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10.10.2014

Stabilität und Stagnation unter Breschnew

Unter Breschnew sollten die Anhebung des Lebensstandards und eine Liberalisierung der Planwirtschaft den Sozialismus legitimieren, Entspannungspolitik den Ost-West- Gegensatz entschärfen. Doch politische Abweichungen und Autonomiebestrebungen der Warschauer-Pakt-Staaten wurden nicht geduldet.

Der neue sowjetische Generalsekretär Leonid Breschnew eröffnet am 29. März 1966 den XXIII. Parteitag der KPdSU in Moskau. Li. M. Suslow, re. A. Kosygin (© SZ Photo / Rue des Archives)


Die Breschnew-Ära, die im Westen lange zuvorderst mit Restalinisierung, der Niederschlagung des Prager Frühlings und der Verfolgung der Dissidenten assoziiert wurde, unterliegt heute einer Umwertung. Während Gorbatschow sie als Zeit der Stagnation und Korruption brandmarkte, wird sie in Russland inzwischen als "goldenes Zeitalter" verklärt, in dem die Welt vor der UdSSR gezittert habe und die Menschen satt und zufrieden gewesen seien. Die Forschung, die lange Zeit ebenfalls Stillstand und Niedergang hervorhob, konzentriert sich zunehmend auf die Frage, was die Sowjetunion so lange erfolgreich existieren ließ.

"Kollektive Führung" unter Breschnew



Die Absetzung Chruschtschows

Am 14. Oktober 1964 wurde Chruschtschow abgesetzt. Lange Zeit herrschte im Westen Einigkeit darüber, er sei abgesetzt worden, weil er das Land außenpolitisch in der Kuba-Krise blamiert hätte und weil er für die Nahrungsmittelkrise und den Aufstand in Nowotscherkask verantwortlich gemacht worden sei. Die Veröffentlichung der Sitzungsprotokolle zeigt aber heute, dass das Parteipräsidium in erster Linie die Angst trieb, von Chruschtschow zerschlagen zu werden, da er es für einen "Haufen alter Männer" hielt. Schließlich hatte er bereits zahlreiche Ministerien aufgelöst, Parteikomitees in zwei Zuständigkeitsbereiche gespalten und das Rotationsprinzip eingeführt. Obwohl Chruschtschow den Putsch 1957 nur hatte abwenden können, weil die regionalen Parteisekretäre als seine Klientel loyal zu ihm hielten, hatte er viele in den folgenden Jahren durch seinen Reformeifer verprellt. Der Hauptvorwurf richtete sich daher gegen seine "Umstrukturierungswut". Das Parteipräsidium bestimmte (erneut), es solle eine kollektive Führung herrschen; das Amt des Ersten Sekretärs und das des Ministerratspräsidenten sollten nie wieder wie unter Stalin und Chruschtschow in einer Person vereint werden. Also wurden Leonid Breschnew (1906-1982) zum Ersten Sekretär und Alexei Kosygin (1904-1980) zum Ministerratsvorsitzenden bestimmt. Auf dem XXIII. Parteitag 1966 beschloss die Partei, das Präsidium wieder Politbüro und den Ersten Sekretär wieder Generalsekretär zu nennen. Chruschtschow wurde einfach in Rente geschickt. Breschnew legte ihm die Höhe der Pensionsansprüche, Wohnung, Datscha, Krankenversorgung, Kantinenzugang und Autotyp fest und bat ihn, sich nicht mehr in Moskau blicken zu lassen.

Breschnews "Idealbiografie"

