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5.5.2006

Presseschau vom 05.05.2006

Im Mittelpunkt der Presseschau, das nahe Ende der Bundesligasaison 2005/2006 und die Planungen der Absteiger, die Folgen der Globalisierung für den deutschen Fußball. Sowie einem Blick über den Zaun nach Italien, wo sich ein Schiedsrichterskandal abzeichnet.

Im Mittelpunkt der Presseschau, das nahe Ende der Bundesligasaison 2005/2006 und die Planungen der Absteiger, die Folgen der Globalisierung für den deutschen Fußball. Sowie einem Blick über den Zaun nach Italien, wo sich ein Schiedsrichterskandal abzeichnet.

Bundesliga



Qualität hält mit dem Gerede nicht mit
Vierzig Tore am 32. Spieltag – auf einmal geht´s doch! Peter Penders (Frankfurter Allgemeine Zeitung) hat sich so viel Tatendrang viel früher gewünscht:
"Ach, wäre doch ständig Saisonende und nie die Zeit so mittendrin, wenn wenig passiert, die Qualität ohnehin bedenklich stimmt und spätestens am Montag die vielen Bilder des Wochenendes längst wieder vergessen sind! Vermutlich lag es weniger am Flutlicht, sondern mehr an der Einsicht, demnächst nichts mehr ändern zu können, daß dieser drittletzte Spieltag so viel Strahlkraft hatte im Vergleich zu vielen öden Samstagnachmittagen vorher. (...) Manchmal passen zwei einfach nicht zusammen, und so langsam weiß wohl jeder, daß dies auch auf Michael Ballack und Bayern München zutrifft. Daß er systematisch schlechtgeredet wird, weil er es wagt, ablösefrei zum FC Chelsea zu wechseln, langweilt fast schon, weil es ein so durchschaubares Nachtreten ist. Daß nun aber dem verletzungsanfälligen Santa Cruz nach einem 75-Minuten-Auftritt gegen die biederen Stuttgarter gleich zugetraut wird, die Ballack-Rolle auch international auszufüllen, paßt so schön zu dieser Bundesliga: Die Qualität hält mit dem Gerede in der Regel nicht mit. Aber spannend ist sie, zumindest am Ende, doch."

Abschied von zwei Originalen
Fußball-Bundesliga, die Soap für Männer – Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) wird Köln im nächsten Jahr vermissen:
"Den Bergdoktor gibt's nicht mehr im deutschen TV, er ist nach sieben Staffeln abgesetzt worden. Der Bergdoktor hätte die Kölner trösten können. In dieser Serie geht es darum, dass jemand selbst verschuldet in eine Gletscherspalte fällt, worauf er vom Bergdoktor gerettet wird und vor lauter Dankbarkeit ein anderer Mensch wird. Das ungefähr ist auch die Geschichte des FC, bloß dass die Gletscherspalte die zweite Liga ist und dem Schweizer Trainer Latour – Kosename: Bergdoktor – die Rettung dann doch nicht ganz glückt. Die Bundesliga nimmt Abschied von zwei Originalen, das ist traurig und wahr. Den 1. FC Köln lässt man nur ungern gehen, und den der letzten Wochen erst recht. Es war ja eine schöne Geschichte, wie es ein Schweizer geschafft hat, zum Kölner zu werden. Hanspeter Latour ist 58 Jahre alt und doch von einer rührend kindlichen Liebe zu diesem Spiel beseelt, und so hat es der Bergdoktor geschafft, der Stadt den Glauben an die Gesundheit des Spiels zurückzugeben. Auf die Emotionalität eines echten Jecken hat Köln lange warten müssen; zuvor hat der unjecke Rapolder Begabungen wie Lukas Podolski in ein verkopftes System gepresst, und davor hat der unjecke Stevens alles angeknurrt, was nicht bei drei auf dem Baum war. Ob der Bergdoktor auch ein richtig guter Trainer ist? Das wird man dann in der nächsten Saison erleben, in der neuen Staffel, montagabends DSF."

