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5.12.2005

Frankreich

Die Teilnahme 2006 bietet für die 'Equipe Tricolor' Chancen zur Wiedergutmachung. Nach dem WM-Gewinn im eigenen Land folgte 2002 ein Debakel: Frankreich schied bereits in der Vorrunde aus.

Landesflagge Frankreich (© Public Domain)

Champagnerfußball

Stellen wir uns vor: einer der millionenschweren Stars der französischen Fussballnationalmannschaft kommt auf der Autobahn A 4 an Reims vorbei. Aus den Augenwinkeln hinter seiner Markensonnebrille nimmt er kurz eine Stadiontribüne wahr. Eigentlich müsste jetzt sein Herz höher schlagen, denn eben hier steht die Wiege des erfolgreichen französischen Nachkriegsfussballs. Doch welcher Weg führt schon aus London, Turin oder Madrid, wo Spieler wie Henry, Trezeguet oder Zidane ihr Geld verdienen, über Reims?


"Stade Reims" war zwischen 1949 und 62 sieben Mal französischer Meister, zwei Mal im Europapokalfinale, 1956 und 59, beide Male verlor man gegen Real Madrid. Heute, da die Elf aus der Champagne im unteren Mittelfeld der 2. französischen Liga verschwunden ist, leuchten, wenn der Namen des Clubs fällt, nur noch die Augen der älteren Generation, vor allem in Erinnerung an das mythische Stürmerpaar Raymond Kopa und Just Fontaine. Kopa, "der Napoleon des Fussballs", hiess mit richtigem Namen Kopaszewski und war Sohn eines polnischen Bergarbeiters aus Nordfrankreich. Just Fontaine hatte als kleiner Junge in Marokko das Fussballspielen gelernt und trug einen Vornamen, der klang, als stünde die französische Revolution mit auf dem Platz. Europa und die Welt haben sie schwindlig gespielt, vor allem Fontaine: 13 Tore bei der WM 58 in Schweden, ein bis heute unerreichter Rekord. Damals gewann Frankreich das kleine Finale gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland. Es war das bis dahin beste Ergebnis für die Blauen, besser als 1938, als Frankreich erstmals Ausrichter einer WM war.

Die Erfolge des so genannten Champagnerfussballs von "Stade Reims" und der Nationalmannschaft bildeten Ende der 50-er Jahre eine Art Gegengewicht zu den grossen Sorgen, die das Land plagten: Frankreich kam aus dem algerischen Schlamassel, das damals niemand als Krieg bezeichnen wollte, nicht heraus, De Gaulle wieder an die Macht zurück, mit ihm wurde gar eine neue Republik aus der Taufe gehoben, während zwei Millionen junge französische Rekruten gezwungen waren, in diesem letzten Kolonialkrieg Dienst zu tun.

Fußballerisch stand "Stade Reims" in dieser politisch bewegten Zeit auch am Anfang einer Entwicklung, die bis heute anhält, ja den französischen Fußball prägt, manche meinen, schwächt: das massive Abwandern der Spitzenspieler ins europäische Ausland. Raymond Kopa zog es damals schon zu Real Madrid, wo er an der Seite von di Stefano und Puskas spielte, heute, ein halbes Jahrhundert später, begeistert erneut ein Franzose die Fans des königlichen Clubs mit den weissen Trikots: Zinedine Zidane.

Zidane und 1998



Zidane, ein Fußballgott, der er eigentlich nicht sein will, der mundfaule, verschüchtert wirkende Ballzauberer, der oft aussieht, als seien ihm von der Last der Erwartungen, die eine ganze Nation an ihn hat, die Haare frühzeitig ausgefallen. Von den Franzosen wurde er letztes Jahr sogar zur populärsten Persönlichkeit im Land erkoren, der Sohn algerischer Einwanderer, aufgewachsen in den unterprivilegierten, nördlichen Vororten von Marseille. Heutiger Wohnsitz : Madrid. Geschätztes Jahreseinkommen: 15 Millionen Euros.

Der Mann mit der Nummer 10 auf dem Rücken und dem Magnet an den Fußballschuhen hat zum Ende seiner Karriere mit 34 jetzt gar noch eine mystische Dimension bekommen: nach der WM 2002 in Südkorea und dem blamablen Auftritt der Equipe Tricolore dort, hatte er sich umgehend aus der Nationalmannschaft davon gemacht, mitten im Sommerloch 2005 aber kehrte er wieder – und niemand weiß, wie es dazu kam. Zidane ließ verlauten, er habe eines Nachts Stimmen gehört, sein Bruder habe ihm eingeflüstert, er müsse wiederkommen - das klingt nach Johanna von Orleans, der man einst in ähnlicher Weise auftrug, Frankreich zu retten. Zidane sollte allerdings nicht gleich die Engländer aus dem Land werfen, sondern nur die Nationalmannschaft vor Häme bewahren – schließlich belegte der Weltmeister von 98 gegen "Fußballgrößen" wie Irland, Israel, Schweiz, die Färoer-Inseln und Zypern vor den letzten Qualifikations-Spielen im Herbst 2005 gerade mal Platz 3 in seiner Gruppe. Zidane kam zurück und die Nationalelf ergatterte sich, wenn auch immer noch mit reichlich Mühe, das WM-Ticket für Deutschland.

Die Stimmen in der Nacht jedoch, welche "Zizou" zur Rückkehr bewegt haben sollen, die dürften dann doch eher von in Panik geratenen Sponsoren, die eine wirtschaftliche Katastrophe fürchteten, gekommen sein - allen voran Addidas. Und auch bei Europas größter Fernsehanstalt, dem französischen Privatsender TF 1, zitterten vor Nervosität die Wände, bei der Vorstellung, die Nationalmannschaft könnte 2006 den Sprung über den Rhein nicht schaffen. Zweistellige Millionensummen für die Übertragungsrechte in den Sand gesetzt zu haben, fehlende Werbeeinnahmen und der Einbruch des Aktienkurses wären die Perspektiven gewesen.

Dabei war klar: seit 1998, seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft im eigenen Land, war es mit der französischen Nationalmannschaft eigentlich nur bergab gegangen - auch wenn sie danach im Jahr 2000 noch Europameister wurde. Das blinde Verständnis, das 1998 zwischen einem Lizarazu, Zidane und Dugarry herrschte, die davor jahrelang gemeinsam bei Bordeaux gespielt hatten, die Mischung zwischen alt und jung in der Mannschaft, zwischen technischer Versiertheit und athletischem Spiel - und vor allem die damals eindeutig beste Abwehrkette der Welt mit Thuram, Dessailly, Blanc und Lizarazu und einem Barthez im Tor, all dies war zur WM im eigenen Land unter dem lehrmeisterlich wirkenden Trainer Aimé Jacquet vereint und eben schlicht einmalig, nicht beliebig reproduzierbar.

Frankreich schwelgte im Sommer 1998 nach dem Gewinn der WM am 12. Juli in Hochstimmung, die Parade der Weltmeister im Doppelstockbus durch Paris vor Hunderttausenden bleibt unvergessen, zwei Tage später war dann auch noch Nationalfeiertag, Staatspräsident Chirac durfte sich bei der traditionellen Garten-Party im Elyseepalast mit frischgebackenen Weltmeistern schmücken und sich über die seitdem nie wieder erreichten Popularitätswerte von fast 70% freuen. Es hing so etwas wie Eintracht über dem Land, Hochgesänge wurden angestimmt auf "die Einheit in der Vielfalt" und das erfolgreiche Frankreich – "la France qui gagne".

Black – Blanc-Beurre



In ganz Europa schrieb man sich damals die Finger wund über die Symbolik und Bedeutung dieses Erfolgs einer bunt gemischten Nationalmannschaft - der Begriff "black, blanc, beurre" war in aller Munde.

Doch waren diese politisch korrekten Lobgesänge auf Multi-Kulti-Frankreich mehr als Augenwischerei in Fußballtrance? Im schnöden Alltag jedenfalls war keines der Probleme der Integration und Diskriminierung der farbigen Franzosen im Land gelöst, nur weil die Weltmeistermannschaft sich aus Hell- und Dunkelhäutigen zusammensetzte. Von wegen: "die Nationalmannschaft - ein Beweis für gelungene Integration". Die Spannungen und Probleme im Land waren um nichts geringer geworden. Vier Jahre später , 2002, bekam der rechtsextreme Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen im ersten Durchgang mehr Stimmen als der Sozialist Jospin, 2005 brannten die Vororte, die vielfach zu 80% von farbigen Franzosen bewohnt werden. Und plötzlich konstatierte alle Welt das Versagen des französischen Integrationsmodells. Selbst der Fußball hat es in den Problemvororten seit einigen Jahren immer schwerer, seine Rolle als Ventil für aufgestauten Frust und Aggressionen zu erfüllen oder als Hilfsmittel für eine bessere Integration zu dienen. Jedes Wochenende müssen in den Vorstadtghettos Begegnungen wegen Schlägereien abgebrochen werden, andere kommen erst gar nicht zu Stande, weil sich keine Schiedsrichter mehr finden, die bereit sind, den Kopf hin zu halten.

Und: in den Vororten ist man heute sogar ein wenig verbittert, wenn man an den WM-Gewinn 98 und die Zeit danach denkt. "Man akzeptiert uns nur als Franzosen", sagen die jungen farbigen Staatsbürger dort, "wenn es um Sport, besonders um Fußball geht und wir da erfolgreich sind, nicht aber im normalen öffentlichen Leben des Landes und schon gar nicht in den Sphären der politischen und wirtschaftlichen Macht".

Ausdruck dieses Unwohlseins war der Verlauf eines Freundschaftsspiels im Oktober 2001 zwischen der französischen und der algerischen Nationalmannschaft im "Frankreichstadion" nördlich von Paris : die französische Nationalhymne wurde vom Vorstadtpublikum gnadenlos ausgepfiffen, französische Politiker auf der Ehrentribüne mit Wasserflaschen beworfen und in der 75. Minute musste das Spiel gar abgebrochen werden, weil Hunderte Zuschauer das Spielfeld gestürmt hatten . Staatspräsident und Premierminister machten betretene Minen, mussten feststellen: wenn der Gegner Algerien heißt , schlägt das Herz der jungen farbigen Franzosen ganz offensichtlich nicht für die Equipe Tricolore – auch wenn 9 der 11 Nationalspieler Eltern haben, die aus Nord- oder Schwarzafrika oder von den Antillen kommen.

Spieler, unter denen sich der 35 jährige Lilian Thuram von Juventus Turin im letzten Spätherbst hervortat, indem er Frankreichs Innenminister Sarkozy wiederholt und sehr bestimmt kritisierte , wegen dessen Verbalattacken gegen die Vorstadtjugendlichen vor und während der Krawalle. Auch wenn er heute Millionär sei, so Thuram, würden er, genau so wie viele seiner Nationalmannschaftskollegen doch nie vergessen, wie es war mit der Diskriminierung und dem Leben im Vorstadtghetto, als sie noch keine hoch bezahlten Fußballprofis waren. "Thuram - Innenminister Sarkozys gefährlichster Gegner", titelte daraufhin eine Tageszeitung.

Platini und Konsorten



Im Vergleich dazu herrschte in Frankreich noch eine heile und entspannte Stimmung, als die Nationalmannschaft hier in den 80-er Jahren einen Fußball spielte, der im Land und international jahrelang Lobeshymnen erntete. Damals dirigierte Michel Platini eine "Equipe Tricolore", die wie eine Elf von Traumtänzern agierte, deren Eleganz und Leichtfüßigkeit alle Welt in Erstaunen versetzte. "Ein Fußball der Schönheit und der Solidarität", so schwärmte erst jüngst noch ein französischer Autor, mit einem Michel Platin, dem die Schriftstellerin Marguerite Duras damals das Prädikat "Der blaue Engel" verlieh. Für so manchen Franzosen verkörperte diese Nationalmannschaft Anfang damals den politischen Umbruch im Land oder zumindest die Hoffnung auf andere Zeiten nach der Wahl des Sozialisten Francois Mitterrands zum Staatspräsidenten im Mai 1981, als man auch im Westen noch von Sozialismus sprach und Mitterrands Anhänger nach dem Wahlsieg noch die Fäuste reckten.

In der Sturmspitze dieser legendären Elf, die es 82 bei der WM bis ins Halbfinale schaffte und 84 Europameister wurde, wirbelte der langhaarige Rockfan Dominique Rocheteau, mit dem sich die 68-er Generation gerne identifizierte. Dahinter agierte das magische Mittelfeld jener Jahre: neben Platini der kleine, elegante Giresse, der sich jüngst als Nationaltrainer von Georgien versucht hat. Jean Tigana , der Dauerläufer, den sie "Gazelle" nannten, der in Mali das Licht der Welt erblickt hatte und heute stolzer Besitzer eines Weinbergs im Bordeauxgebiet ist und Luis Fernandez, Kind spanischer Immigranten, der sich im Lyoner Problemvorort Venissieux hochgearbeitet hatte, in den letzten Jahren als Trainer die Clubs wie Hemden wechselte und zuletzt bei Betar Jerusalem angeheuert hat.

