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7.8.2008

Die Olympischen Sommerspiele in Peking

Die XXIX. Olympischen Spiele sind ein Sportfest ohnegleichen. Das Internationale Olympische Komitee will sich mit diesem Medienereignis als menschlich, weltoffen und demokratisch präsentieren. Inwieweit diese Postulate mit der Realität übereinstimmen, ist die Kernfrage dieser Sommerspiele. Und das ist keine sportliche, sondern eine hochpolitische Frage.

Geht es nach dem Willen des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao, soll der Sport in Peking die Orientierung behalten, so forderte er auf einer Pressekonferenz: "Don't mix politics with Games". (© AP)


"Don't mix politics with Games", hat Hu Jintao, Chinas KP-Chef, Staatspräsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, vor wenigen Tagen zu ausgewählten ausländischen Journalisten gesagt. War das fair? War das sportlich? Ist es nicht gerade die chinesische Führung, die ständig Politik mit Sport vermischt? Die Spiele der XXIX. Olympiade, so heißen sie offiziell in der Zeitrechnung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sind zweifellos Propagandaspiele. Ein Regime will sich mit diesem Sportfest, dem größten Medienereignis des Planeten, als weltoffen, friedlich, fortschrittlich, demokratisch und menschlich präsentieren. Inwieweit diese Postulate, die auch das IOC in seinem Grundgesetz – in der Olympischen Charta – übermittelt, mit der Realität übereinstimmen, ist die Kernfrage dieser Sommerspiele. Und das ist keine sportliche, sondern eine hochpolitische Frage.

Im Prinzip werden in diesen Tagen dieselben Argumente verhandelt wie während der chinesischen Olympiabewerbungen 1993 (im Wettbewerb um die Sommerspiele 2000 unterlag man knapp gegen Sydney) und der siegreichen Bewerbung im Sommer 2001, als Peking die Sommerspiele zugesprochen wurden. "Die Spiele werden China verändern", lautet die gebetsmühlenartig vorgetragene These des IOC und seiner Verbündeten. Restriktionen für Journalisten, wie ein zensierter Internetzugang oder eingeschränkte Bewegungsfreiheit im Land (Tibet ist tabu), selbst in Peking – etwa auf dem Platz des Himmlischen Friedens – sollen dabei helfen, jenes Bild zu schönen, das die Welt von China und den Spielen erhält.

Rogge setzt auf die Magie der Spiele



Indes ist das Olympia-Interesse außerhalb Chinas schon rapide gesunken, wie Meinungsumfragen ergeben. Zumal in diesem Jahr, das von scharfen Diskussionen um den olympischen Fackellauf, über Menschenrechte und Pressefreiheit geprägt war. Der Sport hat darüber hinaus fundamentale Probleme mit Doping und Korruption. So handelt es sich bei den Sommerspielen 2008 um ein Joint Venture der besonderen Art: Eine Gemeinschaftsproduktion des IOC, seinen Sponsoren aus Fernsehwirtschaft und Industrie, und den chinesischen KP-Führern. IOC-Präsident Jacques Rogge setzt auf die Macht der Bilder, auf perfekt inszenierte TV-Übertragungen all der großen und kleinen Dramen, und die emotionale Wirkung des Sports. Nach der Eröffnung, am Abend des 8. August um 8 Uhr und 8 Minuten (8 ist die chinesische Glückszahl), werde "die Magie der Spiele" alles andere verblassen lassen. Das hofft zumindest Rogge.

Daran, dass die Chinesen für etwa 30 bis 40 Milliarden Dollar fantastische Bauten und eine erstklassige Infrastruktur aus dem Boden stampfen würden, hatten nie wirklich Zweifel bestanden. Das Olympiastadion für 91.000 Zuschauer, wegen seiner ausgefallenen Hülle "Vogelnest" genannt, oder gleich nebenan die Schwimmhalle, der "Wasserwürfel", sind schon jetzt Wahrzeichen des neuen Chinas. "Exzellente Bedingungen", konstatierte der IOC-Chef. Das Olympische Dorf in Peking, in dem etwa 10.000 Athletinnen und Athleten untergebracht sind (die Reiterspiele finden in Hongkong statt), sei "das beste aller Zeiten", lobte der Belgische Graf.

Am 13. Juli 2001 entschied sich das IOC in Moskau für Peking. Drei Tage später entschied es sich für Jacques Rogge. Er wurde der achte Präsident in der Geschichte des Olympiakonzerns. Und eine der schweren Erblasten, die ihm sein Vorgänger Juan Antonio Samaranch mit auf den Weg gab, waren die Spiele in Peking. Rogge hat die Entscheidung damals in Moskau als "letzte Grenze" beschrieben, "die das IOC überschreiten konnte".

Das Logo der Olympischen Spiele 2008 in Peking. (© AP)

Gigantisches Marketing



Der mächtige Sportverband wollte Olympia für 1,3 Milliarden Chinesen öffnen. Die IOC-Partner, Sponsoren und Fernsehstationen, die im aktuellen vierjährigen Geschäftszeitraum (2005-2008) mehr als 4,5 Milliarden Dollar zahlen, waren ebenfalls an Peking interessiert. Heute braucht das IOC diesen neuen Markt dringender denn je. Weniger deshalb, weil China die Geschäfte besonders angekurbelt hätte. Nein, die Marketingverträge spielten eine untergeordnete Rolle, denn sie wurden allesamt schon lange vor der Entscheidung pro Peking abgeschlossen.

In anderen Teilen der Erde – besonders in Europa und Nordamerika – sinkt das Interesse an den Olympischen Spielen rapide. Die Einschaltquoten in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen brechen teilweise eklatant ein. Vielen jungen Menschen sind nur noch wenige der insgesamt 35 olympischen Sportarten (28 im Sommer, 7 im Winter) bekannt. Die olympische Kundschaft vergreist. Die Jugend wendet sich anderen Vergnügungen zu oder betreibt Sportarten, die nicht im olympischen Programm stehen. So sind die Spiele in China für das IOC ein Marketinginstrument für künftige Geschäfte und in einem stringenten Zusammenhang mit den Olympischen Jugendspielen zu sehen, die im Sommer 2010 erstmals ausgetragen werden: in Singapur, ebenfalls in Asien. Die Jugendspiele sind Rogges Idee, damit will er neues Interesse für die echten Olympischen Spiele wecken und Ideen, auch Sportarten und Disziplinen ausprobieren.

Das Verhältnis der Volksrepublik China zum IOC und den Spielen ist dominiert vom politischen Element. Unter Mao Zedong hatte sich die Volksrepublik Ende der Fünfzigerjahre in eine selbstgewählte politische Isolation begeben. Ab 1956 fehlten chinesische Sportler bei Olympischen Spielen. Auch das damalige IOC-Mitglied Shou gab sein Amt auf. Athleten aus Taiwan aber, der abtrünnigen Inselrepublik, waren meistens zugegen. Es war ein langer Marsch der Chinesen, sich mit der olympischen Bewegung zu versöhnen.

Die Taiwan-Frage gehörte jahrzehntelang zu den dominierenden politischen Themen rund um die Spiele, sorgte immer wieder für fundamentale Probleme und brachte den ehemaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage (USA) schier zur Verzweiflung. Brundage konnte es niemandem Recht machen. In der Heimat wurde er als Kommunistenfreund beschimpft, im Ostblock hieß es, er sei ein Sympathisant der Nazis gewesen, und die Chinesen nannten ihn: "Spielball im Dienste des amerikanischen Imperialismus." Brundage klagte einst: "Bin ich denn nun Kommunist, Nazi oder Imperialist? Nichts von alledem bin ich, ich ignoriere jegliche Politik."

Samaranch und Chinas Rückkehr zu Olympia



Die Volksrepublik beendete ihre olympische Isolation im Februar 1980, als ein kleines Team zu den Olympischen Winterspielen nach Lake Placid (US-Bundesstaat New York) entsandt wurde. Kurz darauf beteiligte sich China allerdings am Boykott der Sommerspiele in Moskau. Für den Spanier Juan Antonio Samaranch, der im Juli 1980 in Moskau zum siebenten IOC-Präsidenten gewählt wurde, war es sehr wichtig, China seiner Bewegung einzuverleiben. Im März 1981 erhielt Samaranch eine Audienz bei Staats- und Parteichef Deng Xiaoping. Er sprach schon damals von Olympischen Spielen in China. Und er schaffte es, China dazu zu bringen, nicht auch die Sommerspiele 1984 in Los Angeles zu boykottieren. Weil die Chinesen nach Los Angeles flogen, retteten sie die Spiele. In ihrem Schlepptau wagten Rumänien und Jugoslawien, sich der Moskauer Doktrin zu widersetzen – die Sowjetunion hatte aus Rache für 1980 einen Boykott ausgerufen, dem sich widerwillig auch die DDR anschloss. Für China aber wurde es ein Aufsehen erregender olympischer Neubeginn mit 15 Goldmedaillen.

Obgleich die Chinesen im folgenden Jahrzehnt mit skandalösen Dopingpraktiken für zahlreiche Skandale sorgten, wurden sie von Samaranch stets geschützt. Der Spanier, ehemals Sport-Staatssekretär unter dem Caudillo Francisco Franco, hatte ein Faible für Diktaturen. Er zog seinen Plan unbeirrt durch. China sollte die Spiele bekommen, koste es, was es wolle. Proteste von Menschenrechtsorganisationen und Politikern bügelte er ab. Wäre es nach Samaranch gegangen, hätte China bereits die Sommerspiele 2000 ausgerichtet. Doch bei der Abstimmung am 23. September 1993 in Monte Carlo unterlag Peking knapp mit 43:45 IOC-Stimmen gegen Sydney.