Ungebrochen
Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) teilt mit, dass sich Duisburgs Walter Hellmich von einem Abstieg nicht zu Bescheidenheit zwingen lässt: "Gerade eben war der hübsche Kick gegen Werder Bremen mit einer 3:5-Niederlage zu Ende gegangen, da hatte der Big Boss des MSV Duisburg schon das Zukunftspanorama für den Absteiger entworfen. Auch über mögliche Transfers hatte er voller Verve gesprochen, die ersten sollen schon in den nächsten Tagen vermeldet werden. Ob man denn damit nicht erst einmal warten wolle, bis ein neuer Trainer gefunden sei, wurde er daraufhin gefragt. 'Das sind Spieler, nach denen sich alle Trainer die Finger lecken', sagte Hellmich. Nun gut, Ronaldinho wird er damit nicht gemeint haben, doch selten hat ein Klub die Bundesliga so ungebrochen verlassen wie der MSV Duisburg. Hellmich versuchte den Eindruck zu vermitteln, dass dieser Abstieg nur ein kleiner Umweg oder ein Luftholen vor jetzt noch ungeahnten Erfolgen sei. (...) Um für Großunternehmen attraktiv zu werden, wird deutlicher erkennbar werden müssen, dass der Absteiger nicht die One-Man-Show des Walter Hellmich ist."

Industrieller Fußball
Michael Eder (Frankfurter Allgemeine Zeitung) über den Stilvorteil der Mainzer gegenüber den Wolfsburgern im Abstiegskampf: "Der VfL spielte in der ersten Halbzeit wie so oft – mit dem Volkswagen-Gen, gediegener Durchschnitt, Mittelklasse, nichts wirklich Aufregendes. Industrieller Fußball, finanziert von einem automobilen Großkonzern. Die Mainzer, das sind dagegen die Schrauber von der Ecke, die Tüftler und Tuner, schmutzige Hosen, schmutzige Hände, und ihr Vorarbeiter war auch in Wolfsburg wieder dieser schmächtige kleine Bursche: Michael Thurk. Er schoß nicht nur das Tor, er haute sich in jeden Zweikampf, er spritzte Gift ins Spiel, verströmte Leidenschaft. (...) Der Patient Wolfsburg kommt mit den Symptomen des Abstiegskampfes nicht zurecht. Die Beine der Spieler werden schwerer, die Nerven versagen, die Lage wird immer prekärer." Steffen Hudemann (Tagesspiegel) zweifelt an der Wolfsburger Kampfbereitschaft: "Gerade weil das Spiel um alles oder nichts ein Dauerzustand ist in Mainz, haben sie sie noch alle beisammen, wenn es brenzlig wird. Eine Fähigkeit, die auch Wolfsburg gut gebrauchen könnte. Drastische Worte wie Jürgen Klopp würden die Geschäftsleute aus der Autostadt nie wählen, aber sie werden sich schon fragen, ob eigentlich irgendjemand sein Hirn angestrengt hat, als er diese Mannschaft zusammenstellte. Der einst so ambitionierte Klub hat innerhalb von einem Jahr einen Besorgnis erregenden Verlust an spielerischer Qualität erlitten. Ihm fehlen Leute, die in der Lage sind, eine Partie durch überraschende Aktionen zu entscheiden. Wolfsburg ist derzeit ein Ort ohne Ideen."
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International



Ohne Konkurrenz
Barcelona, viel zu stark für den Rest Spaniens – Ralf Itzel (Süddeutsche Zeitung) gratuliert zur Meisterschaft:
"Die Mannschaft ist pragmatisch geworden. Showtime wird geboten, wenn möglich. Wenn nicht, tut's auch mal ein glanzloser Sieg. So passierten selbst nach aufreibenden Europacup-Abenden keine Ausrutscher, spielte Barça konstant erfolgreich. Doch der alte und neue Champion war nicht nur so gut – die anderen waren auch so schlecht. Man stelle sich mal vor, es gäbe Barça nicht, dann wäre womöglich Real Madrid Meister geworden, ohne auch nur ein einziges wirklich überzeugendes Match abzuliefern. Oder der FC Valencia, oder Osasuna, die viel zu oft vorsichtigen 0:0-, maximal 1:0-Fußball boten. Beim Uefa-Cup-Finalisten Sevilla ist das ähnlich. Deportivo La Coruna, früher auch eine Größe, befindet sich im Umbau und hat nur mit sich selbst zu tun, und die, die nach Barça den besten Fußball praktizieren, taten dies zu unbeständig: Bernd Schusters Getafe, Villarreal und Real Zaragossa. Barças Dominanz war erdrückend."

Ascheplatz



Wohltuende Grenzen
Nikolaus Piper (Süddeutsche Zeitung) befasst sich mit der Wirkung der Globalisierung auf den deutschen Fußball:
"Im Zuge der Globalisierung ist der deutsche Fußball mittelmäßig geworden – bestenfalls. Offenkundig haben sich andere Sportnationen, zum Beispiel Italien, Spanien oder England, der Herausforderung der Globalisierung stärker gestellt. Innerhalb Deutschlands ist der Abstand zwischen dem Rekordmeister Bayern München und dem Rest der Bundesliga noch größer geworden. Vor allem sind die Bayern der Verein, der – fast als einziger unter den großen – nachhaltig und mit großem Erfolg wirtschaftet. Der Verein stellt sich wie ein gut geführter deutscher Mittelständler dar, doch wenn es um den Einkauf internationaler Stars geht, spielen der AC Mailand oder Real Madrid in einer anderen Liga – dank Großsponsoren und den exorbitanten Fernseheinnahmen aus den jeweiligen nationalen Märkten. Dies zeigt: Fußball lässt sich nur begrenzt aus nationalen Kulturen, Öffentlichkeiten oder Gebräuchen herauslösen. Der schöne Sport hat alle Eigenschaften eines öffentlichen Gutes, der Nutzen daraus lässt sich nur teilweise privatisieren, er lebt davon, dass Millionen anderer Leute begeistert mitmachen. Wenn kleine Jungen nicht mehr kicken, dann gehen den Vereinen irgendwann die Fans und die Werbeeinnahmen aus. Und wenn sich die Vereine nicht mehr um ihr Publikum kümmern, dann lösen sie genau so eine Entwicklung aus. In Deutschland ist es eben nicht vorstellbar, die gesamte Bundesliga oder gar die Weltmeisterschaft ins Bezahlfernsehen zu verbannen. Hier sind der Vermarktung wohltuende Grenzen gesetzt."
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Flut
Markus Weber (Süddeutsche Zeitung) stellt bei der WM-Werbung eine fatale Einheitlichkeit fest:
"Zum Ereignis des Jahres droht dem WM-Gastgeberland der werbliche Overkill. Begonnen hat das kommunikative Dauerfeuer bereits im vergangenen Herbst. Laut Nielsen Media Research stieg die Anzahl der monatlich neu geschalteten Werbemotive mit WM-Bezug von September 2005 bis März 2006 von 45 auf 397. Dass dabei die Mehrheit der Werbungtreibenden in der Masse untergeht, dürfte zu einem guten Teil in der Natur der Sache liegen. Umso wichtiger wären allerdings neue kreative Konzepte, die den konventionellen Rahmen sprengen. Doch diese fehlen leider fast völlig – jedenfalls, wenn es nach dem Urteil führender deutscher Werbeköpfe geht. Im Herbst, als die WM auch in den Köpfen noch weit weg war, wurden praktisch alle Kreativen der Republik auf dasselbe Briefing losgelassen. Die meisten gestalteten ihre Kampagnen aber so, als wären sie die einzigen, die den Fußball für sich entdeckt haben. Hinzu kamen die bei solchen Aufträgen häufig sehr engen Vorgaben der Unternehmen, etwa beim Einsatz von Testimonials. An die beispiellose Flut gleichartiger Werbemotive dachte offenbar kaum jemand. Doch wie sich jetzt zeigt, ist der Kampf um das Gerade-noch-wahrgenommen-Werden gigantisch. Agenturleute berichten, dass die ersten Kunden die Notbremse ziehen und die Ausstrahlung laufender Spots stoppen. (...) Vor allem an zwei Dingen mangelt es den meisten der derzeit laufenden WM-Kampagnen. Erstens: an einem glaubwürdigen, substanziellen und für die Zielgruppe relevanten Beitrag der Marke zu dem Großereignis. Dafür reicht weder ein Logo noch eine Ticket-Verlosung aus. Zweitens: an einem wirklich integrierten Konzept im Sinne einer Marketing-Plattform. Immer noch denken viel zu viele einfach in verschiedenen Kanälen."
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Süddeutsche Zeitung: Leuchtendes Vorbild für die von der Koalition beschlossenen Vätermonate ist Schweden. Doch die Erfahrungen dort zeigen: Väter nehmen sich gerne dann frei, wann es ihnen selbst in den Kram passt. Etwa zur Fußball-Weltmeisterschaft
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freistoss des tages



Heute mit Schiedsrichtermauscheleien aus Italien.
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Die Fußball-Presseschau zur Fußball WM 2006 wird in Zusammenarbeit mit indirekter-freistoss.de erstellt. Dort können Sie auch einen E-Mail-Newsletter abonnieren und sich die Presseschau täglich in Ihr Postfach kommen lassen.
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