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5.12.2005

Schweiz

Erst in den Playoff-Spielen gegen die Türkei konnten die Schweizer ihre WM-Teilnahme sichern. Damit ist das Team unter Leitung von Trainer Köbi Kuhn zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder bei einer WM vertreten.

Landesflagge Schweiz

Seit Jakob "Köbi" Kuhn im Jahr 2001 zum Nationaltrainer bestimmt worden ist, erlebt der Schweizer Fussball einen Höhenflug. Zwar profitieren die Klubs aus der so genannten Super League mit wenigen Ausnahmen kaum vom Aufschwung, doch die Nationalauswahlen bestätigen den Trend nunmehr seit einigen Jahren. Als Initialzündung gilt der U-17-Europameistertitel, den das Schweizer Nachwuchsteam im Mai 2002 in Dänemark gewann. Die internationale Karriere verschiedener heutiger Nationalspieler hat im Finalspiel von Kopenhagen ihren Ursprung. Tranquillo Barnetta (heute Bayer Leverkusen), Philippe Senderos (Arsenal) oder Reto Ziegler (Wigan) spielten in jener Mannschaft, die sich überraschenderweise im Endspiel gegen Frankreich durchsetzte. Es war bis zu diesem Zeitpunkt der bedeutendste Erfolg einer Auswahl des Schweizerischer Fussballverband (SFV) überhaupt – und der erste positive Bilanzeffekt des Technischen Direktors Hansruedi Hasler, des "Vaters" des Aufschwungs, der 1995 "mit einem leeren Blatt Papier" seine Arbeit begonnen hatte.


Als Hasler vor über zehn Jahren seine Tätigkeit im Verband aufnahm, gab es in der Schweiz nur sieben professionelle Trainer, die sich um die Nachwuchsarbeit kümmerten. Ende 2005 waren es 63, 10 arbeiteten für den SFV, 53 in den Vereinen. Das Finanzinstitut Credit Suisse (CS), seit 1993 Hauptsponsor des Verbandes, veranlasste zudem, dass die Hälfte des Sponsoringbetrages (3,3 Millionen Franken pro Jahr) zweckgebunden in die Nachwuchsabteilung fliessen muss. Nur dank des finanziellen Supports des Finanzdienstleisters vermochte Hasler seine Ideen umzusetzen. Denn der U-17-Titel war einzig der Beginn der Erfolgsgeschichte. Im Mai 2002 erreichte das U-21-Team an der Europameisterschaft im eigenen Land die Halbfinals. Spieler wie Alex Frei (heute Rennes), Ricardo Cabanas (1. FC Köln), Ludovic Magnin (VfB Stuttgart) bildeten damals das Gerüst des Teams, sie alle tragen heute Verantwortung in der A-Nationalmannschaft. Köbi Kuhn, von 1996 bis 2001 in der Juniorenabteilung des SFV tätig, formte als ehemaliger U-21-Coach zahlreiche jener Spieler, die er heute als A-Selektionär betreut. Der letzte Erfolg auf Nachwuchsstufe war die erstmalige Teilnahme an der U-20-WM in den Niederlanden im Sommer 2005.

Kuhn baute seine Mannschaft um junge Spieler auf. Nach erheblichen Anlauf- und Kommunikationsschwierigkeiten trennte er sich rasch von Akteuren, die seiner Meinung nach die Harmonie im Team störten. Er sortierte den umstrittenen Ciriaco Sforza aus, verabschiedete den altgedienten Stéphane Chapuisat, um in seinem Fall aber auch wieder über den eigenen Schatten zu springen und den Romand im Bedarfsfall in die Auswahl zurückzuholen. Die Zukunft aber gehörte den dem Nachwuchs, rund 20-jährigen Spielern wie Senderos, Barnetta, Philipp Degen (Dortmund) oder Johan Vonlanthen (NAC Breda). Die Routiniers wie zum Beispiel der 29-jährige Johann Vogel (AC Milan) sind klar in der Minderheit, im Testspiel in Glasgow gegen Schottland wies das Team einen Altersdurchschnitt von unter 24 Jahren auf. Und dennoch verfügen die Spieler aufgrund ihres frühen Wechsels ins Ausland über einen gewissen Erfahrungsschatz: Mit Ausnahme von den Goalies Pascal Zuberbühler (FC Basel) und Fabio Coltorti (Grasshopper-Club) sowie dem jungen Blerim Dzemaili (FC Zürich) und Boris Smiljanic (FC Basel) sind alle anderen Nationalspieler bei ausländischen Klubs unter Vertrag.

