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18.12.2012

Krieg im eigenen Land

Mit allen Mitteln sucht das NS-Regime die Kriegswirtschaft und den Durchhaltewillen der heimischen Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Doch bedrückende Nachrichten von den Kriegsfronten, verheerende Luftangriffe auf deutsche Städte und Angst vor den Siegern tun ihre Wirkung – mit mörderischen Folgen für die entrechteten Juden, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter.

Die bombardierte Innenstadt Dresdens im Februar 1945 (© Bundesarchiv, Bild 183-Z0309-310)


Strafverschärfungen


Gleich zu Kriegsbeginn im September 1939 hatte Reinhard Heydrich einen Befehl an die Polizei ausgegeben: "Jeder Versuch, die Geschlossenheit und den Kampfwillen des deutschen Volkes zu zersetzen, ist rücksichtslos zu unterdrücken. Insbesondere ist gegen jede Person sofort durch Festnahme einzuschreiten, die in ihren Äußerungen am Sieg des deutschen Volkes zweifelt oder das Recht des Krieges in Frage stellt.“ Ähnlich hieß es in einer internen Denkschrift des Reichsjustizministeriums aus dem Januar 1940, Aufgabe der Justiz sei die "Aussonderung hetzerisch und verbrecherisch eingestellter Elemente, die in kritischer Zeit einen Dolchstoß von hinten gegen die Front versuchen könnten (vgl. die Arbeiter- und Soldatenräte von 1918)“.

Zwischen 1939 und 1941 traten etliche neue Strafbestimmungen in Kraft, mit denen Deutsche, die feindliche Sender hörten, die sich kritisch über den Krieg äußerten oder Kontakt zu Kriegsgefangenen aufnahmen, verfolgt werden konnten. Mit der Todesstrafe konnten sogar Diebstähle während der Verdunkelungszeiten oder der Bombenangriffe belegt werden, weil, wie es in der "Verordnung gegen Volksschädlinge“ vom 5. September 1939 hieß, "dies das gesunde Volksempfinden wegen der besonderen Verwerflichkeit der Straftat erfordert“. Auf Initiative von Hitler wurden sechzehnjährige Jugendliche wie erwachsene Straftäter verurteilt. Zwischen 1940 und 1945 verhängten die Strafgerichte, insbesondere die Sondergerichte und der Volksgerichtshof, etwa 15 000 Todesurteile, von denen mehr als drei Viertel vollstreckt wurden. Auch die Zahl der Gefangenen in den Strafanstalten nahm drastisch zu, von 109 685 Ende Juni 1939 auf 196 700 Ende Juni 1944.



Luftkrieg


Auch die "Volksgemeinschaft“ an der "Heimatfront“, die bislang vom Krieg weitgehend verschont geblieben war, wurde nun in Mitleidenschaft gezogen. Die alliierten Luftangriffe nahmen immer verheerendere Ausmaße an. Der Wechsel des Kommandos der britischen Bomberflotte zu Marschall Arthur Harris im Februar 1942 markierte den Beginn eines neuen militärischen Konzepts des Luftkrieges der Alliierten. Ziel war jetzt die Zivilbevölkerung in den Industrieregionen, die mit großen Flotten schwerer Bomber angegriffen wurden. Mit Luftminen und Sprengbomben sollten Kommunikations- und Versorgungsleitungen zerstört und die Häuser in den Wohngebieten aufgebrochen werden, damit die nachfolgenden Brandbomben ihre verheerende Wirkung entfalten konnten. Erste Angriffe trafen Lübeck Ende März und Rostock Ende April 1942, bei denen die Innenstädte fast vollständig in Schutt und Asche gelegt wurden.

In der Nacht zum 31. Mai 1942 starteten mehr als 1000 britische Bomber in Richtung Köln und warfen über 1300 Tonnen Bomben ab, das Dreifache der bis dahin üblichen Menge. Nach dieser Nacht war Köln nicht wiederzuerkennen. Nahezu 500 Tote und mehr als 5000 Verletzte waren zu beklagen, rund 12 800 beschädigte Häuser wurden gezählt, was einem Totalverlust von 13 000 Wohnungen und 30 000 schwer oder leicht beschädigten Wohnungen entsprach. Große Teile des alten Kölns mit seinen historischen Bauten waren zerstört. In der Nacht hätten zahlreiche Kölner, so der Schweizer Konsul in seinem Bericht, "Kopf und Nerven vollständig verloren“, die "sonst als musterhaft bezeichnete deutsche Ordnung und Disziplin“ sei komplett zusammengebrochen. "Gleichgültigkeit, Apathie, vollständige Mutlosigkeit und Verzweiflung“ hätten in den Tagen danach in der Stadt geherrscht.

Die kommunalen Behörden in Köln waren angesichts dieser Katastrophe völlig überfordert, und so übernahm die NSDAP die Initiative. Notverpflegung musste sofort organisiert werden, was mit Hilfe von Feldküchen der Wehrmacht so weit gelang, dass vier Tage nach dem Angriff bereits etwa 35 000 Personen verpflegt werden konnten. Zwei Tage später setzte die Lebensmittelrationierung wieder ein. Darüber hinaus gab es Sonderzuteilungen, beispielsweise für Kleidung und Schuhe, an rund 30 000 besonders bedürftige Personen, die sich buchstäblich nur mit ihren Sachen am Leib hatten retten können. Ebenso mussten Notunterkünfte bereitgestellt bzw. Evakuierungen organisiert werden. Laut offiziellen Angaben gab es nach dem Angriff in Köln etwa 60 000 Obdachlose, realistische Schätzungen gingen von 100 000 Menschen ohne Wohnung aus. Nur etwa 3000 Notquartierplätze standen sofort zur Verfügung; bis zum Jahresende wurden in öffentlichen Gebäuden, zumeist Schulen, rund 29 500 sogenannte Liegestätten zusätzlich geschaffen. An einen raschen Wiederaufbau der zerstörten Häuser war nicht zu denken, sodass etliche Kölner zu Verwandten nach außerhalb zogen oder zusätzlich in bereits belegte Wohnungen in der Stadt einquartiert werden mussten.

