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9.5.2014

Wie die Weltkriege entstanden

Der Erste Weltkrieg war das Ergebnis einer europäischen Krise, an der viele Mächte ihren Anteil hatten. Zu Kriegsbeginn hatten sie meist keine klar formulierten Ziele. Die Krise des internationalen Mächtesystems ermöglichte es dem NS-Regime 1939, seinen Angriffskrieg zu beginnen.

Hinter dem tödlichen Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie am 28. Juni 1914 sieht Wien Serbien und stellt Belgrad ein Ultimatum. Zeichnung von Felix Schwormstedt (© ullstein bild)

Als am Silvesterabend 1899 in London, Berlin und St. Petersburg die Sektkorken knallten, ahnte niemand etwas von Verdun, Stalingrad oder Auschwitz. Die Bürger Europas erwarteten im neuen Jahrhundert kein "Menschenschlachthaus" – das berühmte Buch des Hamburger Reformpädagogen und Schriftstellers Wilhelm Lamszus (1881-1965) mit dem Untertitel "Bilder vom kommenden Krieg" wurde ja auch erst 1912 geschrieben. Um 1900 erlebte Europa in der Hochphase der ersten Globalisierung einen ungeahnten ökonomischen Wohlstand. Hätten die Zeitgenossen am 31. Dezember 1899 die Zukunft voraussagen sollen, sie hätten wohl auf ein kommendes Zeitalter von Wirtschaftskriegen getippt. Ganz so wie der österreichisch-ungarische Außenminister Agenor Graf Goluchowski, der am 20. November 1897 in einer Rede gesagt hatte: "Wie das 16. und 17. Jahrhundert mit den religiösen Kämpfen ausgefüllt waren, wie im 18. Jahrhundert die liberalen Ideen zum Durchbruche kamen, wie das gegenwärtige Jahrhundert durch das Auftauchen der Nationalitäts-Fragen sich charakterisiert, so sagt sich das 20. Jahrhundert für Europa als ein Jahrhundert des Ringens ums Dasein auf handelspolitischem Gebiete an."

Selbst als im Sommer 1914 die Nachricht vom Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand um die Welt ging, dachten die wenigsten daran, dass fünf Wochen später ein Weltkrieg ausbrechen könnte. In Großbritannien war man auf den drohenden Bürgerkrieg zwischen Protestanten und Katholiken in Irland konzentriert, der kaum noch zu verhindern schien. In Paris war alle Aufmerksamkeit auf den Prozess gegen die Frau von Finanzminister Joseph Caillaux gerichtet, die wenige Wochen zuvor in einer spektakulären Aktion einen Enthüllungsjournalisten niedergeschossen hatte. Der europäische Hochadel begab sich Anfang Juli 1914 wie jedes Jahr auf Sommerfrische in die Bäderorte. Und selbst der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn hatte in jenen Tagen nichts Besseres zu tun, als mit Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg über drittrangige verfassungsrechtliche Fragen zu streiten. Etliche Historiker wie Michael Salewski, Holger Afflerbach oder Friedrich Kießling haben aus den vielen Friedensbeteuerungen jener Tage geschlossen, dass der Ausbruch eines großen Krieges im Sommer 1914 ein gänzlich unwahrscheinliches Szenario gewesen sei. Allerdings muss dann ja doch etwas schiefgelaufen sein.

Das Attentat von Sarajevo und die Julikrise



Der Anlass des Ersten Weltkrieges war ein denkbar dilettantisch vorbereitetes Attentat. Als der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 – einem Sonntag – im Verlauf einer Bosnienreise auch Sarajevo einen Besuch abstattete, warteten vier junge Attentäter auf ihn. Nur durch einen unglaublichen Zufall – das Auto des Thronfolgers bog aufgrund eines Verständigungsfehlers falsch ab – gelang es dem 19-jährigen bosnischen Serben Gavrilo Princip zwei Schüsse abzugeben, die Franz Ferdinand und seine Frau Sophie töteten.

