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24.4.2006

Weiße Flecken

Wo Fußball keine Rolle spielt

Die ganze Welt ist vom WM-Fieber erfasst. Die ganze Welt? Nicht ganz. Immerhin gibt es noch ein paar Länder, in die Fußball-Verweigerer flüchten können, wenn ihnen hierzulande der Rummel zu groß wird. Zum Beispiel nach Bhutan, Kanada und Kuba.

Die ganze Welt ist vom WM-Fieber erfasst. Die ganze Welt? Nicht ganz. Immerhin gibt es noch ein paar Länder, in die Fußball-Verweigerer und -Verweigerinnen im Juni und Juli flüchten können, wenn ihnen hierzulande der Rummel zu groß wird. Allerdings müssen sie sich beeilen, denn Fußball, Soccer und Calcio haben längst begonnen, die entlegensten Winkel zu kolonialisieren. Wir stellen einige potentielle Exilländer vor.


Bhutan



700 Meter über dem nebligen Tal des Paro hängt das Tiger-Nest-Kloster in den fast senkrechten Wänden des Himalaya. Das Rauschen des Flusses ist nicht mehr zu hören und das einzige Geräusch, das man zu tolerieren bereit wäre, wäre das eines Gongs. Fußballfangesänge dagegen wurden in Bhutan bislang nicht vernommen. Auch wenn König Jigme Singye Wangchuk 1999 zu seinem 25. Thronjubiläum das Fernsehen einführte, das buddhistische Land zwischen Himalaya und Brahmaputra-Tiefland ist von der westlichen Außenwelt noch immer abgeschottet.

Da es in Bhutan außerdem ziemlich schwierig ist, ein ebenes Fleckchen Erde von der Größe eines Fußballfeldes aufzutreiben, ist Bogenschießen nach wie vor unangefochten die Sportart Nummer eins. Ganze Dörfer treten in Turnieren gegeneinander an, geschossen wird auf 150 Metern mit Bambusbögen und das gegnerische Dorf versucht, die jeweiligen Schützen/innen mit Tänzen und Spottliedern zu irritieren. Die prominenteste Sportlerin Bhutans ist natürlich eine Bogenschützin. Tshering Choden besiegte trotz Problemen mit dem modernen Graphitbogen bei den Olympischen Spielen von Athen die hochfavorisierte Chinesin Lin.

Einen Fußball-Verband gibt es in Bhutan seit 1983, das erste richtige Länderspiel im Changlimithan-Stadion der Hauptstadt Thimpu fand aber erst 2002 parallel zum WM-Endspiel in Yokohama statt. Im Spiel zwischen dem 205. und dem 204. der Fifa-Weltrangliste besiegte Bhutan damals das hochfavorisierte Team von der Karibikinsel Montserrat mit 4:0. Der niederländische Regisseur Johan Kramer hat diesem Match den preisgekrönten Dokumentarfilm "The Other Final" gewidmet. Seit ein paar Jahren also kennt man auch im Land des Donnerdrachens das Fußballspiel. Bhutan hat schon 16 Plätze gutgemacht und liegt nun zwischen Afghanistan und den Philippinen auf Rang 189. Beim Himalaya-Derby gegen Nepal haben die Bhutaner im April die Chance, den Aufwärtstrend fortzusetzen.

Kanada



Dass ihr Nationalsport auf den zugefrorenen Seen Neuschottlands erfunden wurde, stand für die Kanadier/innen seit jeher außer Frage. Als jedoch Gemälde auftauchten, auf denen Holländer/innen auf Schlittschuhen und mit umgedrehten Regenschirmen bereits im 16. Jahrhundert die Grachten unsicher machten, war das für den Nationalstolz ein größerer Schlag als das frühe Aus bei den Spielen von Turin. In der Rangliste der populärsten Sportarten führt in Kanada Eishockey vor Eishockey und Eishockey und auf den hinteren Rängen kämpft Fußball mit dem traditionellen Indianersport Lacrosse um die Aufmerksamkeit der Zuschauer/innen.

Während aber sogar zum Lacrosse-Finale regelmäßig 15.000 Zuschauer/innen pilgern, fristet "Soccer" in den Medien ein Schattendasein. Zwar gelingt gelegentlich ein Sieg gegen Österreich, bei der bislang einzigen WM-Teilnahme schied Kanada 1986 jedoch torlos aus. Kein Wunder, dass Kanadas bekanntester Fußballer inzwischen lieber für England auf der Bank sitzt, als für sein Heimatland zu kicken: Der Mittelfeldspieler Owen Hargreaves von Bayern München begann seine Karriere bei den Calgary Foothills am Rand der Rocky Mountains.

Wer bei der Flucht vor der WM-Hysterie auf Nummer sicher gehen möchte, sollte die großen Ballungszentren im Südosten des Landes im Sommer aber meiden. Kanada ist traditionell ein Einwanderungsland und 1982 feierten in den Straßen von Torontos Little Italy 250.000 Italiener/innen den Titel für ihre Mannschaft. Die Glut der Fußball-Euphorie erkaltet jedoch in den Prärieprovinzen Saskatchewan und Manitoba und im hohen Nordwesten ist es endgültig wahrscheinlicher, einem Braunbären zu begegnen als dem Gesicht von David Beckham.

Kuba



"Wollen wir über Afrika oder Baseball reden?", fragt der Fischer am Anfang von Hemingways "Der Alte Mann und das Meer". "Baseball", antwortet der kleine kubanische Junge und dann plaudern sie beim Ausbessern der Netze über die Phillies, die Yankees und den großen Joe DiMaggio. Ob Boxen, Leichtathletik oder Volleyball, Fidel Castros sozialistische Inselrepublik bringt in vielen Sportarten hervorragende Athletinnen und Athleten hervor. Am Status von "Beisbol" als Nationalsport konnte das aber nichts ändern. Der "Maximo Lider" selbst stand in den 1940er-Jahren vor einem Wechsel zu den Yankees, die Kubaner haben die letzten neun Weltmeisterschaften am Stück gewonnen und bei vier olympischen Turnieren gab es nur eine Niederlage – gegen die USA.

Bei so viel Baseball-Begeisterung ist Kuba fußballerisch ein Entwicklungsland geblieben. Bei der bisher einzigen WM-Teilnahme scheiterte man 1938 mit 0:8 an Schweden. Dabei haben prominente Entwicklungshelfer wiederholt versucht, das zu ändern: Die Fifa finanzierte 2002 die Renovierung des einzigen Stadions in Havana und Diego Maradona, der sich für Entziehungskuren regelmäßig in Kuba aufhält, gelobte bei einem Besuch im Jahr 2000: "Ich weiß, dass die Baseballer mit ihren kleinen Bällen auf mich werfen werden. Aber ich werde Fußball in diesem Land zum Nationalsport machen."

Geholfen hat es bisher wenig, in der WM-Qualifikation war wieder in der ersten Runde Schluss und Kuba bleibt eine der ersten Adressen für WM-Exilanten/innen. Einen hat Castro schon eingeladen: Nachdem der italienische Stürmer und bekennende Sozialist Christiano Lucarelli aus dem WM-Kader verbannt werden soll, da er nach Toren nicht auf die gereckte Faust verzichten mag, hat ihm der Präsident für die Dauer der WM Asyl angeboten.

Vatikanstadt



Genau zwei europäische Länder sind nicht Mitglieder der Fifa. Während Monaco jedoch immerhin eine ganze Reihe pensionierter Fußballer und außerdem einen französischen Erstligisten beheimatet, scheint der Vatikan auf den ersten Blick eine gute Adresse für WM-Flüchtlinge. Rein rechnerisch hätten auf dem Territorium des kleinsten Staats der Erde zwar 45 Fußballfelder Platz, der Großteil ist jedoch bebaut. Und dass die Kardinäle in den Vatikanischen Gärten ihre Soutanen heben, um ungehindert Hackysack spielen zu können, ist ähnlich wahrscheinlich wie eine Videoleinwand auf dem Petersplatz.

Doch ganz frei von "Calcio" ist auch der Kirchenstaat nicht. Auf exterritorialen Gebieten außerhalb der leonischen Mauern besitzt der Heilige Stuhl auch Sportanlagen, auf denen die Bediensteten des Vatikans ein Kleinfeldturnier austragen. Dort spielen dann zum Beispiel die Angestellten des Vatikanischen Museums gegen die Schweizergardisten. Als im vergangenen Jahr eine Mini-WM für Nicht-Mitglieder der Fifa geplant wurde, sollte neben Grönland, Gibraltar und Tibet auch der Kirchenstaat teilnehmen. Da jedoch nur die Mitglieder der päpstlichen Leibwache auch die vatikanische Staatsangehörigkeit besitzen, bekamen die Hobbykicker vom Petersplatz keine komplette Mannschaft zusammen.

Ein Unentschieden gegen San Marino aus dem Jahr 1994 bleibt somit das bisher einzige Länderspiel des Vatikans und die Schweizergardisten müssen sich mit Spielen gegen Pilgermannschaften begnügen. Allerdings sind auch die Kirchenfürsten selbst gegen das Fußballfieber nicht ganz immun. Papst Johannes Paul II. war Mitglied bei Schalke 04 und gleichzeitig der vermutlich bekannteste Sportler in der Geschichte des Kirchenstaats: Als Karol Wojtyla hütete der 2005 verstorbene Pontifex in seiner Jugend das Tor eines Amateurclubs in Krakau.

Dieser Artikel ist fluter.de entnommen. fluter ist das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.

Heinrich Geiselberger

Zur Person

Heinrich Geiselberger

Heinrich Geiselberger schreibt als freier Journalist für verschiedene Magazine. Er lebt in München.


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