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13.9.2010

Mehrsprachigkeit - Chance und Notwendigkeit für Europa. Vier Thesen zur Diskussion

Standpunkt Krista Segermann

Krista Segermann sieht das Bewusstsein der europäischen Vielfalt als Bereicherung und Friedenschance für Europa. Für ein besseres kulturelles Verständnis fordert Sie Mehrsprachigkeit und skizziert einen Maßnahmenkatalog für den Sprachunterricht.

Prof. Dr. Krista Segermann (© Krista Segermann)

1. Das Bewusstsein einer politischen und kulturellen Einheit in der Vielfalt stellt die friedenssichernde Überlebenschance für Europa dar.



Trotz seiner kulturellen und sprachlichen Vielfalt stellt sich Europa den Touristen von anderen Kontinenten überwiegend als einheitlicher Kulturraum dar, der in einer Zwei-Wochen-Europatour zu 'bewältigen' ist. In der Innensicht der einzelnen europäischen Länder überwiegt demgegenüber das Fremde, Andersartige: Unterschiede in der Lebensart, in Wertvorstellungen und wirtschaftlichen Verhältnissen erzeugen Ressentiments, Angst (etwa vor finanzieller Ausbeutung) oder Bedrohung (z.B. durch die Bevormundung durch den wirtschaftlich Stärkeren). Unsere globalisierte Welt erlaubt jedoch keine mentale 'Kleinstaaterei' mehr. Europa muss nicht nur eine gemeinsame politische, sondern auch eine gemeinsame kulturelle Identität entwickeln oder zutreffender formuliert: wieder entdecken, denn vor der Herausbildung der europäischen Nationalstaaten gab es - unbeschadet aller kriegerischen Auseinandersetzungen - durchaus das Bewusstsein einer gemeinsamen europäischen bzw. abendländischen Kultur mit herausragenden Europäern in Wissenschaft, Kunst und Technik. Die 'Renaissance' dieses Bewusstseins darf allerdings nicht zulasten einer Abschottung gegenüber den Nicht-Europäern gehen. Ein gesundes Selbstbewusstsein braucht keine 'Festung'. Es basiert auf der Wertschätzung des eigenen kulturellen Erbes und wird gerade dadurch offen für alles Fremde, hier alles Außereuropäische, dessen Kennenlernen als Bereicherung empfunden wird.

2. Sprachenvielfalt kann sich positiv auf das interkulturelle Verstehen und die Verständigungsbereitschaft auswirken.



Die wichtigste Grundlage der Verständigung ist eine gemeinsame Sprache. Dieses Privileg haben das britische Empire und die Vereinigten Staaten von Amerika den Europäern voraus. Doch diesen 'Nachteil' gilt es in Vorteil zu verwandeln. Das Vorhandensein unterschiedlicher Sprachen birgt die Chance, sich seiner eigenen, maßgeblich von der Sprache geprägten Sozialisierung allererst bewusst zu werden, und zwar durch den Vergleich mit anderen, sprachlich vermittelten Wahrnehmungs- und Beurteilungsmustern, anderen Erfahrungen und Verhaltensnormen, und so die vermeintlich absolute Gültigkeit der eigenen Wertungen zu relativieren. Dadurch wächst die Bereitschaft, sich in seiner eigenen kulturellen Gebundenheit und damit Begrenztheit anzuerkennen und die Begegnung mit dem 'Fremden' als Chance zur Horizonterweiterung wahrzunehmen.

Die Beherrschung einer gemeinsamen lingua franca (wie z.B. des Englischen) kann diese sprachlichkulturelle Verstehensfunktion gerade deshalb nicht erfüllen, weil ihr die Kulturspezifik fehlt. Auch der Kommunikation mittels Übersetzung bzw. Dolmetschen mangelt es an der Verwobenheit von sprachlichem Ausdruck und kulturell bedingten Mentalitätsstrukturen. Sie ist nur ein schwaches Abbild, nicht die lebendige Wirklichkeit, und sie birgt die Gefahr in sich, das Fremde eher zu verschleiern (mit dem Schleier des Eigenen) als es offenbar zu machen. Angelesenes landeskundliches Faktenwissen bleibt ebenfalls tot, solange es nicht mit persönlicher Erfahrung durchtränkt wird. Diese Erfahrung aber lässt sich nur gewinnen, wenn man der Sprache des 'Anderen' mächtig ist - nicht unbedingt perfekt, aber doch so, dass sie in ihrer 'Unmittelbarkeit' wirken und ihr entgrenzendes Potential entfalten kann. Denn dann kann der 'Andere' auch als erlebtes Individuum und nicht nur als Repräsentant oder gar Prototyp der fremden Kultur in den Blick kommen, und man begegnet ihm mit kritischer Offenheit statt festen (Vor-)Urteilen.

3. Die Umsetzung der europäischen Mehrsprachigkeit setzt ein Umdenken im Fremdsprachenunterricht voraus.



Die in der europäischen Sprachenvielfalt liegende Chance kann vertan werden, solange 'Mehrsprachigkeit' und 'Interkulturalität' nur volltönende Lockrufe für Profilierungswünsche im Bildungswesen sind, und die praktische Umsetzung allzu oft im bürokratischen Dschungel stecken bleibt. Das größte Hindernis stellt jedoch eine überalterte Auffassung vom Erlernen einer Fremdsprache dar, die in unserem Bildungssystem immer noch dominiert. Diese Auffassung orientiert sich nach wie vor weitgehend an der schriftlichen Kommunikation und entwickelt nur unzureichende Methoden, um die Lernenden zur sprachlichen Verständigung in realen Begegnungssituationen zu befähigen, wo sie herausbekommen müssen, was der Andere sagt und meint bzw. sich selbst mitteilen müssen, um den eigenen Denk-, Gefühls- und Erfahrungshorizont begreiflich zu machen.

An diesem unbefriedigenden Zustand des schulischen Fremdsprachenunterrichts hat auch die Einführung des "Europäischen Portfolio der Sprachen" (seit 2001) leider bis jetzt nicht viel geändert. Die Kompetenzbeschreibungen der insgesamt sechs Niveaustufen bescheinigen den Lernenden erst auf den letzten drei Stufen (B2, C1, C2), dass sie einer fremdsprachlichen Verständigung in der tatsächlichen Sprachwirklichkeit gewachsen sind. Wenn man bedenkt, dass das B2-Niveau normalerweise erst im Abitur angepeilt wird, die Lernanstrengungen, die darunter liegen, jedoch kaum etwas mit realitätsnaher Kommunikation zu tun haben, so wird klar, dass solch bescheidene Zielsetzungen sich eher an den (bescheidenen) Ergebnissen des durchgängigen Fremdsprachenunterrichts orientieren als an den Erfordernissen einer europäischen Mehrsprachigkeit.

Solange in unserem Schulunterricht die Lehrmeinung vorherrscht, dass man eine Fremdsprache lernt, indem man Vokabeln nach den Regeln der Grammatik zu Sätzen zusammensetzt, solange werden zwar schriftliche Lektionstexte verstanden und schriftlich reproduziert werden können, ein spontaner, an kreative Improvisation und schnelles Reagieren auf unvorhersehbare Sprechsituationen gewöhnter mündlicher Austausch von Gedanken und Gefühlen jedoch muss illusorisch bleiben. Eine bewusste Beschränkung auf das verlangsamte Tempo des schriftlichen Mediums aber würde das Ziel der europäischen Verständigung um seine wichtigste, nämlich emotionale Dimension bringen.

4. Wichtigste organisatorische Maßnahme für ein Gelingen der Mehrsprachigkeit ist die Anpassung des Fremdsprachenunterrichts an die europäische Aufgabe.



Dazu werden folgende unterrichtliche Maßnahmen vorgeschlagen:
  1. Abschlussprofile, Lehrgangsdauer und Stundentafeln sind zu diversifizieren und von der einseitigen Ausrichtung am Abitur zu befreien.
  2. Die Kompetenzbereiche müssen sich auf jeder Stufe an der kommunikativen Wirklichkeit orientieren und dürfen nur in ihrem quantitativen Umfang variieren.
  3. Die Unterrichtsverfahren sind konsequent an den kommunikativen Zielsetzungen auszurichten. Statt formaler Trockenübungen zu Aussprache, Orthographie, Wortschatz und Grammatik ist das inhaltsbezogene, kreative Sprechen und Schreiben sowie das Verstehen unbekannter schriftlicher und mündlicher Texte kontinuierlich zu üben. Dazu sind Unterrichtskonzepte nötig, die bei der Entwicklung der kommunikativen Fähigkeiten von den Äußerungs- und Lese- bzw. Hörwünschen der Schüler ausgehen und gleichzeitig eine Systematisierung der Formenvielfalt ermöglichen (wie z.B. das Jenaer Bausteinkonzept).
  4. Das Unterrichtsmaterial kann im Multimedia-Zeitalter nicht mehr von einem Buch mit gedruckter Information dominiert werden. Statt eines Lehrbuchs zur Einführung von Wortschatz und Grammatik sollte den Lernenden ein Pool von inhaltlich anspruchsvollen Bild-, Ton- und Printmaterialien zur Auswahl gegeben werden, der sie zu kommunikativer Eigentätigkeit herausfordert.
  5. Das traditionelle Rollenverständnis von Lehrer und Schüler ist zu überdenken. Der Lehrende ist nicht mehr Vermittler vorgegebener Wissensinhalte, sondern er liefert und strukturiert die Formen, die der Lernende zur Versprachlichung seiner eigenen Ausdrucksbedürfnisse braucht. Der Lernende ist nicht mehr empfangendes Objekt, sondern handelndes Subjekt in einem Prozess zur Entwicklung eigener, die ganze Person betreffender Fähigkeiten.
  6. Das Lernen ist in seinen psychologischen Dimensionen ernst zu nehmen. Niemand kann gegen seinen Willen lernen, und niemand lernt, wenn das Lernen selbst mit negativen Gefühlen besetzt ist. Subjektiv empfundene Freude beim Lernen schließen Ernsthaftigkeit, eifriges Bemühen und Leistung nicht nur nicht aus, sondern sind im Gegenteil Vorbedingung für jedes erfolgreiche, d. h. dauerhafte Lernen.
  7. Der auf Eigeninitiative, Selbsttätigkeit, Individualisierung und handelndem Lernen beruhende Fremdsprachenunterricht darf eine gewisse Klassenstärke nicht überschreiten. Mit mehr als 20 Schülern ist ein sinnvoller und effektiver Unterricht nicht mehr möglich. Mit der Überschreitung dieser Zahl potenziert sich der Nervenverschleiß der Lehrer und der auf die gesamte Schuleinstellung ausstrahlende Motivationsverlust der Schüler so sehr, dass Einsparungsmaßnahmen hier gerade volkswirtschaftlich unverantwortlich erscheinen.
  8. Die Vorbereitung der Fremdsprachenlehrer aller Schultypen (einschließlich der Grundschule) auf die europäische Aufgabe verlangt ein Konzept aufeinander bezogener Ausbildungsgänge und organisatorisch gesicherter Auslandskontakte. In jedem größeren Kollegium sollte ein muttersprachlicher Kollege zu finden sein, so wie umgekehrt jeder deutsche Fremdsprachenlehrer eine gewisse Zeit in einer ausländischen Schule als Deutschlehrer tätig sein sollte. Auf diese Weise ließe sich der Fremdsprachenunterricht in den Ländern Europas wenn nicht vereinheitlichen (was vielleicht gar nicht wünschenswert ist), so doch durch gegenseitige Anregungen befruchten.

Prof. Dr. Krista Segermann

Zur Person

Prof. Dr. Krista Segermann

Prof. Dr. Krista Segermann ist emeritierte Professorin für Romanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


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