Sevilla 1982


Sie alle haben das Spiel der Spiele einer französischen Nationalmannschaft miterlebt: das WM-Halbfinale Frankreich-Deutschland am 8. Juli 1982 in Sevilla. Jeder Franzose über 35 weiß heute noch, was er an diesem Abend und in der darauf folgenden Nacht getan hat. Ein Spiel, bei dem man den Eindruck hatte, da habe einer jahrelang an der Dramaturgie gefeilt und auf der Bühne des Spielfelds hätten alle ihre zugeteilte Rolle gespielt, die der Guten und der Bösen, der Träumer und der Realisten, der Zauberer und der Schlächter – ein Stück, in dem die Handlung plötzlich einen ganz anderen Verlauf nahm und für die Guten in Tränen und tiefer Enttäuschung endete . Es war ein Spiel, bei dem die viel beschworene deutsch-französische Freundschaft auf eine extrem harte Probe gestellt wurde : die völlig überflüssige brutale Geste des deutschen Torhüters Toni Schumacher in der 57. Minute beim Herauslaufen gegen den frei vor ihm auftauchenden Battiston , die Brachialgewalt dieses Einsatzes hatten bei jungen und alten Franzosen im Handumdrehen wieder das Bild des hässlichen Deutschen heraufbeschworen . Während das französische Team minutenlang gar um das Leben von Battiston fürchtete und Platini, der Kapitän mit der unvergessenen Geste eines Samariters, die Hand des bewusstlosen Freundes haltend, Battiston auf der Bahre bis an den Spielfeldrand begleitete – demonstrierte der deutsche Nationaltorwart eine Mischung aus hilfloser Arroganz und plumper Teilnahmslosigkeit. In den Tagen danach war es, als habe Schumacher mit seinem Verhalten die jahrzehntelange Arbeit des deutsch-französischen Jugendwerkes schlicht zunichte gemacht, Präsident Mitterrand und Kanzler Schmidt sahen sich sogar genötigt, eine gemeinsame und beschwichtigende Erklärung zu veröffentlich – so tief saß bei den Franzosen der Schock über das zudem noch ungeahndete Foul des deutschen Keepers, den weiteren, dramatischen Verlauf dieses Halbfinales und die am Ende als so grenzenlos ungerecht empfundene Niederlage - hatten sich die "Blauen" nach Schumachers Tat doch erst recht zusammengerauft, gezaubert und geglänzt, in der Verlängerung 3:1 geführt , um am Ende im Elfmeterschießen sich doch noch – wie es in der französischen Fußballsprache gerne heißt- dem deutschen Realismus zu beugen.

Die Ära Bernard Tapie



Auf die Glanzzeit dieser Nationalmannschaft folgte im französischen Fußball Anfang der 90-er Jahre die Ära von Olympique de Marseille und seines Präsidenten, Bernard Tapie. Dieser Selfmademan mit flottem Mundwerk war zu jener Zeit Präsident des Clubs, Unternehmer, Abgeordneter und Minister in einer Person und träumte davon, auch noch Bürgermeister von Marseille zu werden, ein kleiner Berlusconi – nur dass Bernard Tapie, der zwischenzeitlich auch die Firma mit den drei Streifen aus Herzogenaurach aufgekauft hatte - am Ende seiner Karriere als Clubpräsident und Unternehmer tatsächlich für einige Monate ins Gefängnis musste und heute so gut wie bankrott ist.

Seit zwei Jahren betätigt sich der Mann, auf dessen längst gepfändeter Luxusjacht sich einst die Größen aus Politik und Jet-Set tummelten, jetzt als Schauspieler auf der Bühne und im Film. Olympique de Marseille war unter Tapie von 1989 bis 93 fünf Mal hintereinander französischer Meister, einige Monate auch von einem Franz Beckenbauer trainiert, hatte unter anderen Karl Heinz Förster und Rudi Völler im Kader. Es war die Zeit, als in Marseille der Rubel rollte, die legendären Fan-Clubs in der Hafenstadt am Mittelmeer mehr Gewicht hatten, als jede politische Partei und der Verein 1993 in München das schaffte, was davor und danach keinem anderen französischen Club gelang: durch ein 1:0 über AC Mailand wurde man Championsleague Sieger. Um so tiefer war der Fall des Clubs und seines Präsidenten, als wenige Monate später bekannt wurde, dass Marseille kurz vor dem Champions-League-Finale in der französischen Liga das Spiel gegen U.S. Valenciennes gekauft hatte. Seit der darauf folgenden Relegation in die 2. Liga ist Olympique de Marseille aus dem Jammertal nicht mehr herausgekommen und wartet seit 12 Jahren vergeblich auf einen erneuten Titelgewinn.

Heute sagt der besonnene und nicht nur im französischen Fußball hoch angesehene Arsene Wenger, Manager bei Arsenal London, über diese turbulente Glanzzeit von Olympique de Marseille, es seien die schlimmsten Jahre im französischen Fußball gewesen, es habe ein Klima der Korruption und der Betrügerei geherrscht , Bernard Tapie und dessen damalige Macht im französischen Fußballbetrieb seien dafür entscheidend verantwortlich gewesen. . "Alles, was ich über Moral und Solidarität bei Menschen gelernt habe", hat Albert Camus einmal geschrieben, "verdanke ich dem Fussball". Entweder waren es eben gründlich andere Zeiten – Anfang der 30-er Jahre, als der spätere Literaturnobelpreisträger bei "Racing Univeristaire Alger" eine Zeit lang das Tor hütete oder aber Camus hatte bei diesem Satz auch schon an fehlende Moral und mangelnde Solidarität gedacht.

Zustand 2006


Heute, im Jahr 2006, präsentiert sich der französische Fußball ebenfalls nicht in allerbester Verfassung - die Zuschauerzahlen in den Stadien bleiben mit durchschnittlich 22.000 pro Spiel weit hinter denen europäischer Nachbarländer zurück, die Ressourcen der 18 Vereine der ersten französischen Liga sind gerade mal halb so groß wie beim italienischen Nachbarn. Olympique Lyon, der Verein, der sich in den letzten Jahren eher lautlos an der Spitze der französische Liga eingenistet hat und mit 100 Millionen Euros hierzulande über das größte Budget verfügt, rangiert im europäischen Vergleich nur an 14. Stelle.

Allerdings steht seit letztem Jahr den Vereinen mehr Geld zur Verfügung, seit das Pay-TV "Canal Plus" für drei Spielzeiten die Übertragungsrechte der Ligaspiele um die horrende Summe von jährlich 600 Millionen Euros erworben hat. Reichlich disproportioniert zur Zuschauerzahl in den Stadien und auch zum aktiven Engagement der Franzosen im Fußball: mit nur etwas mehr als zwei Millionen Aktiven hat der französische Fußballverband gerade mal ein Drittel der Mitglieder des DFB.

Dies alles hat die Clubs hierzulande aber nicht daran gehindert etwas aufzubauen , das jahrzehntelang als eine französische Besonderheit galt und mehrere Generationen von internationalen Spitzenspielern hervorgebracht hat: die berühmten Ausbildungszentren, die laut Satzung des französischen Fußballverbandes jeder Proficlub der 1. und 2. Liga unterhalten muss - seit Jahren gehen Fußballfunktionäre aus aller Welt hier ein und aus, um von den Erfahrungen der französischen Clubs zu profitieren. Doch seit der Liberalisierung des Transfermarktes und dem Beginn der Zeiten des ganz grossen Geldes im europäischen Fußball sind diese Vereine mit einem grossen Problem konfrontiert: wie sich davor schützen, dass ihnen die jungen Talente, in deren Ausbildung sie ihr Know-How und ihr Geld gesteckt haben, von den europäischen Spitzenclubs weggekauft werden, in Zeiten, da ein 15 Jähriger schon mit seinem Agenten auftaucht.

