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4.2.2009

Lösungsansätze zum Erhalt der Artenvielfalt

Der weltweite Artenrückgang gibt Anlass, über Strategien zum Erhalt der Artenvielfalt nachzudenken. Doch der Erhalt der biologischen Vielfalt ist nur dann durchzusetzen, wenn die Bevölkerung vor Ort dadurch einen wirtschaftlichen Nutzen hat. Deshalb ist es wichtig staatliche Anreiz- und Kontrollsysteme zu schaffen.

(© AP)


Die Konvention über die biologische Vielfalt



Auf dem Weltumweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 hat die internationale Staatengemeinschaft die Konvention über die biologische Vielfalt (englisch Convention on biological diversity, CBD) verabschiedet. Anlass war die Dimension des Artenrückgangs weltweit. Die Konvention umfasst drei gleichberechtigte Ziele: Um die ersten beiden Ziele umzusetzen, greift man auf altbewährte Instrumente zurück. Dazu gehört etwa die Einrichtung von Schutzgebieten, um schädliche Einflüsse des Menschen außen vor zu lassen. Aber auch das aus der Forstwirtschaft stammende Nachhaltigkeitsprinzip soll auf die vom Menschen genutzten Flächen angewendet werden: nicht mehr Ressourcen nutzen, als sich natürlicherweise wieder regenerieren.


Das dritte Ziel, einen gerechten Vorteilsausgleich (Access and benefit sharing, ABS) zu schaffen, ist jedoch ein relativ neues Instrument. Es soll vor allem jenen Ländern und Bevölkerungsgruppen als finanzieller Ansporn für den Artenschutz dienen, die zwar reich an biologischer Vielfalt, jedoch wirtschaftlich arm sind. Der gerechte Vorteilsausgleich soll die Menschen, die bestimmte genetische Ressourcen zu bewahren haben, dafür honorieren, dass sie diese Ressourcen und das Wissen über ihre Nutzung zur Verfügung stellen. Zu zahlen ist der Vorteilsausgleich von jenen Wirtschaftsunternehmen, die von der genetischen Ressource profitieren. Denn der Erhalt der biologischen Vielfalt ist nur dann durchzusetzen, wenn die Bevölkerung vor Ort dadurch einen wirtschaftlichen Nutzen hat.

Instrumente und Arbeitsweise der CBD



Wie sie die Ziele umsetzen ist im Wesentlichen den Vertragsstaaten überlassen. Diese entwickeln hierzu eigene nationale Strategien und Aktionspläne (National biodiversity strategies and action plans, NBSAPs). Die Staaten sollen die Erhaltung der Biodiversität überwachen und regelmäßig über die Umsetzung der Ziele berichten. Die biologische Vielfalt soll sowohl an natürlichen Standorten (in situ) als auch in Zoos und botanischen Gärten (ex situ) erhalten werden. Nachhaltige Nutzung und Anreizsysteme sollen gefördert werden, ebenso wie Informationsaustausch und Fortbildung.

Um die Konvention weiterzuentwickeln, treffen sich die mittlerweile 191 Vertragsstaaten (von weltweit 196) und die EU alle zwei Jahre zur so genannten Conference of the Parties (COP), auf deutsch Vertragsstaatenkonferenz. Während der zwei Wochen dauernden Konferenzen wird so lange über die Texte debattiert, bis niemand mehr Änderungsvorschläge hat und sie von allen akzeptiert werden. Da keine Mehrheitsbeschlüsse vorgesehen sind, ist es einzelnen Staaten möglich, dezidierte und klare Regelungen zu verhindern. Eine Besonderheit der CBD sind außerdem die Rechte sowohl der Indigenen als auch der zwischenstaatlichen und Nichtregierungsorganisationen, die an allen Konferenzen teilnehmen und sich äußern dürfen.

147 Unterzeichnerstaaten haben inzwischen auch das so genannte Cartagena-Protokoll unterschrieben, eine ergänzende Vereinbarung zum Schutz der biologischen Vielfalt vor dem internationalen Handel mit gentechnisch veränderten Organismen.

Themen und Programme



Die drei Ziele der Konvention werden durch sieben thematische Arbeitsprogramme und 17 Querschnittsthemen konkretisiert. Die Vertragsstaaten haben Programme zur Erhaltung der Biodiversität in der Landwirtschaft, im Wald, für Trockengebiete, Meere und Küsten, Binnengewässer, Berge und Inseln entwickelt und sich verpflichtet, diese umzusetzen.

Insbesondere der "Strategische Plan zum 2010 Ziel" mit seinen 21 Teilzielen und die "globale Strategie zur Erhaltung der Pflanzen (Global Strategy for Plant Conservation, GSPC(1))" mit 16 Zielen präzisieren die CBD. Hierzu gehören: Einige wichtige Erfolge hat die CBD bereits errungen. Beispielsweise ist es auf der COP 5 im Jahr 2000 gelungen, ein Moratorium für die Terminator-Technologie zu verhängen, durch die den Landwirten die Möglichkeit genommen wird, ihr Saatgut selbst zu vermehren. Die Fläche der Schutzgebiete ist seit Beginn der 1990er-Jahre von 13 auf 16 Mio. Quadratkilometer gestiegen. Zu den Erfolgen der COP 9 (2008) gehört ein Beschluss zur Vorgehensweise, wie auch im Meer ein Schutzgebietssystem aufgebaut werden soll.

Das meiste bleibt noch zu tun



Zu beinahe jedem Problem, das im Zusammenhang mit der Erhaltung der biologischen Vielfalt steht, wurden von der COP bereits Beschlüsse gefasst. Dennoch weisen 13 von 15 Indikatoren zur Entwicklung der Biodiversität einen negativen Trend auf. Die biologische Vielfalt und die Intaktheit der Ökosysteme nehmen weiter ab, während die Bedrohungen weiter zunehmen(2).

Zum einen liegt dies natürlich an der mangelnden Umsetzung, wobei man anerkennen muss, dass mittlerweile ca. 140 Vertragsstaaten über nationale Biodiversitätsstrategien oder Aktionspläne verfügen. Doch bereits aus der mangelnden Entschlossenheit und Deutlichkeit der Arbeitsprogramme und Beschlüsse ist die weitere Abnahme zu verstehen.

So beschränkt sich das Landwirtschaftsprogramm auf Empfehlungen und erst 2008 wurde in Bonn beschlossen, die Stickstoffeinträge zu verringern. Auch das Access and Benefit Sharing ist bisher unverbindlich. Das Waldprogramm klammert weiterhin die Erhaltung der Urwälder, eine Rückverfolgung der Holzherkünfte und den Anbau gentechnisch veränderter Bäume aus. In vielen Schutzgebieten werden Schutzmaßnahmen immer noch schlecht umgesetzt und die Stimmen der lokalen Bevölkerung nicht einbezogen. Die Mittel zur Umsetzung reichen nicht aus; die von der Bundesregierung zugesagten 500 Mio. Euro pro Jahr sind nur ein Sechzigstel des tatsächlichen Bedarfs – andere Länder müssen mitziehen. Noch immer liefern biodiversitätsfeindliche Subventionen die falschen Anreize. Die rechtlichen und ökonomischen Instrumente vermögen es bisher nicht, die Aktivitäten der Wirtschaft in nachhaltige Bahnen zu lenken.

Dennoch ist die CBD das einzige umfassende globale Übereinkommen, um die biologische Vielfalt zu retten. Allein der Informationsaustausch und die geführten Debatten bedeuten schon einen riesigen Schritt vorwärts. Die CBD sollte sowohl finanziell als auch im Bezug zu anderen globalen Prozessen und Organisationen (z.B. G8, WTO, UNFCCC) gestärkt werden, um erfolgreicher zu sein. Dazu ist auch wichtig, Mehrheitsentscheidungen einzuführen.

Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt



Für Deutschland hat die Bundesregierung in Umsetzung der CBD nach drei Anläufen im November 2007 eine 178 Seiten starke nationale Strategie zur biologischen Vielfalt verabschiedet(3). Kern ist eine nach Lebensräumen und Wirkfaktoren gegliederte konkrete Vision, deren Einzelziele bis zu einem bestimmten Zeitpunkt (2010/2015/2020) erreicht werden sollen. In den Kapiteln "Innovation und Beschäftigung" sowie "Armutsbekämpfung und Gerechtigkeit" wird dargestellt, dass der Erhalt der Biodiversität Arbeitsplätze schaffen und erhalten kann. An der Müritz etwa entstanden durch die Ausweisung des Nationalparks 630 Arbeitsplätze.

Leitziel der nationalen Strategie ist es, den EU-Ratsbeschluss von Göteborg 2001 umzusetzen und bis 2010 den Verlust der Arten- und Lebensraumvielfalt zu stoppen. Danach soll eine Trendumkehr eingeleitet werden. Die Arten der roten Listen sollen sich bis 2020 um je einen Gefährdungsgrad erholt haben. Arten, für die Deutschland weltweit eine besondere Verantwortung trägt, stehen dabei im Vordergrund. Dazu sollen: So begrüßenswert und teilweise weitreichend diese Schritte sind, die Vorhaben müssen ausgeweitet werden, da sonst das 2010-Ziel nicht erreicht werden kann. Die Belastung durch Dünger und Pestizide muss weiter gesenkt und eine größere Zahl Agrarumweltmaßnahmen finanziert werden. Darüber hinaus gilt, Biotope auch über bereits bestehende Straßen hinweg zu vernetzen. Dennoch hat diese nationale Strategie weltweit eine Vorreiterrolle und man sollte sie nun vor allem zügig umsetzen – zum Beispiel im Naturschutzteil des Umweltgesetzbuchs. Alle, die die biologische Vielfalt nutzen, sind aufgerufen, dazu beizutragen.


Literatur


(1) Globale Strategie zur Erhaltung der Pflanzen - Übersetzung der englischen Originalfassung von April 2002. - http://www.bgci.org/policy/gspc/

(2) Die Lage der biologischen Vielfalt - 2. Globaler Ausblick. Deutsche Fassung von "Global Biodiversity Outlook 2", S. 14 - http://www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/global_biodiversity_outlook2.pdf

(3) http://www.bmu.de/naturschutz_biologische_vielfalt/downloads/publ/40534.php
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Dipl.-Biol. Friedrich Wulf

Zur Person

Dipl.-Biol. Friedrich Wulf

geb. 1966, arbeitet für den BUND-Bundesverband als Leiter Naturschutzpolitik. Arbeitsschwerpunkte: Umsetzung der FFH- und Vogelschutzrichtlinie in Deutschland, Naturschutzrecht, internationaler Naturschutz (CBD, EU-Recht), nationale Biodiversitätsstrategie.


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