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14.8.2008

Ursachen für den Verlust von Tierarten

Das Aussterben der Dinosaurier zog sich über einen langen Zeitraum hin, bei vielen Tierarten läuft dieser Prozess heute deutlich schneller ab. Dafür ist in hohem Maße der Mensch verantwortlich.

Der Rochen ist vom Aussterben bedroht. (© AP)


Die Vielfalt an Arten und Lebensräumen stellt einen nicht abschätzbaren Nutzen für die Menschheit dar. Eine immer größer werdende Bevölkerung beeinträchtigt die Biodiversität jedoch extrem negativ.

Besonders der Verlust von Tierarten hat ein Ausmaß erreicht, das einzigartig in der geologischen Geschichte ist. Dies mag manchen überraschen, denn viele nehmen an, dass das Massensterben der Dinosaurier ebenfalls einer dramatischen Entwicklung folgte. Dabei wird jedoch vergessen, dass sich das Aussterben der Dinosaurier über mehrere Millionen Jahre erstreckt hat, während derzeit in sehr viel kürzerer Zeit Arten von der Erde verschwinden. Alljährlich geht man von etwa 50.000 Tier- und Pflanzenarten aus, eine Aussterberate, die 100 bis 1.000 Mal höher liegt als in irgendeiner anderen Epoche der geologischen Geschichte unserer Erde. Die Hauptfaktoren für den Verlust von Arten lassen sich in vier Gruppen einteilen:

1. Ausbeutung der Natur, also die direkte Ausrottung einer Art, zum Beispiel durch Jagd und extensiven Fischfang;

2. Habitatverlust und -degeneration, das heißt die Zerstörung oder Schädigung der Lebensräume von Tieren;

3. Einführung fremder Tierarten, etwa durch Hobby-Tierhalter oder durch Warenlieferungen aus entfernten Regionen;

4. Aussterbekaskaden: Damit wird der Effekt bezeichnet, bei dem eine aussterbende Art zum Verlust weiterer Arten führt, da sie elementar wichtige Funktionen für den Erhalt der anderen Arten übernimmt, zum Beispiel als Nahrung dient.


Die entscheidenden Ursachen für den derzeitigen Verlust von Tierarten stellen die hohe Bevölkerungszahl und der Bevölkerungszuwachs der Menschen dar. Verantwortlich sind auch die Ausmaße der Landwirtschaft, der Industrie, des Tourismus und des internationalen Handels.

Was bedeutet Artenverlust?



Über den Verlust von Tier- oder Pflanzenarten kann der Artenreichtum einer Region bestimmt werden, der als Gradmesser für die Biodiversität gilt. Biodiversität beschreibt, wie viele Arten in einem bestimmten Raum beobachtet werden, jedoch nicht, wie häufig die Einzelindividuen einer Art vorkommen. Biodiversität spielt eine herausragende Rolle für die Ökosystemfunktionen. Zu diesen Funktionen zählen zum Beispiel die Reinigung von Gewässern und der Luft. Der Verlust einer Art erscheint auf den ersten Blick vielleicht verschmerzbar. Da aber jede Art eine bestimmte Aufgabe in einem hochkomplexen System übernimmt, sind die Folgen in den wenigsten Fällen abschätzbar (siehe hierzu "Aussterbekaskaden"). Geht diese eine Art verloren, so wird das Ökosystem durch den Verlust seiner Funktion instabil – mit unter Umständen weitreichenden Folgen.

Störfaktor Mensch



Der Einfluss des Menschen auf den Artenreichtum reicht 100.000 bis 200.000 Jahre in die Vergangenheit zurück und stellt nicht nur in der modernen Gesellschaft ein Problem dar. Schon im Pleistozän (Eiszeitalter) verursachte der frühe Homo sapiens sapiens das Aussterben vieler großer Vogel- und Säugetierarten, indem er alle größeren Landflächen der Erde besiedelte, die Tiere bejagte und die Ökosysteme veränderte.

Ein gutes Beispiel ist die Kolonisierung der Pazifischen Inseln, die vor circa 30.000 Jahren v. Chr. eingesetzt hat. Ihr fielen ca. 50 Prozent aller dortigen Vogelarten zum Opfer, die Ursachen waren Jagd, Entwaldung und die Einführung fremder Arten. Die heutige Artenvielfalt, die wir immer noch als beeindruckend empfinden, weist deshalb wohl nur einen Bruchteil der Arten auf, die heutzutage ohne den Einfluss des Menschen die Erde bevölkern würden.

In den letzten 400 Jahren wurde für 1.000 der bekanntesten Arten das Aussterben offiziell registriert. Dieser beeindruckende Wert stellt sehr wahrscheinlich eine grobe Unterschätzung der tatsächlichen Anzahl der verlorenen Arten dar, da Der zunehmende Einfluss des Menschen auf das Überleben von Tieren spiegelt sich auch deutlich in der so genannten mittleren Existenzdauer einer Tierart wider, die angibt, wie lange eine Art im Durchschnitt existiert(e). Dabei kann das Ende einer Tierart durch Aussterben bedingt sein, oder durch einen Artbildungsprozess, aus dem zwei oder mehr Arten hervorgehen. Die mittlere Existenzdauer von fossilen Arten wurde auf circa 5 bis 10 Millionen Jahre geschätzt. Diese verkürzte sich für Vögel und Säugetiere im letzten Jahrhundert auf nur noch etwa 10.000 Jahre und wird bei gleichbleibendem menschlichen Einfluss in der Zukunft nur noch 200 bis 400 Jahre betragen. Auf den Menschen übertragen würde dies bedeuten, dass Angehörige dieser Art – also wir alle – innerhalb des ersten Lebensjahres sterben würden.

Direkte Ausbeutung



Die Nutzung natürlicher Ressourcen stellt die offensichtlichste Ursache für den Artenverlust dar. Ist diese Nutzung zu intensiv, führt dies entweder zu Ausrottung von Tierarten oder zu einer Reduzierung der Zahl der Tiere. Im letzteren Fall kann eine natürliche Katastrophe, etwa eine Überschwemmung oder ein Waldbrand, das Ende der Population oder einer ganzen Tierart bedeuten.

Zur Ausbeutung der Natur durch den Menschen zählt etwa seine Jagd auf Wildtiere, die zum Verzehr vorgesehen sind. Allein 5.000 Tonnen Frösche (ca. 62 Millionen Tiere) werden jährlich in die Europäische Union eingeführt, und es kann nicht in allen Fällen gewährleistet werden, dass diese aus Zuchtstationen und nicht aus Wildpopulationen stammen. Handelt es sich beim Verzehr von Fröschen um ein Luxusgut, sind in ärmeren Regionen der Welt hingegen viele Menschen auf die Jagd angewiesen, um den täglichen Hunger zu stillen. Mit zunehmender Bevölkerung nimmt der Jagddruck hier nochmals zu, und in vielen Regionen ist die natürliche Kapazitätsgrenze bereits überschritten.

Der Grasfrosch ist eine relative häufige Art. Die zunehmenden Wetterschwankungen können sich jedoch lokal drastisch auf die Populationsdynamik auswirken. Foto: Dirk S. Schmeller

Ein Beispiel stellt die Überfischung von im Meer lebenden Tierarten dar. Diese ist durch mehrere Zusammenbrüche von Fischpopulationen gut dokumentiert. Bereits 1971-72 kollabierte die Population des Peruanischen Anchovies, was – Stichwort "Aussterbekaskade" – von starken Einbrüchen bei anderen Fischarten begleitet wurde, besonders drastisch in den späten 1980er- und den frühen 1990er-Jahren. In dieser Phase wurde der eigentlich häufige Kabeljau an der nordamerikanischen Atlantikküste sehr selten. Die Fischereiindustrie reagierte jedoch nicht auf diese beunruhigenden Zeichen, sondern wuchs in den folgenden Jahren aufgrund der weltweiten Nachfrage noch weiter. Durch die Ausbeutung der Natur können folglich auch stabile und weitverbreitete Arten an den Rand des Aussterbens gedrängt werden.

Lebensraumverlust und -degeneration



Aktivitäten des Menschen, wie Ackerbau und Ansiedlungen, führten zu einer Veränderung von Lebensräumen und Vegetationstypen schon zu prähistorischen Zeiten. Viele von der heutigen Gesellschaft als natürliche Lebensräume empfundene Gebiete sind in Wirklichkeit Landschaften, die durch frühe menschliche Eingriffe in die heutige Form transformiert wurden. So sind zum Beispiel fast alle europäischen Wälder umgestaltet worden. Die Größe der Waldfläche nahm ab, und die Vegetation – und damit auch die Art der Futterquellen – wurde durch Bepflanzung verändert.

Durch die Fragmentierung vormals zusammenhängender Waldgebiete wiederum wurden Populationen auseinander gerissen. Dadurch wird ihr genetischer Pool verkleinert und die Anpassungsmöglichkeiten und damit die Überlebenschancen der Art sinken. Ferner können durch die veränderten Klimabedingungen Tierkrankheiten verstärkt auftreten. Darüber hinaus wird die Qualität der Lebensräume durch Stickstoffeinträge – zum Beispiel durch Dünger in der Landwirtschaft – zunehmend verringert. Die höhere Konzentration von Stickstoff in Ökosystemen führt zu einer höheren Produktivität, die letztlich ein Nahrungsüberangebot in aquatischen Systemen hervorrufen kann und Gewässer "umkippen" lässt.

Einführung von fremden Arten



Schon früh hat der Mensch Nutztiere bei Entdeckungsreisen in neue Länder und auf andere Kontinente gebracht. Dies geschah weitgehend in Unkenntnis der ökologischen Folgen. Neu eingeführte Arten breiten sich oft ungebremst aus, da zum Beispiel Räuberarten vor Ort fehlen und die Tiere auf ein großes Nahrungsangebot treffen.

Derzeit fördert unter anderem die erhöhte Mobilität der modernen Gesellschaft eine erhöhte Einführungsrate fremder Tierarten. Dies geschieht etwa durch Muscheln und Krebse, die im Ballastwasser von Schiffen mitreisen, durch den Transport von Böden, die Verbindung von Wasserstraßen über Kanäle oder die Freilassung oder den Verlust von exotischen Haustieren. Zum Teil werden auch bewusst neue Arten zu Kultivierungszwecken angesiedelt, dies geschieht in vielen Fällen ohne ausreichendes Wissen möglicher Folgeschäden für die Artenvielfalt. So wurde zum Beispiel der in Osteuropa einheimische Seefrosch in mehreren europäischen Länder zum Verzehr eingeführt, dort gelangte er durch Unachtsamkeit in die freie Natur. Entlang von Flussauen hat diese Art mittlerweile einheimische Froscharten, wie den kleinen Wasserfrosch und den Teichfrosch, weitestgehend verdrängt.

Dabei bedroht nicht jede eingeführte Art die einheimischen Arten. Schätzungen zufolge etablieren sich nur etwa 10 Prozent aller neu hinzukommenden Arten, das heißt, sie pflanzen sich unter natürlichen Bedingungen fort. Von diesen 10 Prozent wiederum werden nur etwa 10 Prozent zu einer Bedrohung (also ein Prozent aller eingeführten Arten) und beeinflussen ein Ökosystem stark. Die Einflüsse fremder Arten auf ein Ökosystem umfassen die Veränderung der Nahrungssysteme, die Eigenschaften von Gewässern, Veränderungen der Pflanzenwelt sowie der Häufigkeit und Ausbreitungsgebiete einheimischer Arten. Fremden Arten kommt somit eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Artenvielfalt zu.

Aussterbekaskaden



Die Folgen eines Artenverlusts sind oft nicht abzusehen, da eine Art in vielfacher Interaktion mit anderen Tieren und Pflanzen steht und auch die nicht belebte Umwelt beeinflusst. Fallen diese Interaktionen weg, kann es zu einer Aussterbekaskade kommen, die andere Tierarten der ausgestorbenen Art folgen lässt. Dies ist dann der Fall, wenn eine Tierart Ressourcen für andere bereitstellt, zum Beispiel als Nahrung dient, oder eine Art zur Bestäubung bestimmter Pflanzen gebraucht wird. Fällt diese Funktion einer Art weg, wird anderen abhängigen Arten die Existenzgrundlage genommen und sie werden, sollten sie sich nicht an die neuen Bedingungen anpassen können, ebenfalls aussterben.
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Dr. Dirk S. Schmeller

Zur Person

Dr. Dirk S. Schmeller

geb. 1970, arbeitet seit 2007 als Wissenschaftler für das französische Zentrum der Wissenschaft (CNRS). Arbeitsschwerpunkte: Naturschutzforschung, Populationsbiologie, Evolutionsökologie.


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