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5.12.2005

Niederlande

Ohne Niederlage qualifizierten sich die Niederländer problemlos für die WM 2006. Sie besiegten zum Abschluss Tschechien in Prag vor eigenem Publikum (2:0). Damit konnten sie die Schmach der verpassten WM-Qualifikation vier Jahre zuvor wieder gut machen.

Landesflagge Niederlande

Die Niederlande haben im Fußball die überraschendste Erfolgsgeschichte. Rund ein Jahrhundert lang spielten international praktisch keine Rolle. Bei Weltmeisterschaften waren sie nur zweimal, in den 30er Jahren, vertreten, und das, ohne ein einziges Spiel zu gewinnen. Noch 1963 scheiterten sie in der EM-Qualifikation an Luxemburg. Dann kam die WM 1974, und "Oranje" wurde vom Fußballzwerg zum Fußballriesen. Und blieb es bis heute.


Dass die Mannschaft von 1974 so glänzend war und den Titel nur um ein Haar verpasste (so wie 1978 noch einmal), hat natürlich mit dem Jahrhundertspieler Johan Cruyff zu tun, mit großartigen Akteuren wie Neeskens, Krol, Rep, mit dem Trainerstrategen Rinus Michels. Aber das erklärt die nachhaltige Qualität des niederländischen Fußballs nicht völlig. Auch Ungarn hatte ein einmalig gutes Team, das gegen Deutschland ein WM-Finale verlor, obwohl es spielerisch besser war: 1954 in Bern. Während der ungarische Fußball sich davon nie erholte und in die Drittklassigkeit versank, blieb Hollands Fußball, auch wenn er da und dort mal grandios eine WM-Qualifikation verpasste, stets Weltklasse.

Fußball als Integrationsmodell



Die originellste Erklärung für dieses Erfolgsmodell ist eine geographische. Die flache holländische Landschaft, die offenen Horizonte, die saftigen Böden hätten demnach den Nährboden für guten, schnellen, geradlinigen Fußball gebildet, für die weiten Räume und fließenden Positionswechsel des "totaalvoetbal". Eine andere Theorie sieht den Fußball als erfolgreiches Teilbild der Integrationsbemühungen der niederländischen Gesellschaft. Die Nationalelf, in den 70er Jahren noch komplett aus Weißen bestehend, wurde später mehr und mehr von Spielern geprägt, deren Wurzeln in früheren holländischen Kolonien lagen, in Surinam, den Antillen oder dem heutigen Indonesien. So wurde Ruud Gullit Kapitän der Nationalelf, die 1988 den Europameistertitel gewann, und sein Mitspieler Frank Rijkaard zehn Jahre später der erste dunkelhäutige Nationaltrainer. Besonders die Fußballschule von Ajax Amsterdam, das mit Cruyff Anfang der 70er Jahre dreimal den Europapokal der Landesmeister gewann und den Erfolg 1995 mit einem jungen, farbigen Team wiederholte, gilt seit jeher als praktiziertes Integrationsmodell.

Spannungen in der Liga



Doch zeigen sich hier auch die gesellschaftlichen Risse und Abgründe, an denen der holländische Fußball nicht vorbeikommt. Er ist geprägt von einer sehr harten Fan-Kultur, besonders gewalttätig zwischen den Fans von Feyenoord Rotterdam und Ajax Amsterdam. Feyenoord-Fans beschimpfen Ajax in dumpf-ritueller Hass-Folklore als "Judenklub". Bei den Spielen ertönt regelmäßig der Ruf: "Hamas, Hamas, joden aan het gas!" ("Juden ins Gas"). Oder der ganze Block stimmt ein Zischen an, um das Geräusch einströmenden Gases zu imitieren.

Polder, so heißt das Land, das die Holländer in Jahrhunderten der Nordsee abgerungen haben. "Poldermodell", so nannte man seit den 80er Jahren das erfolgreiche Zusammenwirken von Staat, Wirtschaft und Arbeitnehmern zum Wohle aller. Das "Poldermodell" gewann eine noch weitergehende Bedeutung, als Begriff für eine sanfte, tolerante, kooperative Kuschelgesellschaft – und beschrieb damit eine mehr und mehr bröckelnde Illusion. Seit den 90er Jahren litten auch die Niederlande zunehmend an den Problemen fast aller westeuropäischen Länder: Arbeitslosigkeit, Kriminalität, schrumpfende Toleranz, religiöser Fundamentalismus. Die Morde an dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn 2002, der erste politische Mord in den Niederlanden seit 330 Jahren, und an dem Filmregisseur Theo van Gogh durch einen radikalen Islamisten 2004 schockierten die Nation.

Der Fußball hatte die Brutalisierung gewissermaßen vorgemacht. Bei Auseinandersetzungen zwischen radikalen Fans von Ajax und Feyenoord hatte es schon vorher Tote gegeben. Der holländische Fußball taugt also nicht als Insel der Seligen und auch nicht als Feigenblatt für Fehlentwicklungen.

Die neue Qualität



Doch er hat durch seinen Stil und seine Qualität seit Jahrzehnten viel zum positiven Selbstbild und Selbstbewusstsein der Niederländer beigetragen. Diese Qualitäten verdankt er vor allem der exzellenten Ausbildung. Lange vor der Pisa-Studie wusste man in Holland, dass ein Land, das weniger Bodenschätze, aber auch weniger Menschen hat als andere, auf Dauer nur durch Bildung bestehen kann. Auch im Fußball.

Nahezu alle holländischen Jugendspieler werden von kleinauf im anspruchsvollen 4-3-3-Spielsystem geschult, das kreatives Vermögen und Zusammenspiel entwickelt. Die Qualität der Trainerausbildung, der Talentsichtung, aber auch der Spielfelder sind im ganzen Land hoch. Und nur mit großer Effizienz im Finden und Entwickeln von Talenten konnten es die Niederländer schaffen, über Jahrzehnte hinweg ein ebenbürtiger Rivale für drei-, vier-, fünf Mal so große Fußballvölker wie Italien, Frankreich, England, Deutschland zu sein.

Gerade die Rivalität mit den Deutschen hat im holländischen Fußball eine besonders dramatische Entwicklung durchgemacht. Sie begann mit der Finalniederlage von 1974, erreichte nahezu Brandgefahr 1988 und 1990 und hat sich seitdem wieder auf verträgliche Temperaturen abgekühlt. Die aber schnell wieder steigen könnten, wenn etwa die beiden Nachbarn, wie die Auslosung möglich macht, im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2006 aufeinanderträfen.

Souveräne Qualifikation



Bei der Europameisterschaft 2004 trennte man sich in der Vorrunde 1:1. Deutschland schied aus, Holland scheiterte erst im Halbfinale gegen Gastgeber Portugal. Dennoch erklärte der ungeliebte, oft geschmähte "Bondscoach" Dick Advocaat seinen Rücktritt. Vor allem die Auswechslung des überragenden Flügelmannes Arjen Robben im Vorrundenspiel gegen die Tschechen, worauf aus einer 2:1-Führung ein 2:3 wurde, warfen ihm die Landsleute vor. Sein Nachfolger Marco van Basten hat bessere Karten beim Fußballvolk. Er fand eine Kombination aus zügigem Offensivspiel und stabiler Abwehr, nahm phlegmatische Altstars wie Seedorf oder Kluivert aus dem Team, probierte in nur anderthalb Jahren fast zwanzig neue Spieler aus und schuf so einen neuen frischen Geist in der Oranje-Auswahl, die zuvor jahrelang von Splittergruppendenken und schlechter Laune geprägt war.

Ohne Niederlage in zwölf Spielen, darunter zehn ohne Gegentor, schaffte man souverän die WM-Qualifikation, anders als 2002, als deutsche Fans sangen: "Ohne Holland fahr´n wir zur WM". Diesmal fahren die Holländer zur WM, ein kleiner Grenzverkehr, den Zehntausende mitmachen werden, um Deutschland in Orange zu tauchen. Nicht wenige glauben, dass der Weg, wenn man erst einmal die harte Vorrundengruppe mit Argentinien, der Elfenbeinküste und Serbien-Montenegro überstanden hat, so weit führen kann wie 1974.

Starker Trainer



Van Basten sitzt so fest im Sattel wie kaum ein anderer "Bondscoach" seit Michels. Vorgänger Advocaat spielte die niederländische Öffentlichkeit bei der EM 2004 noch so übel mit, dass Innenminister Remkes im Haager Parlament gegen seine Behandlung in den Medien protestierte. Van Basten hatte es von Beginn an einfacher. Erstens hat er Johan Cruyff auf seiner Seite, der als Meinungsführer des holländischen Fußballs mit seinem steten Genörgel und seiner Medienpräsenz noch so gut wie jeden anderen im Amt mürbe gemacht hat. Zweitens hat er den Bonus des früheren Weltstars und Nationalhelden. Van Basten schoss bei der EM 1988 Holland zum einzigen großen Titel: erst mit dem 2:1-Siegtreffer gegen Deutschland im Halbfinale, dann mit seinem Traum-Volley zum 2:0 im Endspiel gegen die Sowjetunion.

Deutschland: Der ewige Rivale



Damals explodierte die holländisch-deutsche Rivalität in einer Weise, die die Deutschen überraschte. Der niederländische Fußballhistoriker Thomas Snyder nannte diese Rivalität die "vielleicht giftigste der Welt". Gar auf "neunzig Minuten Hass" spitzte Simon Kuper, Sohn holländischer Eltern und angesehener Fußballautor, das Verhältnis der beiden Fußballnationen zu. Dieses Gift ging auf 1974 zurück. Seit dem WM-Finale von München hatten sich die Holländer von Bernd Hölzenbeins Fallsucht um den Lohn gebracht gesehen. Für die Art, wie er den Elfmeter herausholte, der zum 1:1 führte, ehe Müller das 2:1-Siegtor schoss, bürgerte sich im holländischen Wortschatz der entsprechende deutsche Begriff ein: "Schwalbe". "Die Mutter aller Niederlagen", hieß ein Erzählungsband des Schriftstellers Chris Willemsen über das Finale 1974. Der Dramatiker Johan Timmers nannte die Niederlage "das größte Trauma Hollands im 20. Jahrhundert, sieht man von der Flut 1953 und dem Zweiten Weltkrieg ab"

Die bittere Niederlage



Vor dem Finale 1974 hatte die "Bild"-Zeitung das Klima vergiftet. "Cruyff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad", so lautete fünf Tage vor dem Endspiel die Schlagzeile, mit der das Gerücht von Eskapaden niederländischer Spieler in die Welt gesetzt wurde. Holländische Blätter nahmen den Ball auf und erklärten die Leistung von Cruyff, der im Finale unter seiner Form blieb, damit, dass seine von den angeblichen Weibergeschichten alarmierte Frau ihn in der Nacht vor dem Endspiel zu lange wach gehalten hätte. Ob das stimmte, blieb unergründlich – doch die Stimmung war vergiftet. Trainer Michels weigerte sich nach der Krawall-Story, bei Pressekonferenzen auf Deutsch zu antworten. Er sagte: "Im Moment gibt es Krieg, und Krieg ist Krieg. Sonntag nach dem Spiel herrscht wieder Friede."

Fußball als Fortsetzung des Krieges mit spielerischen Mitteln? Für viele Holländer war Deutschland damals noch die alte Besatzungsmacht. Es war eine Rechnung offen – ein Empfinden, das sich erst ein, zwei Generationen später mehr und mehr aus Erleben und Erinnern verabschieden sollte. Damals aber, 1974, lagen Krieg und Besatzung kaum ein halbes Menschenalter zurück. Michels hatte als Siebzehnjähriger den fürchterlichen "Hongerwinter" von 1944/45 durchgemacht, im Bett liegend, gegen das Verhungern und das Erfrieren kämpfend. Stürmer Willem van Hanegem verlor als Kleinkind bei einem britischen Bombenangriff auf sein Heimatdorf Vater und Bruder. "Der Haß, er war immer da", räumte er ein. Nur äußerte der Hass sich noch nicht auf dem Spielfeld. Das tat er erst 1988. Und 1990.

Europameister 1988



Als Marco van Basten in der 89. Minute des EM-Halbfinals 1988 Jürgen Kohler entwischte und den Siegtreffer schoss, da entlud sich all das Aufgestaute. Mit den fälligen Überreaktionen. Im Volksparkstadion nahm sich Ronald Koeman das schwarz-weiße deutsche Trikot, das er beim Tausch von Olaf Thon bekommen hatte, und wischte sich damit symbolisch den Hintern ab.

In der Heimat strömte mehr als die Hälfte der niederländischen Bevölkerung auf die Straßen und feierte. Es war die größte Massenkundgebung seit der Befreiung von der NS-Besatzung, und das an einem Dienstag. In Amsterdam warfen Leute Fahrräder in die Luft und rufen "Hurra, wir haben unsere Räder wieder!". Die Deutschen hatten während der Besatzung den Holländern alle Räder weggenommen – der angeblich größte Fahrzeugdiebstahl der Geschichte.

Der Lyriker Jules Deelder ließ sein Gedicht "21-6-88" mit folgenden Zeilen über van Bastens Tor enden:

Und unsere Gefallenen stiegen
Jubelnd aus ihren Gräbern


Simon Kupers Beschreibung des großen Sieges klang wie die Umkehr der deutschen Besatzung von 1940:

"Eine holländische Streitmacht in orangefarbener Uniform fiel per Autokorso in Deutschland ein und trug den Sieg davon. In Holland sangen sie auf den Straßen:

1940 kamen sie
1988 kamen wir
Holadije, holadio"


Der Historiker Friso Wielenga sah den allgemeinen Taumel als "das seltene Glücksgefühl des kleinen Landes, das seinem großen und mächtigen Nachbarn auch mal seine Überlegenheit gezeigt hatte. Weg waren die Gefühle der Abhängigkeit, verschwunden die Erkenntnis, in so vielen Bereichen der Schwächere zu sein: David hatte Goliath übertrumpft." Sein Kollege Hermann von der Dunk sprach von "der zweiten Befreiung". Fußball bleibe "die Fortsetzung des Krieges mit fröhlichen Mitteln" und biete vor allem kleinen Ländern eine gute Bühne für ihren Chauvinismus.

Sie nutzten sie ausgiebig: die Spieler, die Daheimgebliebenen, die Urlauber, die jeden Deutschen, wo immer man sich in jenem Sommer in Europa begegnete, ihre Häme spüren ließen. Und gleich am Abend des Spieles schon die Fans. In Hamburg kam es zu schweren Ausschreitungen zwischen holländischen und deutschen Zuschauern.

Zwei Jahre später steigerte sich die Gereiztheit noch einmal, als Frank Rijkaard seinen Gegenspieler Rudi Völler im WM-Achtelfinale anspuckte. Der Chauvinismus drehte auf Hochtouren, verstärkt durch den enthemmten Live-Kommentar des ARD-Reporters Heribert Faßbender ("Schickt diesen Schiedsrichter in die Pampa!"). Staatsminister Schäfer kritisierte die "emotional maßlos überzogene und einseitige Reportage" und warnte vor einem "Vulgär-Nationalismus, der die mühevollen Bemühungen des Außenministeriums konterkariert"; einem Nationalismus, "der durch die Hintertür von Sportreportagen wiederkommen und so ein Überlegenheitsgefühl der Deutschen entwickeln kann". Aber im großen WM-Triumph, und das noch im Taumel des Vereinigungs-Jahres, scherte sich weiter keiner groß um diplomatische Kollateralschäden.

Holland scheiterte, Deutschland wurde Weltmeister, und seitdem hat sich die Lage zwischen beiden langsam, aber sicher wieder normalisiert. Rijkaard entschuldigte sich, er und Völler vertrugen sich für eine Werbekampagne ("Die Butter bringt wieder an einen Tisch"). Bei der Wiederannäherung half, dass die Ankündigung von Teamchef Beckenbauer ("Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir sind auf Jahre hinaus unschlagbar") sich bald als vollmundiger Unfug herausstellte. Aus den blühenden Landschaften wurde nichts, weder unter Helmut Kohl noch unter Berti Vogts, den Führungsspielern der ersten acht Vereinigungsjahre. Und die Ängste vor einer neuen, fürchterlichen Großmacht Deutschland zerstreuten sich politisch wie sportlich in kurzer Zeit.

Anäherung in neuer Freundschaft



"Ihre Angst vor den Deutschen verflüchtigte sich in den 90er Jahren", bemerkte Kuper an den Holländern. Als 1989 die Berliner Mauer gefallen war, hatte sich der niederländische Regierungschef Ruud Lubbers ebenso wie Margaret Thatcher und François Mitterrand für die Beibehaltung der deutschen Teilung ausgesprochen. (Kohls Elefantengedächtnis ersparte ihm die Revanche nicht – der Pfälzer blockierte 1994 den geplanten Aufstieg des Holländers zum Präsidenten der Europäischen Kommission). Doch im Laufe des ersten Jahrzehnts der deutschen Einheit spürten die Nachbarn, dass man auch vor einem deutlich dicker gewordenen Deutschland keine Angst haben musste – vor dessen Fußball schon gar nicht.

Zum besseren Verhältnis mit den Deutschen trugen auch zunehmend selbstkritischere Töne über die Rolle der Niederländer im Krieg, über Kollaboration und das nicht immer rühmliche Verhalten gegenüber der eigenen jüdischen Bevölkerung bei. Diese neuen Grautöne ließen den alten Schwarz-Weiß-Gegensatz auf dem holländisch-deutschen Fußballschlachtfeld allmählich verblassen. Hinzu kam, dass auch die Leistung der eigenen Elf von 1974 mittlerweile kritischer gesehen wurde. Sahen sich die Holländer lange Zeit betrogen, so offenbarten mehrere Veröffentlichungen zum 30. Jahrestag des Finales, wie arrogant und fahrlässig das Team damals seine Chance vergab. So hatte man den Gegner kaum studiert und bis zum Finaltag keine Vorbesprechung gehalten. Und sich nach früher 1:0-Führung zuviel Selbstsicherheit geleistet. "Wir wollten einen Spaß mit den Deutschen machen. Wir wollten sie erniedrigen, das hat sie wütend gemacht", räumte später Johnny Rep ein. "Es war unsere Schuld." Van Hanegem sprach offen davon, dass man die Deutschen "demütigen" wollte. Das ging nach hinten los.

Heute haben die Freundschaftsspiele ein ähnliches Gesicht wie 1974: Die Holländer spielen besser, entfalten eine mitunter demonstrative Überlegenheit, wie etwa 1998 und 2002 in Gelsenkirchen, 2000 in Amsterdam und 2005 in Rotterdam, verzichten aber darauf, den Gegner zu demütigen - so dass am Ende die Deutschen immer noch ein halbwegs passables Resultat erwirtschaften können. Die Holländer spielstärker, die Deutschen willensstärker, das alles nun aber ohne Gift und Galle – es ist, als hätten die Rivalen von einst sich auf ein Modell geeinigt, mit dem beide sozialverträglich ihre Vorzüge vorführen können.

Man ist mittlerweile gar so weit, die Vorzüge des jeweils anderen offen anzuerkennen. Auch in Deutschland spricht man inzwischen aus, wie viele großartige Spieler die Niederländer mit ihrem Nachwuchssystem und wie viele tolle Spiele sie mit ihrer Spielkunst hervorgebracht haben. Während man in Holland, etwa durch Michels oder den Trainerkollegen Guus Hiddink, den "Realismus" der Deutschen anerkannte, ihre Effizienz, ihre Ergebnisse. So räumen beide Seiten unausgesprochen ein, dass man einander näher und ähnlicher ist, als man es jahrzehntelang wahrhaben wollte.

Die letzte Annäherung, ja Angleichung brachte die Ernennung zweier Volkshelden der Schlachten von 1988 und 1990 zu Nationaltrainern, beide am selben Tag, dem 29. Juli 2004. Seitdem hat Marco van Basten den Holländern den Dogmatismus ausgetrieben, Fußball stets nur als ästhetische Darbietung zu begreifen, als ewigen Aufguss des "totalen Fußballs" von Übervater Cruyff – er hat den Holländern die deutsche Tugend beigebracht, den Sieg über die Schönheit zu stellen. Zugleich verschrieb Jürgen Klinsmann den Deutschen eine Schnellkur in modernem Angriffsfußball, eine Nachhilfe in der holländischen Denkart, dass es nicht so sehr auf das richtige Ergebnis ankommt, wenn man nur die richtige Idee vom Spiel hat. Und siehe da, so nahe waren Fußball-Deutschland und Fußball-Holland einander noch nie. Näher und ähnlicher, als sie es selber je für möglich gehalten hätten.

Christian Eichler

Zur Person

Christian Eichler

Christian Eichler, Jahrgang 1959 in Wanne-Eickel, ist seit 1989 Mitglied der Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Seit 2001 schreibt er für die FAZ als internationaler Sportkorrespondent mit Sitz in Brüssel. Er ist Autor des "Lexikons der Fußballmythen" . Im April 2006 erscheint sein neues Buch "Deutschland, deine Lieblingsgegner".


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