zurück 
27.8.2007

Mut zur Lücke

Wir verplanen jeden Quadratmeter. Was dabei herauskommt, hat mit einer lebendigen Stadt nichts zu tun

Der Star-Architekt Rem Koolhaas fordert: mehr Mut und Utopien für die Planung und Neugestaltung von Städten. Denn heute dominiere allein der kommerzielle Druck die städtische Architektur. Jeder Quadratzentimeter einer Stadt werde mit irgendeiner Botschaft ausgefüllt. Darunter leide auch die Bedeutung des öffentlichen Raums.

Im Folgenden möchte ich ein paar Probleme ansprechen, die sich für mich aus der Entwicklung der Stadt und des urbanen Lebensraums ergeben und die nicht nur uns Architekten zu schaffen machen, sondern auch von öffentlichem Interesse sind. Sie werfen ein paar verteufelt schwierige Fragen auf, und in den meisten Fällen habe ich auch keine fertigen Antworten parat. Das antike Griechenland schuf seine Monumente für die Gemeinschaft, es gab eine kollektive Verantwortung für den öffentlichen Raum. Das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem war sehr klar definiert. Zwar prägen die Architektur und urbanen Strukturen, die aus dieser Zivilisation hervorgingen, bis heute modellhaft unser Denken über Öffentlichkeit und Privatsphäre. Aber gerade in den letzten 15 Jahren lassen sich neue Tendenzen beobachten. Man sagt oft, jede Generation müsse ihr Verhältnis zur Globalisierung selbst definieren. Stellt man die Symbole für den Yen, den Euro und den Dollar nebeneinander, ergibt sich das Wort ¥€$, also "yes" wie "ja". Das Wesen dieses ¥€$-Regimes ist, dass sich der Einfluss des öffentlichen Sektors verringert hat, während jener der Privatwirtschaft zunahm. Wir leben in einer Zeit, in der das Verhältnis dieser beiden Bereiche intensiv verhandelt wird, und eines der wichtigsten Foren für derartige Diskussionen ist die städtische Architektur beziehungsweise der Städtebau.


Ich denke, vor der aktuellen Phase der Globalisierung und Privatisierung wäre ein Gebäude wie das Guggenheim Museum, das Frank Gehry in Bilbao baute, nicht möglich gewesen. Wo Bauwerke in der Vergangenheit einfach nur schlicht und würdevoll wirken sollten – wie etwa im Fall des Parthenons –, erzwingt heute der schiere kommerzielle Druck, der hinter fast jedem Bauvorhaben steht, selbst die gewissenhaftesten Architekten zu exzentrischen und extravaganten Entwürfen. Eine andere wichtige Tendenz, die sich auf die Planung und Neugestaltung von Städten auswirkt, ist die Tatsache, dass die Globalisierung kein einheitlicher Vorgang ist, sondern in unterschiedlichen Stadtteilen unterschiedlich vonstatten geht, wodurch zwei gegenläufige Tendenzen gefördert werden: die explodierende und die schrumpfende Stadt – mit kaum einer Abstufung dazwischen.

Es gab Zeiten, in denen jeder genau wusste, was zu tun war: Viele von uns schrieben Manifeste, und andere setzten erfolgreich um, was in diesen Manifesten stand. Doch aufgrund kultureller Entwicklungen der letzten 15 Jahre und weil wir einige Fehler machten, sind der Glaube an solche Manifeste und das Vertrauen in das Wissen um die richtige Lösung abhanden gekommen. Heutzutage schreiben wir keine Manifeste mehr; höchstens noch verfassen wir Stadtporträts, und dabei hoffen wir nicht etwa, theoretisch begründete Vorschläge zum Städtebau zu entwickeln, sondern bestimmte Entwicklungen überhaupt einmal verstehen zu können. Das Vertrauen in entsprechende Theorien ist geschwunden, und es wird lange dauern, bis wieder etwas Ähnliches entsteht. In England würden beim Thema verlorene Utopien viele sagen "Gott sei Dank sind wir sie los". Mit derart anti-utopischen Tendenzen bin ich vertraut, seit ich 1968 in London studierte. Aber das Fehlen von Utopien ist vielleicht ebenso gefährlich wie eine Überdosis derselben.