In Europa wurde der Anschlag als terroristischer Akt verurteilt, der Österreich-Ungarn das Recht auf Vergeltung gab. In Wien war man davon überzeugt, dass Belgrad für den Mord verantwortlich sei. In der Tat hatte der Chef des serbischen Geheimdienstes, Dragutin Dimitrijevic´-Apis, den Attentätern die Waffen geliefert, und auch der serbische Ministerpräsident Nikola Pašic´ ahnte etwas von den Anschlagsplänen. Für das weitere Vorgehen Wiens war freilich die Haltung des deutschen Bundesgenossen entscheidend. Da ein Angriff auf Serbien die Gefahr eines Krieges mit dessen Schutzmacht Russland heraufbeschwor, musste man sich zunächst der Unterstützung Berlins versichern. Von dort kamen keine Appelle der Mäßigung, im Gegenteil: Sowohl Kaiser Wilhelm II. als auch Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg machten am 5. und 6. Juli 1914 klar, dass es an Österreich-Ungarn liege, zu beurteilen, was geschehen müsse, um das Verhältnis zu Serbien zu klären. Wien könne "hierbei – wie auch immer [die] Entscheidung ausfallen möge – mit Sicherheit darauf rechnen, dass Deutschland als Bundesgenosse und Freund der Monarchie hinter ihr stehe".

Dies war der vielzitierte "Blankoscheck", mit dem Berlin den auf einen lokalen Krieg fixierten Bündnispartner, den man bislang im entscheidenden Moment stets zu bremsen verstanden hatte, losließ. Die Reichsleitung betonte gar, dass ein sofortiges Einschreiten Österreich-Ungarns gegen Serbien die radikalste und beste Lösung sei, zumal die internationale Lage für einen solchen Schritt momentan günstiger scheine als in Zukunft. Wenn nun aber wirklich ein Angriff auf Serbien erfolgte, kam alles darauf an, wie sich das Zarenreich verhielt. Die Entscheidung über Krieg oder Frieden lag somit in Wien und in St. Petersburg, während sich Berlin durch den "Blankoscheck" selbst die direkte Mitwirkungsmöglichkeit entzogen hatte und in der Julikrise erst spät und allzu halbherzig von dieser Haltung abwich. In Wien hatte man es jedoch nicht sonderlich eilig. Zahlreiche Soldaten waren im Ernteurlaub, aus dem man sie nicht ohne großen diplomatischen und volkswirtschaftlichen Schaden zurückrufen konnte. So wurde erst am 23. Juli in Belgrad ein Ultimatum übergeben, das ein Ende anti-österreichischer Propaganda und die Beteiligung österreichischer Behörden "an der Unterdrückung der gegen die territoriale Integrität der Monarchie gerichteten subversiven Bewegungen" sowie an der gerichtlichen Untersuchung des Attentates forderte. Diese Klauseln waren unannehmbar, da sie die Souveränität Serbiens unmittelbar tangierten.

Das Wiener Ultimatum an Belgrad schlug in den europäischen Hauptstädten ein wie eine Bombe. Wenngleich hier und da durchgesickert war, dass harte Forderungen aufgestellt werden würden, begannen die Ministerpräsidenten, Außenminister und Diplomaten nun zu begreifen, dass sich Europa auf einen großen Krieg zubewegte. In der Sommerhitze der Hauptstädte verbreitete sich hektische Betriebsamkeit. In rasender Geschwindigkeit eskalierte in der letzten Juliwoche die Lage. Die serbische Regierung verfasste am 25. Juli ein demutsvolles Antwortschreiben, das Kaiser Wilhelm II. zu der Bemerkung veranlasste, dass noch nie ein Staat so zu Kreuze gekrochen sei und damit der Grund für einen Krieg ja wohl entfallen sei. Da das Ultimatum aber nicht wie gefordert bedingungslos angenommen wurde, brach die Donaumonarchie die diplomatischen Beziehungen ab, machte einen Teil ihrer Truppen mobil und erklärte Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg.

Einen Tag später beschoss die österreichisch-ungarische Artillerie Belgrad, um eine noch immer mögliche friedliche Lösung des Konfliktes zu torpedieren. Ein neuer Balkankrieg war ausgebrochen, seit 1912 der dritte. Noch war es nur ein lokaler Krieg, wie es seit 1815 in Europa viele gegeben hatte. Doch machte das mit Serbien liierte Russland am 30. Juli seine Truppen mobil. Deutschland, das seinen Verbündeten Österreich-Ungarn nicht im Stich lassen wollte, wertete dies als eindeutige Absicht zum Krieg, mobilisierte seinerseits und erklärte Russland am 1. August den Krieg. Es folgte schließlich die Kriegserklärung an das mit dem Zarenreich verbündete Frankreich. Der deutsche Kriegsplan sah zuerst nämlich einen Angriff im Westen vor, um sich nach einem entscheidenden Sieg gen Osten zu wenden. Damit hatte sich der lokale zum kontinentalen Krieg ausgeweitet. Schließlich erklärte das mit Russland und Frankreich verbündete Großbritannien am 4. August Deutschland den Krieg. Offiziell, weil deutsche Truppen mittlerweile auch in Belgien einmarschiert waren. Eigentlich ging es aber darum, in diesem großen Krieg nicht abseits zu stehen und eine deutsche Dominanz auf dem Kontinent zu verhindern. Wenige Tage später folgten dann die Kriegserklärungen der britischen Dominions Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland. Der kontinentale Konflikt war zum Weltkrieg geworden.

Der Balkankonflikt 1912/13

Das Osmanische Reich erstreckte sich am Anfang des 19. Jahrhunderts noch bis weit nach Europa, Nordafrika und den Nahen Osten. Es hatte freilich den Höhepunkt seiner Macht seit langem überschritten, und die machtpolitische Erosion dieses Riesenreiches war seit dem griechischen Aufstand gegen die Türkenherrschaft 1821 auch ein zentrales Problem der europäischen Politik. Gelöst wurde diese sogenannte Orientalische Frage erst mit der Zerschlagung des Osmanischen Reiches und der Reduzierung auf ein türkisches Kerngebiet im Friedensvertrag von Lausanne 1923. Die Zurückdrängung der Osmanen wurde in Europa einerseits begrüßt. Sie warf aber auch zahllose neue Probleme auf, insbesondere auf dem Balkan. Auf dem Berliner Kongress 1878 wurde die Unabhängigkeit Serbiens, Montenegros, Rumäniens und bald darauf auch von Bulgarien anerkannt. Die nationalen Interessen der Balkanvölker spielten für die Großmächte aber auch fortan keine Rolle – ihnen ging es stets nur darum, eigene Machtinteressen zu wahren und die kleinen Balkanstaaten dabei zu instrumentalisieren. Österreich-Ungarn und Russland betrachteten die Region traditionell als ihr Einflussgebiet und gerieten darüber immer wieder in ernsthafte Konflikte.

Erinnerungen an den Kriegsbeginn

Alfred Bauer 1915, aus der Rückschau nach zehn Monaten

Stimmung beim Kriegsbeginn 1914 …

[...] Sonnabend den 1. August. [...] Daß die Kriegserklärung kam, darüber bestand kein Zweifel, man wußte nur nicht, heute oder morgen. [...] [Am Schaufenster der] Redaktion des Osnabrücker Tageblatts [...] wurden die neuesten Telegramme angeschlagen, und die Menschenmenge staute sich davor in Erwartung eines besonderen Ereignisses. Auch meine Blicke hingen wie gebannt an dem Fenster [...] und plötzlich erschienen kurz nach 6 Uhr [...] in handgroßen Buchstaben die kurzen aber inhaltsschweren Worte: "S. M. der Kaiser und König haben die Mobilmachung von Heer und Flotte angeordnet.


Die Schuldfrage

Bereits in den Julitagen 1914 – also noch bevor der erste Schuss gefallen war – stellten sich Zeitgenossen die Frage, wie es zu der folgenschweren Eskalation hatte kommen können. Und vor allem: Wer war der Schuldige? Zunächst zeigte jeder auf den anderen, und die Debatte kam nicht recht voran. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg legte der Hamburger Historiker Fritz Fischer mit zwei Aufsehen erregenden Büchern neue Dokumente vor, die beweisen sollten, dass Deutschland den Krieg geplant und gezielt im Sommer 1914 begonnen habe. Schließlich nahmen Historiker immer mehr Aspekte des Kriegsbeginns unter die Lupe: die Rolle Österreich-Ungarns, dann Frankreichs, Großbritanniens und zuletzt auch Russlands und Serbiens. Hinzu kamen die innenpolitischen Verwerfungen, der Einfluss herausragender Persönlichkeiten, der öffentlichen Meinung oder bestimmter gesellschaftlicher Gruppen.

Heute liegen Studien aller denkbaren methodischen Ausrichtungen zum Kriegsbeginn vor: Diplomatie-, sozial- und kulturgeschichtliche Arbeiten sind darunter ebenso wie Biografien oder Gesellschaftsanalysen. Es gibt Bücher, die die langen Wege in den Ersten Weltkrieg analysieren, ebenso wie solche, die mehr die Ereignisse unmittelbar vor dem Ausbruch im Blick haben. In den vergangenen 100 Jahren ist der Beginn des Ersten Weltkrieges in jeder denkbaren Variante durchdacht und analysiert worden. Der australische Historiker Christopher Clark hat zu Recht bemerkt, dass es mittlerweile mehr Bücher und Aufsätze über den Kriegsbeginn gibt, als ein Mensch in seinem Leben lesen kann. 1990 sollen es bereits über 25000 gewesen sein – mittlerweile dürften einige Tausend hinzugekommen sein. Eine abschließende, unstrittige Erklärung, warum es 1914 zum Weltkrieg kam, hat sich aber noch immer nicht finden lassen.

Der "Kriegsrat" 1912 – Auftakt zum Weltkrieg?

Wilhelm II. hatte ins Berliner Schloss "befohlen": am Sonntag, den 8. Dezember 1912, 11 Uhr. Anwesend waren der Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Großadmiral Alfred von Tirpitz, der Chef des Admiralstabs, Vizeadmiral August von Heeringen, sowie der Chef des Generalstabs, General der Infanterie Helmuth Johannes Ludwig von Moltke (der Jüngere). […]

Die Vielzahl der Forschungen macht deutlich, dass es viele verschiedene Perspektiven auf die Entstehung des Ersten Weltkrieges gibt. Aus deutscher Sicht stellen sich die Dinge anders dar als aus serbischer; aus Sicht deutscher Sozialdemokraten anders als aus Sicht der britischen Liberalen; für Kaiser Wilhelm II. anders als für den russischen Zaren. Sobald man seinen Blickwinkel verändert, ergibt sich eine andere Perspektive. Es gibt also nicht die Geschichte vom Kriegsbeginn, dazu ist das ganze Phänomen zu kompliziert. Doch ist es möglich, einen Schuldigen zu benennen? Fritz Fischer ist es nicht gelungen nachzuweisen, dass Deutschland den Krieg seit 1912 bewusst geplant hat. Allerdings hätte Österreich-Ungarn ohne seinen mächtigen Bündnispartner nie gehandelt. Also ohne den deutschen "Blankoscheck" kein Erster Weltkrieg. Aber auch Russland hätte ohne Frankreich keinen Krieg mit Deutschland riskiert – also ohne die französischen Ermutigungen an St. Petersburg im Juli 1914 kein Erster Weltkrieg. Und Frankreich hätte wohl nicht so agiert, wenn es nicht sicher mit dem Eingreifen Großbritanniens gerechnet hätte. Und wenn Russland und Frankreich ihre Außenpolitik nicht an Serbien gebunden hätten – für das sie sich vor 1912 herzlich wenig interessiert hatten –, hätte der Brandherd auf dem Balkan niemals ganz Europa in Flammen setzen können. Und natürlich hätte die serbische Regierung das Attentat in Sarajevo verhindern können.

Jede der beteiligten Mächte hatte es im Juli 1914 in der Hand, ohne wesentlichen Ansehensverlust die Eskalation der Lage zu verhindern. Und wenngleich niemand einen Weltkrieg wollte, so spielten die Entscheidungsträger in den europäischen Hauptstädten doch mit dem Feuer. Sie waren wohl keine "Sleepwalkers" (engl. für Schlafwandler), wie Christopher Clark meinte, sondern Zocker. In ihrem riskanten Vabanquespiel war der Krieg für sie ein letztes Mittel der Politik.

Der Krieg war also das Ergebnis einer europäischen Krise, deren Ursachen mit dem Hochimperialismus, den sich immer weiter verschlechternden internationalen Beziehungen und schließlich den innenpolitischen und sozialen Krisen weit zurückreichten und an der alle ihren Anteil hatten. Eine besondere Rolle spielten dabei die Entscheidungsträger in den europäischen Hauptstädten – jeweils eine Gruppe von fünf bis zehn Personen (Monarchen, Kanzler, Außen- und Kriegsminister, Generalstabschefs) –, für die der Erhalt des Friedens keine Priorität besaß. Für Männer wie den deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, den österreichisch-ungarischen Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf, den russischen Außenminister Sergej Dmitrievicˇ Sazonov, den französischen Präsidenten Raymond Poincaré oder den britischen Außenminister Edward Grey war Krieg im Sommer 1914 gewiss nicht das einzige, aber doch ein legitimes, teilweise sogar ein wünschenswertes Instrument zur Verbesserung der außenpolitischen Lage. Geradezu fatal wirkte sich aus, dass jeder dem anderen unterstellte, ein Bösewicht zu sein. Niemand von den Entscheidungsträgern war willens, das eigene Handeln kritisch zu reflektieren und sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen. So blieb im Sommer 1914 nichts mehr von dem auf Konsens und Ausgleich angelegten Wiener System übrig, das 1815 nach dem Ende der Napoleonischen Kriege von den Großmächten etabliert worden war. So lautet zumindest eine Lesart, die einen Konflikt rückblickend als sehr wahrscheinlich erachtet.

Andere Interpretationen stellen dem internationalen Mächtesystem am Vorabend des Ersten Weltkrieges hingegen bessere Noten aus. Schließlich habe es 43 Jahre lang einen großen Krieg in Europa verhindert und dem Kontinent damit eine der längsten Friedensperioden seiner Geschichte beschert. Und wenn es im Juli 1914 nicht zum großen Knall gekommen wäre, so argumentieren manche, hätte Europa die Gefahrenzone hinter sich gelassen. Schließlich sei abzusehen gewesen, dass sich das deutsch-britische Verhältnis entspannt und das Verhältnis Großbritanniens und Frankreichs zu Russland merklich abgekühlt hätte. Die Karten wären also neu gemischt worden.

Europäische Bündnissysteme

Den Kern des europäischen Mächtesystems bildeten im 19. Jahrhundert die fünf Großmächte Großbritannien, Frankreich, Preußen-Deutschland, Österreich [seit 1867 Österreich-Ungarn] und Russland. Je nach Situation und Interessenlage gingen sie Allianzen ein, die zeitlich freilich begrenzt waren und deren Konstellationen sich rasch wieder verändern konnten. 1879 schlossen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn den Zweibund ab und gingen damit zum ersten Mal ein langfristiges Bündnis ein, 1882 folgte ein Abkommen der beiden Länder mit dem Königreich Italien (Dreibund), 1894 schlossen Frankreich und Russland eine politisch-militärische Allianz. An den Grundkonstellationen der internationalen Beziehungen änderte dies noch wenig, da es sich um Defensivbündnisse handelte, die nur wirksam wurden, falls ein Partner von einer dritten Partei angegriffen wurde.

Letztlich wissen wir nicht, wie die Geschichte weitergegangen wäre, wenn der Attentäter Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 in Sarajevo danebengeschossen hätte. Die Geschichtsschreibung kann nur Plausibilitäten aufzeigen. Die europäischen Mächte waren im "langen 19. Jahrhundert", also in der Zeit von 1789 bis 1914, vor allem damit beschäftigt gewesen, Krieg in Übersee zu führen und die Welt in Besitz zu nehmen. Als der Globus aufgeteilt war, richtete sich die Aufmerksamkeit ab 1912 wieder auf Europa. Dass es nur zwei Jahre später zum Ersten Weltkrieg kam, kann im Rückblick eigentlich kaum überraschen, denn Krieg war nach wie vor ein akzeptiertes Mittel der Politik. Und wenn von Kriegen die Rede war, dachte niemand mehr an die verheerenden Kämpfe gegen Napoleon 1805 bis 1815, sondern an die kurzen Feldzüge von 1859, 1866 und 1870/71. Und so erschien es doch wahrscheinlich, dass die Spannungen der Großmächte über kurz oder lang zu einem großen Krieg führen konnten.

Situation vor dem Zweiten Weltkrieg



Nur 25 Jahre nach dem Ersten begann der Zweite Weltkrieg. Die eigentliche Wegscheide zwischen der Nachkriegszeit des Ersten und der Vorkriegszeit des Zweiten Weltkrieges war die seit 1929 grassierende Weltwirtschaftskrise. Sie führte zu gewaltigen ökonomischen und auch politischen Umwälzungen, die binnen weniger Jahre die Pariser Friedensordnung von 1919/20 auflösten, die den Ersten Weltkrieg beendet hatte. Mehr als jedes andere Ereignis veränderte die Wirtschaftskrise die Rahmenbedingungen, sodass die gewaltorientierte Expansionspolitik einzelner Staaten erfolgversprechend und die Entfesselung eines neuen großen Krieges möglich wurde. Der enorme Rückgang von Produktion und Welthandel führte zu hoher Arbeitslosigkeit und innenpolitischer Destabilisierung. Die Regierungen hatten keine Erfahrung zur Lösung einer derart einschneidenden Krise und flüchteten in den Protektionismus, also in den Schutz der eigenen Wirtschaft.

National-egoistische Versuche der Krisenbewältigung verringerten die Handlungsspielräume des internationalen Systems und verstärkten vor allem in den USA die Tendenz zum Isolationismus. Man schottete sich vom Ausland ab, hielt sich weitgehend von internationalen Verpflichtungen fern und konzentrierte sich auf die innerstaatlichen Eigeninteressen. Die gleichzeitig wachsende Entfremdung zwischen Paris und London schwächte beide Länder als Garantiemächte der Versailler Ordnung. Den immer schärfer vorgetragenen Revisionswünschen der Staaten, die sich als Verlierer des Ersten Weltkrieges empfanden – allen voran Deutschland, Italien und Japan – konnte man immer weniger entgegensetzen. Opfer dieser Politik waren kleine Staaten wie Österreich, die Tschechoslowakei oder Albanien, nicht selten selbst von Revisionsansprüchen geleitet, die sich auf das System der kollektiven Sicherheit verlassen hatten. Sie erlebten nun dessen Zusammenbruch, wie er sich in der dramatischen Einflusslosigkeit des 1920 gegründeten Völkerbundes und des Scheiterns der Genfer Abrüstungskonferenzen Anfang der 1930er-Jahre ankündigte.

Zwischenstaatliche Übergriffe in Asien, Afrika und Europa

Das erste Opfer der neuen Instabilität war die zu China gehörige Mandschurei, die japanische Truppen im September 1931 besetzten. Dieses Ereignis war nicht zuletzt deshalb von besonderer Bedeutung, weil die chinesischen Proteste gegen die gewaltsame Besetzung eines Gebietes von der Größe der heutigen Türkei ungehört verhallten. Die Ohnmacht des Völkerbundes hätte deutlicher kaum demonstriert werden können.
Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten. Spätestens seit 1935 kam es zu einer spürbaren Verdichtung zwischenstaatlicher Gewalt in Europa, Asien und Afrika. Zu erwähnen sind die Überfälle Italiens auf Abessinien (heute: Äthiopien, siehe auch Seite 14) 1935 und auf Albanien im April 1939, der erneute Angriff Japans auf China 1937 sowie die von deutscher Seite unter Bruch geltender Verträge durchgeführte kampflose Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes (1936), Österreichs (März 1938), des Sudetenlandes (Oktober 1938) und des tschechischen Reststaates (März 1939) (siehe a. Karte III).

Abessinienkrieg 1935/36

Massentod durch entfesselte Kriegsgewalt und Verfolgungsterror, durch die der Soziologe Wolfgang Sofsky das 20. Jahrhundert geprägt sieht, bestimmten auch die Geschichte Äthiopiens während der italienischen Fremdherrschaft. Italienischem Angriffskrieg und Besatzungsregime fielen von 1935 bis 1941 zwischen 350 000 und 760 000 der rund 10 Millionen Abessinier zum Opfer, wobei anzumerken ist, dass sich wegen fehlender statistischer Daten die genaue Opferzahl nie präzise wird ermitteln lassen. […] Tatsächlich wurde das zentrale Hochplateau Äthiopiens seit dem 3. Oktober 1935 zum Schauplatz des ersten kriegsbedingten Massensterbens seit der Gründung des Völkerbunds, dessen Mitgliedstaaten sich feierlich verpflichtet hatten, Konflikte untereinander mit friedlichen Mitteln beizulegen. […]

Von der Rheinlandbesetzung abgesehen, ging es bei all diesen Gewaltakten um mehr als bloße Revisionspolitik. Vielmehr zielten sie darauf ab, dem eigenen Land durch Eroberung kolonialer Ergänzungsräume oder durch Ausweitung des Kernstaates für künftige kriegerische Auseinandersetzungen eine günstige geostrategische Ausgangslage zu verschaffen. Diese Tendenzen schienen den Westmächten umso bedrohlicher, als sich damit eine gefährliche Verknüpfung der Krisenregionen Ostasiens, des Mittelmeerraumes und Mitteleuropas ergab, der die Großmächte Großbritannien und Frankreich immer weniger zu begegnen vermochten.

Schulterschluss der Expansionsmächte

Die Revisions- und Expansionsmächte demonstrierten hingegen immer wieder demonstrativ den Schulterschluss miteinander: Dies gilt für die Achse Berlin – Rom, die sich im Verlaufe des Abessinienkrieges und des Spanischen Bürgerkrieges herausbildete ebenso wie für den Antikomintern-Pakt, der 1936 zunächst zwischen Deutschland und Japan geschlossen und später um Italien und andere Mächte erweitert wurde, sowie für den deutsch-italienischen "Stahlpakt" vom Mai 1939. Obwohl, wie wir heute wissen, diese Abkommen weniger Ausdruck substanzieller politischer Gemeinsamkeiten waren als vielmehr pompöse Propagandafassaden, ergab sich aus dem Zusammenrücken der großen nationalistisch-expansionistischen Diktaturen in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre ein für die liberalen Demokratien Europas zunehmend beängstigendes Szenario. Italien – einst eifrige Kontrollmacht der Pariser Ordnung von 1919/20 – hatte sich auf die Seite Deutschlands gestellt, im Spanischen Bürgerkrieg drohte der Sieg der Faschisten unter Führung General Francisco Francos, und in Südosteuropa gerieten die meist autoritär regierten Klein- und Mittelstaaten immer mehr in den Sog des Deutschen Reiches.

Unterschiede in der Ausgangssituation 1914 und 1939



Die entscheidende Voraussetzung für den Zweiten Weltkrieg war somit ebenfalls eine Krise des internationalen Systems. Doch anders als 1914 gab es Anfang der 1930er-Jahre Großmächte, die vom Wunsch nach Expansion getrieben waren und einen Eroberungskrieg minutiös vorbereiteten. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges hatte es noch nicht einmal konkrete Ziele gegeben. Erst als die ersten Schlachten geschlagen waren, begannen allerorten die Planungen, was man denn überhaupt erreichen wollte. Hierbei gab es gewiss auch radikale Gedankenspiele, in denen mancher bereits eine Neuordnung Europas in Hitler´schen Dimensionen durchexerzierte. Man denke nur an die Schriften des rechtsextremen Alldeutschen Verbandes, einer 1891 gegründeten überparteilichen Bewegung, die radikal nationalistische Ziele verfolgte. Doch solche Vorstellungen waren nicht politikfähig – und zwar nicht nur in Deutschland. Die europäischen Kabinette wollten ihre Feinde, genauso wie es im 18. und 19. Jahrhundert üblich gewesen war, zwar nachhaltig schwächen und manche Grenze neu ziehen, es galt aber die politische Ordnung Europas im Wesentlichen beizubehalten.

Im Zweiten Weltkrieg hingegen traten die Revisionsmächte an, die Staatenordnung auf den Kopf zu stellen. Dabei kam Deutschland die wichtigste Rolle zu. Zum einen, weil das Kriegsziel der "rassischen" Neuordnung Europas am radikalsten war. Zum anderen, weil der im September 1939 von Hitler entfesselte Krieg die entscheidende Voraussetzung war, um die lokalen, nicht miteinander in Verbindung stehenden Konfliktherde in Europa, Afrika und Asien zu einen weltumspannenden Krieg zu verbinden. Keine andere Macht, weder Japan noch Italien und auch nicht die Sowjetunion, hätte alleine einen Krieg gegen eine andere Großmacht begonnen. Nur Hitler war notfalls bereit, alles auf eine Karte zu setzen, und so führte er den Kampf fort, auch nachdem Großbritannien und Frankreich ihm den Krieg erklärt hatten. Der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt musste sich noch aus dem Konflikt heraushalten, weil die Öffentlichkeit in den USA kein Interesse an einem Engagement in Europa hatte. Erst nach seiner dritten Wiederwahl im November 1940 konnte er das Land auf einen Kriegseintritt vorbereiten. Italien erklärte sich für "nicht kriegführend" und trat nur aufgrund der unerwarteten deutschen Erfolge am 10. Juni 1940 in den Konflikt ein, womit sich der Kampf auf den Mittelmeerraum und Afrika ausdehnte. Gleiches gilt für Japan, dessen südostasiatische Expansionspolitik ohne die Niederlagen der Westmächte 1940 kaum vorstellbar gewesen wäre. Und auch Stalin nutzte die Gunst der Stunde, um 1939/40 Ostpolen, Finnland, die drei baltischen Staaten und Bessarabien zu besetzen.

Die internationale Lage stellte sich 1939 also durchaus anders dar als 1914, als es weder so radikale Kriegsziele noch einen so unbändig zum Krieg entschlossenen Diktator gab. Unvermeidbar war freilich keiner der beiden Kriege. Etwas mehr Flexibilität des internationalen Systems hätte den Ersten leicht verhindern können. Die Abkehr von der Appeasementpolitik und ein entschlosseneres Handeln von Briten und Franzosen – beispielsweise bei der Rheinlandbesetzung 1936, mit der Deutschland den Locarno-Vertrag von 1925 brach – hätte Hitlers aggressiver Außenpolitik schnell ein Ende bereiten können. Doch aus heutiger Sicht ist es allzu leicht, alternative Szenarien zu entwickeln. Angesichts der damaligen Prämissen musste den politischen Akteuren der Jahre 1914 oder 1936 ihr Handeln schlüssig erscheinen.

Erst mit der sogenannten Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 erkannten die Westmächte schließlich, dass mit Hitler keine Verständigung möglich war, und bereiteten sich auf einen Krieg vor. Als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel, machten sie Ernst und erklärten – wie angedroht – Deutschland zwei Tage später den Krieg. Großbritannien war nicht länger bereit zuzusehen, wie die Landkarte Europas mit Gewalt neu gestaltet wurde. Es folgte damit seinem traditionellen Kalkül, sich in einem kontinentalen Krieg gegen den potenziellen Hegemon zu stellen. Um Weltanschauungen ging es den Briten und Franzosen Anfang September 1939 also nicht. Kaum jemand konnte sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, welch radikale Pläne NS-Deutschland verfolgte. Und auch jetzt hätte alles noch ganz anders kommen können: Wenn der schwäbische Schreinergeselle Georg Elser am Abend des 8. November 1939 mit seinem Attentat auf Adolf Hitler in München genauso viel Glück gehabt hätte wie Gavrilo Princip 25 Jahre zuvor in Sarajevo – der Zweite Weltkrieg wäre womöglich zu Ende gewesen, noch bevor er richtig begann.

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel ist Professor für International History an der London School of Economics and Political Science (LSE). Er studierte in Mainz Geschichte, Publizistik und Politikwissenschaft, wurde dort 1994 promoviert und 1998 habilitiert. Anschließend lehrte er an den Universitäten Mainz, Karlsruhe, Bern und Saarbrücken, bevor er 2011 auf den Lehrstuhl für Modern History an der University of Glasgow berufen wurde. Seit September 2012 lehrt und forscht er an der LSE.
Einem breiteren Publikum wurde er durch sein Buch "Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft, 1942-1945" bekannt, das 2005 erschien.
Seine Forschungsschwerpunkte sind Militärgeschichte und die Geschichte der Internationalen Beziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Kontakt: s.neitzel@lse.ac.uk


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