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6.8.2008

Artenvielfalt: Bedeutung und Begriffsklärung

Artenvielfalt, Biodiversität - beides Begriffe, die seit der Konferenz zur Biologischen Vielfalt im Mai 2008 immer wieder zu lesen sind. Doch was bedeuten diese genau und worin unterscheiden sie sich?

Gorilla (© AP)




Artenvielfalt und Biodiversität



Die Artenvielfalt ist ein Teilaspekt der biologischen Vielfalt (Biodiversität). Unter Biodiversität versteht man außerdem die genetische Vielfalt innerhalb und zwischen Arten sowie die Vielfalt der Ökosysteme und Landschaftsregionen. Ferner zählt hierzu auch die Vielfalt an Funktionen, die Arten innerhalb der Ökosysteme füreinander erfüllen und über die sie in Wechselwirkung stehen.

Die heutige biologische Vielfalt hat sich allmählich im Laufe der Erdgeschichte entwickelt. Sie hat zu artenreichen und hochkomplexen Ökosystemen auf dem Festland und in den Weltmeeren geführt. Sterben Arten aus, gibt es Verschiebungen oder auch Ausfälle in den Funktionen innerhalb des jeweiligen Systems. Vielfach ist es nicht möglich, für eine bestimmte Art vorherzusehen, ob ihr Verschwinden große oder kleine Veränderungen bewirken würde. Ein möglichst umfassender Schutz der gesamten Artenvielfalt ist daher ein Gebot im Sinne einer Vorsorgemaßnahme für die intakte und lebenswerte Umwelt. Er ist zugleich eine Verpflichtung gegenüber unseren eigenen Nachfolgegenerationen.


Wie misst man Artenvielfalt?



Umgangssprachlich versteht man unter Artenvielfalt meist vereinfacht die Gesamtzahl an Arten, die in einem Gebiet vorkommen. Doch auch die relative Zahl ist von Bedeutung und wird mathematisch erfasst: Wenn in einer Region gerade eine Art außerordentlich häufig ist, die Mehrzahl der übrigen Arten aber nur noch vereinzelt vorkommen, bezeichnet man die Artenvielfalt als kleiner, als wenn alle Arten in etwa gleicher Häufigkeit auftreten. Artenvielfalt ist demzufolge eine statistische Größe, die sich aus der Informationstheorie ableitet und die relative Häufigkeit der Arten berücksichtigt, also die Wahrscheinlichkeit des Antreffens einer bestimmten Art.

Welche Bedeutung hat Artenvielfalt für die Menschheit?



Den Kulturen und Zivilisationen der Vergangenheit war noch stärker bewusst, wie wichtig für sie die Natur mit ihrer Artenvielfalt ist. Die verschiedenen Arten der Pflanzen und Tiere waren zusammen mit Wasser, Gesteinen und Böden die Grundlage für Materialien, aus denen Hütten, Kleidung oder Waffen gefertigt oder Heil- und Nahrungsmittel gewonnen wurden. Dabei ermöglichte erst die Vielzahl der Arten die oft differenzierten Techniken und deren Weiterentwicklungen.

Pfeil und Bogen können die Bedeutung der Artenvielfalt veranschaulichen: Für die Pfeile verwendete der Mensch im Europa der Jungsteinzeit die Schösslinge des Wolligen Schneeballs, als Schaftmaterial eignete sich hier die Esche gut. Für die im Bogen verwendeten Hölzer bevorzugte man je nach Kultur Ahorn, Birke, Eibe, Kornelkirsche oder Maulbeerbaum. Die ebenfalls benötigten Leime stammten häufig aus Schwimmblasen des Störs, einer Fischart, die in Mitteleuropa heute ausgestorben ist.

Auch das Repertoir an Haushaltsgegenständen sowie an Nahrungs-, Genuss- und Heilmitteln setzte sich aus unterschiedlichen Spezies der jeweiligen regionalen Artenvielfalt zusammen. Später wurden Vieh- und Landwirtschaft sowie Kräutergärten eingeführt und domestizierte Rassen sowie spezielle Pflanzensorten gezüchtet. Allein zu Ernährungszwecken hat der Mensch weltweit rund 7.000 Arten an Pflanzen genutzt; rund 50.000 Arten hatten und haben vielfach noch eine Funktion als Heil- oder Nahrungsmittel.

In jüngerer Zeit dienen viele Arten des Tier-, Pflanzen- und Mikroorganismenreichs als Vorlagen für neuartige Techniken und Konstruktionen. Beispiele sind die Bionik, bei der man versucht, Funktionsweisen der Natur für technische Lösungen zu kopieren, oder die Entwicklung neuartiger Arzneistoffe. Die "Große Klette" etwa war Vorbild für die Klettverschlüsse, und aus der Schuppenhaut gewisser Haie hat man Anregungen für energiesparende Flug- und Schwimmhäute gewonnen.

Wie viele Arten sind bekannt?



Wissenschaftlich beschrieben sind derzeit über 2 Millionen Organismenarten [1]. Davon gehört die Mehrzahl, nämlich über 1 Million Arten, zu den Insekten, gefolgt von den Höheren Pflanzen (Blüten- und Farnpflanzen; siehe Tabelle).

Wissenschaftlich beschriebene Arten weltweit


Taxonomische Gruppe Artenzahl

Algen


40.000 – 60.000


Weichtiere


70.000


Pilze


75.000 – 100.000


Spinnenartige


75.000 – 100.000

Blüten- und Farnpflanzen


250.000 – 300.000

Sonstige (ein- /mehrzellige Organismen)


250.000 – 400.000

Insekten


über 1 Million



Die Zahlen sind allerdings vielfach nicht besonders präzise anzugeben. Dies hat verschiedene Ursachen, wovon die folgenden beiden hervorgehoben seien:

(1) Abgrenzungen von Arten werden durch aktuellere Forschungen, besonders durch die Molekulargenetik, vielfach neu gezogen und führen zu formal neuen Arten, manchmal auch zum "Zusammenziehen" bisheriger Arten. Auch sind häufig an ein und dieselbe Art unterschiedliche Namen vergeben worden, weil sie unabhängig voneinander entdeckt und beschrieben worden sind. Zudem werden in manchen Listen von Säugetieren sogenannte Unterarten mit aufgezählt, in anderen nicht. Schließlich wird etwa bei Bakterien eine "Art" grundsätzlich anders definiert als bei Säugetieren. Denn Bakterien verfügen über einen anderen Reproduktionsmechanismus und eine wesentlich andersartige Gen-Ausstattung.

(2) Wissenschaftliche Neuentdeckungen und Neubeschreibungen vermehren die Liste bekannter Arten um jährlich 12.000 bis 25.000. Nur wenige dieser Neubeschreibungen erwecken allerdings öffentliche Aufmerksamkeit, da sie überwiegend unspektakulär sind.

Wie viele Arten gibt es insgesamt auf der Erde?



Insgesamt leben weltweit erheblich mehr Arten als die bislang beschriebenen gut 2 Millionen. Heute wird von einer Größenordnung um die 10 Millionen ausgegangen. Von diesen sterben allerdings Jahr für Jahr zahlreiche Arten aus, bevor sie entdeckt und beschrieben worden sind. Der größte Teil der noch nicht beschriebenen Arten dürfte zu den Insekten gehören. Aber auch in den Tiefen der Weltmeeressowie im Reich der Mikroorganismen ist noch mit der Entdeckung vieler neuer Arten zu rechnen. Indem kontinuierlich Arten aussterben, über deren Funktion im Ökosystem noch nichts bekannt ist, gehen auch genetische Informationen, ökologische Anpassungen und der mögliche direkte Nutzen für die Menschheit verloren.

Genpool wird kleiner: Nur rund zehn Pflanzenarten und fünf Nutztierrassen bilden heute die Basis der gesamten Welternährung. An der Spitze stehen Weizen, Reis und Mais. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gingen rund drei Viertel der Kulturartenvielfalt verloren. Etwa ein Drittel aller Nutztierrassen ist vom Aussterben bedroht. Quelle: www.agrobiodiversitaet.net; www.fao.org; ARA-konkret 5, 2002.

Was sagt die Rote Liste aus?



Jährlich wird von der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) eine Liste weltweit gefährdeter Tier- und Pflanzenarten veröffentlicht, die sogenannte "Red List" oder "Rote Liste" der gefährdeten Arten. Sie bildet die Grundlage zur kritischen Beurteilung vom Fort- oder auch Rückschritt im Artenschutz. Da nicht alle Tier- und Pflanzenarten überwacht werden können, protokolliert man zumindest die auffälligsten und besonders gefährdeten Vertreter kontinuierlich. Zu ihnen gehören die Vögel, Amphibien und Säugetiere, aber auch zum Beispiel bestimmte Insekten- und Pflanzengruppen.

Neben dieser globalen Liste werden auch für Einzelstaaten und Bundesländer Rote Listen ausgearbeitet. Sie zeigen den Gefährdungsstatus im entsprechenden Gebiet an. Eine Kategorie "häufig" oder "selten" bezieht sich dann nur auf die jeweilige Region. Sie sagt zunächst nichts über den Gefährdungszustand in anderen Regionen oder weltweit aus.

Die Entwicklung des Artenverlusts



Vielfach wird die Meinung geäußert, der Artenverlust sei ein natürlicher Vorgang. Denn zum einen seien schon immer Arten auf der Erde ausgestorben und neue hinzugekommen. Zum zweiten vermochte die Erde auch wirkliche Katastrophen wie einen Meteoriteneinschlag letztlich zu tolerieren und zu korrigieren. Tatsächlich aber hat sich das Artensterben seit Auftreten des modernen Menschen erheblich und inzwischen drastisch beschleunigt: Die heutige Aussterberate liegt nach Schätzungen weit über dem 100-fachen der natürlichen Aussterberate, die Neubildung der Arten läuft jedoch keineswegs schneller als früher ab. Daraus ergibt sich ein rasch ansteigender Nettoverlust an Arten innerhalb weniger Jahrzehnte.

Der Mensch als Naturkatastrophe



Der Mensch dezimiert genau diejenigen Arten, die er zur Nahrungs- und Rohstoffversorgung benötigt oder deren Besiedlungsflächen er in Anspruch nimmt. Dies führte und führt zu einem sehr selektiven Massenaussterben, dem zunächst viele Großtiere zum Opfer gefallen sind. Vielfache andere Umweltbelastungen und ein hoher Flächenbedarf fördern das Artensterben außerdem. Die weltweite Verschleppung von Tieren und Pflanzen, die vielerorts Faunen und Floren durchmischen und verändern, ist ein weiterer Sonderfall, den es in dieser Form nie in der Erdgeschichte gegeben hat. Bedrohung und Artenverlust fallen also qualitativ anders aus als in früheren Erdperioden.

Ansätze zum Schutz der Artenvielfalt



Artenvielfalt kann nicht durch Einzelmaßnahmen geschützt und erhalten werden. Ein Komplex an abgestimmten politischen, juristischen und organisatorischen Instrumenten ist für eine nachhaltige Etablierung des Schutzgedankens ebenso nötig wie eine breite Einsicht der Bevölkerung für den Wert der Artenvielfalt. Seit längerem versucht man auch, die monetäre Bedeutung der biologischen Vielfalt abzuschätzen. Der Wert der Biodiversität allein ist jedoch kaum zu berechnen, denn die biologische Vielfalt stellt stets (nur) einen Teilaspekt der betreffenden Ökosysteme dar. Diese Ökosysteme als ganzes stellen Nahrung und Medikamentenwirkstoffe, sauberes Wasser, saubere Luft, fruchtbare Böden und Erholungsregionen zur Verfügung. Auf globaler Ebene weisen erste Rechnungen zum finanziellen Wert der Artenvielfalt auf einen zweistelligen Billionenbereich (in Euro) hin [2]. Doch auch solche eindrücklichen monetären Zahlen sollten nicht vergessen lassen, dass die Grundressource biologische Vielfalt niemals durch Geldwerte ersetzt werden kann.


[1] Streit, B. (2006): Biozahl 2006 (2 Millionen Organismen-Arten beschrieben). – Natur und Museum 136 (Heft 3/4): 131-134.
[2] The Economics of Ecosystems & Biodiversity. Ausgearbeitet im Auftrag der EU von Pavan Sukhdev et al.
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Bruno Streit

Zur Person

Bruno Streit

geb. 1948, Professor für Ökologie und Evolution am Fachbereich Biowissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Arbeitsschwerpunkte: Süßwasserökologie, Allgemeine Ökologie und Biodiversität, Evolutionsökologie und Humanökologie. Er ist derzeit auch Sprecher von BioFrankfurt, dem Netzwerk für Biodiversität, und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Ökologie, Evolution und Diversität.


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