Statt Utopien zu schaffen, hoffen wir nur noch, die Entwicklungen überhaupt zu verstehen



Wir befinden uns in einer schwierigen Lage: Wenn wir sehen, wie in Amerika und Europa seit den 1970er Jahren immer weniger Stadtplanung und -entwicklung mit öffentlicher Beteiligung betrieben wird und wie in diesem Zeitraum auch immer weniger Architekturmanifeste verfasst wurden, stellen wir fest, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir das Denken eingestellt haben. Genau an diesem Punkt nahm die Bautätigkeit in Asien stärker zu als je zuvor. Für mich ist das insofern eine tragische Situation, als man zugleich von einer Art endgültigen Apotheose der Stadt sprechen kann. Denn den Statistiken zufolge ist die Stadt heute der wichtigste Wohnort. Und genau in diesem Moment des Triumphes wird kaum noch ernsthaft über die Gestaltung unserer Städte nachgedacht, die Beteiligung des öffentlichen Sektors geht zurück. Vor dem Hintergrund, dass es keine bestimmenden Lehren und Schulen mehr gibt, zugleich mit größter Geschwindigkeit gebaut wird, überrascht es kaum, dass eine völlig neue Art von Stadt entsteht, in der etwa die wichtigste Straßenkreuzung weniger als 400 Meter von Reisfeldern entfernt sein kann. Das heißt, Metropole und deren Vorstufe sind einander so nahe wie nie zuvor. Vom einstmals breiten Formenrepertoire bleiben sozusagen nur noch der Wolkenkratzer und die Hütte übrig. Und diese reduzierte Bandbreite an baulichen Formen wird von chaotischen Entwicklungen im Städtebau begleitet.

Städte und "resorts" sind austauschbar geworden



In Dubai zum Beispiel wird Wüste in Stadtlandschaft verwandelt. Während Stadtentwicklungen früher auf den Bedürfnissen der Bewohner nach Gemeinschaft basierten, wird in Dubai wie wild gebaut, weil man den zurückgegangenen Gewinn aus der Ölförderung zu kompensieren versucht. Hier lässt sich beobachten, wie völlig neue Motive bei der Stadtentwicklung zum Tragen kommen und diese nicht nach den bekannten Kategorien bewertet werden können. 1990 führte der Mangel an lokaler Nachfrage nach urbanem Wohnraum zu einem erheblichen Zustrom von Ausländern. Dubai besteht im Wesentlichen aus Küste, Wüste und städtischen Neubaugebieten. Die Bautätigkeit erstreckt sich vor allem auf die Küstenregion, gefördert wird eine architektonische Sprache des Dekorativen, die auf Vergnügen ausgerichtet ist, sich aber kaum auf den Aufbau von Gemeinsamkeiten und den Austausch von Ideen bezieht, was ursprünglich wichtige Gründe für Stadtentwicklungen waren.

Wenn wir beobachten, dass sich die Gestaltung der Städte nicht mehr so an Fragen des materiellen Überlebens orientiert, sondern auf Überfluss und Angebotsvielfalt abzielt, bringt dies auch andere architektonische Metaphern mit sich. Es erstaunt also kaum, dass das Erdgeschoss eines Geschäftszentrums heute weniger durch eine Sprache geprägt ist, die dem Austausch wesentlicher Ideen dient, als durch Symbole, die an ein "resort", also einen Urlaubs- und Erholungsort erinnern. Der Begriff des "resort" scheint mir deshalb wichtig, weil sich unsere Vorstellungen vom Stadtleben konzeptuell mehr und mehr von solchen aus der Arbeitswelt hin zur Freizeitkultur bewegen und die Ästhetik der Stadt sich also auch zunehmend von jener des harten Business zu einer der Freizeitgesellschaft verschiebt. Ein "resort" ist ein Ort, an dem man nicht lebt, sondern an dem allem Vergnügen sucht und keine Verpflichtungen hat, keinen Beitrag zur Instandhaltung beziehungsweise zum Gemeinwohl leisten muss.

Je sauberer, je perfekter – jedes Protestpotenzial wird völlig entschärft



Eine ganze Reihe an Elementen urbaner Kultur gibt es nicht mehr. Dass Städte und "resorts" austauschbar geworden sind, wird in den Küstenstädten Floridas besonders augenfällig, wo die Stadt zum Bild des Erholungsortes geworden ist. Es wäre interessant, einmal genauer zu beleuchten, ob ein Leben in einer solchen Umgebung reicher ist als eines in New York vor 30 Jahren. Wir sollten nicht vergessen, dass die Stadt einmal einem großen Mechanismus glich und der öffentliche Raum ein Ort der Konfrontationen, Begegnungen, des Austausches und – vielleicht – des Ausgleichs, der Abstimmung und Regulierung war. Da die Stadt diese Funktion heute nach der Verschiebung vom Öffentlichen zum Privaten nicht mehr erfüllt, suchen wir diese Dinge anderswo. Zugleich ertragen wir keine Leere oder Neutralität mehr in den Städten, jeder Zentimeter des urbanen Raumes ist "beschrieben", folgt einem Szenario, wobei die Abläufe und Organisationsformen immer komplexer werden. Singapur ist heute geprägt von einer Ästhetik des "resort" und der Realität einer Großstadt. Die ästhetische Gestaltung hin zum "resort" zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Wer sich für Politik interessiert, kann sich am Beispiel Berchtesgaden – das durch Hitler Berühmtheit erlangte – vergegenwärtigen, wie die Stadt zum Erholungsort ("resort") gemacht wurde, indem man historische Überbleibsel und Erinnerungen systematisch eliminierte und durch gefälligere ersetzte, um Bilder des Leids verschwinden zu lassen oder abzuschwächen.

Jedes Protestpotenzial wird völlig entschärft. Je sauberer der neue öffentliche Raum, je mehr Perfektion, desto wahrscheinlicher ist es, dass Leid und sozialer Zündstoff, der zwischen den verschiedenen Welten entsteht, an die Ränder gedrängt werden. Heute werden viele Ansprüche sprachlich beziehungsweise rhetorisch formuliert, die wir noch über die Architektur auszudrücken versuchten. Wir haben die Stadt zu einer Fläche gemacht, auf der jeder Quadratzentimeter mit irgendeiner Botschaft ausgefüllt ist. In derartigen Umfeldern dürfen wir uns nicht danebenbenehmen, nicht sterben, betteln, prügeln, betrinken.

Städte sind heute das Gegenteil einer kritischen Masse



Nehmen wir den Potsdamer Platz in Berlin: Der Potsdamer Platz ist wie eine Stadt angelegt, doch bei genauerer Betrachtung wirkt er eher wie eine Collage aus Privatsphären. Es gibt keine Symbole aus der Arbeitswelt, dafür überall Hinweise auf die Freizeitindustrie. Im Vergleich dazu bot dieser Ort früher ein sehr viel lebendigeres Bild von Öffentlichkeit, auch was die Vielfalt der Leute betrifft, die den Platz nutzten. Umgekehrt dazu Lagos: Lagos ist eine unglaublich dichte und zugleich strukturierte Stadt. Offensichtlich haben die Bewohner hier eine sehr viel größere Bandbreite und ein breiteres Repertoire an Möglichkeiten, ihre Umgebung mitzugestalten und sich auszudrücken.

Über die alten Städte kann man sagen, dass wir uns mit ihnen arrangierten, sie mit Leben zu füllen vermochten und nicht unbedingt unter der Architektur litten. Heute sind Städte, da stark auf Freizeit getrimmt, das Gegenteil einer kritischen Masse. Wie sehr eine Stadt ausbluten kann und dabei an Lebenskraft verliert, lässt sich vielleicht am deutlichsten in Las Vegas beobachten. Dort versuchte man zunächst die Stadt Venedig zu simulieren, dann New York – bis die Stadt schließlich schlicht denaturierte und nur noch sich selbst zum Thema hatte. In Las Vegas gibt es einen Teil, in dem das Wilde und Unvorhersehbare der Großstadt nicht gezähmt, sondern einfach entfernt wurde.