Später kam heraus, dass die Australier in der Nacht vor der Wahl mit zwei afrikanischen IOC-Mitgliedern aus Uganda und Kenia Verträge abgeschlossen hatten: Beiden wurde Geld gezahlt, getarnt als Entwicklungshilfe. Im Sinne der Definition von "Transparency International", wonach Korruption der Missbrauch einer anvertrauten Stellung zu privatem Vorteil ist, handelte es sich um Bestechung. Der Kenianer Charles Mukora, einer der beiden, die im letzten Moment zu Sydney umschwenkten, musste wegen zahlreicher anderer Delikte inzwischen das IOC verlassen.

Auf seiner Abschieds-Session als IOC-Präsident hatte Samaranch im Juli 2001 dann Erfolg. Peking gewann im ersten Wahlgang. Für Samaranch, der mit seinen 88 Jahren immer noch äußerst aktiv ist, zählt die olympische Bewegung zu den Weltreligionen. Sie sei "wichtiger als die katholische Kirche", hat er einmal gesagt.

Die Geschäftsbedingungen der Olympischen Charta



Die Boykott-Diskussionen dieses Frühjahres haben die Geschäftspartner enger zusammengeschweißt. Chinas KP und das IOC werden von den Spielen profitieren. "Der Kontostand stimmt dann ganz besonders gut, wenn man seine Geschäftsidee verbinden kann mit einem Konglomerat von scheinbar großen Botschaften, scheinbar großen Ideen wie Frieden, Vereinigung der Welt, Verständigung, Jugend und ähnliche Dinge", sagt der Berliner Philosoph Gunter Gebauer. "Ohne einen solchen Anschein, große Ideen vertreten zu wollen, wäre das IOC nichts anderes als irgendein kleiner Geschäftemacherverein."

Im nächsten Olympiazyklus, der die Festivitäten in Vancouver (Winter 2010) und London (Sommer 2012) beinhaltet, will das IOC erstmals mehr als fünf Milliarden Dollar generieren. Für Sotschi (2014) und die Sommerspiele 2016, die erst im kommenden Jahr vergeben werden, sind bereits einige Sponsoren unter Vertrag, mit Coca-Cola ist man sich sogar bis 2020 einig. Um die europäischen Fernsehrechte wird auch schon gefeilscht, die amerikanischen TV-Rechte, die traditionell etwa ein Drittel der IOC-Einnahmen ausmachen, werden im Herbst ausgeschrieben. Der Kontostand ist den Olympiern immer sehr wichtig. Daraus erwächst eine gewisse Unabhängigkeit.

IOC-Präsident Rogge hat in Bezug auf China und die Spiele schon viele Versprechen gebrochen. Unter anderem das der Pressefreiheit, etwa des unzensierten Zugangs zum Internet für die olympischen Berichterstatter. In der Diskussion um Menschenrechte und die Spiele in Peking wurde die Olympische Charta oft fehlinterpretiert. Diese Charta ist kein Manifest des Humanismus, keine Menschenrechtsresolution der Vereinten Nationen. Die Vokabel "Menschenrechte" taucht auf 105 Seiten nur ein einziges Mal auf: "Die Sportausübung ist ein Menschenrecht", heißt es da. Das IOC lehnt es ab, als eine Art Weltregierung des Sports zu fungieren, was es problemlos könnte. Es will aber lediglich alle zwei Jahre – im Wechsel von Winter- und Sommerspielen – für jeweils 16 Tage die Regie übernehmen. Mehr nicht.

In der Charta werden die Geschäftsbedingungen des Olympia-Konzerns festgeschrieben. Präzise betrachtet ist das IOC ein Franchise-Unternehmen. Es erlaubt den Franchisenehmern, lokalen Organisationskomitees, die Nutzung seines Geschäftskonzepts. Im Grunde läuft das nicht anders als bei Fastfood-Ketten, wo nach genau festgelegter Rezeptur produziert werden muss. Der Franchisegeber, das IOC, bleibt stets Rechteinhaber und bestimmt den Lauf der Dinge. Die Rechte der Franchisenehmer sind begrenzt. Sie tragen das volle Risiko des olympischen Abenteuers. Was immer passiert in den kommenden zwei Wochen: Das IOC ist finanziell nicht in Regress zu nehmen. Die Finanzen dominieren in dieser Branche noch immer moralische Bedenken.
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Jens Weinreich

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Jens Weinreich

Jens Weinreich (43) ist Experte für internationale Sportpolitik. Er ist Buch- und Filmautor. 2005 gewann er den Wächterpreis für seine Enthüllungen über finanzielle Unregelmäßigkeiten der Leipziger Olympiabewerbung. Er arbeitet als freier Journalist für alle Mediengattungen. Unter www.jensweinreich.de betreibt er einen sportpolitischen Blog und führt dort u.a. ein Tagebuch seiner Berichterstattung von den Olympischen Spielen aus Peking.


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