zurück 
24.4.2006

Grenzgänger im Fußballtrikot

Der FC Furth und seine tschechischen Stars

Die Geschichte des Fußballklubs FC Furth ist von zahlreichen Erfolgen geprägt. Eine gewichtige Rolle spielen dabei die tschechischen Spieler des Vereins.

Das Schild ist wuchtig, blau und effekthascherisch. Es zeigt eine gemalte Krone, hinter der silberne Strahlen emporsteigen, darunter prangt rot-golden der Schriftzug American Chance Casinos. Das protzige Logo soll zum Glücksspiel in Ceska Kubice animieren, einem Ort in Tschechien, nur zwei Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Die Kasinowerbung am Geländer rund um den Fußballplatz ist das erste, was sich dem Auge aufdrängt, wenn man sich dem Trainingsgelände des FC Furth im Wald nähert. Das kleine Schild vom Fanclub Harter Kern sieht daneben so rostig und verbeult aus, als ob es da schon seit 1919 hängen würde, seit dem Jahr also, in dem der Verein laut Wappen gegründet wurde. Der von hohen Bäumen umrandete Fußballplatz ist heute eher Sumpf als Rasen, weil er von zahlreichen riesigen Pfützen durchzogen ist. Da es seit ein paar Tagen im Bayerischen Wald taut, sind die Schneeberge des Jahrhundertwinters in sich zusammengeschmolzen. Die gewaltige Wassermenge überfordert die Aufnahmefähigkeit des Erdbodens. Um hier heute Passspiel zu üben, bräuchte man spezielle Amphibienfußballschuhe.


"Training fällt heute aus", ruft Fußballcoach Rudi Schmitberger seinen Spielern zu, die nach und nach auf dem Vereinsgelände eintrudeln. So richtig enttäuscht scheint niemand von dieser Nachricht zu sein, nicht mal Michael Vasak. Dabei hat er gerade erfahren, dass es ziemlich für die Katz war, dass er eine Stunde lang im Auto saß, um vom 80 Kilometer entfernten Pilsen, wo er lebt, über die deutsche Grenze nach Furth im Wald zu fahren. Michael ist einer von drei Tschechen, die zurzeit in der 1. Mannschaft des Vereins Tore schießen und verhindern sollen. In der Vorrunde war es sogar noch einer mehr, dem es dann aber irgendwann zu aufwändig wurde, dreimal in der Woche zu Training und Spiel extra aus seiner Heimatstadt Prag anzureisen.

Dreimal Erster



Vor allem dank seiner tschechischen Spieler ist der FC Furth im Wald dreimal hintereinander aufgestiegen, von der Kreisklasse bis auf die oberen Plätze der Bezirksoberliga, betont Herbert Weiß, der seit über dreißig Jahren Vorsitzender des Clubs ist. Mit seinen weißen, lockigen Haaren, seiner Brille und seiner gesunden Gesichtsfarbe würde er viel besser auf einen Golfplatz passen als in die muffig-rustikale Vereinsgaststätte.

Mittlerweile verzichtet kaum ein Club in der Oberpfalz auf den Einsatz von tschechischen Spielern. Nach der Grenzöffnung vor fünfzehn Jahren war Weiß einer der ersten, der das fußballerische Potenzial jenseits des niedergerissenen Eisernen Vorhangs erkannt hat. "Ich habe bereits 1990 Kontakte zu tschechischen Spielern geknüpft", erinnert er sich, "besonders diejenigen aus der Nachbarschaft haben Arbeitsplätze in Deutschland gesucht. Wir haben sie damals noch leicht in Firmen unterbringen können. Sie haben dann bei uns Fußball gespielt und gleich für einen riesigen Aufschwung gesorgt." Die Tschechen in die Mannschaft zu integrieren, sei überhaupt kein Problem gewesen, erzählt Weiß weiter, während ein Kellner im Hintergrund eine merkwürdige Tortenkonstruktion aus Klorollen und Konfetti zusammenbaut. "Unsere deutschen Spieler wissen ja auch, dass wir nur mit Hilfe der tschechischen Spieler in dieser Liga spielen können. Und für die Zuschauer/innen sind sie sowieso die Stars. Nur ganz am Anfang gab´s bei den Auswärtsspielen manchmal abfällige Bemerkungen aus dem Publikum, so nach dem Motto, jetzt kommen wieder die Further mit ihren Tschechen."

Karel Kafka hat mit den Zuschauern/innen nie schlechte Erfahrungen gemacht. Der 25-jährige Abwehrspieler plaudert mit seinen Teamkollegen auf dem Parkplatz vor der Wirtschaft, noch etwas ratlos darüber, was er mit der unverhofften Freizeit anfangen könnte. Karel ist vor vier Jahren von einem tschechischen Verein zum FC Furth gewechselt, weil er von einem Freund weiterempfohlen wurde. Er hat als Einziger der drei Tschechen in der Mannschaft mittlerweile einen Job in Deutschland gefunden und verdient sein Geld als Koch in einer Pizzeria. Da er nach wie vor recht günstig in seiner Heimatstadt Domaslice wohnt, reicht es, wenn er drei Tage in der Woche arbeitet. Der Abschied von seinem alten Fußballclub ist ihm nicht schwer gefallen. "Gute Fußballer suchen sich immer bessere Mannschaften", sagt er lapidar. Sein 32-jähriger und schon leicht ergrauter Mannschaftskollege Michael Vasak spielt seit knapp drei Jahren für den FC Furth und wird von Trainer und Präsident immer wieder als "Garant für den Aufstieg" oder "tragende Säule der Mannschaft" gepriesen. Ihm selber ist so viel Lob eher peinlich.

Prager Fußballglück



Auch dass er in dieser Saison schon 13 Tore geschossen hat, scheint er nicht weiter besonders zu finden. Ganz im Gegensatz zum Vereinsvorsitzenden Herbert Weiß: "Spieler von dieser Qualität hast du bei uns leider nicht mehr, weil seit Jahrzehnten falsch trainiert wird. Bei uns hat man immer gemeint, man müsste Fußball nur mit Kraft und Ausdauer schaffen, und dabei vergessen, dass es eigentlich Fußballspielen heißt. In Prag wird am Sonntag auf jedem freien Platz in der Stadt Fußball gespielt. Das ist bei uns nicht mehr der Fall." Gute deutsche Spieler zu finden, sei aber auch deshalb schwierig, analysiert der Präsident, weil die ab einem gewissen Alter nicht mehr zwei- bis dreimal die Woche hart trainieren wollten. Und wenn man einen deutschen Spieler von einem anderen Verein anwerben wolle, dann müsse man darauf gefasst sein, dass er hohe Forderungen stelle. "Die Tschechen", so Weiß, "bekommen bei uns nur die Fahrtkosten und eine ganz kleine Aufwandsentschädigung. Und wenn sie eine größere Anschaffung haben, geben wir ihnen ein Darlehen, das sie allerdings zurückzahlen müssen."

Dank des heutigen Trainingsausfalls sind die meisten Further Spieler mittlerweile verschwunden. Lediglich der Trainer und der Vorsitzende stehen noch auf dem Parkplatz und starren auf die Wasserlandschaft, die einmal ein Fußballplatz war. Ein paar Spieltage noch, dann ist die Saison vorbei. Rudi Schmitberger ist bereits mit den Planungen für die neue Spielzeit beschäftigt. Nach Tschechien fahren, um sich da neue Talente anzuschauen, will er diesmal nicht. "In erster Linie schauen wir jetzt bei uns", sagt er, "wenn du zu viel auswärtige Spieler hast, dann leidet die Kameradschaft darunter." Daran, das Niveau der Mannschaft noch weiter zu verbessern, scheint der Vereinsvorsitzende sowieso gerade kein Interesse zu haben. Denn in diesem Fall könnte ja womöglich noch ein weiterer Aufstieg drohen, und der wäre dann mit hohen Investitionen verbunden. 100.000 Euro pro Jahr müsse man mehr einplanen, wenn man in der Landesliga mitspielen wolle, erklärt Herbert Weiß. "Hier in der Gegend würden wir nie einen Sponsoren finden, der so viel zahlen kann." Auf die Frage, warum er denn nicht mal bei dem Kasinobetreiber in Ceska Lubice anfragt, lacht er. "Wir sind doch schon froh, dass wir von denen Geld für das Schild bekommen. Das muss erst mal reichen."

Dieser Artikel ist fluter.de entnommen. fluter ist das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.

Frederik Kunth

Zur Person

Frederik Kunth

Frederik Kunth, geboren 1977. ist Hörfunkjournalist und seit September 2003 freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk (BR), Bayern2Radio, Redaktion Zündfunk.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln