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30.3.2009

Umwelt und Verbraucher – Angebot und Nach(haltigkeits)frage

Konsumenten beeinflussen durch Nachfrage den Markt. Diese Macht können sie einsetzen, um ökologisch produzierte Produkte und damit eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Welche Möglichkeiten gibt es, sich über die Auswirkungen eines Produkts zu informieren und Bewusstsein für nachhaltiges Handeln zu schaffen?

Ein Obst- und Gemüsestand auf einem Markt in Dresden mit Produkten aus biologischem Anbau. (© AP)


Durch die Wahlfreiheit beim Kauf haben Konsumenten nicht nur Macht, sondern tragen auch Verantwortung: Denn meist können sie sich für Produkte entscheiden, durch deren Herstellung, Gebrauch oder Entsorgung die Umwelt weniger belastet wird, als es bei anderen der Fall ist. Indem sie kaufen oder nicht kaufen, können sie eine nachhaltige Entwicklung beeinflussen. Denn es sind natürliche Ressourcen, die zur Produktion von Konsumgütern verwendet oder durch sie beeinträchtigt werden.

Voraussetzung für ein sozial und ökologisch verträgliches Kaufverhalten ist, dass Verbraucher sich ihrer Einflussmöglichkeiten bewusst sind und die Auswirkungen ihres Kaufverhaltens kennen. Konsumenten sollten auch den globalen Kontext in die Beurteilung, ob ein Produkt unter sozial fairen und ökologisch vertretbaren Bedingungen entstanden ist, einbeziehen. Nachhaltiger Konsum setzt daher vor allem den Zugang zu Informationen und ein breites Wissen voraus, das zum Beispiel durch Ökosiegel unterstützt wird. Damit betrifft nachhaltiger Konsum nicht nur die eigene Lebensphilosophie, vielmehr sind auch Politik und Wirtschaft gefordert, die erforderlichen Informationen bereitzustellen. Gewiss fällt es Gutverdienern leichter, sich "ökokorrekt" zu verhalten, weil etwa Biolebensmittel teurer sind als konventionelle. Nicht selten aber zahlen sich nachhaltige Produkte im Laufe ihres Produktlebens auch finanziell aus, da sie länger funktionieren als andere oder weniger Strom verbrauchen wie etwa Energiesparlampen. Und mittlerweile haben Biolebensmittel auch Einzug in die Discounter gehalten, verkaufen große Bekleidungshäuser Produkte aus Biobaumwolle zum gleichen Preis wie konventionelle Mode – eine Entwicklung, die zumindest teilweise auch der speziellen Nachfrage der Verbraucher zu verdanken ist.

Konsumenten bekommen die Welt, die sie bezahlen



Verbraucher können also etwas dagegen tun, wenn der Markt voller nicht nachhaltiger Produkte ist, deren Produzenten in fernen Ländern nicht fair bezahlt oder durch deren Herstellung die Umwelt oder auch die eigene Gesundheit belastet werden.

Einem Großteil der Verbraucher fehlt jedoch das Wissen um die eigene Macht und darüber, welche Produkte mit gutem Gewissen zu kaufen sind und welche besser im Regal bleiben sollten. Vielen fehlt jedoch die Motivation, sich Information zu beschaffen, weil Probleme nicht als dringlich genug erkannt werden. So besteht unter Wissenschaftlern und Politikern weitgehend Einigkeit darüber, dass der vom Menschen verursachte Beitrag zum Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten zu sehr großen Umweltproblemen führen wird. Weil die Folgen sich aber mit zeitlicher Verzögerung zeigen, fällt es vielen Menschen schwer, ihr Verhalten zu ändern und etwa auf Flugreisen zu verzichten und stattdessen z.B. die emissionsärmere Bahn zu benutzen. Nicht zuletzt durch die Globalisierung liegen Produktionsbedingungen, Nutzungsort und Produktionsfolgen zeitlich und räumlich sehr weit voneinander entfernt – Verbraucher bekommen von den möglichen sozialen und ökologischen Desastern andernorts nichts mit.