Nicht zufällig setzten Mitte Juni 1942 erneute Deportationen Kölner Juden ein, die gleichermaßen unter den Angriffen gelitten hatten, schutzloser sogar noch als ihre nichtjüdischen Nachbarn, da ihnen der Zutritt zu den Luftschutzräumen verwehrt war. Der Grund für die Wiederaufnahme der Deportationen war dem Schweizer Konsul völlig klar: Es gehe darum, schrieb er in seinem Bericht, "weitere freie Wohnungen zu erhalten“. Bis zum Herbst 1942 verließen die Deportationszüge mit Kölner Juden die Stadt in Richtung der Vernichtungslager im Osten.

Und noch auf eine andere Weise wurden Juden für die Schäden und zur Linderung der Not der "Volksgemeinschaft“ ausgeplündert. Der NSDAP-Gauleiter Josef Grohé äußerte sich in seinem Bericht nach dem Angriff, dass es in Zusammenarbeit mit dem Militärbefehlshaber von Belgien und Nordfrankreich gelungen sei, "große Mengen bezugsscheinfreier Textilmangelwaren auf den Weg nach Köln zu bringen“, sprich: die geraubte Kleidung deportierter belgischer und französischer Juden in Köln an deutsche "Volksgenossen“ zu verteilen. Schon nach den ersten Deportationen im Herbst 1941 hatte die Kölner Kommunalverwaltung Möbel, Hausrat und Kleidung der jüdischen Opfer beschlagnahmt und in den Messehallen eingelagert. Nach dem "1000-Bomber-Angriff“ griffen die Behörden nicht nur auf diese Bestände zurück, sondern sie schafften im Juli 1942 zusätzlich geraubtes jüdisches Eigentum aus Antwerpen in mehreren hundert Waggons per Schiff und Bahn nach Köln, um es zu verteilen. Die NSDAP zog dabei bewusst die Verteilung dieser Güter an sich. Insgesamt gelangten rund 1260 Bahnwaggons mit jüdischem Eigentum aus Westeuropa nach Köln, das in öffentlichen, oft täglichen Versteigerungen in den Messehallen oder in Gaststätten von den "Volksgenossinnen und Volksgenossen“ für wenig Geld erworben wurde.

Das katastrophale Jahr 1943 stand der deutschen Zivilbevölkerung noch bevor, zumal nun auch amerikanische Flugzeuge von Großbritannien aus die Bombenangriffe unterstützten. Auch Ziele in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten, vor allem in Frankreich, wurden nun von den westalliierten Bomberverbänden angegriffen. Nachdem Anfang November 1942 britische und amerikanische Truppen in Marokko und Algerien gelandet waren und sich die deutsch-italienische Panzerarmee unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel auf dem Rückzug befand, gerieten dann auch Ziele in Italien ins Visier. Amerikanische Flugzeuge bombardierten im Frühjahr 1943 Neapel, Cagliari, Palermo und Catania ebenso wie die französischen Renault-Werke in Billancourt am 4. April, wobei 228 Menschen getötet und 500 verletzt wurden. Noch verheerender war der alliierte Luftangriff auf Industriegebiete in Antwerpen am folgenden Tag, bei dem mehr als 2000 Menschen ums Leben kamen.

Anfang März 1943 begann die "Battle of the Ruhr“, bei der systematisch die Städte an Rhein und Ruhr zerstört und die dort lebende Bevölkerung getroffen werden sollten, um das schwerindustrielle Zentrum der deutschen Rüstungsproduktion zu vernichten. In der Nacht zum 17. Mai zerstörten britische Bomber die Möhne- und die Edertalsperre, woraufhin die Flutwellen mehrere Ortschaften unter sich begruben und rund 1600 Menschen in den Tod rissen, darunter auch 500 Zwangsarbeiterinnen eines Barackenlagers bei Neheim. Ende März kamen bei einem Flächenangriff auf Wuppertal aufgrund des Feuersturms mehr als 3500 Menschen ums Leben, 80 Prozent der Wohnfläche wurden zerstört; im Juni war Köln erneut Ziel eines schweren Angriffs, bei dem über 4000 Menschen getötet wurden.

Zwischen dem 25. Juli und dem 3. August 1943 flogen britische und amerikanische Bomber unter dem kennzeichnenden Codewort "Unternehmen Gomorrha“ verheerende Angriffe auf Hamburg, bei denen insgesamt mehr als 35 000 Menschen, vor allem durch die entfachten Feuerstürme, ums Leben kamen. "Die Straßen waren mit Hunderten von Leichen bedeckt“, hieß es im amtlichen Bericht des Hamburger Polizeipräsidenten. "Mütter mit ihren Kindern, Männer, Greise, verbrannt, verkohlt, unversehrt und bekleidet, nackend und in wächserner Blässe wie Schaufensterpuppen ...“ Noch sechs solche Angriffe, soll Rüstungsminister Speer danach gesagt haben, und der Krieg sei zu Ende.

Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung gab es anfangs kaum; erst nachdem Ende August 1940 Berlin bombardiert worden war und sich erheblicher Schrecken verbreitet hatte, erließ Hitler ein großes "Führer-Sonderprogramm“ zum Bau von Luftschutzbunkern. Für eine "1. Bauwelle“ waren 61 große Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern ausgewählt worden, die besonders gefährdet waren und wichtige Rüstungsanlagen besaßen. Doch verzögerte sich die erste Bauwelle wie die zweite, die im Sommer 1942 einsetzen sollte, und die dritte im Jahr 1943 kam aufgrund von mangelnden Baumaterialien und Arbeitskräften gar nicht erst in Schwung, obwohl Zehntausende von Zwangsarbeitern für den Bunkerbau eingesetzt wurden. Bis Mai 1943 waren nicht mehr als 1343 Bunker "betonfertig“ gemeldet worden, viel zu wenig, um die Zivilbevölkerung vor den Bombenangriffen zu schützen. Die lauthals verkündete Absicht des Regimes, jedem "Volksgenossen“ einen "bombensicheren“ Schutzplatz zu verschaffen, erwies sich als pure Propaganda.


Einsatz von KZ-Häftlingen


Die Kommunen waren mit den Aufräumarbeiten gänzlich überfordert und begannen zunächst Kriegsgefangene, ab dem Herbst 1942 zunehmend KZ-Häftlinge für die Bergungs- und Aufräumarbeiten einzusetzen. Himmler selbst besuchte mehrere betroffene Städte wie Köln, Düsseldorf, Münster, Bremen, Hamburg und Lübeck und ordnete anschließend an, dass in den Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen, Lublin und Stutthof Fenster- und Türrahmen gefertigt, in Neuengamme verstärkt Dachziegel hergestellt sowie Häftlingskommandos für Aufräumungs- und Instandsetzungsarbeiten eingesetzt werden sollten. Düsseldorf, Dortmund und Köln erhielten sogenannte SS-Baubrigaden mit jeweils tausend Häftlingen, ebenso Bremen mit rund 750 und Osnabrück mit 250 Häftlingen, welche die gefährlichsten und abstoßendsten Arbeiten wie das Suchen und Sprengen nicht gezündeter Bomben oder das Bergen der Leichen verrichten mussten. Im Sommer 1943 arbeiteten Sprengkommandos aus KZ-Häftlingen überall im Reichsgebiet, wobei viele von ihnen tödlich verunglückten oder schwere Verletzungen erlitten.

Selbstverständlich gehörten diese Häftlingskommandos zum Stadtbild und wurden von vielen "Volksgenossen“ gesehen und auch misshandelt. Der damals 17-jährige Jan Suzinowicz erinnerte sich an die Zwangsarbeit in Köln 1942/43: "Als wir zur Arbeit gingen, ist es passiert, dass die Menschen uns angespuckt haben, und die jungen Leute, Hitlerjugend, konnten zum Beispiel mit einem Stein nach uns werfen.“ Bei anderen Deutschen regte sich dagegen auch Betroffenheit. "Schon bald nach den ersten Bombardierungen“, schilderte nach dem Krieg der damals 36-jährige Emil Pascha aus Düsseldorf, "sah ich häufig, wenn ich mit der Straßenbahn von der Arbeit nach Hause fuhr, eine Kolonne von etwa 30 bis 40 KZ-Häftlingen auf dem Weg zurück ins Lager. Von der Straßenbahn aus habe ich sie gesehen. [...] Wenn man dann mit der überfüllten Bahn langsam daran vorbeifuhr, sah man zwangsläufig die Gesichter der Elenden, deren Schädel kurzgeschoren, gelblich und bis auf die Knochen abgemagert waren.“ Der damals 13-jährige Egon Bauerett erlebte im Winter 1943/44 in Köln, wie ein SS-Mann einen Häftling, der erschöpft zusammengebrochen war, auf offener Straße mit dem Gewehr erschoss.

KZ-Häftlinge wurden zunehmend in die Rüstungsproduktion eingespannt. Während der Kriegsjahre stieg ihre Zahl sprunghaft von 90 000 Ende 1942 auf 300 000 Ende 1943 und 700 000 Ende 1944. Es waren vor allem Häftlinge aus den besetzten Gebieten, zunächst Polen und Tschechen, dann Russen, die die Konzentrationslager füllten. Bei Kriegsende machte der Anteil der deutschen und österreichischen Häftlinge in den KZ-Lagern kaum noch mehr als fünf bis zehn Prozent aus. Die Nationalitätenstruktur und -hierarchie erhielten für die Überlebensbedingungen in den Lagern eine zunehmend stärkere Bedeutung. Etwa 400 000 KZ-Häftlinge arbeiteten im Sommer 1944 in der Rüstungsindustrie. Zunächst hatte die SS-Führung den Plan, die Produktion in die Konzentrationslager zu holen, aber rasch setzte sich mehr und mehr die Auslagerung von KZ-Häftlingen in die Betriebe durch. Dadurch entstand an zahlreichen Produktionsstandorten überall in Deutschland eine wachsende Zahl von KZ-Außenlagern, die von SS-Kommandos bewacht wurden. Die Häftlinge litten unter extrem schlechten Versorgungsbedingungen, die Sterblichkeitsrate war enorm hoch.

Zwangsarbeiter in der deutschen Wirtschaft 1941-1944 (Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig)

Arbeitskräfte in Deutschland 1939-1944 (Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig)

Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen

[...] Als die ersten Konzentrationslager errichtet wurden, spielten sie ökonomisch eine untergeordnete Rolle. Zwar wurden Gefangene zur Erhaltung und zum Betrieb der Lager herangezogen. Die Arbeiten, zu denen die Häftlinge zwangsverpflichtet wurden, dienten jedoch vornehmlich dazu, deren Widerstand zu brechen. [...] Bis Kriegsende blieb der Arbeitseinsatz immer auch ein Mittel, um die Gefangenen zu terrorisieren. Die SS erkannte jedoch frühzeitig, dass KZ-Gefangene auch produktiv eingesetzt werden konnten. [...]



Zwangsarbeit


Ohne den Einsatz von Millionen Zwangsarbeitern wäre die deutsche Rüstungswirtschaft nicht in der Lage gewesen, den Krieg bis 1945 fortzusetzen. Die Wehrmacht war gezwungen, die männlichen Jahrgänge stark zu mustern, um Soldaten zu gewinnen, und konnte nur einer Minderheit erlauben, als Industriearbeiter in kriegswichtigen Betrieben für den Wehrdienst unabkömmlich zu sein. Wer Soldat wurde, fehlte in der Wirtschaft, deren Produktionskapazität wiederum entscheidend zum Krieg beitrug. Zur vollen Mobilisierung von Frauen für die Produktion mochte sich die NS-Führung aus ideologischen Gründen nicht entschließen. Daher versuchte das Regime mit aller Kraft, aus den besetzten Gebieten Arbeitskräfte zu bekommen – aus freien Stücken oder mit Gewalt.

Aus Polen wurden gleich 1939 Arbeitskräfte geworben, die zunächst noch freiwillig nach Deutschland kamen, ganz in der Tradition der Saisonarbeit. Als aber bekannt wurde, welchen Verhältnissen die polnischen Arbeiter im Reich ausgesetzt waren, versiegte der freiwillige Zustrom rasch, und die deutschen Behörden setzten allein auf Zwang und Gewalt. Im April 1940 ordnete die Besatzungsverwaltung des Generalgouvernements die Arbeitspflicht in Deutschland für alle Jahrgänge zwischen 1915 und 1925 an. Rund 700 000 Polen arbeiteten im Frühjahr 1940 in Deutschland, vornehmlich auf dem Land. Zu dieser Zeit kamen britische und vor allem französische Kriegsgefangene hinzu: Ende des Jahres arbeiteten rund 1,2 Millionen Kriegsgefangene ebenfalls überwiegend in der Landwirtschaft, aber auch im Baugewerbe. Damit waren zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Prozent aller im Reich beschäftigten Arbeitskräfte Ausländer. Zusätzlich bemühten sich die deutschen Arbeitsämter, im westeuropäischen Ausland, in Holland, Belgien, Frankreich und Italien, Arbeiter anzuwerben. Formal waren diese Zivilarbeiter den Deutschen gleichgestellt, in der Praxis sah dies jedoch anders aus. Die deutschen Versprechungen erwiesen sich als falsch, und die hohen Erwartungen, mit denen diese ausländischen Arbeiter ins Reich kamen, wurden vielfach enttäuscht.

Das Arbeitskräfteproblem verschärfte sich immens, als Ende 1941 deutlich wurde, dass der "Blitzkrieg“ gegen die Sowjetunion gescheitert war und man sich auf einen langen Krieg würde einrichten müssen. Damit zerstob die Illusion, die deutschen Soldaten rasch wieder in die Produktion zurückbringen zu können. Stattdessen wurden dringend große Mengen von Arbeitern gebraucht, und die NS-Führung sah sich genötigt, eine Kehrtwendung zu vollziehen. Nachdem sie zuvor bewusst den Tod von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener geplant und herbeigeführt hatte, galt es nunmehr, wie es in einer Weisung des OKW vom 31. Oktober 1941 hieß, "die Arbeitskraft der russischen Kriegsgefangenen durch ihren Großeinsatz für die Bedürfnisse der Kriegswirtschaft weitgehend auszunutzen“. Im März 1942 ernannte Hitler den thüringischen Gauleiter Fritz Sauckel zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz. Für die meisten der sowjetischen Kriegsgefangenen kam die Umorientierung der NS-Führung jedoch zu spät.

Von nun an versuchten die deutschen Behörden in den sowjetischen Gebieten, Polizei und Wehrmacht, mit Versprechungen, administrativem Druck und nicht zuletzt durch gewaltsame Zwangsaushebungen, die sich zu regelrechten Menschenjagden entwickeln konnten, Arbeiter für die deutsche Kriegswirtschaft zu rekrutieren. Ende 1942 arbeiteten etwa 4,6 Millionen Ausländer im Deutschen Reich, im September 1944 waren es 5,9 Millionen, darunter knapp zwei Millionen Frauen. Russen stellten mit über 2,1 Millionen den größten Anteil dar. Damit war etwa jeder zweite Beschäftigte in der Landwirtschaft ein Ausländer, darunter vor allem Polen, aber auch Russen und Franzosen. Im Bergbau sowie im Metall- und Baubereich stellten die ausländischen Arbeiter ein Drittel; insgesamt betrug ihr Anteil mehr als 26 Prozent.

Als 16-jähriger wurde Stanislaw Masny verhaftet und zur Zwangsarbeit deportiert. Er schrieb im Jahr 2005 seine Erinnerungen an das Jahr 1944 nieder.

„Das Pech wollte es, dass ich an dem für mich tragischen Freitag, dem 19. Mai 1944, […] in den Paderewski-Park fuhr, um mich ein bisschen vom alltäglichen Tumult zu erholen. Ich setzte mich gemütlich auf eine hinter Büschen versteckte Bank […]. Nach knapp zwanzig Minuten hörte ich Schüsse und Gebrüll in deutscher Sprache. Schnell wurde mein verborgener Platz in den Büschen entdeckt, und mit Tritten und Schlägen mit dem Gewehrkolben trieb man mich zum Tor auf der Seite des Rondo Waszyngtona. Dort teilten die Gendarmen die Leute ein. Unter den Zusammengetriebenen sah ich einen Kameraden aus der Berufsschule. Wir hatten die gleichen Dokumente: Kennkarten, Schulbescheinigungen und Bescheinigungen, dass wir ein Berufspraktikum in der deutschen Fabrik ‚Brunnwerke‘ absolvieren. Wir machten aus, dass, falls einer von uns freigelassen wird, er die Eltern des anderen informiert. Und so kam es. Ihn schickten sie zu der Gruppe, die freigelassen wurde, und mich luden sie zusammen mit den anderen Festgehaltenen auf Lastwagen und brachten uns in die Skaryszewska-Straße. […] Die Skaryszewska-Straße war allen Warschauern bekannt, weil die Deutschen in einem Gebäude, das vor dem Krieg eine Schule gewesen war, einen Sammelpunkt organisierten. Hier wurde die Abfahrt der Transporte zur Zwangsarbeit nach Deutschland organisiert. […] Am Dienstag, dem 23. Mai, lud man uns auf Autos und brachte uns zum Ostbahnhof.“
Im Reich unterstanden diese Arbeiter einem drakonischen Zwangsregiment, und das Reichssicherheitshauptamt war sehr bestrebt, von der Justiz die Strafgewalt über die ausländischen Arbeiter zu erhalten. Im September 1942 traf Himmler mit dem neu ernannten Justizminister Otto Georg Thierack zusammen, um das Verhältnis zwischen SS und Justiz neu zu bestimmen. Beide kamen rasch überein, dass "nicht genügende Justizurteile durch polizeiliche Sonderbehandlung [...] korrigiert“ werden sollten. Außerdem sollten sämtliche "asozialen Elemente“ – wörtlich wurden genannt: "Juden, Zigeuner, Russen und Ukrainer, Polen über 3 Jahren Strafe, Tschechen oder Deutsche über 8 Jahren Strafe“ – an die SS zwecks "Vernichtung durch Arbeit“ übergeben werden. Am 5. November 1942 teilte das RSHA in einem Runderlass mit, dass "die Justiz auf die Durchführung ordentlicher Strafverfahren gegen Polen und Angehörige der Ostvölker verzichtet“ habe und diese "fremdvölkischen Personen“ ebenso wie "Juden und Zigeuner“ zukünftig an die Polizei abgeben würden – eine Vereinbarung, die von Hitler selbst gebilligt worden sei. Mit der Begründung, diese ausländischen Arbeiter seien "fremdvölkische und rassisch minderwertige Menschen“, von denen "für die deutsche Volksordnung erhebliche Gefahrenmomente“ ausgingen und deren Taten "nicht unter dem Gesichtswinkel der justizmäßigen Sühne, sondern unter dem Gesichtswinkel der polizeilichen Gefahrenabwehr“ zu betrachten seien, wurden Millionen von Menschen der Möglichkeit beraubt, sich vor einem Gericht gegen Beschuldigungen zu wehren, und sie waren wehrlos der Willkür der Polizei ausgeliefert. "Arbeitsbummelei“ – so nannten die deutschen Behörden mangelnde Arbeitsleistung von Ausländern – stellte das weitaus am meisten verbreitete Delikt dar und wurde mit einer ganzen Bandbreite von Strafen, von der Rationskürzung über Arrest, Prügel bis zur Einweisung in ein "Arbeitserziehungs-" oder gar Konzentrationslager, geahndet. In den späteren Kriegsjahren hatte die Gestapo überwiegend mit der Verfolgung und Bestrafung von ausländischen Arbeitern zu tun. Die Lebensbedingungen waren vor allem für die "Ostarbeiter“ katastrophal. Sie wurden wie Arbeitssklaven gehalten, zu Anfang in stacheldrahtumzäunten Lagern, die oftmals nicht mehr als notdürftige Hütten oder gar Erdlöcher darstellten. Zwar wurden Stacheldraht und Bewachung 1942 wieder abgeschafft, weil die Betriebe und die Behörden damit überfordert waren, eine reale Fluchtchance besaßen die Zwangsarbeiter aber ohnehin nicht. Zu essen gab es dünne Suppen, sogenanntes Russenbrot aus Roggenschrot, Zuckerrübenschnitzeln, Zellmehl und Laub, Kartoffeln und Kohlrüben. Die Kleidung war zerschlissen und im Winter viel zu dünn; von einer ärztlichen Versorgung konnte nicht die Rede sein – und das alles bei vielen Stunden schwerer Arbeit am Tag. Erst als auch die NS-Führung an dem logischen Zusammenhang von ausreichender Ernährung und Arbeitsleistung nicht mehr vorbeikam, wurden ab Mitte 1944 die Rationen erhöht.

Tauschgeschäfte und Schwarzhandel waren für die Zwangsarbeiter überlebenswichtig, und es gab trotz zahlreicher Erlasse zum "verbotenen Umgang“ eine Vielzahl von Kontakten mit deutschen Arbeitern im Betrieb, um Lebensmittel, Kleidungsstücke oder sonstige Dinge zu erlangen. Wie verbreitet diese Alltagsbeziehungen waren, zeigt die Tatsache, dass nahezu drei Viertel aller politischen Urteile in den Jahren 1940/41 den "verbotenen Umgang mit Ausländern und Kriegsgefangenen“ betrafen. Oftmals verhängten die Gerichte hohe Strafen für Bagatellvorfälle. Im Frühjahr 1942 wurde zum Beispiel ein Arbeiter bei Krupp von einem Kollegen denunziert: Er habe einem französischen Kriegsgefangenen zweimal seine Tabaksdose gereicht, damit der sich eine Zigarette drehen könne. Dafür wurde er zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Besonders hart wurden sexuelle Beziehungen geahndet. Die ausländischen Arbeiter wurden in der Regel mit dem Tod bestraft und zur Abschreckung vor den Augen der übrigen Arbeiter in den Lagern gehängt; die Frauen wurden unter dem Vorwurf, die "deutsche Ehre besudelt“ zu haben, beschimpft und misshandelt, öffentlich gedemütigt und in ein Konzentrationslager gebracht.


Kriegsende


Der Krieg war durch den japanischen Angriff auf die amerikanische Marinebasis Pearl Harbor auf Hawaii am 7. Dezember 1941, dem vier Tage später die Kriegserklärungen Deutschlands und Italiens an die USA folgten, zum Weltkrieg geworden. Der Rüstungsproduktion Deutschlands und der mit ihm verbündeten Mächte stand zu diesem Zeitpunkt auf Seiten der Alliierten bereits die doppelte kriegswirtschaftliche Kapazität gegenüber. Und das ökonomische Potenzial der USA war damit noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Die deutsche Führung versuchte intensiv, durch Mobilisierung aller Kräfte, den Abstand zu verringern. Als am 8. Februar 1942 der bisherige Minister für Bewaffnung und Munition, Fritz Todt, bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam, ernannte Hitler Albert Speer zu dessen Nachfolger. Speer führte die von Todt begonnene Rationalisierung der Rüstungsproduktion weiter, setzte eine "Zentrale Planung“ ein, die Rohstoffe und Transportkapazitäten verteilte, überwand die verschiedenen rivalisierenden Instanzen und erzielte noch einmal beachtliche Produktionszahlen, die dennoch nie an die amerikanischen heranreichen konnten. Die Kehrseite des Erfolgs bestand in der rücksichtslosen, mörderischen Ausbeutung von KZ-Häftlingen als Arbeitskräfte.

Der Versuch, 1942 im Osten wieder die militärische Initiative zu ergreifen und die südrussischen Ölfelder zu erobern, endete mit der Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad. Deren Kapitulation im Januar 1943 bedeutete nicht die militärische Wende des Krieges – schon nach dem Scheitern des "Blitzkrieges“ vor Moskau im Dezember 1941 war ein Sieg nicht mehr zu erringen gewesen –, aber die dramatischen Umstände dieser Niederlage hinterließen in Deutschland den tiefen Eindruck, dass der Krieg nun unwiederbringlich verloren sei. "Stalingrad“ bildete die deutliche Zäsur im Bewusstsein der Deutschen; von nun an ging es nicht mehr dem Sieg als vielmehr dem Ende entgegen. Es war kennzeichnend, dass von Hitler nach der Niederlage kein einziges öffentliches Wort zu hören war und Göring sich durch eine fade Durchhalte-Rede öffentlich eher blamierte. Goebbels musste alle seine Künste aufbringen, um mit seiner Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar noch einmal die Emotionen im Land aufzuputschen. Letztere verglühten aber, wie die SD-Berichte meldeten, rasch wieder. Der Höhepunkt der Loyalität war überschritten, die Niederlage vor Stalingrad, vor allem aber die Bombardierungen der Städte hatten die Verwundbarkeit des NS-Regimes gezeigt, dessen Nimbus des ewigen Erfolgs nun zerbrach.

Tagebuchauszug der Journalistin Ursula von Kardorff vom 25. Januar 1943:

„Groteskes Leben: Abgründe der Trauer, und dann wieder stundenweise so, als gäbe es ein friedliches Dasein, in dem unsere Bequemlichkeit wichtig ist. Zugleich vollzieht sich in Stalingrad etwas Unbeschreibliches. Radio und Zeitung tun das Ihre mit einem Trommelfeuer der Stalingrader Leiden. Eine Tragödie, die bereits wieder als Propaganda frisiert wird. Schließung aller Bars und Luxusläden, dazu Frauendienstverpflichtung als Gesetz. Sie sollen genauso eingezogen werden wie die Männer. Das wird die Stalingrader Strategie auch nicht wieder gutmachen. Es ist grotesk. In der Redaktion allgemeine Hysterie, weil dauernd andere Befehle aus dem Promi [Propagandaministerium] kommen. Alle blaß, nervös, mager und verzweifelt.“
Im November 1942 waren amerikanische und britische Truppen in Nordafrika gelandet, im Mai 1943 musste die Heeresgruppe Afrika nach schweren Niederlagen kapitulieren, am 10. Juli landeten amerikanische und britische Truppen auf Sizilien, was zum Sturz des "Duce“ Benito Mussolini wenige Tage später führte. König Viktor Emanuel ließ ihn am 25. Juli verhaften und ernannte Marschall Pietro Badoglio zum Ministerpräsidenten. Am 8. September 1943 vereinbarte Italien mit den Westalliierten einen Waffenstillstand. Die deutsche Seite reagierte mit der Besetzung Mittel- und Oberitaliens einschließlich Roms. Nach der spektakulären Befreiung Mussolinis durch ein deutsches Kommandounternehmen wurde im Norden Italiens eine faschistische Marionettenregierung, die Repubblica Sociale Italiana (R.S.I.), gegründet. Unter tatkräftiger Mithilfe der R.S.I.-Milizen wurden, in Rom unter den Augen des Vatikans, die bisher verschont gebliebenen italienischen Juden nach Auschwitz deportiert. Die italienische Armee wurde entwaffnet, über 600 000 italienische Soldaten nach Deutschland als Zwangsarbeiter verschleppt.

Gegen die erstarkende Partisanenbewegung in Italien ging die deutsche Besatzungsmacht mit großer Brutalität vor. Als "Vergeltung“ für Angriffe auf deutsche Soldaten verübten Wehrmachtseinheiten wie SS- bzw. SD-Kommandos Massaker unter italienischen Zivilisten. Doch auch der Terror gegen die Zivilbevölkerung konnte den Sieg der Alliierten nicht aufhalten. Im Laufe des Jahres 1944 wurden Rom und Florenz befreit, Ende April 1945 kapitulierten die in Italien stationierten deutschen Wehrmachtsverbände vor den Alliierten.

