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21.3.2012

Revolutionen gegen Demokratie oder Revolutionen für Demokratie?

In den vergangenen sechs Jahrzehnten kam es zum Sturz von Monarchien und der Gründung unabhängiger Staaten in der arabischen Welt. Dennoch hat es das politische Denken der Araber in dieser Zeit nicht geschafft, eine wirklich demokratische Renaissance zu entwickeln und zu fördern, glaubt Hussein Yaakoub. Warum?

Anti-Regierungs-Proteste in Bahrain am Freitag, 25.11.2011. (© picture-alliance/AP)


Die Revolutionen, die durch Tunesien, Ägypten und Libyen gefegt sind und die wir gegenwärtig noch in Syrien, Bahrain und Jemen beobachten, haben jedermann überrascht: die herrschenden Parteien, die Oppositionsgruppen und Regierungen auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene. Diese Revolutionen waren sogar für die Revolutionäre selbst eine Überraschung, auch wenn sie diejenigen waren, die sie durch die Forderung nach friedlichen Protesten sowie nach politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen mobilisiert haben. Als die Zahl der Protestierenden stieg und das Zusammenspiel zwischen verschieden Teilen der arabischen Bevölkerung zunahm, wurde darüber hinaus der Forderungsrahmen bis zum dem Punkt ausgedehnt, dass bis jetzt drei Führer von der Macht verdrängt wurden und eine sofortige Machtabgabe dieser Führer verlangt wurde - jetzt, und nicht erst morgen.

Der Fall dieser Persönlichkeiten war nicht nur das Ergebnis des Protests eines jungen Tunesiers, der sich nach seiner erniedrigenden Behandlung in einem Verwaltungszentrum lebendig verbrannte, und er war nicht nur das Ergebnis der Kommunikation zwischen jungen Frauen und Männern über Facebook und Twitter. Vielmehr sind sie das Resultat der Tatsache, dass die Völker dieser Länder - jedes innerhalb des Kontexts seiner eigenen Umstände und Bedingungen - ein tief greifendes Gefühl der Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehegt haben, das von ihren Diktatoren über lange Zeiten hinweg ausgelöst wurde. Und sie litten unter größtem Elend, das durch die schlechte Regierungsführung und die ungezügelte Korruption der herrschenden Klassen hervorgerufen wurde.

Diese Volksrevolutionen sind in der arabischen Welt bisher unbekannte Bewegungen für Demokratie - in den Revolutionen, die in den 1950ern und 1960ern über die Region hinweg fegten und nicht nach der politischen Denkweise der Araber, gemäß der das Problem der Demokratie aus verschiedenen Gründen aus dem politisch "revolutionären" Wörterbuch gestrichen wurde. Doch die Frage der Demokratie wurde erneut aufgeworfen. In der Tat hat es das politische Denken der Araber in den vergangenen sechs Jahrzehnten nicht geschafft, eine wirklich demokratische Renaissance zu entwickeln und zu fördern. Daher ist es erforderlich, sich eingehend mit den Ursachen für das Fehlen der Demokratie im politischen Denken der Araber während dieses Zeitraums zu befassen, in dem es zum Sturz von Monarchien kam und unabhängige Staaten in der arabischen Region gegründet wurden.

Ursprung und Zeitgenossenschaft



Trotz der Tiefgründigkeit der arabischen und islamischen Zivilisationen leben die Araber heute in einem Zustand intellektueller Verdrängung und kultureller Unausgewogenheit und Abhängigkeit. Die arabische Lage heutzutage ist das problematische Ergebnis einer Verzahnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart; ein Ergebnis, das durch den Widerspruch von "Ursprung und Zeitgenossenschaft" zusammengefasst werden kann. Dieser Widerspruch rührt unter anderem von der Auffassung her, dass die arabische Vergangenheit besser ist als ihre Gegenwart und dass die arabische Vergangenheit aus religiösen Grundlagen und unter Bedingungen entstanden ist, die in der heutigen Welt schwer nachzubilden sind. Die Araber bleiben hin und her gerissen zwischen verschiedenen Polaritäten: der Vergangenheit und der Gegenwart; der religiösen und der weltlichen; der geistlichen und der säkularen; und den Idealen vom individuellen Nationalismus und panarabischen Nationalismus.[1] Darüber hinaus spiegeln sich diese Polaritäten heute in Spannungen zwischen Stammessystemen, Sektentum und Nationalismus wider.

Öffnet man das Buch arabischer intellektueller Politik, findet man drei Kapitel, von denen jedes in drei kleinere Abschnitte unterteilt ist. Ein Kapitel dieses "Buchs" ist islamisch, oder kann dem Islam zugeschrieben werden: das Kalifat, der Imam, das Prinzip Göttlicher Führung[2], und der Brauch von al-Salaf al-Saleh[3]. Ohne Einigkeit unter den und innerhalb der islamischen Gruppen, Bewegungen und Regierungen erörtert es die Grundlagen, Systeme oder Regelungen für islamische Herrschaft und Führung. Das zweite Kapitel ist an den Westen angelehnt und liefert eine verdrehte Mischung aus liberalem, kapitalistischem, nationalistischem, feudalistischem und demokratischem Denken. Das dritte Kapitel bedient sich schließlich eines sozialistischen Vorbilds: Sozialismus, Kommunismus, Revolution, Anarchie, Nihilismus und Atheismus. In unserem zeitgenössischen politischen Denken drückt jedoch nichts unsere Identität als arabische Völker aus. Es spiegelt eher unsere Unfähigkeit wider Neuerungen einzuführen und etwas Eigenes für uns zu schaffen. Dieser Zustand hat einen Punkt erreicht, an dem wir eine Gesellschaft ohne Identität geworden sind.

Eine Krise der Rechtmäßigkeit entstand in den arabischen Staaten der Ära nach der Unabhängigkeit, da sie nicht das Produkt einer natürlichen Entwicklung ihrer Gesellschaften und Gemeinschaften waren. Sie waren weder Nationalstaaten, weder die Erben eines Kalifaten, weder aus einem Gesellschaftsvertrag entsprungene Staaten, noch wurden sie vom vorherrschenden marxistischen Denken geleitet. Stattdessen wurden sie aus kolonialistischen Betrachtungen und Interessen geschnitzt. Infolgedessen wurde die gesamte arabische Region zu einem Brutplatz für Ideen und Theorien, nach denen Gesellschaften und Gemeinden gestaltet wurden, ohne vorausgehende Erfahrung in Selbstverwaltung oder Selbstbestimmung zu haben. In vielen dieser Staaten entstanden Befreiungsbewegungen gegen den Kolonialismus und gegen die den Kolonialisten gegenüber loyalen heimischen Klassen, die von einem revolutionärem Eifer angetrieben wurden. Dieser Eifer war das Resultat einer Mischung aus nationalistischen, sozialistischen und religiösen Ideen.

Der Aufstieg der Nasser-Periode[4] stand zum Beispiel in Zusammenhang mit der Muslimbruderschaft. Die Verbindungen zur Muslimbruderschaft wurden jedoch dann zugunsten von nationalistischem Denken abgebrochen. Später wurde das nationalistische Denken in sozialistisches Denken umgewandelt bzw. damit verschmolzen. Die Regime und Bewegungen, die in Ländern wie Syrien, Irak, Jemen und dem Sudan aufkamen, waren auch das Ergebnis einer Mischung aus nationalistischen und sozialistischen Ideologien, die Religion auf die eine oder andere Weise für sich nutzten. Die Monarchien von Marokko und Jordanien erlebten den Aufstieg politischer Bewegungen, die durch Nationalismus, Sozialismus und den Islam motiviert waren.

Vertagte Demokratie



Die modernen arabischen Politikbewegungen in den 1950ern und 1960ern wurden von Befreiungsideologien und Vorstellungen von Freiheit und Einigkeit dominiert. Die Vorstellung einer Revolution und der Aufstieg einer Republik fesselte die Gedanken der Massen. Das Ziel die Monarchien in der Region zu stürzen überschattete alle anderen Anliegen, da die arabischen Revolutionäre die Monarchie als größtes Hindernis auf dem Weg zu Befreiung und Fortschritt betrachteten. Sie erkundeten nicht die Möglichkeit, dass Monarchien eigentlich für Fortschritte bei der Entwicklung und den Menschenrechten sorgen konnten - trotz der Tatsache, dass diese Regimes bereits mit ausgeprägten konstitutionellen und parlamentarischen Zuständen vertraut waren und diese erlebt hatten.

Die Revolutionäre setzten folglich Prioritäten und richteten ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Revolution und das republikanische System, in der Annahme, dass die arabische "Nahda" (Wiedergeburt) auf keinem anderen Weg erreicht werden kann. Die Besessenheit mit dem Sturz von Regimes nahm Überhand und übertraf jegliche Bedenken zur Bildung einer Demokratie. Diese Ideologie herrschte viele Jahre lang vor, während die arabischen Völker darauf warteten, dass die neu gegründeten republikanischen und revolutionären Regimes ihre Hoffnungen und Erwartungen wahr machen würden. Die ehemaligen Revolutionäre weigerten sich jedoch Alternativen zu ihren Regimes in Betracht zu ziehen und schenkten anderen Wegen zu Fortschritt und Befreiung keine Beachtung, sondern hielten sich an die durch revolutionäres und sozialistisches Denken vorgeschriebenen Pfade.

Der größte Fehler im arabischen politischen Denken war, dass es Freiheit, Fortschritt und Entwicklung in Konflikt und in Widerstreit mit Demokratie setzte - mit anderen Worten hieß es entweder Revolution oder Demokratie. Im günstigsten Fall war Demokratie etwas, das zurückgestellt wurde bis die Regimes gestürzt und sozio-politische Emanzipation und wirtschaftliche Entwicklung erreicht worden waren. Tatsächlich löste die Mehrheit der revolutionären arabischen Regimes nach den Revolutionen umgehend bestehende politische Parteien auf und verhinderte Pluralismus, so dass ihre Revolutionsführer zu neuen Herrschern wurden. Währenddessen wurden die Menschen auf Gnade dieser neuen Herrscher in neue Untertanen gewandelt und Revolution und Demokratie wurden zu zwei feindlichen Polen, anstatt, dass die eine der anderen den Weg bereitet.

Einige arabische Denker waren sich der Gefahren von Revolutionen bewusst, die nichts weiter als den Namen "Revolution" besaßen. Sie warnten vor neuen totalitären Ideologien, die sich in glänzende, attraktive Ideologien kleideten. Da sie jedoch aus unterschiedlichen Denkschulen stammten, hatten sie keinen Erfolg bei der Kristallisation ihrer Ideen zu einem einheitlichen intellektuellen Projekt mit Einfluss.

Ein anhaltender Zustand der Revolution



Die vorhergehende Erörterung stellt keinen Versuch dar, die Revolution und die Revolutionäre herabzustufen. Auch möchte sie nicht die Bürde einer ganzen Periode dem revolutionärem arabischen Denken auferlegen. Zweifellos haben einige Regimes positive Schritte unternommen, die einen Fortschritt darstellten. Das Problem bestand darin, dass die politischen Akteure dieser Zeit "Revolution" als einen anhaltenden, kontinuierlichen Zustand behandelt haben. Sie unterschieden nicht zwischen der Revolution als Mittel zum Sturz autoritärer und korrupter Regimes und der transformativen Phase, die auf eine Revolution folgen muss und die Ideen, Methoden und Verfahren erfordert, die nicht zwingend die gleichen sind, die auch für die Durchführung einer Revolution notwendig sind. Eine Revolution ist ein außergewöhnlicher Zustand, der den Status Quo ändern soll, mit dem die Menschen nicht länger zufrieden sind. Revolutionen machen sich die Unzufriedenheit des Volks zunutze, um die zu stürzen, die als Quelle des Leidens betrachtet werden. Aber Menschen können in einem Zustand andauernder Revolution weder leben noch Fortschritte machen.

Eine Revolution muss daher zwei Phasen durchlaufen: Zerstörung und Aufbau. Die Periode der Zerstörung in einer Revolution ist der einfache Teil. Unsere früheren arabischen Revolutionen waren in dieser Hinsicht erfolgreich, da sie auf einen Militärputsch, die Ermordung eines Königs oder Anführers beschränkt waren - nach denen die Revolution zu einem Erfolg erklärt wurde. Was wir als Revolutionen bezeichnen, waren in Wirklichkeit tatsächlich vorwiegend Staatsstreiche oder Militärverschwörungen und keine Revolutionen, denn manchmal waren sich die Menschen nicht einmal bewusst, dass eine Revolution stattgefunden hatte und merkten es erst, nachdem das alte Regime gestürzt und umgehend durch ein neues ersetzt worden war.

Die früheren arabischen Revolutionen waren in ihrer ersten Phase erfolgreich, beim Prozess der Zerstörung. Oft reichte schon die Besetzung von staatlichem Fernsehen und Radio, oder eine Kugel im Kopf eines korrupten Anführers - dem rechtsstehenden, reaktionären Agenten des Kolonialismus und der Quelle des Untergangs der Nation... usw. Dann folgte eine leidenschaftliche Rede, oder das, was der Revolutionsführer gerne als "erste Erklärung" an die Massen bezeichnet, in der die Revolution als Erfolg deklariert wird.

Aber was geschieht danach? Viele der arabischen Revolutionsbewegungen servierten lediglich die alten Regimes ab. Dann thronten sie auf deren Ruinen, sangen die Parolen der Revolution - und glaubten, dass diese Parolen den Hunger der Leute stillen und sie aus ihrer Not befreien würden. Was war mit der Wirtschaft, den Schulden, mit Bildung und Technologie? Zerstörung ist ein einfacher Prozess. Er kann von einem verschleierten Offizier in der Armee ausgeführt werden. Es ist jedoch der Aufbauprozess, der entscheidend ist, denn dieser erfordert viele Männer und Frauen, eine andere Mentalität und unterschiedliche Methodiken.

Jahrzehnte lang wurden wir gezwungen mit wahnhaften und anmaßenden Diktatoren zu leben, die behaupteten, dass nur sie Anspruch auf ihre Stellung haben, bloß weil sie ihr Volk in einer "Revolution" angeführt haben - so wie der ermordete Muammar Gaddafi, der sein Volk allein aus dem Grund abschlachtete, weil es mit seinen Protesten auf die Straße ging. Er weigerte sich zurückzutreten, weil er seiner Ansicht nach formal gesehen nicht der Präsident eines Staates war, sondern der Anführer einer "ewigen Revolution". Diejenigen, die Anspruch auf die Tugend erhoben haben Anführer einer "Revolution" gewesen zu sein, haben sich als die demagogischsten Herrscher erwiesen.

Hindernisse auf dem Weg zur Demokratie im arabischen politischen Denken



Die oben diskutierte Abwesenheit der Demokratie im arabischen politischen Denken kann auf Folgendes zurückgeführt werden:

1) Das Fehlen eines arabischen Modells für eine demokratische Staatsführung, das als Quelle der Inspiration bezeichnet und genutzt werden kann, trotz einiger Versuche eine Gemeinsamkeit zwischen der Auffassung der islamischen Schura[5] und der Demokratie zu schaffen. Des Weiteren ist das von der arabisch-islamischen Erbschaft übernommene Bild einer idealen Regierung das eines "gütigen Diktators" (wörtlich: "der gerechte Tyrann"), trotz der Tatsache, dass bestimmte arabische Länder vor der Unabhängigkeit konstitutionelle und parlamentarische Zustände erlebt haben.

2) Das Fehlen aufgeklärter demokratischer Denker in Positionen, in denen sie Einfluss auf Entscheidungsträger ausüben können, die in der Lage sind eine Vision zu entwickeln, die demokratische Vorstellungen mit den einzigartigen sozio-kulturellem Eigenarten und Bedürfnissen der arabisch-islamischen Gesellschaften verbindet. Nicht einmal die Ideen der arabischen Nahda (Renaissance), der Denker zur Wende des 20. Jahrhunderts, wie z.B. Mohammed Abdo, Abd al-Rahman Kawakibi, Boulos Salameh, Taha Hussein und anderen, wurden ernsthaft umgesetzt, aufgebaut oder weiterentwickelt. Diese Ideen waren so fruchtbar und reichhaltig, dass sie zu dieser Zeit den Kern eines kulturellen arabischen demokratischen Projekts hätten bilden können. Stattdessen trafen sie auf Widerstand eines Spektrums politischer Strömungen wie den Nationalisten, Säkularisten, religiösen Bewegungen und den Revolutionären.

3) Die Abwesenheit einer demokratischen, intellektuellen Elite, die als Katalysator auftreten und die Richtung zu einer demokratischen Wandlung in der Gesellschaft vorgeben konnte. Einige Angehörige der arabischen intellektuellen Elite bewegen sich in den Kreisen der Obrigkeit, während andere ihre Bahnen mit denen ziehen, die die Gunst der Herrschenden verloren oder sich von ihnen distanziert haben.

4) Das Fehlen einer demokratischen Kultur. Demokratie ist nicht nur eine Angelegenheit von Institutionen, sondern sie ist auch eine Kultur. In der arabischen Welt wurden die demokratischen Institutionen vor dem demokratischen Denken gegründet. Hier finden wir den Gegensatz zwischen der vorherrschenden Massenkultur - die religiös-fundamentalistisch, militant revolutionär oder autokratisch und diktatorisch sein kann - auf der einen Seite und einer demokratischen Kultur auf der anderen Seite.

5) Internationale Polaritäten sind politisch und ideologisch auf solch eine Art und Weise entstanden, dass viele arabische Akteure dazu übergegangen sind, Demokratie als Eigentum des westlichen Imperialismus zu betrachten. Daher ist sie in ihren Augen Teil der westlichen imperialen Kultur und sie nehmen deren Grundsätze und Regelungen und die Forderungen nach ihrer Anwendung als Teil der Invasion der westlichen Kultur wahr.

6) Es herrschte die weit verbreitete Ansicht, dass Demokratie durchweg eine Erfindung der bürgerlichen Elite war - und immer noch ist -, die von einer reichen Minderheit stammt und von der Minderheit Intellektueller mit einer westlichen Bildung. Angesichts der unangenehmen Beziehung zwischen den arabischen Volksmassen und der arabischen Obrigkeit waren die Massen daher zurückhaltend und haben von Anfang an vorsichtig auf den Gedanken einer Demokratie und die Befürworter der Demokratie reagiert.

7) Alles wurde mit der palästinensischen Sache und dem Zionismus in Verbindung gebracht, so dass autoritäre und korrupte Regimes in der Lage waren zu behaupten, dass nicht Armut, Analphabetismus, Menschenrechtsverletzungen und der Mangel an politischer Mitwirkung die unmittelbaren Probleme sind, sondern eher die zionistische Bedrohung. Dementsprechend hat dieser Vorwand alle Anstrengungen erfordert, um geeint zu sein und sich auf die "Einheit" sowie die Befreiung Palästinas zu konzentrieren. Im Namen Palästinas wurden in der Tat Rechte und Freiheiten an sich gerissen, Gefängnisse haben sich stark vermehrt, Männer und Frauen wurden verfolgt, die Massen wurden unwissender gemacht und die Armen wurden ärmer und die Reichen wurden reicher - das Resultat sieht so aus, dass weder Palästina befreit noch Demokratie erreicht wurde.

8) Die Identitätsfrage hat sich zu einer Konfliktangelegenheit entwickelt, vor allem, wenn es um nationalistische, pan-nationalistische, religiöse und universalistische Identitäten geht. Darüber hinaus wurden in modernen arabischen Staaten keine Anstrengungen unternommen, um diese Identitäten durch die Ermittlung von Prioritäten unter einen Hut zu bringen, damit von einem Identitätskreis zum nächsten ein Übergang ohne die Entstehung von Spannungen und Konflikten geschaffen werden kann.

9) Revolutionäre und pan-nationalistische arabische Regimes haben eigentlich das genaue Gegenteil ihrer Ideologie und Rhetorik erzeugt. Wenn diese Regimes von einer arabischen Einheit und der arabischen Nation sprachen, bestanden die Logik und die Gegebenheiten dieser Regimes nicht nur darin, einen erbitterten, staatszentrierten Nationalismus durchzusetzen, sondern auch Stammesdenken und sogar Sektentum. Die Konzepte der Nation und des Nationalismus wurden in eine Barriere umgewandelt, die jegliche unionistischen oder pan-nationalistischen Ausrichtungen eingrenzte.

10) Als Reaktion auf die eingebildete Bedrohung, die von den revolutionären Regimes vorgegeben wurde, haben sich traditionelle Regimes in sich selbst zurückgezogen und eine für sie einzigartige Identität geschaffen, die Religion, Tradition und historische Vermächtnisse nutzt und ausnutzt. Die arabischen Regimes daher in solche gespalten, die eine revolutionäre Legitimität verkünden (zum Beispiel Syrien) und solche, die auf eine religiöse Legitimität hindeuten (wie Saudi-Arabien). Unterdessen fehlen ihnen in Wirklichkeit all diese vermeintlichen Rechtmäßigkeiten, solange ihre Völker nicht frei sind in ihrer Entscheidung, wer sie regieren soll.

Fazit



Trotz der langen Jahre, die auf die Unabhängigkeit folgten, hatte das arabische politische Denken keinen Erfolg bei der Entwicklung einer Schule demokratischen Denkens, die als "arabisch" bezeichnet werden kann und spezifische und definierte Züge hat. Später trat die Globalisierung auf die Bühne, um neben den Herausforderungen der Demokratisierung und Weiterentwicklung, die die arabischen Staaten noch nicht erfolgreich angehen konnten, noch eine weitere Herausforderung aufzuwerfen.

Im Kontext der gegenwärtigen Revolutionen, bei denen die arabischen Massen ihre Forderungen nach Demokratie und Freiheit zum Ausdruck gebracht haben, entstehen zahlreiche Fragen bezüglich der Zukunft des arabischen politischen Denkens, darunter die, ob es in der Lage sein wird erfolgreich ein demokratisches Projekt zu entwickeln, das die Vorherrschaft, Tyrannei und leeren Behauptungen und Forderungen vermeidet, die jahrzehntelang mit arabischen Regimes einhergingen. Das ist besonders wichtig, weil diese Revolutionen nicht durch Staatsstreiche oder das Militär zustande gekommen sind, sondern von unterdrückten arabischen Bevölkerungen in Gang gebracht wurden, die ihre Barriere aus Angst und Schweigen durchbrechen und sagen konnten: "Wir wollen nur Demokratie!"

Aber wird dieses Erlebnis Erfolg haben? Wir stehen vor einer Übergangsphase in der wir - wenn die revoltierenden Massen Erfolg bei der Verbesserung der Regierungssysteme haben - Zeugen einer Renaissance werden könnten, einer Wiedergeburt und Erneuerung des arabischen politischen Denkens gestützt auf demokratische Grundsätze.

Der Text ist eine überarbeitete Version der englischen Originalausgabe, erschienen in Perspectives Middle East, Nr. 2, Mai 2011: "People's Power - The Arab World in Revolt" der Heinrich Böll Stiftung.

Fußnoten

1.
"Regionaler Nationalismus" oder "individueller Nationalismus" ("qutriyeh") stehen für die Richtung politischen Denkens, die als Teil des panarabischen Nationalismus entstand, aber ihre Vision arabischer Einheit auf das Konzept von "qutur" oder "qutriyeh" gründet. Laut Lisan Al-Arab, einer der angesehensten Quellen der arabischen Sprache, ist "qutur" eine "Seite" oder ein "Gebiet". Die Verfechter dieser politischen Denkrichtung bestätigten, dass die Regionen der arabischen Welt sich in ihren Eigenschaften unterscheiden und propagierten daher eine Regierungsform, die die arabische Welt in verschiedene "aqtar" (Mehrzahl von "qutur") spalten würde, während unter diesen "aqtar" eine allgemeine politische arabische Einheit beibehalten werden sollte. Genauer gesagt förderte diese Strömung panarabischen Nationalismus das Bestreben nach einem Großsyrien und wurde überwiegend von den syrischen und irakischen Baath-Regierungen vertreten. Im Gegensatz dazu fordert der traditionelle panarabische Nationalismus (qawmiyeh) eine vereinte arabische Nation, deren Territorium sich vom Atlantik bis hin zum Arabischen/Persischen Golf erstreckt.
2.
"Göttliche Führung und Souveränität" ist das im Islam als "al-Hakimiya” bezeichnete Prinzip oder der Rechtsgrundsatz, den Gott den Menschen vorgetragen hat, d.h. die islamische Scharia oder das Gesetz. Dieses Prinzip wird von bestimmten grundlegenden islamischen politischen Denkschulen genutzt, um zeitgemäße Regimes, Verfassungen und (Zivil-)gesetze als blasphemisch zu verleugnen.
3.
Al-Salaf al-Saleh: Die gerechten (oder frommen) Vorgänger bezieht sich auf die ersten drei Generationen der Muslime. Diese drei Generationen haben ihren Anfang bei den Gefährten (Sahaba) des Propheten Mohammed, ihren umittelbaren Nachfolgern (Tabi’in) und dann den Nachfolgern der Tabi’in. Diese wurden wie folgt vom Propheten Mohammed gepriesen: "Die besten Menschen sind meine Generation, dann diejenigen, die nach ihnen kommen und dann diejenigen, die nach ihnen kommen" [Bukhari und al-Muslim].
4.
Gamal Abdel Nasser war von 1956 bis zu seinem Tod 1970 der zweite Präsident Ägyptens. Zusammen mit Muhammad Nagib, dem ersten Präsidenten, führte er die ägyptische Revolution 1952 an, die die Monarchie von Ägypten und Sudan stürzte und ein neues Zeitalter der Modernisierung und des Sozialismus in Ägypten einläutete, zusammen mit einem Vorrücken des panarabischen Nationalismus, zu dem auch ein kurzlebiges Bündnis mit Syrien gehörte.
5.
Das Wort shura stellt den Titel des 42. Kapitels des Korans dar, in dem Gläubige dazu ermahnt werden ihre Angelegenheiten "im gemeinsamen Gespräch" zu regeln. In vielen muslimischen Staaten bezeichnet shura verschiedenartig einen Staatsrat, oder Berater des Herrschers, oder ein Parlament (in modernen Zeiten) und - in bestimmten arabischen Staaten - ein Gericht mit Zuständigkeit für Klagen von Bürgern und Beamten gegen die Regierung.

Hussein Yaakoub

Hussein Yaakoub

ist ein libanesischer Autor und Forscher. Er schreibt regelmäßig für lokale und arabische Zeitungen und Magazine, einschließlich Al-Nahar, Al-Hayat, und der Webseite Al-Awan, und betreibt Forschungen für Menschenrechtsorganisationen. Zu seinen Veröffentlichungen gehören "On Modernity, Urbanity & Urban Dwellers" in einem Sammelband (2009) und das Buch "The Illusion of Civil Peace: The Distorted Border between Past and Present" (2012


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