Damit sich Konsumenten im Angebotsdickicht eines unüberschaubar gewordenen globalen Marktes zurechtfinden können, stehen viele Informationsquellen zur Verfügung – sowohl zivilgesellschaftliche als auch staatliche Anlaufstellen.

Für schutzbedürftige Verbraucher – Verbraucherpolitik



In der Bundesrepublik begann der Staat bereits früh, den Verbraucherschutz zu fördern: So wurde etwa die Stiftung Warentest ins Leben gerufen, die seit 1966 die Verbraucherzeitschrift "Test" herausgibt. Doch es sind nicht nur die Konsumenten, die geschützt werden sollten. Umfassende Verbraucherinformation ist auch für die Belange der Umwelt beziehungsweise des Umweltschutzes bedeutend. So wurden neben den Qualitäts- zunehmend auch ökologische Kriterien in die Produkttests aufgenommen.

Proklamiertes Ziel der deutschen Verbraucherpolitik ist es, Verbraucher zu informieren, zu schützen und ihre Rechte zu stärken. Als Marktteilnehmer sollen sie auf gleicher Augenhöhe mit der Wirtschaft handeln und Nachhaltigkeit einfordern können. Sie haben jedoch auch ein Recht darauf, nicht bei jedem Produkt mühsam nach dessen ökologischen Folgen recherchieren zu müssen. Verbraucher sollten auf ein gewisses Maß an staatlicher Verantwortung und Kontrolle vertrauen können, also darauf, dass bestimmte Produkte gar nicht erst auf den Markt gelangen. Zu diesem Zweck wurde Anfang 2001 das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zum Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL, heute BMELV) umgebildet – als Reaktion auf Ausbruch und Verlauf der Rinderkrankheit BSE. Verbraucher sollten vor der Unübersichtlichkeit des Marktes geschützt werden, auf dem gesundheitsgefährdendes Fleisch erhältlich war. Nach der sogenannten BSE-Krise wurden im BMELV die Kompetenzen für den Verbraucherschutz institutionell gebündelt. Ein Schwerpunkt der verbraucherpolitischen Arbeit betrifft zum Beispiel die Förderung des ökologischen Landbaus.

Das neue Verbraucherinformationsgesetz vom 1. Mai 2008 legt gesetzlich fest, dass jeder Verbraucher das Recht auf umfassende Information zu jedem beliebigen Produkt erhält. Dazu zählt die Auskunft darüber, woher verwendete Rohstoffe stammen, unter welchen Bedingungen das Produkt hergestellt wurde und ob es sich recyceln lässt.

Schule für mündige Konsumenten: Verbraucherbildung



Mit dem BMELV bekamen Verbraucher eine stärkere Interessenvertretung vonseiten der Politik. Weitere Unterstützung bieten über 200 deutschlandweit bestehende Verbraucherzentralen. Das sind Beratungsstellen, die sich als gemeinnützige Organisationen mit allen Fragen des privaten Konsums befassen. Sie sind im Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) organisiert, den überwiegend das BMELV finanziert. Der Verband arbeitet eng mit Umwelt- und Tierschutzverbänden zusammen, etwa als Initiator und Mitglied der "Allianz für Tiere", eine Vereinigung, die sich für bessere Haltungsbedingungen landwirtschaftlicher Nutztiere engagiert.

Die Verbraucherinitiative e.V. (VI) ist ein weiterer wichtiger Verband. Ihre Informationen vermittelt sie überwiegend durch Qualitätstests und öffentlichkeitswirksame Aufklärungskampagnen, wie etwa mit der Broschüre "Klimafreundlich einkaufen". Aber auch der "ombudsmann.de", eine Schlichtungsstelle für Onlinehandel, geht auf die VI zurück. Das erklärte Bildungsziel lautet, Lernprozesse anzustoßen, damit Verbraucher in Zukunft besser in der Lage sind, selbst zu entscheiden, welche Produkte umwelt- und verbraucherfreundlich sind.