Im Westen veränderte die Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 die militärische Lage entscheidend. Der Vormarsch der überlegenen amerikanischen und britischen Truppen war nicht zu stoppen. Der Versuch einer Offiziersgruppe um Claus Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944, mit einem Attentat auf Hitler den Krieg zu beenden, scheiterte. Die ausgeklügelte "Operation Walküre“, die versuchte, einen Notfallplan, demzufolge die Wehrmacht nach einem Anschlag auf die Führung des Landes die Macht übernehmen sollte, in einen Staatsstreich umzukehren, wäre womöglich geglückt, wenn das Attentat erfolgreich gewesen und Hitler umgekommen wäre. In Paris setzten Wehrmachtseinheiten die dortige SS-Führung für mehrere Stunden fest. Während Stauffenberg aus Ostpreußen nach Berlin flog, um die Kommandogewalt dort zu übernehmen, verloren die Verschwörer in der Zentrale im Reichskriegsministerium viel Zeit. NS-loyale Militäreinheiten übernahmen im Laufe des Abends wieder die Gewalt in der Reichshauptstadt; die Offiziere um Stauffenberg wurden noch in der Nacht im Hof des Bendler-Blocks erschossen. In der nachfolgenden Verhaftungs- und Verfolgungswelle ging die NS-Führung mit aller Rachsucht gegen die Verschwörer und deren Familien vor. Wäre das Attentat geglückt, hätten durch eine Kapitulation Deutschlands zu diesem Zeitpunkt Millionen von Menschenleben gerettet werden können. Auf deutscher Seite starben in den folgenden Kriegsmonaten noch einmal etwa 2,4 Millionen Soldaten, nahezu die Hälfte aller im ganzen Krieg Gefallenen.

An der Ostfront ging die sowjetische Armee im Sommer 1944 zur Offensive über, die zum Zusammenbruch der gesamten Heeresgruppe Mitte führte. Allein in den Monaten Juni bis August 1944 fielen in den Rückzugskämpfen im Westen wie im Osten über 746 000 deutsche Soldaten. Im Herbst rechtfertigte Himmler, der nach dem Juli-Attentat 1944 zum Befehlshaber des Ersatzheeres ernannt worden war, die Einberufung des Jahrgangs 1928, das heißt von Sechzehnjährigen, mit den Worten: "Es ist besser, es stirbt ein junger Jahrgang, und das Volk wird gerettet, als dass ich den jungen Jahrgang schone und ein ganzes 80-90 Millionenvolk stirbt aus.“

Im Januar 1945 überschritt die Rote Armee die deutsche Reichsgrenze und setzte mit sechs Millionen Soldaten zum Angriff an, dem die deutsche Wehrmacht mit zwei Millionen Soldaten mit ungenügender Ausbildung, unzureichender Ausrüstung und keinerlei Reserven kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Am 31. Januar erreichten die Verbände unter Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow Küstrin an der Oder, während zum gleichen Zeitpunkt sowjetische Truppen Oberschlesien besetzten. Wenige Tage zuvor, am 27. Januar, waren die überlebenden Häftlinge in Auschwitz von der Roten Armee befreit worden.

Millionen von Menschen flüchteten vor den herannahenden sowjetischen Truppen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Nicht bloß die nationalsozialistische Propaganda, die ein Schreckensszenario von den Grausamkeiten des bolschewistischen Feindes gezeichnet hatte, war Auslöser für den heillosen Schrecken unter der Zivilbevölkerung. Auch die entfesselte Soldateska selbst, die Erschießungen, Massenvergewaltigungen, Plünderungen und Deportationen zur Zwangsarbeit lösten panikartige Fluchten aus. Die Brutalität des Vernichtungskrieges, den die Deutschen geführt hatten, schlug jetzt auf Deutschland zurück.

Die Flüchtenden waren weitgehend auf sich allein gestellt, weil die nationalsozialistischen Funktionäre im Osten Deutschlands zwar bis zum Schluss Durchhalteparolen ausgaben, aber keinerlei Evakuierungsmaßnahmen vorbereiteten und, als die Rote Armee herannahte, die ihnen anvertraute Zivilbevölkerung im Stich ließen. Zudem hatte das Militär Vorrang. "Die Trecks müssen von den Straßen herunter“, hieß es in den Wehrmachtsbefehlen, und noch Ende Januar hatten Hitler und der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Karl Dönitz vereinbart, dass Flüchtlingstransporte über die Ostsee nur durchzuführen seien, wenn das Heranbringen von deutschen Truppen dadurch nicht behindert werde. Dass dennoch etwa 900 000 Flüchtlinge und 350 000 verwundete deutsche Soldaten im Frühjahr 1945 mit Schiffen in Sicherheit gebracht werden konnten, ist vor allem den Marineoffizieren vor Ort zu verdanken.

Das Vorrücken der Roten Armee bewirkte auch, dass die SS die Konzentrationslager im Osten auflöste und die Gefangenen in entsetzlichen Fußmärschen in die westlicher gelegenen Lager brachte. Hunderttausende waren unterwegs durch das vom Krieg gezeichnete Deutschland; allein aus dem KZ Auschwitz wurden Mitte Januar etwa 67 000 Menschen in Marsch gesetzt. Diese "Todesmärsche“ erfolgten bei Eis und Schnee, ohne ausreichende Verpflegung, oftmals ohne Pause und führten in aller Öffentlichkeit durch die Ortschaften.

Zehntausende, die nicht mithalten konnten, wurden von den SS-Wachmannschaften erschossen oder starben unterwegs an Erschöpfung. Aber auch deutsche Zivilisten beteiligten sich an den Gewalttaten. Als ein Trupp mit etwa 3000 überwiegend jüdischen Frauen aus dem KZ Stutthof bei Danzig – 2000 Menschen waren schon in den Tagen zuvor auf dem Weg getötet worden – Ende Januar den kleinen ostpreußischen Ort Palmnicken an der Ostsee erreichte, verhinderte ein beherzter Ortskommandant zunächst, dass die Frauen unmittelbar in einen Bergwerksstollen gejagt und dort bei lebendigem Leib eingemauert wurden. Stattdessen aber trieben die Männer des SS-Begleitkommandos, Gestapoangehörige und örtliche Nationalsozialisten, darunter etliche HJ-Jugendliche, die erschöpften Frauen in die eisige Ostsee, erschlugen oder erschossen sie. Nur 14 Frauen und zwei Männer überlebten das Massaker am Bernsteinstrand. Über die Gesamtzahl der bei den "Todesmärschen“ Ermordeten liegen nur Schätzungen vor, die zwischen 200 000 bis 350 000 der gegen Kriegsende noch inhaftierten über 700 000 KZ-Häftlinge schwanken.

Das nationalsozialistische Herrschaftssystem löste sich zunehmend auf. Die zentralen Behörden und Ministerien in Berlin waren entweder evakuiert oder besaßen nur noch eingeschränkten Kontakt zu den regionalen Dienststellen. Im Reich errichteten die örtlichen Gestapostellen ein Schreckensregiment und führten Massenerschießungen von Gefangenen durch. Mobile Standgerichte fällten reihenweise Todesurteile gegen Menschen, die, um ihre Stadt, ihre Gemeinde vor der Zerstörung zu retten, den sinnlosen Kampf beenden wollten. Während noch ein "Volkssturm“ aus alten Männern und Jugendlichen für eine völlig aussichtslose Verteidigung aufgeboten wurde, ließen die NS-Verantwortlichen ihre Stellungen im Stich und versuchten, mit ihrem geraubten Hab und Gut zu flüchten.

Am 11. April 1945 erreichten amerikanisch-britische Truppen die Elbe, am 18. eroberten sie Magdeburg, einen Tag später Leipzig, am 20. April wurde Nürnberg eingenommen, zwei Tage danach marschierten französische Truppen in Stuttgart ein. Am 16. April hatte der sowjetische Großangriff auf Berlin begonnen, am 25. April schloss sich der Ring um die Hauptstadt, am selben Tag trafen amerikanische und sowjetische Truppen bei Torgau an der Elbe zusammen. Die meisten Spitzen des NS-Regimes wie Göring, Speer oder Ribbentrop hatten bereits am Abend von Hitlers 56. Geburtstag am 20. April Berlin verlassen. Zehn Tage später nahm sich Hitler in seinem unterirdischen Bunker unter der von Speer erbauten pompösen Reichskanzlei, die die Größe der NS-Herrschaft zeigen sollte, das Leben. Ebenso tötete das Ehepaar Goebbels erst die eigenen sechs Kinder und dann sich selbst.

Am 2. Mai 1945 kapitulierte Berlin, fünf Tage später unterschrieb Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier General Dwight D. Eisenhowers in Reims die Gesamtkapitulation der Wehrmacht; tags darauf, am 8. Mai, wiederholten Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und andere Generäle im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst den Kapitulationsakt. Die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, die Millionen Menschen in Europa den Tod gebracht hatte, war zu Ende.

Rede von Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast vom 18. Februar 1943

[...] „Das im Nationalsozialismus erzogene, geschulte und disziplinierte deutsche Volk kann die volle Wahrheit vertragen.

Befehlsverweigerung in Italien

[...] Bis Sommer 1943 waren Adolf Hitler und Italiens Diktator Benito Mussolini Verbündete.

Von Siegesgewissheit zu Ernüchterung – aus deutschen Soldatenbriefen

Auszüge aus Feldpostbriefen deutscher Soldaten 1941 bis 1943

Todesmarsch

„[E]ines Morgens im Januar 1945 [wurden wir] von Lautsprecherbefehlen geweckt. In jenem groben deutschen Kommandoton, an den ich mich nie gewöhnen konnte, hieß es: „Das Lager wird geräumt!“ Wir mussten uns mit unseren Decken und anderen Habseligkeiten vor der Baracke in Reih und Glied aufstellen. [...] Als Nächstes wurde uns befohlen, durch das Haupttor von Birkenau zu marschieren. Auf der Straße vor dem Tor hatten sich bereits Tausende von Lagerinsassen in Reihen aufgestellt, immer etwa acht oder zehn Leute nebeneinander. [...] Es war eiskalt, und ein schneidender Wind fuhr durch unsere dünnen Kleider. Als wir Aufstellung genommen hatten und auf den Abmarsch warteten, bekamen wir eine Laib Schwarzbrot zugeworfen. Dann kam der Befehl: ‚Vorwärts, marsch!‘ Der Todestransport von Auschwitz hatte begonnen. [...]

Michael Wildt

Michael Wildt

Michael Wildt ist gelernter Buchhändler und arbeitete von 1976 bis 1979 im Rowohlt-Verlag. Anschließend studierte er von 1979 bis 1985 Geschichte, Soziologie, Kulturwissenschaften und Theologie an der Universität Hamburg. 1991 schloss er seine Promotion zum Thema „Auf dem Weg in die ‚Konsumgesellschaft‘. Studien über Konsum und Essen in Westdeutschland 1949-1963“ ab und war anschließend Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. Von 1997 bis 2009 arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und habilitierte 2001 mit einer Studie über das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Seit 2009 ist er Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt in der Zeit des Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Seine Forschungsschwerpunkte sind Nationalsozialismus, Holocaust, Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und soziale wie politische Ordnungsvorstellungen in der Moderne.

Kontakt: mailto:michael.wildt@geschichte.hu-berlin.de«

Peter Krumeich, Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Wildt, hat an der inhaltlichen Entwicklung des Heftes mitgewirkt und insbesondere in Abstimmung mit der Redaktion die Bildrecherche für dieses Heft übernommen.


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