Kuhn gelang in seiner Amtszeit der Brückenschlag zu drei großen Endrundenturnieren. Die Schweiz qualifizierte sich für die Euro 2004 in Portugal, sie reist im Sommer an die WM nach nach Deutschland und sie steht als Gastgeber (gemeinsam mit Österreich) bereits als Teilnehmer der Euro 2008 fest. Bis dannzumal läuft auch Kuhns Vertrag.

Persönlichkeiten des Schweizer Fußball



Hansruedi Hasler, Technischer Direktor des SFV



Die Erfolge der Schweizer Juniorenauswahlen, die in den letzten Jahren Europa weit für Aufsehen sorgten, will Hasler nicht auf seine Person beziehen. Er spricht in der Regel in der Mehrzahl, vom Team, das für den Aufschwung verantwortlich sei. Hasler spielte einst beim FC Biel in der Nationalliga A, daneben arbeitete er nebenamtlich als Trainer. Das Angebot als Profi-Chefcoach schlug er aus, weil er sein Studium an der Universität Bern mit einer Dissertation über Erziehungswissenschaften abschliessen wollte. Als ihm 1994 Marcel Mathier, damals Präsident des SFV, den Job als Technischer Direktor anbot, willigte Hasler ein. Köbi Kuhn, als ehemaliger Coach des U-21-Teams einst der Untergebene Haslers, sagt über ihn: "Wie groß soll das Kompliment für Hasler sein? Es ist ganz einfach: Er ist der Baumeister des Erfolges."

Köbi Kuhn, Schweizer Nationaltrainer



Als Kuhn im Oktober 2003 seinen 60. Geburtstag feierte, blickte er in eine einzigartige Stadionkulisse, die ihm ein Lied für ihn sang. 2:0 hatte das Schweizer Nationalteam in Basel gegen Irland gewonnen; jetzt besaß es die Gewissheit, erst zum zweiten Mal nach 1996 an eine EM-Endrunde fahren zu können. Es war auch Kuhns ganz persönlicher Triumph nach einem Start als Nationaltrainer, der von Misstönen begleitet gewesen war. Die Boulevardzeitung "Blick" hatte am Vortag des entscheidenden Irland-Spiels geschrieben, Kuhn spiele um seinen Job. Seither ist er unbestritten.

In den 60er und 70er Jahren zählte Kuhn zu den besten Mittelfeldspielern, die die Schweiz je hatte. Die Zeitung "Sport" schrieb einmal, er habe "Honig an den Füssen". 64 Mal spielte er für das Nationalteam, mit seinem Stammklub, dem FC Zürich, dem er ein Fußballerleben lang treu blieb, gewann er sechs Mal den Meistertitel und fünf Mal den Cup. 1966 nahm er an der WM in England teil. Seine Trainerkarriere begann als Interimscoach beim FC Zürich, wo er die abgelösten Max Merkel und Hans Kordric ersetzte. Ende der 80er Jahre erwarb Kuhn das Trainerdiplom und übernahm 1991 seinen ersten Posten als Juniorentrainer und Technischer Leiter des FCZ. Nach fünfjähriger Tätigkeit in der Nachwuchsabteilung des Schweizerischen Fußballverbandes wurde Kuhn 2001 zum Cheftrainer der A-Nationalmannschaft ernannt. Die Landesauswahl hatte damals eine dornenvolle Strecke von knapp sechsjähriger Dauer hinter sich, während deren sich fünf Trainer (Jorge, Fringer, Gress, Zaugg, Trossero) mit wechselhaftem Geschick am Steuer versuchten, ohne wieder auf den Erfolgskurs ihres Vorgängers Roy Hodgson (1992 bis Ende 1995) einzuschwenken. Zu retten war für den Zürcher in der Qualifikation für die WM 2002 nicht mehr viel. Niederlagen gegen die Jugoslawen und die Russen blieben unvermeidlich, aber die Handschrift des neuen Coachs ließ sich früh erkennen. Mit der Qualifikation für die Euro 2004 und die WM 2006 bestätigte Kuhn das Vertrauen, das in ihn gesetzt worden war.

