zurück 
2.10.2019

Pressestimmen: Die Ukraine im Fokus des US-Wahlkampfs

Die Beziehungen der Ukraine und der USA rücken mit Blick auf das Telefongespräch zwischen Trump und Selenskyj und dem US-Wahlkampf in den Fokus des öffentlichen Interesses. Presseberichte geben einen Überblick über verschiedene Reaktionen und Einschätzungen.

Der noch unerfahrene ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij steht nach einem umstrittenen Telefonanruf von Donald Trump im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. (© picture alliance/ZUMA Press)


Die Welt: Neueste Trump-Affäre deutet sensationelle Dimension an

Der 49-jährige Hunter Biden ist der Sohn von Ex-Vizepräsident Joe Biden, 76, welcher sich um die demokratische Präsidentschaftskandidatur bewirbt. Biden senior führt fast alle Umfragen an und gilt deshalb als Favorit, um im November 2020 gegen Trump anzutreten. Hunter Biden arbeitete einst, während sein Vater Vizepräsident war und im regen Austausch mit der Regierung in Kiew stand, für eine ukrainische Gasfirma.

Diese Gasfirma war vor einigen Jahren ins Visier von Korruptionsermittlungen geraten, die allerdings im Sand verliefen und auch keinen Zusammenhang mit Bidens Sohn hatten. Wie mehrere amerikanische Medien berichten, habe Trump Selenski jedoch gedrängt, neue Korruptionsermittlungen gegen Biden junior anzustrengen. […]

Die USA unterstützen die ukrainische Regierung seit mehreren Jahren finanziell, vor allem mit Blick auf Militär und Geheimdienstfähigkeiten – als Reaktion auf die russische Annexion der Krim und die Destabilisierung der Ost-Ukraine. Umso augenfälliger ist, dass die jüngste Hilfe von knapp 400 Millionen Dollar, rund 360 Millionen Euro, von Trump zurückgehalten und erst vor wenigen Tagen, kurz vor Ende des US-Haushaltsjahres, gewährt wurde.

War die Zahlung wirklich nur eingefroren, um die Ukraine zu einer effektiveren Korruptionsbekämpfung zu drängen? Oder ging es hier schon um die Causa Biden? Trump-Anwalt Giuliani verneinte die Vermutung, der Präsident habe damit gedroht, die Gelder zurückzuhalten, sofern die Ukraine keine Ermittlungen gegen Biden junior einleite. Als die US-Hilfe einging, dankte Selenski Trump: "Jetzt kann ich sagen, dass wir mit den USA exzellente Beziehungen haben."

Quelle: Welt.de, 22.09.2019, https://www.welt.de/politik/ausland/article200699250/Telefonat-mit-Selenski-Neueste-Trump-Affaere-deutet-sensationelle-Dimension-an.html.

Hromadske: "Trump Did Not Pressure Zelenskyy”

Aus dem Interview mit dem Außenminister der Ukraine, Wadym Pristajko:

"I know what the conversation was about and I think there was no pressure. There was talk, conversations are different, leaders have the right to discuss any problems that exist. This conversation was long, friendly, and it touched on a lot of questions, including those requiring serious answers,” Prystaiko summarized.

Quelle: Hromadske.ua., 21.09.2019, https://en.hromadske.ua/posts/trump-did-not-pressure-zelenskyy-we-are-independent-state-prystaiko.

Washington Post: Welcome, Americans, to the Ukrainian swamp

In the world as it existed up until 2016, U.S. and European powers would be pushing Zelensky hard to make the right decisions. Certainly Ukraine’s foreign friends—among them the International Monetary Fund, several European governments and former vice president Joe Biden, who often represented the Obama administration in Ukraine—pushed the previous government hard to create institutions that would fight corruption, and not just talk about it. But the Western world since 2016 has been led by a new kind of American president, one who hopes to use Ukraine’s old habits of politicized justice for his own benefit.

Over the summer, the Trump White House held up promised military aid to Ukraine, for reasons that were left ambiguous. In Kiev, many believe the delay was caused by Trump’s demand that Zelensky’s government conduct a series of spurious, politicized investigations, designed both to smear Biden and to exonerate Paul Manafort, who was deeply involved with the most corrupt part of the Ukrainian political class for many years. In Washington, Congress has already launched an investigation of Trump’s policy toward Ukraine. Now it seems that a whistleblower inside the intelligence agencies was so alarmed by some of Trump’s dealings with Ukraine that he or she lodged a formal complaint. Instead of pushing Ukraine to stick to the law, as any other U.S. president would have done in the past, Trump might have pushed Ukraine to manipulate the law for his benefit.

Quelle: Washingtonpost.com, 20.09.2019, https://wapo.st/2IgnbTL?tid=ss_mail.

National Review: Slip into Ukrainian Skin

You are small. You are weak. You have a precarious independence. The Russian bear is warring against you. You are virtually alone. You have been denied entry into the EU and NATO. Putin has annexed a chunk of you. You are desperate for the support of the Free World, especially the United States. The American president is deeply problematic for you. He is "America First.” He has little good to say about democracy and alliances. He thinks his predecessors were far too "globalist.” He has expressed admiration for Putin, over and over. You are nervous as can be. Then the president calls up, pressuring you to investigate one of his domestic political opponents and his son. Meanwhile, he is holding up military aid to you.

Quelle: Nationalreview.com, 24.09.2019, https://www.nationalreview.com/corner/slip-into-ukrainian-skin/.

NZZ: Trumps Interesse an der Ukraine bringt das Land in die Zwickmühle

Die Schauspielkünste des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski sind auch in seinem hohen Amt von Nutzen. Das spiegelt sich in der – unvollständigen – Mitschrift des Telefongesprächs mit Donald Trump vom 25. Juli. Sein Pech ist es, dass die Mischung aus Schauspielkunst und Unerfahrenheit jäh ins Zentrum der Weltpolitik rückt. Die Ukraine, die es schon schwer genug hat, sich gegen die russische Aggression zu behaupten, ist zum Unbehagen der Politiker und Experten in Kiew in eine höchst unangenehme Situation geraten. Und der Newcomer Selenski steht innen- und aussenpolitisch unter noch schärferer Beobachtung.

Quelle: NZZ.ch, 26.09.2019, https://www.nzz.ch/international/trumps-interesse-an-der-ukraine-bringt-das-land-in-die-zwickmuehle-ld.1511513?reduced=true.

Zeit Online: "Niemand kann mich unter Druck setzen"

Der US-Präsident weist die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück und spricht von einer Hexenjagd. "Es gibt keinen Präsidenten in der Geschichte unseres Landes, der so schlecht behandelt wurde wie ich", schrieb er auf Twitter. Der ukrainische Präsident Selenskyj reagierte mit Humor auf die Berichte. "Niemand kann mich unter Druck setzen, weil ich der Präsident eines unabhängigen Landes bin", sagte der ehemalige Fernsehkomiker. "Der einzige Mensch, der Druck auf mich ausüben kann, ist mein sechsjähriger Sohn."

Quelle: Zeit.de, 25.09.2019, https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-09/weisses-haus-veroeffentlicht-wortlaut-von-trump-telefonat-mit-selenskyj.

Spiegel Online: Selenskyj hat wenig zu gewinnen

All diese Vorgänge holen nun Selenskyj ein, der wenig zu gewinnen hat in dieser Affäre. Er steckt in einer Zwickmühle. Geht er auf Trumps Forderung ein und drängt die Justiz zu Ermittlungen gegen Hunter Biden, dürfte der Vorwurf lauten, er habe sich zu ungunsten der Demokraten in die Präsidentschaftswahl eingemischt. Lässt er Trump auflaufen, hat er das Weiße Haus gegen sich.

Quelle: Spiegel.de, 24.09.2019, https://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-und-die-ukraine-wolodymyr-selenskyj-schwieriges-erstes-treffen-a-1288287.html.Gemeinsam herausgegeben werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln