenrepublik". Die Initiative ging von Schriftstellern und überlebenden Funktionären der Autonomen Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) der Wolgadeutschen aus. In ihrer Mehrheit Mitglieder der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) bzw. des KOMSOMOL, forderten sie, unter Betonung ihrer Loyalität zum Sowjetsystem, eine volle Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern des Sowjetstaates. Eine nach Moskau entsandte Delegation hat am 12. Januar 1965 diese Anliegen dem Staatsoberhaupt, also dem Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets Anastas Iwanowitsch Mikojan, vorgetragen.

Vom 2. Juni bis 27. Juli 1965 hielt sich eine zweite Delegation in Moskau auf. Ihre Ziele konnten beide Delegationen der Autonomiebewegung, der Aktivisten aus der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR), der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik und der Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik angehörten, in Moskau nicht erreichen. Die Leitung der KPdSU hat allerdings daraufhin den Handlungsbedarf verstanden und ist auf einige Forderungen eingegangen. So wurde der zuvor nicht öffentlich gemachte Erlass vom 29. August 1964 am 20. Januar 1965 in der Zeitung "Neues Leben" und am 22. Januar 1965 vom Rundfunk in Alma-Ata veröffentlicht.

Informelle Bürgerinitiativen führten zu Sitzstreiks in Moskau und Tallinn



In Kasachstan wurde daraufhin am Meisten gemacht. 1964 begann das Rundfunk- und Fernsehstudio Karaganda einmal im Monat in deutscher Sprache zu senden. Ab 1966 erschien in Zelinograd die deutschsprachige Zeitung "Freundschaft" und im Verlag "Kasachstan" (Alma-Ata) wurde eine deutsche Abteilung eingerichtet. Das reichte zur Befriedung der Bevölkerung allerdings nicht mehr aus. Die neue Ostpolitik der Bundesregierung unter Willy Brandt ließ auf weitergehende Verbesserung, darunter auch auf das Recht auf eine Ausweitung der Familienzusammenführung und die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland oder in die DDR, hoffen. Zur Durchsetzung dieser Forderung, auf die die Staatsführung nicht eingehen wollte, gründeten Ausreisewillige aus mehreren Unionsrepubliken eine informelle Bürgerinitiative, führten Sitzstreiks in Moskau und Tallinn durch oder schrieben wie im Mai 1973 an Politiker und den Generalsekretär der UNO. In Karaganda gab es am 30. September 1973 eine Protestkundgebung mit ca. 400 Teilnehmern und kleinere Kundgebungen in Issyk und Rudnyj.

Andropow leitet Kommission zur Untersuchung der deutschen Bevölkerung



Am 26. Juni 1974 hat das ZK der KPdSU einen Beschluss "Über Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeit unter den Bürgern der UdSSR deutscher Nationalität" gefasst. Darauf folgte ein entsprechender Beschluss des ZK der KP Kasachstan. Von 1974 bis 1977 haben sich daraufhin Gebietsparteikomitees 62 Mal, Stadtparteikomitees 57 Mal und Rayonparteikomitees 328 Mal mit Fragen zur Umsetzung dieser Beschlüsse befasst. Zentrale Fragen waren der Deutschunterricht, die kulturelle Betreuung, Maßnahmen gegen die erstarkende Auswanderungsbewegung und die wachsende Religiosität. Der Partei- und Staatsführung in Moskau war aber klar, dass eine Befriedung der deutschen Bevölkerung damit nicht erreicht werden kann. Auf Beschluss des Politbüros des ZK der KPdSU vom 6. August 1976 befasste sich eine Kommission unter der Leitung des KGB-Vorsitzenden Jurij Andropow mit der Untersuchung der Fragen der deutschen Bevölkerung.