Pragmatismus prägt das Zusammenleben



In diesem "Idyll" spiegelt sich der Glaube in das Design wieder, das wir unbewusst vergöttern und dem wir mehr Vertrauen als jeder Utopie. Wir stehen vor einer Situation, in der wir es mit der Unbeholfenheit repressiver Herrschaft zu tun haben und dem Ausschluss von Menschen, die an dem Idyll nicht teilhaben können. Die letzten Bilder von New Orleans haben uns mit dieser städtebaulichen Situation eindeutig konfrontiert. England wiederum hat historisch eine erstaunliche Bilanz, was die Einbindung kultureller Unterschiede betrifft: So ist das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen von Pragmatismus geprägt, in der Unterschiede angepasst werden. Dagegen ist die Sprache und Ästhetik der Architektur, die entwickelt wird – wie sie zum Beispiel in der Vermehrung von Ikeas Warenhäusern zu erkennen ist –, abweisend gegenüber der Emigrationswelle, der sich England gegenüber sah.

Im Rahmen einer Bestandsaufnahme davon, was die Stadt ist und was uns womöglich verloren gegangen ist, analysierte unser Büro anhand eines 40 Jahre alten idyllisch anmutenden Bildes der Isle of Wight, was heute alles nicht mehr möglich wäre. Das geht schon bei den Stoffüberdachungen los, die heutzutage mit dem CCTV-Kamera-Überwachungssystem in Konflikt geraten würden; es geht weiter mit den chaotisch geparkten Lieferwagen, den religiösen Symbolen im öffentlichen Raum und den verdächtigen Regenmänteln, mit denen die Menschen an einem sonnigen Tag herumlaufen. Mit anderen Worten: Was auf den ersten Blick einer Idylle entspricht, enthält genau genommen eine Reihe irritierender Elemente, die wir heute nicht mehr tolerieren. Für mich ist das ein wichtiger Punkt, und ich denke, hier ist uns definitiv etwas verloren gegangen.

Die größten Vorzüge Londons sind die vernachlässigten Stadtviertel



Es dauerte lange, bis ich London lieben lernte, aber zu seinen größten Vorzügen zählen für mich heute gerade die vielen Beispiele mangelhafter Stadtplanung, die mittelmäßige bis schlechte Architektur und die vernachlässigten Stadtviertel, in denen jedoch die unterschiedlichsten Menschen wohnen. Es handelt sich um das Gegenteil dessen, was wir professionell anstreben. Mit unseren Bauprojekten sind wir derzeit direkt an Veränderungsprozessen beteiligt. Es beeindruckt uns, wie einige Politiker mit dem privatwirtschaftlichen Sektor zusammenarbeiteten und dabei Forderungen aufstellten, die die Zustände verbessern werden.

Manchmal besteht das Dilemma im Verhältnis von Privatinteressen und jenen der breiteren Öffentlichkeit darin, dass gerade die öffentliche Hand Dinge von ganz besonderer Qualität schaffen kann. Die Öffentlichkeit kann sagen "wir brauchten einen Parthenon, also haben wir ihn gebaut". Die Öffentlichkeit kann gegenüber Stadtplanern, Bauherrn und Investoren ihre Forderungen stellen. Allerdings unterliegen diese Forderungen heute immer mehr Zwängen des Systems. So kann die öffentliche Hand zwar formulieren, dass man gerne ein öffentliches Schwimmbad oder Sportzentrum hätte, dabei aber keine einzigartigen Gestaltungen erwarten, wenn dann Stangenware gekauft wird. Die unheimliche Abstraktion des Mittelmaßes verfolgt uns und schlägt sich in einer Nomenklatur nieder, welche die Sprache des Stil- und Qualitätvollen spricht, ohne derartigen Ansprüchen in Wirklichkeit gerecht zu werden. In diesem Sinn schwingt in unserer derzeitigen Beziehung zur Stadt eine "Virtualität" mit, die schwer zu überwinden ist.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker


Der Originaltext erschien in der Zeitschrift Kulturaustausch , Ausgabe III/2006, hrsg. vom Institut für Auslandsbeziehungen.

Rem Koolhaas

Rem Koolhaas Zur Person

Rem Koolhaas

Der Architekt Rem Koolhaas wurde 1944 in Rotterdam geboren. 1975 gründete er gemeinsam mit Madelon Vriesedorp, Elia Zhengelis und Zorp Zhengelis das Office for Metropolitan Architecture (OMA). Bekannt wurde er neben Gebäuden mit zahlreichen programmatischen Büchern wie 1978 "Delirious New York". Zurzeit plant Koolhaas unter anderem das Hauptquartier des China Central Television.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln