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5.12.2005

Grüner Rasen, schwarzer Schlamm

Die Defensores del Chaco machen aus Straßenkindern Fußballer

Drei Spieltage vor Ende der Qualifikationsrunde gelang es Argentinien, als erste südamerikanische Mannschaft sich für die WM-Endrunde in Deutschland zu qualifizieren. Trotz einer beachtlichen Bilanz von 34 Punkten und 29:17 Toren belegte die Mannschaft von Trainer José Pekerman letztlich hinter Brasilien nur den zweiten Platz.

Landesflagge Argentinien

Er scheint fast stolz darauf zu sein: "Das hier ist der Rio de Reconquista, der vergiftetste Fluss in ganz Argentinien", sagt Maximiliano und zeigt auf das trüb-braune Rinnsal. Es stinkt nach einer Mischung aus faulen Eiern und Chemie, "man hat hier Bakterien gefunden, von denen man gar nicht weiß, was sie sind – nur dass sie krank machen, das weiß man." Aber eigentlich ist Maximiliano Pelayes auf etwas ganz anderes stolz als auf diese Giftbrühe: darauf, dass er ausgerechnet hier in Chaco Chico, in den Armenvierteln um Buenos Aires, eine Fußballmannschaft anführt. Eine erfolgreiche Mannschaft – sportlich erfolgreich und sozial erfolgreich. Maximilianos Defensores del Chaco werden Argentinien bei der Straßenfußball-WM in Deutschland im Juni vertreten. Aber vor allem haben sie den Kindern in Chaco Chico etwas gegeben, was ihnen Hoffnung macht.


Chaco Chico ist ein 8000-Einwohner-Viertel mit hohen Diebstahlgittern vor den Häusern und tiefen Schlaglöchern in den Straßen. Chaco Chico liegt an der Bahnlinie, die von Argentiniens reicher Hauptstadt aus durch einen elendig langen Armutsgürtel nach Nordwesten führt. 80 Prozent der Menschen hier haben entweder gar keinen Job oder einen, der zum Leben nicht reicht; die Durchschnittsfamilie hat sechs Kinder; schwanger werden die Mädchen hier in der Regel mit zwölf, dreizehn; von fließend Wasser hat man nur gehört. Seinen Namen ("kleiner Chaco") hat es von den Familien, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor dem Krieg um den Chaco geflohen sind, eine Region in Paraguay.

Fußball ist eine Kunst


Früher, sagt Maximiliano, verbrachten die Jugendlichen üblicherweise ihre Zeit mit Alkohol an irgendeiner Straßenecke – denn viel zu tun gab es nicht. Maximiliano ist 22 Jahre alt, ein kleines Kraftpaket mit tätowiertem Unterschenkel und Piercing über dem linken Auge. "Es war immer das Größte, wenn man sich mit irgendwelchen Nachbarn um einen Ball prügeln konnte", sagt er. Aber das war früher – heute ist das anders. Es ist kurz nach fünf, die Schüler/innen trotten über die Staubwege, sie kommen vom Unterricht. Viele haben sich den weißen Schulkittel schon abgestreift, drunter tragen sie den grün-schwarzen Dress der Defensores del Chaco. Ein paar Buben stehen an einer Ecke und üben Kopfbälle. Am Kiosk drängt sich eine Handvoll Jungs um den Kickertisch, auch sie vertreiben sich nur die Zeit – denn gleich ist Training bei den Defes, wie sie hier sagen.

Wer durch das graue Chaco Chico läuft und dann am Sportzentrum ankommt, reibt sich ungläubig die Augen. Die Gebäude sind fröhlich bepinselt, mit Fußballspielern, Kobolden, Blumen, von oben bis unten. Auf eine Wand haben sie ein sonnengelbes "Willkommen" gemalt, "Fußball ist Kunst" steht an einer anderen. Es sind frische Apfelbäume gepflanzt, am Zaun hängt ein Satz Trikots zum Trocknen – selbst die Zaunpfosten haben sie angestrichen, in Grün und Schwarz. Die Anlage ist mit Abstand der schönste, der gepflegteste, der liebenswerteste Fleck an diesem tristen Ort. "Früher war hier die reinste Müllkippe", sagt Fabiano Ferraro: "Skelette von ausgebrannten Autos, Öllachen, so was."

Die Defensores del Chaco



Fabiano Ferraro ist 34 Jahre alt. Als Gründer der Defensores del Chaco ist er der Hauptverantwortliche dafür, dass aus der Schutthalde eine Schatztruhe geworden ist. Fabiano ist hier aufgewachsen, hat in den Schlaglochpisten von Chaco Chico das Bolzen gelernt und es dann zum Fußballprofi gebracht. Er ist weggezogen, zuletzt hat er in Frankreich gespielt. Aber seine Freunde blieben immer hier. Und weil die nach all den Jahren immer noch ihre Zeit an der Straßenecke verbrachten, hat er mit ihnen 1994 einen Club gegründet, einen Fußballclub. Grün und Schwarz haben sie sich als Vereinsfarben gegeben: grün wie das Gras und schwarz wie der Schlamm.

Erst waren sie 50, dann 100, dann 250, und schnell haben sie gemerkt: Es muss noch mehr geboten werden als Fußball. Den Kindern zwei, drei schöne Stunden auf dem Platz zu bescheren und sie dann wieder in ihre traurigen Alltag zu entlassen, zu ihren prügelnden Vätern und den saufenden Müttern: "Das hat uns nicht ausgereicht. Also machten wir uns daran, die komplette soziale Umwelt zu verbessern", sagt Fabiano. Heute geht es um bessere Ballbeherrschung: Coach Fernando scheucht die Jung-Kicker mit dem Ball am Fuß im Viereck über den Hartplatz, "schnell, schnell, schnell, noch zwei Minuten", brüllt er, in der linken Hand die Stoppuhr. In der Erholungspause spornt er an: "Wir haben nur noch zwei Monate Zeit zur WM, da gibt es noch viel zu tun - also trainieren wir künftig vier Mal die Woche, ok?" Müdes Kopfnicken, die beiden Mädchen straffen sich ihr schwarzes Haar zurück, und schon wird wieder um die Plastikhütchen geflitzt. Die Straßenfußball-WM im Juni wird kurz vor dem Ende der "großen" Weltmeisterschaft in Berlin ausgespielt.

Flanken und Hackentricks, Fairplay und Respekt



"Meine Spieler sollen schon gewinnen wollen - aber es zählt auch, wie man gewinnt", sagt Fernando Leguiza. Aus seinen warmen grünen Augen schaut er einen eindringlich an, er ist einer, der mit dem Fußball was bewegen will. Deshalb bringt er seinen Spielern nicht nur Hackentricks bei. Fairplay, Zusammenhalt und Respekt sind mindestens genauso wichtig beim Straßenfußball: Vor jeder Partie, erklärt Fernando, legen die Spieler beider Mannschaften ihre eigenen Regeln fest. Frauentore zählen meistens doppelt, für Fouls gibt es Punktabzug. Wer schließlich gewonnen hat, das entscheiden beide Teams im Gespräch nach dem Spiel - ganz ohne Schiedsrichter. "Hier lernen die Kinder Konflikte zu lösen, ihren Zorn auch mal runterzuschlucken, das ist großartig", findet Herbert Prock, Abteilungsleiter für soziale Verantwortung bei der argentinischen Niederlassung von Volkswagen. Die Firma hat vergangenes Jahr eine Art Vor-WM in Buenos Aires gesponsert, dafür tragen die "Defes" jetzt das Firmenlogo auf ihren Trikots.

Die Zucht von Dribbelkönigen und Flankengöttern, das ist gar nicht das Hauptziel des Vereins. So hat Clubpräsident Fabiano mit seinen Helfern viel mehr aufgebaut als einen Sportclub: Es gibt eine Rechtsberatungsstelle, ein Kulturzentrum mit Bastelkursen und Karnevalsgruppe, einen Gesundheitsdienst. Vor allem aber legt der Club viel Wert auf Bildung: Wer nicht nachweist, das er regelmäßig zur Schule geht, darf nicht zum Training kommen. In diesen Tagen beginnt der Bau eines eigenen Kindergartens, ein paar Straßen entfernt von der Clubanlage. Später soll daraus sogar eine Schule werden. "Wir wollen hier einen Ort der Begegnung schaffen, denn hier im Viertel hat man früher immer nur die Rollos runtergelassen, wenn wieder irgendwer irgendwen ausgeraubt hat", erklärt Vereinspräsident Fabiano. Jetzt, wo sich Väter gegenseitig an der Seitenlinie kennen lernen und Mütter gemeinsam ihre Kinder anfeuern, ist Zusammenhalt gewachsen im Viertel. "Die Kriminalität ist deutlich zurückgegangen", sagt Fabiano.

Maximiliano, der Chef der Fußballabteilung, lässt sich gerade zum Sportlehrer ausbilden - auf Kosten der "Defes". 150 Pesos Studiengebühren (rund 45 Euro) und dazu noch Geld für den Bus bekommt er jeden Monat. Der Club vergibt diese Stipendien an Jugendliche aus armen Familien. Bedingung ist aber, dass sie später auch beim Verein bleiben. "Das Geld kommt ja schließlich aus der Gemeinschaft", sagt Maximiliano. Auch er will in ein, zwei Jahren, wenn er sein Diplom in den Händen hat, für den Club arbeiten. Sein Traum: Dozent an der vereinseigenen Universität werden, die ist nämlich für 2010 geplant. "Eigentlich", sagt Maximiliano, "ist der Fußball für uns nur ein Werkzeug. Denn wir wollen war nicht unbedingt gute Spieler formen. Wir wollen gute Persönlichkeiten formen."

Der Text erschien zuerst in fluter.de, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung.

Christian Thiele

Zur Person

Christian Thiele

Christian Thiele, Jahrgang 1973, lebt seit 2005 in Buenos Aires. Er berichtet als freier Journalist unter anderem für Frankfurter Rundschau, SZ-Magazin und Deutschlandfunk.


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