Diese Kommission hat als Lösung die Gründung eines deutschen Autonomen Gebiets mit der Stadt Jermentau als Zentrum vorgeschlagen. Das Gebiet sollte aus 5 Rayons bestehen, die aus den benachbarten Gebieten Karaganda, Kokčetav, Pavlodar und Zelinograd herausgelöst werden sollten. Die Gegend um Jermentau ist jedoch den Kasachen in religiöser und historischer Hinsicht von höchster Bedeutung. Das ist die Heimat des berühmten Heerführers und Diplomaten Bogenbaj, der im 18. Jahrhundert kasachische Stämme für Abwehrkämpfe gegen Džungaren und Kalmücken vereinen konnte. Er wird mit Arminius oder Aleksandr Newskij gleich gestellt. Ausgerechnet hier Land einer anderen Ethnie zu überlassen, wurde als Sakrileg gewertet, deshalb kam es nach Bekanntwerden dieses Planes zu Massenprotesten (16. bis 22. Juni 1979). Auch einflussreiche Vertreter der deutschen Bevölkerung lehnten diesen Plan ab, da er kein Ersatz für die Wiederherstellung der ASSR der Wolgadeutschen sein konnte. Nach entsprechender Intervention des ZK der KP Kasachstans stieg die Zahl der Schüler, denen Deutsch als Muttersprache unterrichtet wurde, vorübergehend an. Bis 1986/87 ist sie trotz zahlenmäßig gewachsener deutscher Bevölkerung von 34.000 Schülern (1973/74) auf 17.300 zurück gegangen. Einen erneuten starken Anstieg der Schülerzahlen gab es schließlich nach den Dezemberereignisse von 1986, als das gestiegene Nationalbewusstsein der kasachischen Bevölkerung zu massenhaftem Protest gegen die Ablösung des Kasachen Nursultan Nasarbajew an der Spitze der KP Kasachstans durch den Russen Gennadij Kolbin führte. Nach Angaben des stellvertretenden Volksbildungsministers R. T. Sarsenow soll es im Schuljahr 1987/88 in 16 Gebieten der Republik an 316 Schulen 1.608 Gruppen mit 203.000 Schülern gegeben haben, die "Deutsch als Muttersprache" lernten. Fraglich ist, ob ein solcher Anstieg binnen eines Jahres überhaupt möglich war. Bezeichnend ist, dass erst im April 1988, d.h. 31 Jahre nach Einführung des muttersprachlichen Deutschunterrichts, das erste Fortbildungsseminar zu Problemen dieses Unterrichts auf Republikebene stattfand.

Deutsch verliert an Bedeutung



Deutsch verlor in den Nachkriegsjahren immer mehr an Bedeutung, vor allem durch den Verlust an Anwendungsbereichen außerhalb der Familie. Dazu haben maßgeblich die zunehmende Urbanisierung, die Entsendung von russischsprechenden Fachleuten in deutsche Siedlungen, die zunehmende Zahl von interethnischen Eheschließungen, fehlende Verwendungsmöglichkeiten im Beruf und im öffentlichen Leben geführt. Die KP Kasachstans hat zwar in ihren Beschlüssen wiederholt auf die Notwendigkeit hingewiesen Agitatoren und Lektoren für die Massenarbeit unter der deutschen Bevölkerung zu gewinnen, die ihrer Tätigkeit in deutscher Sprache nachgehen können. Doch konnten auf diesem Gebiet keine nennenswerten Erfolge erzielt werden.

1979 bezeichneten lediglich 64,5 Prozent der Deutschen Kasachstans Deutsch als ihre Muttersprache, wobei es bei Männern 61,5 Prozent und bei Frauen 67,2 Prozent waren. Die Landbevölkerung nannte zu 69,5 Prozent Deutsch als ihre Muttersprache, während es bei der Stadtbevölkerung nur noch 48,5 Prozent waren. Bei einer Bevölkerungszahl von 900.207 Personen gab es 1979 in Kasachstan 150.746 Familien, in denen alle Mitglieder Deutsche waren. Diese konnten als Kern der ethnischen Gruppe gelten, die potentiell in der Lage gewesen wäre, die nationale Identität, Kultur und Sprache zu bewahren. Zu diesem Zeitpunkt lebten 50,3 Prozent der Deutschen in interethnischen Ehen. In den Städten lag dieser Anteil bei 57,4 Prozent, auf dem Lande bei 43,9 Prozent. Bei der nächsten Volkszählung (1989) nannten nur noch 54,4 Prozent der Deutschen Deutsch als ihre Muttersprache. Bei Männern waren es 51,8 Prozent, bei Frauen 56,8 Prozent. Die niedrigsten Werte zeigte die männliche Stadtbevölkerung mit 45,8 Prozent und die höchsten mit 62,5 Prozent die weibliche Landbevölkerung. Wie weit der Verlust der deutschen Muttersprache geführt hat, kann man am Beispiel der Lehrerausbildung sehen. Ab 1988 sollte am Lehrerbildungsinstitut in der Fachrichtung "Geschichte der deutschen Sprache" unterrichtet werden. Es gab dafür aber weder Lehrkräfte, noch Literatur, noch einen Lehrplan. Die Sprachkenntnisse der Studenten erwiesen sich als so mangelhaft, dass der Unterricht nicht in deutscher Sprache erfolgen konnte.

Wachsende Ausreisebewegung ab den 1960er Jahren



Weit hinter den anderen Volksgruppen lagen die Deutschen auch mit ihrem Bildungsniveau. 1989 verfügten 4,83 Prozent der deutschen Bevölkerung Kasachstans über eine abgeschlossene Hochschulbildung und 18,1 Prozent über einen Grundschulabschluss, während 8,4 Prozent keinen Grundschulabschluss hatten. Dafür gab es zwei Gründe: In den Jahren 1941-1956 konnte ein Großteil der schulpflichtigen Kinder keine Schule besuchen. Diesen Bildungsrückstand konnten viele im Erwachsenenleben nicht mehr ausgleichen. Nach 1956 war der Zugang zum Hochschulstudium durch niedrige Aufnahmequoten für Deutsche eingeschränkt. Die Vergleichszahlen für die russische Bevölkerung waren: 10,9 Prozent mit Hochschulabschluss, 10,8 Prozent mit Grundschulabschluss und 5,1 Prozent ohne Grundschulabschluss. In der kasachische Bevölkerung hatten 10,3 Prozent einen Hochschulabschluss, 7,5 Prozent einen Grundschulabschluss und 6 Prozent keinen Grundschulabschluss.

Die Unzufriedenheit der deutschen Bevölkerung mit ihrer Lage führte seit Mitte der 1960er-Jahre zum Anwachsen einer Ausreisebewegung. Bis zur Wende in der Innen- und Außenpolitik unter Michail Gorbatschow (Glasnost und Perestroika) haben die Behörden Kasachstans Ausreisen zur ständigen Wohnsitzname in Deutschland äußerst selten zugelassen. Ausreisewillige siedelten deshalb nach Moldawien oder in eine der autonomen Republiken im Nordkaukasus um, wo Ausreisegenehmigungen, nicht selten gegen Zahlung, erreicht werden konnten.

1987 trat eine Änderung des Gesetzes der UdSSR über die Ein- und Ausreise in Kraft. Für das Verlassen des Landes war keine Genehmigung des Innenministeriums mehr erforderlich, sondern ein Einreisevisum eines anderen Staates. Daraufhin stieg die Zahl der Ausreisenden aus Kasachstan und der UdSSR insgesamt von Jahr zu Jahr sprunghaft an.
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Alfred Eisfeld

Alfred Eisfeld

Dr. Dr. h.c. Alfred Eisfeld ist 1951 (Siedlung Uwa, ASSR Udmurtien) geboren. Seine Ausbildung absolvierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort promovierte er zum Dr. phil., Historiker der Länder Ost- und Sudosteuropas. Er ist Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission für die Deutschen in Russland und der GUS. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Geschichte Russlands und der UdSSR, Nationalitätenpolitik der UdSSR, Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, Zivilbevölkerung in der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges, deutschsowjetische/ russische Beziehungen.


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