Kuriosum



Das anerkannt beste dieser Ausbildungszentren findet sich im burgundischen Städtchen Auxerre mit seinen gerade mal 40.000 Einwohnern. Der Verein dort, AJ Auxerre – 4 Mal Pokalsieger und 1996 französischer Meister- ist das Kuriosum schlechthin in der französischen Fußballszene: erst 1974 tauchte er in der 2. Liga auf, ist seit 1980 erstklassig und konnte sich seitdem dank seiner eigenen, selbst herangezogenen Talente in der ersten Division halten. Für den Club ist das Ausbildungszentrum sein eigentliches Kapital, die 20 Millionen Euro Jahresbudget gehören zu den kleinsten der französischen Liga. Diese Erfolgsgeschichte ist untrennbar mit einem Namen und einem Mann verbunden: Guy Roux, das Trainerurgestein in Person. Sage und schreibe 44 Jahre lang hat er AJ Auxerre geleitet, bevor er 2005 mit 67 als Trainer dann doch abtrat. Der Mann mit dem Aussehen eines gutmütigen Großvaters, der schiefen Nase im Gesicht, der immer gleichen blauen Mütze auf dem Kopf und den abgetragenen Trainingsanzügen, verkörpert in Perfektion den Durchschnittsfranzosen, wie man sich ihn am Tresen einer Dorfgaststätte vorstellt.

Der Werbebranche ist das nicht entgangen: vom Rasendünger bis zum Handy, vom Kleinwagen bis zur Alarmanlage – Guy Roux´s Konterfei erscheint in Spots und auf Werbeplakaten seit 10 Jahren mindestens so häufig, wie die der größten französischen Fußballstars. Der Mann, der mit Präsident Mitterrand ebenso tafelte wie mit Jacques Chirac besitzt nicht nur eine gute Portion Bauernschläue und viel Sinn für Humor, er ist bis heute auch eine kritische Stimme im französischen Fußball geblieben, unermüdlich wetternd gegen das große Geld und für Disziplin , den seiner Ansicht nach wichtigsten Grundwert im Fußball.

Guy Roux wird, wie seit 2 Jahrzehnten, bei der WM in Deutschland wieder mit leicht sauertöpfischer Mine als Co- Kommentator beim französischen Fernsehen agieren und mit Frankreichs neuem Nationaltrainer, Raymond Domenech, nicht gerade zart umspringen.

Aussichten


Der hat zwar vorgegeben, das Ziel bei der WM laute 9. Juli, sprich das Endspiel, doch so richtig glauben will im Vorfeld niemand daran. Es herrscht eine Stimmung im französischen Lager, die nicht gerade von Harmonie geprägt scheint. Domenech, der etwas untypische Intellektuelle, der auch als Schauspieler schon mehrmals auf der Bühne stand, vermittelt nicht gerade den Eindruck, er habe seinen über ganz Europa verstreuten Haufen hoch bezahlter Stars wirklich im Griff. So schüchtern und zurückhaltend, wie er sich gibt, hat man den Eindruck, er habe kaum etwas zu sagen, wenn ein Zidane oder Thuram damit beschäftigt sind, die Mannschaft aufzustellen oder die Spieltaktik festzulegen. Trotz einer nicht all zu schweren Gruppenauslosung mit Togo, Südkorea und der Schweiz als Gegner ist von Siegsgewissheit bei den Blauen relativ wenig zu spüren.

Sollte die Equipe Tricolore bei der WM 2006 in Deutschland am Ende nicht ganz vorne mit dabei sein, geht für Frankreich aber die Welt nicht unter. Denn Fußball hat hierzulande als Mannschaftssport bei weitem nicht die Exklusivität, was die Begeisterung der Massen angeht – Frankreich ist in Sachen Fußballverrücktheit nicht Italien, Deutschland oder die Niederlande. Besonders im Südwesten des Landes hält sich Rugby als ernsthafte Konkurrenz und die Tatsache, dass Frankreich 2007 erstmals die Rugby-Weltmeisterschaft im eigenen Land ausrichtet, ist vielen wichtiger, als die Teilnahme der Fußballnationalmannschaft bei der WM in Deutschland.

Ja es gibt sogar Wochenenden, da spielt der Pariser Rugby-Club "Stade Francais" vor 80.000 Zuschauern im Frankreichstadion nördlich von Paris gegen die Fünfzehn aus dem kleinen Hafenstädtchen Biarritz, während sich der Fußballklub "Paris Saint Germain" mit nur 30.000 Fans im Prinzenparkstadion begnügen muss.

Hans Woller

Zur Person

Hans Woller

Hans Woller, Jahrgang 1956, ist seit 1988 freier Frankreich-Korrespondent für Hörfunk und Fernsehen in Paris. Er arbeitet unter anderem für ORF, SRG und den Deutschlandfunk.


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