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9.5.2014

Prolog

In der Rückschau zeigt sich, dass der Erste und der Zweite Weltkrieg eng miteinander verbunden sind, sie weisen aber auch Unterschiede auf. Der Krieg der Jahre 1914 bis 1918 war ein anderer Krieg als der der Jahre 1939 bis 1945.

Zwei Weltkriege und ihre Folgen prägen das 20. Jahrhundert. Schlachten, wie diese am 10. November 1914 bei Langemarck in Belgien, werden bereits während des Krieges ideologisch überhöht und propagandistisch instrumentalisiert. Aquarell von Rudolf Diederich, 1925 (© Rudolf Diederich)


Es begann 1914: Ein Krieg ungeahnten Ausmaßes, hochgerüstete Industrienationen schickten sich an, ihre Gegner in einem Meer aus Waffen und Soldaten zu erdrücken. Sie hinterließen ein "Menschenschlachthaus", mit mehr als zehn Millionen Toten, weite Landstriche in Europa, Asien und Afrika wurden verwüstet. Und doch löste dieser Krieg keines der Probleme, derentwegen die Heere in den heißen Sommertagen 1914 in die Schlacht gezogen waren. Im Gegenteil: Als die Waffen schwiegen, saß der Hass der Völker und Nationen aufeinander tiefer denn je. Die Verlierer sannen auf Rache, und manche Sieger glaubten, nicht genug erreicht zu haben. Die Welt kam nicht zur Ruhe. Revolutionen waren ausgebrochen, Monarchien waren gestürzt, Grenzen neu gezogen worden, gerade gegründete Republiken rangen um Stabilität.

Nur 25 Jahre nach dem Ersten begann der Zweite Weltkrieg. Nie zuvor und nie danach hat die Menschheit einen derart totalen Krieg geführt. Noch mehr Tote, noch mehr Verbrechen, noch mehr Verwüstung. Flucht und Vertreibungen von Millionen Menschen in Europa und Asien – die größte Völkerwanderung der Geschichte. Nach 1945 löst der Kalte den heißen Krieg ab. Erst 1990/91 wird auch dieser beendet.
Ohne den Ersten hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, beide Konflikte sind eng miteinander verzahnt. Jene Politiker und Generäle, die zwischen 1939 und 1945 an den Schaltstellen der Macht saßen, waren vom Ersten Weltkrieg und seinen Folgen tief geprägt: Hitler, Churchill, Roosevelt, de Gaulle – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Aber auch bei den ganz normalen Bürgern hatte der Weltenbrand tiefe Spuren hinterlassen. Der Siegeszug der Bolschewiki in Russland, der Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus in Italien und Deutschland waren eine Folge davon.

War die Zeit von 1914 bis 1945 also in Wirklichkeit ein einziger großer Konflikt, unterbrochen nur von kurzen Pausen? Ein zweiter dreißigjähriger Krieg so wie der von 1618 bis 1648? Ausgetragen von denselben Kontrahenten, um derselben Ziele wegen? Doch diese These lässt sich so nicht aufrechterhalten: So eng die Weltkriege miteinander verbunden waren, so unterschiedlich waren sie auch. Hitlers Plan zur Neuordnung Europas mit der Ermordung der Juden und der Versklavung zahlreicher Völkerschaften war in seiner monströsen Radikalität im Ersten Weltkrieg schlicht nicht vorstellbar. Gewiss gab es auch damals Verbrechen und Verwüstung – man denke nur an den Massenmord an den Armeniern. Und doch kämpften die Monarchen der Jahre 1914 bis 1918 einen anderen Krieg als die Diktatoren der Jahre 1939 bis 1945. Das internationale Mächtesystem sollte nach dem Willen der Kontrahenten des Ersten Weltkrieges weitgehend erhalten bleiben. Zudem: Die Zeit von 1919 bis 1939 war nicht bloß eine Zwischenkriegszeit. Der Frieden hatte in dieser Zeitspanne eine Chance. Es war keinesfalls sicher, dass es zu einem erneuten globalen Krieg kommen würde. Man sollte Geschichte daher nicht vom Ende her betrachten, sondern vom Anfang. 1914 war die Zukunft offen, es gab viele Möglichkeiten, wie sie hätte verlaufen können.

Um den Gemeinsamkeiten, Verbindungen aber auch Unterschieden gleichermaßen gerecht zu werden, wird hier vom Zeitalter der Weltkriege gesprochen, nicht vom "zweiten dreißigjährigen Krieg". Es wird beschrieben, wie alles begann und wie die Kriege endeten. Die Dimensionen der Totalität und der Globalität kommen ebenso zur Sprache wie die Frage, welchen Stellenwert diese Zeit heute in unserer Erinnerung hat.

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel ist Professor für International History an der London School of Economics and Political Science (LSE). Er studierte in Mainz Geschichte, Publizistik und Politikwissenschaft, wurde dort 1994 promoviert und 1998 habilitiert. Anschließend lehrte er an den Universitäten Mainz, Karlsruhe, Bern und Saarbrücken, bevor er 2011 auf den Lehrstuhl für Modern History an der University of Glasgow berufen wurde. Seit September 2012 lehrt und forscht er an der LSE.
Einem breiteren Publikum wurde er durch sein Buch "Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft, 1942-1945" bekannt, das 2005 erschien.
Seine Forschungsschwerpunkte sind Militärgeschichte und die Geschichte der Internationalen Beziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Kontakt: s.neitzel@lse.ac.uk


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