Mit seiner Frau wohnt Kuhn immer noch im gleichen Quartier in Zürich, in der gleichen Mietwohnung wie schon seit vielen Jahren. Seine Zurückhaltung und Bescheidenheit, die er auch auf die Mannschaft zu übertragen versucht, sind seine Charaktermerkmale. Kuhn ist ein atypischer Fußballtrainer in der heutigen Zeit, ein Wertkonservativer mit Idealen und klaren Vorstellungen. Das Erstaunliche ist, dass ihn seine jungen, teils hedonistischen Spieler verstehen und schätzen.

Persönlichkeiten des Schweizer Fußball II



Johann Vogel, Captain der Schweizer Nationalmannschaft



Der 29-jährige Captain ist abgesehen vom routinierten Goalie Pascal Zuberbühler (35) der erfahrenste Spieler des Teams. Lange Zeit als "Alibifussballer, der nur Querpässe spielt", im Verruf, arbeitet Vogel seit dem Transfer zur AC Milan im Sommer 2005 konsequent an der Verbesserung seiner Reputation. In der Nationalmannschaft ist er aufgrund seiner Ruhe und Stilsicherheit unverzichtbar.

Vogel begann 1984 beim FC Meyrin in der Nähe Genfs mit dem Fussball. Im jungen Alter von 15 Jahren wechselte er zum Grasshopper-Club nach Zürich, im Juli 1992 erhielt er erstmals die Möglichkeit, sich in der Nationalliga A zu präsentieren – als jüngster Debütant überhaupt. Sein damaliger Trainer Christian Gross, heute Coach beim FC Basel, sagte über den 19-Jährigen, er sei "ein Teenager mit dem Verhalten eines 30-Jährigen." Nachdem der Westschweizer mit dem GC drei Schweizer Meistertitel errungen hatte, wechselte er im Sommer 1999 zum PSV Eindhoven. Nach einer überragenden Saison 2004/05 und insgesamt sechs Jahren in Eindhoven nahm Vogel das überraschende Angebot der AC Milan an. In einem Interview mit dem "Sportmagazin" sagte Vogel: "Meine Karriere verlief bisher perfekt. Es ging immer aufwärts, sportlich wie finanziell." Nach schwierigen Monaten in Mailand, ohne viel Einsatzzeit, begann sich der Mittelfeldspieler im Januar 2006 im Kampf um einen Platz im Kader allmählich zu behaupten.

Tranquillo Barnetta, die Verkörperung des Jugendstils



Der 20-jährige Ostschweizer verkörpert mit seiner Bescheidenheit und dem Streben nach Erfolg den Prototyp des Schweizer Fußballers Kuhnscher Prägung. Er sei immer der Kleinste und der Dünnste gewesen, erinnert sich sein Bruder Sandro, wenn er an die gemeinsame Zeit beim FC Rotmonten in der Ostschweiz denkt. Der Vater erkannte das Talent des jüngeren Sohnes rasch und meldete ihn zum Probetraining beim FC St. Gallen. Mit dem Europameistertitel der Unter-17-Jährigen in Dänemark begann der steile Karrierenanstieg Barnettas – "der Durchbruch", wie der Vater analysiert. In Kopenhagen am EM-Turnier war auch ein Scout von Bayer Leverkusen zugegen. Zunächst beendete Barnetta jedoch die Lehre und spielte weiterhin für St. Gallen, erst ab Sommer 2004 stand er bei Bayer unter Vertrag. Zunächst sollte er bei Hannover 96 Erfahrungen in der Bundesliga sammeln. Früher als geplant und trotz einem Kreuzbandriss im Oktober 2004 in seinem zweiten Länderspiel (gegen Israel), wurde Barnetta zu Leverkusen zurückgeholt, wo er sich inzwischen unter Trainer Skibbe zu einem wertvollen Spieler entwickelt hat.

Alexander Frei, der Torgarant



Am 24. März 2001 gab Frei gegen Jugoslawien sein Debüt in der Schweizer A-Nationalmannschaft. Nur vier Tage später lief er gegen Luxemburg erstmals von Beginn an auf und erzielte drei Treffer zum 5:0-Sieg. Der Stürmer ist der Torgarant des Schweizer Teams. In 42 Länderspielen erzielte er inzwischen 23 Treffer. Bei der erfolgreichen EM-Qualifikation 2004 sorgte er für positive Schlagzeilen. Negativer Höhepunkt sollte derweil die "Spuck-Affäre" gegen Steven Gerrard im EM-Vorrundenspiel gegen England werden. Im Januar 2003 wechselte Frei nach Stationen in der Schweiz (Basel, Thun, Luzern, Servette) trotz anderen Offerten zu Stade Rennes in die französische Ligue 1. Der VfB Stuttgart hätte den Schweizer erst im Sommer verpflichten wollen. Überraschend ließ ihn ausgerechnet Trainer Vahid Halilhodzic, der ihn von einem Wechsel in die Bretagne überzeugte, sehr schnell fallen, verbannte Frei auf die Ersatzbank oder auf die Tribüne, so dass dieser kurz davor war, die Stadt schnell wieder zu verlassen und bereits seine Wohnung gekündigt hatte. "Als Schweizer bekommst du hier so viel Anerkennung wie jemand von den Fidschi-Inseln", sagte er dem "Sportmagazin". Nach einem Gespräch im Familienkreis entschied er sich, im Norden Frankreichs zu bleiben. Die Geduld lohnte sich: 2005 wurde Frei Torschützenkönig in Frankreich (20 Tore in 32 Partien).

Der Verlauf der WM-Qualifikation



Die Schweizer Fussballer qualifizierten sich zum achten Mal (1934, 1938, 1950, 1954, 1962, 1966, 1994) für eine WM-Endrunde. Die Mannschaft von Köbi Kuhn verlor in der Qualifikationsgruppe 4 genau wie die weiteren Favoriten Frankreich und Israel keine einzige Partie – die Medien in den betroffenen Ländern schrieben bereits von der "Remis-Falle". Am Ende, nach zehn Spielen ohne Niederlage, belegten die Schweizer hinter Zidane und Co. den zweiten Gruppenrang; die Barrage gegen die Türkei musste entscheiden. Das Hinspiel im Stade de Suisse in Bern gewann das Heimteam in überzeugender Manier 2:0, doch das Rückspiel im November in Istanbul wurde zu einem Ereignis – die Bilder gingen um die Welt. Es war ein 98-minütiger Kampf mit den Nerven im hochgepeitschten Fenerbahce-Stadion, ein Drama, welches die Extreme touchierte und Grenzen überschritt und an dessen Ende die 2:4-Niederlage der Schweizer Fussballer stand - und damit aufgrund der Auswärtstorregel die Qualifikation für die WM in Deutschland im nächsten Sommer. Es war ein Spiel, das manchmal keines mehr war, mit Angst, Scharmützeln, eigentlichen Hetzjagden, sogar Verletzten und Szenen, die niemand sehen wollte. Der Weltfussballverband Fifa sah sich gezwungen, Sanktionen gegen einzelne Spieler und den türkischen Fussballverband zu ergreifen. 27 verschiedene Spieler setzte Kuhn in den 12 Partien auf dem Weg an die WM ein; als einzige absolvierten Goalie Zuberbühler, Captain Vogel sowie der Innenverteidiger Patrick Müller (Lyon) das volle Pensum von 1080 Minuten. Alex Frei traf in zehn Spielen sieben Mal.

Chancen des Schweizer Teams an der WM 2006



Die Planung des Nationaltrainers Kuhn war seinem Amtsantritt immer auf langfristige Ziele ausgerichtet. Die Qualifikation für die Euro 2004 war ein unerwarteter Erfolgsfall; niemand, auch die Verantwortlichen im SFV nicht, hatten damit gerechnet, dass das junge Team bereits an der Endrunde in Portugal teilnehmen würde. Am Turnier selber gewannen die Schweizer gegen Kroatien, Frankreich und England jedoch keine Partie – eine leise Enttäuschung machte sich bemerkbar. Für die WM in Deutschland hat sich die Mannschaft andere, höhere Ziele gesetzt. Kuhn sagte, dass das Team die Vorrunde (gegen Frankreich, Korea und Togo) überstehen müsse, danach sehe man weiter. Nach dem Testspiel im März in Glasgow gegen Schottland (3:1) bemerkte der Coach, sein Team könne auch in Deutschland weit kommen.

Flurin Clalüna

Zur Person

Flurin Clalüna

Flurin Clalüna ist Mitglied der Sportredaktion der Neuen Zürcher Zeitung


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