Neben diesen beiden großen Verbänden gibt es viele weitere Zusammenschlüsse und Netzwerke der Zivilgesellschaft. Auch deren Ziel ist es, nachhaltiges Verbraucherverhalten zu fördern und über die Aufklärung der Öffentlichkeit Druck auf Hersteller und Händler auszuüben.

Gute Siegel: Gütesiegel



Foto: AP (© AP )

Das "Wissen" der Verbraucherorgani- sationen bildet oft die Grundlage für Gütesiegel, die Konsumenten direkt am Regal eine nachhaltige Kaufentscheidung ermöglichen sollen. Die mit Hilfe eines Siegels definierten Standards sind zum Teil auch gesetzlich verankert, so sind bei Lebens- mitteln die Begriffe "bio" oder "öko" durch die EG-Öko-Verordnung geschützt. Wer Öko-Produkte herstellt und entsprechend kennzeichnet, muss sich durch eine zugelassene Kontrollstelle zertifizieren lassen. Derzeit nutzen über 3.000 Unternehmen das Bio-Siegel auf knapp 50.800 Produkten (Stand Oktober 2008). Da einzelne ökologische Anbauverbände über strengere Richtlinien verfügen, gibt es neben dem EU-Bio-Siegel noch weitere Siegel, die eine ökologische Produktionsweise garantieren. Hierzu gehören z.B. Demeter, Bioland oder Naturland. So arbeiten Demeterhöfe nach den Vorgaben des biologisch-dynamischen Landbaus und setzen Präparate aus Mineralien und Heilkräutern gemäß der anthroposophischen Lehre von Rudolf Steiner ein. Biolandhöfe hingegen wirtschaften organisch-biologisch, ihre Grundlagen basieren auf den Naturwissenschaften und nicht auf der Anthroposophie.

Das Fairtrade-Siegel des Vereins TransFair e.V. schließlich steht für gerechte Entlohnung der Arbeiter und ethisch einwandfrei produzierte Ware – sehr häufig Hand in Hand mit den Anforderungen ökologischer Produktionsweisen. Mittlerweile sind über 800 Fairtrade zertifizierte Produkte von Kaffee und Tee über Fußbälle bis hin zu Kleidung erhältlich.

Vergleichbare Kennzeichnungen gibt es für beinahe alle Produktgruppen, nicht immer aber beziehen sie sich auf die Produktionsbedingungen. So informiert zum Beispiel das Effizienzklasse-Label (EU-EnergyLabel) über die erwartbaren Stromkosten von Kühlschrank, Waschmaschine & Co. Das Label basiert auf einem EU-Gesetz.

Ökologisch von der Wiege bis zur Bahre?



Die Umweltverträglichkeit von Produkten ist nicht nur abhängig von ihren Produktionsbedingungen und -folgen. Auch Kriterien wie Lebensdauer und Recyclingfähigkeit sowie die Art, wie sie genutzt werden, entscheiden darüber, wie stark ein Produkt die Umwelt belastet. Sogenannte Ökobilanzen oder Lebenszyklusanalysen, etwa die Produktlinienanalyse des Ökoinstituts e.V., geben Aufschluss über diese Parameter. Die Ergebnisse nutzt das Institut unter anderem für seine EcoTopTen-Listen, in denen die nachhaltigsten Produkte verschiedenster Kategorien vorgestellt werden: vom Fahrrad bis zum Fernseher. Unter einer Ökobilanz (engl. Life Cycle Assessment, LCA) versteht man eine systematische Analyse der Umweltwirkungen von Produkten während ihres gesamten Lebenszyklus. Umweltwirkungen sind sämtliche Entnahmen aus der Umwelt (zum Beispiel Erze, Rohöl) sowie Emissionen in die Umwelt (zum Beispiel Abfälle, CO2-Emissionen). Bei einem Fernseher würde man also in Betracht ziehen, welche Materialien zur Produktion verwendet werden, ob dabei Schadstoffe anfallen und wie damit umgegangen wird. Im nächsten Schritt würde analysiert, wie umweltfreundlich der Betrieb des Gerätes ist: Braucht es viel oder wenig Energie, wie hoch ist die Strahlung? Und schließlich spielt eine lange Lebensdauer für die Umweltfreundlichkeit eine Rolle, ebenso, ob die Rohstoffe aus dem Gerät am Ende wieder zu recyceln sind. Während also ein Energiesparsiegel viele Fragen des Verbrauchers offen lässt, weil es zum Beispiel keinen Aufschluss darüber gibt, welche Materialien verwendet wurden, ist die Ökobilanz eine aussagekräftigere Analyse, deren Erstellung mit viel Aufwand verbunden ist.

Konsum für eine bessere Welt



Neben den Verbraucherzentralen gibt es auch private Anbieter von ökologischen Produkttests und Hilfestellungen zu nachhaltigem Konsumverhalten. Die Zeitschrift "Öko-Test" etwa ist ein monatlich erscheinendes Verbrauchermagazin, das unter dem Motto "Richtig gut leben" über Verbraucherthemen aus ökologischer Perspektive informiert. Babynahrung, Autoreifen oder ökologisch ausgerichtete Geldanlage – jede Ausgabe enthält rund zehn vergleichende Produkttests.

Im Internet gibt es seit einigen Jahren die unabhängige Konsumentenplattform "Utopia – das Internetportal für strategischen Konsum", das Angebot wird von der Utopia AG betrieben. Das Team verfolgt das Ziel, die Gesellschaft möglichst umfassend zu informieren. Daneben bietet das Netzwerk mittlerweile rund 37.000 selbsternannten "Utopisten" Raum für einen offenen Diskurs zu ökologischen Themen. Mit dem Portal soll auch Unternehmen gezeigt werden, dass es sich lohnt, für diese größer werdende Verbrauchergruppe zu produzieren.

Kaufen oder Nichtkaufen, das ist die Grundsatzfrage!



Das Umweltbewusstsein vieler Verbraucher wächst, 2008 ermittelte eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamts, dass 91 Prozent der Bundesbürger den Umweltschutz für wichtig halten - Tendenz steigend. Niedrigste Verkaufspreise verschleiern die realen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kosten der Herstellung eines Produktes beziehungsweise können diesen Kosten gar nicht entsprechen – das wird für immer mehr Menschen unübersehbar. Das Leitbild eines nachhaltigen, verantwortlichen Konsums ist zunehmend in den Köpfen der Konsumenten verankert. Berichte über fairen Handel und Globalisierungskritiker haben die Debatte über die Konsumgesellschaft neu belebt. Neben den Boykott ist als neue Form der politischen Meinungsäußerung außerhalb des parlamentarischen Systems der "buycott" getreten – die politisch, ethisch und ökologisch motivierte Entscheidung für bestimmte Produkte. Damit folgen Verbraucher vermehrt dem Appell vieler Nichtregierungsorganisationen, ihre Macht einzusetzen: zum Schutz der Umwelt und zum Schutz derer, die am anderen Ende der Welt Konsumgüter produzieren.



Literatur



Janning, F. (2005): Konjunkturen der Konsumentenmacht. Politische Gelegenheitsstrukturen in der deutschen Verbraucherschutzpolitik. In: Unterschätzte Verbrauchermacht. Potenziale und Perspektiven der neuen Verbraucherbewegung. Neue Soziale Bewegungen, 18. Jg., Heft 4/2005. Stuttgart: Lucius & Lucius. S. 30-40

Lamla, J., A. Klein (2005): Verbraucherpolitik als Querschnittsaufgabe profilieren! Ein Interview mit Edda Müller. Neue Soziale Bewegungen, 18. Jg., Heft 4/2005. Stuttgart: Lucius & Lucius. S. 98-105

Stolle, D., M. Micheletti (2005): Warum werden Käufer zu "politischen Verbrauchern"? In: Unterschätzte Verbrauchermacht. Potenziale und Perspektiven der neuen Verbraucherbewegung. Neue Soziale Bewegungen, 18. Jg., Heft 4/2005. Stuttgart: Lucius & Lucius. S. 41-52

www.bmelv.de
www.oekolandbau.de
www.utopia.de
www.verbraucher.org
www.vzbv.de
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Nina Rehbach

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