Bilder des Artikels: Grüner Rasen, schwarzer Schlamm


Landesflagge Argentinien

Er scheint fast stolz darauf zu sein: "Das hier ist der Rio de Reconquista, der vergiftetste Fluss in ganz Argentinien", sagt Maximiliano und zeigt auf das trüb-braune Rinnsal. Es stinkt nach einer Mischung aus faulen Eiern und Chemie, "man hat hier Bakterien gefunden, von denen man gar nicht weiß, was sie sind – nur dass sie krank machen, das weiß man." Aber eigentlich ist Maximiliano Pelayes auf etwas ganz anderes stolz als auf diese Giftbrühe: darauf, dass er ausgerechnet hier in Chaco Chico, in den Armenvierteln um Buenos Aires, eine Fußballmannschaft anführt. Eine erfolgreiche Mannschaft – sportlich erfolgreich und sozial erfolgreich. Maximilianos Defensores del Chaco werden Argentinien bei der Straßenfußball-WM in Deutschland im Juni vertreten. Aber vor allem haben sie den Kindern in Chaco Chico etwas gegeben, was ihnen Hoffnung macht.


Chaco Chico ist ein 8000-Einwohner-Viertel mit hohen Diebstahlgittern vor den Häusern und tiefen Schlaglöchern in den Straßen. Chaco Chico liegt an der Bahnlinie, die von Argentiniens reicher Hauptstadt aus durch einen elendig langen Armutsgürtel nach Nordwesten führt. 80 Prozent der Menschen hier haben entweder gar keinen Job oder einen, der zum Leben nicht reicht; die Durchschnittsfamilie hat sechs Kinder; schwanger werden die Mädchen hier in der Regel mit zwölf, dreizehn; von fließend Wasser hat man nur gehört. Seinen Namen ("kleiner Chaco") hat es von den Familien, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor dem Krieg um den Chaco geflohen sind, eine Region in Paraguay.

Fußball ist eine Kunst


Früher, sagt Maximiliano, verbrachten die Jugendlichen üblicherweise ihre Zeit mit Alkohol an irgendeiner Straßenecke – denn viel zu tun gab es nicht. Maximiliano ist 22 Jahre alt, ein kleines Kraftpaket mit tätowiertem Unterschenkel und Piercing über dem linken Auge. "Es war immer das Größte, wenn man sich mit irgendwelchen Nachbarn um einen Ball prügeln konnte", sagt er. Aber das war früher – heute ist das anders. Es ist kurz nach fünf, die Schüler/innen trotten über die Staubwege, sie kommen vom Unterricht. Viele haben sich den weißen Schulkittel schon abgestreift, drunter tragen sie den grün-schwarzen Dress der Defensores del Chaco. Ein paar Buben stehen an einer Ecke und üben Kopfbälle. Am Kiosk drängt sich eine Handvoll Jungs um den Kickertisch, auch sie vertreiben sich nur die Zeit – denn gleich ist Training bei den Defes, wie sie hier sagen.

Wer durch das graue Chaco Chico läuft und dann am Sportzentrum ankommt, reibt sich ungläubig die Augen. Die Gebäude sind fröhlich bepinselt, mit Fußballspielern, Kobolden, Blumen, von oben bis unten. Auf eine Wand haben sie ein sonnengelbes "Willkommen" gemalt, "Fußball ist Kunst" steht an einer anderen. Es sind frische Apfelbäume gepflanzt, am Zaun hängt ein Satz Trikots zum Trocknen – selbst die Zaunpfosten haben sie angestrichen, in Grün und Schwarz. Die Anlage ist mit Abstand der schönste, der gepflegteste, der liebenswerteste Fleck an diesem tristen Ort. "Früher war hier die reinste Müllkippe", sagt Fabiano Ferraro: "Skelette von ausgebrannten Autos, Öllachen, so was."




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