Unter den Zeitgenossen und Historikern wird gestritten, ob es ein "Unfall der Geschichte" war, dass ausgerechnet Breschnew, der im Westen als grau, profillos und entscheidungsschwach galt, neuer Generalsekretär wurde. Doch der smarte, gut gekleidete, jugendlich wirkende Breschnew war in der Sowjetunion die Parteihoffnung und hatte die "ideale" sowjetische Biografie vorzuweisen: Er war ein Arbeitersohn und gehörte der typischen, um 1905 geborenen Generation an, die in den 1920er-Jahren studiert und in den 1930ern Karriere gemacht hatte. Nachdem er zunächst als Landvermesser gearbeitet hatte, absolvierte Breschnew von 1930 bis 1935 in Dniprodzerschynsk am Institut für Metallurgie ein Abendstudium, während er tagsüber als Dreher arbeitete. Dank des Terrors begann 1937 sein rasanter Aufstieg, weil durch Verhaftungen Posten frei wurden. 1939 war er bereits Sekretär des Gebietskomitees von Dnjepropetrowsk, wo er Chruschtschow kennenlernte. Dieser protegierte ihn nach dem Krieg, den Breschnew als einfacher Politkommissar verbracht hatte: Breschnew wurde nicht nur Gebietsleiter von Dnjepropetrowsk (1947-1950) und führte die Republik Moldawien (1950-1952), er setzte für Chruschtschow auch die Neulandkampagne in Kasachstan durch, bevor er ab 1956 als dessen rechte Hand in Moskau diente und für den Militärisch-Industriellen Komplex und den Raketenbau zuständig war. Ab 1960 fungierte er als formales Staatsoberhaupt, 1963 bestellte ihn Chruschtschow zum Zweiten ZK-Sekretär. Breschnew war also ein Zögling Chruschtschows, doch Überdruss an dessen Launen und Beleidigungen veranlassten ihn, den Unmut gegen Chruschtschow zu organisieren.

Machtsicherung im Konsens

Im Vergleich zu dem jähzornigen Chruschtschow besaß Breschnew genau die Eigenschaften, nach denen sich die Parteiführung sehnte: Ausgeglichen, ruhig, zu allen freundlich, ergriff er nie als erster das Wort und hörte jedem aufmerksam zu. Politikwissenschaftler waren daher lange Zeit der Meinung, er sei kein Führer, sondern nur ein Vermittler zwischen den verschiedenen Interessengruppen. Dagegen spricht allerdings, dass Breschnew über die Jahre hinweg von langer Hand vorbereitet seine Mitverschwörer entmachtete. Angesichts des gescheiterten Putsches 1957 und des geglückten Coups 1964 setzte Breschnew alles daran, seine Macht auf ein Netzwerk loyaler Klienten stützen zu können. Er baute es systematisch aus, indem er seine Gefolgsleute aus Dnjepropetrowsker Zeiten nach Moskau holte, seine Konkurrenten mit diesen umstellte und dann behutsam, meist mit einem "goldenen Handschlag", absetzte. Er machte sich dabei zur Regel, auch solche "Versetzungen" im Konsens zu entscheiden und alle Politbüro- und ZK-Mitglieder so in die Entscheidungsfindung einzubinden, dass die Kollektivführung verwirklicht erschien. Auf diese Weise ersetzte er 1967 den KGB-Chef Wladimir Semitschastnyi (1924-2001) durch Juri Andropow (1914-1984) und machte seinen mächtigsten Rivalen und ZK-Sekretär Alexander Schelepin (1918-1994) zum "zahnlosen" Gewerkschaftsvorsitzenden. 1977 benutzte er die neue Verfassung, um den Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets, Nikolai Podgornyj (1903-1983), in Rente zu schicken und damit selbst auch formales Staatsoberhaupt zu werden.

"Vertrauen in die Kader"

Jenseits der Entmachtung seiner stärksten Rivalen stand Breschnew für "Vertrauen in die Kader" und "Stabilität in den Kadern", zwei Leitlinien seiner Politik, die er 1966 auf dem XXIII. Parteitag verkündete. Breschnew setzte sich damit dezidiert von Stalin und Chruschtschow ab, die beide – der eine mit Repressionen, der andere mit Reformen – die Menschen terrorisiert hatten: "Unter Stalin fürchteten die Menschen Repressionen, unter Chruschtschow die Veränderungen und Erneuerungen. Das Volk wusste nicht, was morgen kommt. Nun sollen die Sowjetmenschen ein friedliches Leben führen, damit sie produktiv arbeiten können." Das Versprechen, den Menschen zu vertrauen, nicht in jedem einen potenziellen "Volksfeind" zu sehen, war eine Kulturrevolution, die die Unschuldsvermutung wieder herstellte. Die "Stabilität in den Kadern" brachte als Kehrseite, dass die Eliten in Staat und Partei, Wirtschaft und Wissenschaft veralteten und keine jungen Kräfte nachrücken konnten. Der "Vertrauensschutz" führte in die Stagnation.

Autonomie der Republiken und Nationalitäten

Maike Lehmann

Auch in den Unionsrepubliken dominierte die Netzwerk- und Kaderpolitik das politische Geschehen. Das Primat der Partei schien die föderale Struktur der Sowjetunion regelrecht auszuhebeln. Daher sahen westliche Beobachter oft einen elementaren Unterschied zwischen dem "Nationalen" – im Westen meist als widerständig und per se antisowjetisch verstanden – und dem "Sozialistischen". Doch in der Sowjetunion galt weiterhin das Diktum, dass eine Kultur "national in der Form, sozialistisch im Inhalt" zu fördern sei; auch die Indigenisierungspolitik, die Förderung heimischer Eliten in Staat und Partei, aber auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, hatte trotz Terror und Deportationen nie eine offizielle Absage erfahren. Beides konnte sehr unterschiedlich ausgelegt werden, was im Wechselspiel mit anderen politischen Faktoren mitunter, aber keinesfalls zwangsläufig, zu Konflikten führen konnte.

Soziale Differenzierung der Völker der UdSSR 1970/1972 (© Hans-Heinrich Nolte, Kleine Geschichte Russlands, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 2003, S. 339)

Für Moskau standen offenbar vor allem die Kontrollmöglichkeiten im Vordergrund. So hatten die Republiken unter Chruschtschow zunächst an wirtschaftlicher und politischer Autonomie gewonnen, verloren aber Teile ihrer Kompetenzen wieder ab den frühen 1960er-Jahren. Dies erfolgte unter anderem mit der Begründung, die jeweiligen Republikführungen hätten Angehörige ihres eigenen Volkes übermäßig bevorzugt. Breschnew, der sich kaum für die Probleme der Nationalitäten interessierte, tauschte unter dem Gesichtspunkt der Loyalität behutsam einige Republikführer aus, um sie durch eigene Gefolgsleute zu ersetzen. Unter der Anschuldigung, sie hätten dem Nationalismus, vor allem aber der Korruption Vorschub geleistet, entfernte er 1969, 1972 und 1974 den aserbaidschanischen, den ukrainischen, den armenischen und den georgischen Parteichef. Dies war der Versuch der Moskauer Parteizentrale, national definierte Patronagenetzwerke einzudämmen, die schwer zu kontrollieren waren. Tatsächlich waren diese Netzwerke erst infolge der Moskauer Nationalitätenpolitik entstanden. Denn im Gegensatz zur Stalinzeit, in der ein Mangel an qualifizierten, nicht slawischen Kadern herrschte, begannen in den 1960er- und 1970er-Jahren die jeweiligen Titularnationen die Partei und die Staatsapparate in den Republiken zu dominieren, während die Zentralorgane in Moskau zunehmend von Slawen gelenkt wurden.

Zugleich waren inzwischen nationale Bildungseliten entstanden, die mehr und mehr an die Universitäten drängten und in verantwortliche, qualifizierte Positionen aufrückten. Unter diesen Voraussetzungen entwickelten sich trotz der Zentralisierung unter anderem in der Bildungspolitik und der nachdrücklichen Förderung des Russischen als sowjetischer Verkehrssprache zunehmend eigenständige, nationale Interpretationen von Geschichte und Gegenwart. Der 1972 geschasste ukrainische Parteichef etwa ließ ukrainische Wissenschaftler die ökonomischen Entscheidungen Moskaus kritisieren, hielt seine Hand schützend über Schriftsteller, die sich mit nationalen Themen befassten, und trieb eine Autonomisierung der Ukraine voran. In Zentralasien verfestigte sich die Auffassung, dass nur ein guter Muslim ein guter Sowjetbürger sein könne. Im Kaukasus stritten Georgier, Armenier und Aserbaidschaner derart um bestimmte Territorien, dass eine von der Akademie der Wissenschaften geplante gemeinsame Enzyklopädie zum Südkaukasus schon an dem Streit über historische Karten scheiterte. Nichtsdestoweniger förderte die Breschnew-Führung nationale Erinnerungspolitik, sofern sie mit der offiziellen Weltsicht vereinbar war; ab den 1970er-Jahren wurden historische Monumente wie Kirchen und Friedhöfe auf Staatskosten renoviert bzw. konserviert. Als in der neuen Verfassung von 1977 die nationalen Sprachen als offizielle Amtssprachen der Republiken wegfallen sollten, gab ein überraschter Breschnew massiven Protesten aus den Kaukasusrepubliken nach; sie konnten in Berufung auf die Leninsche Nationalitätenpolitik als einzige Republiken ihre nationalen Sprachen als offizielle Verkehrssprachen neben dem Russischen verteidigen.

Damit entwickelten sich nach Ende des Terrors unter dem Schutz der jeweiligen Republikführung partikulare Identitäten – oft zum Nachteil anderer vor Ort lebender Volksgruppen. Die nationalen Bewegungen an der Peripherie entsprangen aber nur in wenigen Fällen einer ausgesprochenen Ablehnung von Sowjetunion und Sozialismus; nur wenige nationalistische Untergrundgruppen forderten die Unabhängigkeit ihrer Republik. Für die Mehrheit waren die sowjetischen Lehren inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden. Für sie stand ihre nationale Identität in keinem Widerspruch zu einer übergeordneten sowjetischen Identität. Immerhin schienen der gerade in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren entstandene Wohnraum und die neue Konsumkultur auch in den Unionsrepubliken die Versprechen der Revolution einzulösen.


Anhebung des Lebensstandards



Eine der entscheidenden Leitlinien, wenn nicht das zentrale Ziel Breschnews überhaupt, war die Anhebung des Lebensstandards der Bevölkerung. Von seiner Aufbauarbeit in der Ukraine, in Moldawien und Kasachstan wusste er nur zu gut, in welch entbehrungsreichen Verhältnissen große Teile der Bevölkerung immer noch lebten. Rechtfertigte Breschnew anfangs die neue Politik, die Menschen sollten mehr konsumieren können, damit sie motivierter wären, den Sozialismus zu schaffen, behauptete er bald, eine bessere Versorgung der Gesellschaft sei Ausdruck der neuen Entwicklungsstufe, die der Sozialismus inzwischen erreicht habe. Breschnew versuchte also, die Konzentration auf Konsumbedürfnisse mit der marxistisch-leninistischen Theorie zu legitimieren. In der Forschung ist aber heute umstritten, ob die Propagierung des Konsums nicht zu einer Entideologisierung führte und damit entscheidenden Anteil am Niedergang der Sowjetunion hatte.

Lebensgefühl der 1970er-Jahre

Der idealtypische Homo sowjeticus der Siebzigerjahre ging seiner Arbeit nach, widmete sich in seiner Freizeit der Familie, verfügte über eine Anderthalb- oder Zweizimmerwohnung in einer Neubausiedlung mit Zentralheizung und Bad, über ein Sparbuch, kaufte sich nach und nach einen Plattenspieler, einen Fernseher etwa der Marke "Junost", einen Kühlschrank "Saratow" oder "Minsk", eine Waschmaschine und einen Staubsauger. Er stand geduldig Schlange beim täglichen Einkauf, wartete ewig auf einen Telefonanschluss oder gar auf einen Lada, der als Fiat-Lizenz in der Stadt Togliatti produziert wurde. Die beiden dreitägigen Staatsfeiern zum 1. Mai und 7. November feierte er im Freundeskreis mit Lachs, Torte und reichlich Wodka. Außerdem feierte er, je nach Profession, den "Tag des Fischers", den "Tag des Eisenbahners" oder den "Tag des Lehrers". Seinen Sommerurlaub verbrachte er entweder in einer bescheidenen hölzernen Datscha in der Freizeitkolonie, oder er vergnügte sich während seiner Familienausflüge mit Angeln. Für Leute aus der Provinz war ein Aufenthalt in Moskau, möglichst mit einer Aufführung des Balletts "Schwanensee" im Kongresspalast, oder in Leningrad mit Besuch in der Eremitage ein besonderes Erlebnis. Seltener kam es zu einem Urlaub auf der Krim oder im Kaukasus und als Höchstgenuss zu einer Reise nach Ungarn, in die CˇSSR oder die DDR – selbstverständlich in einer gut kontrollierbaren Gruppe.


Reform der Landwirtschaft

Wie Chruschtschow machte sich auch Breschnew zuerst an die Reform der Landwirtschaft. Hatte sein Vorgänger dafür gesorgt, dass die Bauern überhaupt einen Lohn erhielten, war Breschnews ehrgeiziges Ziel, die Bauern endlich mit den Arbeitern gleichzustellen und ihnen kostendeckende Preise zu zahlen. Das bedeutete, zwei bis dato vollkommen verschiedene Welten aneinander anzugleichen und den Dörfern die Moderne zu bringen. Hintergrund waren die nach wie vor prekäre Versorgungslage und die niedrige Produktivität der Landwirtschaft sowie die enorme Landflucht. Zwischen 1951 und 1965 war die Landbevölkerung um ein Drittel gesunken. Im Zeitraum von 1960 bis 1965 war die Gruppe der 17- bis 29-Jährigen im Dorf um mehr als sechs Millionen Menschen geschrumpft. Auf dem Land gab es nach wie vor kaum Infrastruktur, oft nicht einmal einen Laden, in dem Gebrauchsgegenstände gekauft werden konnten. Ärztliche Versorgung, kulturelle Angebote und Fortbildungsmöglichkeiten fehlten genauso wie fließend Wasser und eine Kanalisation. Auf dem ZK-Plenum im März 1965 verkündete Breschnew eine jährliche Steigerung der Investitionen in die Landwirtschaft um drei Milliarden Rubel, um die Ankaufpreise für Getreide, Fleisch, Milchprodukte und die Löhne zu erhöhen. Lag 1950 der jahresdurchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 26 Kilogramm noch unter dem Wert von 1913, stieg er bis 1975 auf 57 Kilogramm; Ziel der Planbehörden waren allerdings 80 Kilogramm, die nie erreicht wurden. Die Hauptnahrungsmittel blieben Brot und Kartoffeln, Kohl, Karotten und Rote Bete; die Sowjetmenschen aßen doppelt so viele Kohlenhydrate, aber nur halb so viel Fleisch und Fisch wie die US-Amerikaner. Ein Kolchosvorsitzender wird mit den Worten zitiert: "Wenn wir früher nicht arbeiteten, weil wir wussten, dass wir sowieso nichts dafür bekommen würden, dann arbeiten wir heute deshalb nicht, weil wir auch so unseren Lohn bekommen werden." Gilt die erste Dekade unter Breschnew als "satte Zeit", wurden ab Mitte der 1970er-Jahre die Schlangen vor den Lebensmittelläden wieder länger. Dabei brauchte Breschnew die Landwirtschaft auch zunehmend für die Außenpolitik: Im Wettkampf um die Gunst von Drittweltstaaten war es entscheidend, mit den Lebensmittellieferungen der USA mithalten und versprochene Hilfsleistungen einhalten zu können.

Die Kosygin-Reformen

Breschnew und dem Politbüro war bewusst, dass angesichts sinkenden Wachstums und einer Produktivität, die im Vergleich zu den USA in der Industrie zwei- bis zweieinhalbmal niedriger, in der Landwirtschaft sogar viermal niedriger lag, mehr Konsum nur über eine neue "industrielle Revolution" zu erreichen wäre: Die ganze Ökonomie musste von extensiver Rohstoffnutzung auf ein intensives Wachstum umgestellt werden, sprich: Auch die UdSSR hatte nicht unendliche Ressourcen, die immer weiter ausgebeutet werden konnten, sondern die vorhandenen mussten effizienter genutzt werden.

Insofern bestand im Politbüro Einigkeit über Ursachen und Ziele, aber der Weg dorthin war zwischen Breschnew und Regierungschef Kosygin sehr umstritten. Schließlich setzte sich Kosygin durch, dessen Reformen das Zentralkomitee im September 1965 verabschiedete: Unter den Parolen "kreative Eigeninitiative", "Verantwortungsgefühl" und "materielle Anreize" sollten die Betriebe mehr Spielraum beim Einsetzen ihrer Mittel erhalten und dazu angehalten werden, kostendeckend zu arbeiten. Moskau gab nur noch die Planzahlen vor; wie die Produktion organisiert wurde und die zugeteilten Mittel einzusetzen waren, sollte Sache des jeweiligen Betriebes sein. Damit ging einher, dass die Betriebe Rücklagen für Investitionen, Lohnzuschüsse und soziale Maßnahmen bilden durften. Bis zu einem gewissen Grad konnten sie selbst entscheiden, wie sie ihre Angestellten entlohnten, die einen Anreiz erhalten sollten, Verantwortung zu übernehmen und effizienter zu arbeiten. Zur Umsetzung dieser Jahrhundertreform, die als drittwichtigste nach der NÖP und dem Ersten Fünfjahrplan galt, wurde eine Kommission eingesetzt. Zum 1. Januar 1966 wurden 43 Betriebe umgestellt, 1968 waren es 54 Prozent der Unternehmen, die nach dem Kostendeckungsprinzip arbeiteten. Doch bis Anfang der 1970er-Jahre hatte sich die Reform erschöpft: Wie sollte ein Betrieb Gewinn erzielen und Kosten selbst kalkulieren, wenn sowohl die Ressourcen, die er beziehen durfte, als auch der Preis der Ware staatlich festgelegt waren? Zudem nutzten die meisten Betriebe die Überschüsse ausschließlich, um den Arbeiterinnen und Arbeitern mehr Lohn zu zahlen, ohne dass die Produktivität stieg, Kosten gesenkt oder neue Technologien eingeführt wurden. Die Probleme waren und blieben seit den 1930er-Jahren die gleichen: Teure ausländische Technik wurde nicht montiert, sondern verrottete, Fabriken wurden erst mit so vielen Jahren Verspätung in Betrieb genommen, dass ihre Produktion schon veraltet war, fertige Produktionsstraßen hatten so viele Mängel, dass sie gleich in Reparatur gehen mussten, Ministerien kauften Ware für Devisen im Ausland, obwohl sie eine Lizenz hatten, sie selbst herzustellen, Parteiführer bauten willkürlich Kulturpaläste, Sportarenen und Schwimmbäder, anstatt Wohnraum zu schaffen. Doch das offensichtliche Strukturproblem wurde von Breschnew und dem Politbüro ausschließlich als persönliches Fehlverhalten angeprangert: "Wenn die Ministerien und Unternehmensführungen die nötige Parteidisziplin und Prinzipienfestigkeit an den Tag legten und ihre Aufgabe als Parteiführer richtig verständen, gäbe es diese Probleme nicht."

Lohnreform, Rentenreform und Wohnungsbau

Einkommen in der UdSSR 1972 (© Hans-Heinrich Nolte, Kleine Geschichte Russlands, Philipp Reclam jun. GmbH Co, Stuttgart 2003, S. 337)

Zum 1. Januar 1968 beschloss das ZK eine Lohn- und Rentenreform, die Breschnew mit den Worten pries, noch nie sei so viel Geld bereitgestellt worden, um den Lebensstandard der Menschen zu erhöhen. Der Mindestlohn wurde von 30 auf 60, in einigen Branchen auf 70 Rubel angehoben und für alle Arbeiterinnen und Arbeiter der Urlaubsanspruch von zwölf auf 15 Tage erhöht. Gleichzeitig wurde die Fünf-Tage-Woche eingeführt und das Rentenalter nun auch für Kolchosbauern und -bäuerinnen auf 60 bzw. 55 Jahre gesenkt. Die nächste Lohnerhöhung kündigte Breschnew bereits auf dem Märzplenum 1971 an: Im Laufe des 9. Fünfjahrplans (1971-1975) sollte der Mindestlohn auf 70 Rubel und der Durchschnittslohn auf 148 Rubel, für Kolchosangestellte auf 100 Rubel steigen und sich bis 1991 nicht ändern. Auch die Mindestrenten für Arbeiter und Bauern sollten erneut wachsen. Breschnew forcierte auch den Wohnungsbau weiter – bis 1975 sollten 575 Millionen Quadratmeter Wohnraum geschaffen werden. Allerdings hatten 1980 nur 80 Prozent aller Familien eine eigene Wohnung, während sich 20 Prozent weiterhin Kommunalwohnungen teilten. Zum Ende der Sowjetunion lag die Wartezeit für eine Wohnung bei acht Jahren. 1976 bestand die typische 50-Quadratmeter-Wohnung aus zwei Zimmern, Küche und Bad. Damit hatte eine Person im russischen Teil des Landes durchschnittlich 8,3 Quadratmeter zur Verfügung, halb so viel wie Menschen in Westeuropa. Auf dem Land besaßen 1985 erst zehn Prozent aller Häuser ein Badezimmer und fließend Wasser.

Autos für den Sowjetmenschen

PKWs pro 1000 Einwohner 1977

Hatte Chruschtschow 1959 in den USA erklärt, das Automobil sei nichts für den Sowjetmenschen, der besser Bus und Bahn fahre, war Breschnew, selbst ein Autonarr, ganz anderer Meinung. Er reanimierte die Vision der 1930er-Jahre, nach der ein Auto Fortschritt und Zukunft bedeutete. Neu war, dass jetzt nicht nur die Stachanow-Arbeiter, sondern alle Sowjetmenschen ein Auto haben sollten. Breschnew schwärmte: "Ein Mädchen, das heiratet, bekommt von seinen Eltern nicht eine Truhe mit Wäsche und Geschirr, sondern ein Auto – die moderne Mitgift." Das 1965 gegründete Autoministerium vereinbarte, neben vielen anderen Abkommen mit westlichen Firmen, 1966 mit Fiat für 900 Millionen Dollar den Bau einer Fabrik an der Wolga. Seit 1974 rollten dank der Kooperation mit Fiat im Autowerk Toljatti 660.000 Ladas im Jahr vom Band. Auch wenn die Wartezeiten für ein Auto legendär waren, eine Arbeiterin oder ein Arbeiter 20 Monatslöhne investieren musste und die Autodichte in der Sowjetunion (1977 fünf Millionen PKWs auf 270 Millionen Menschen) die dünnste im Ostblock blieb, veränderte das Auto das soziale und kulturelle Leben der Sowjetmenschen. Mit dem Auto konnte man auf die Datscha fahren, Defizitprodukten hinterherjagen, Kartoffeln klauen oder schwarz Taxifahrten anbieten. Da die Autos ständig wartungsbedürftig waren und es viel zu wenige Werkstätten gab, wurde es zum neuen − männlichen − Volkshobby, abends und am Wochenende am Auto zu schrauben.

Die neue individuelle Bewegungsfreiheit wird auch als "Kleiner Deal" zwischen Partei und Bevölkerung bezeichnet: Die Partei schuf neue Freiräume für Freizeitgestaltung und kleine Privatgeschäfte, die Bürgerinnen und Bürger verhielten sich dafür loyal.

Neue Utopien und Legitimationsverlust



Der Weltkriegskult seit 1965

Wie Chruschtschow stand auch Breschnew unter dem Druck, die Sowjetunion nach Stalin neu zu legitimieren und neue Identifikationsangebote zu schaffen. Eine Maßnahme war, den Kult um den "Großen Vaterländischen Krieg" neu zu beleben. Diesmal richtete sich der Kult aber nicht auf Stalin, sondern auf die gesamte Bevölkerung: Jede Frau und jeder Mann hatte dazu beigetragen, die Heimat zu verteidigen und Europa von Hitler zu befreien. Dieser neue Gründungsmythos bot gegenüber der Oktoberrevolution den großen Vorteil, dass tatsächlich nahezu alle Menschen mit diesem Ereignis Erinnerungen verbanden, es erst zwei und nicht fünf Jahrzehnte zurücklag und viel weniger ideologisch aufgeladen war. 1965 wurde der 9. Mai als Tag des Sieges erstmals zum arbeitsfreien Tag erklärt. Seit 1967 bekamen insgesamt 13 Städte den Titel "Heldenstadt" verliehen. An allen größeren Kampforten wurden "Gräber des unbekannten Soldaten" eingeweiht, es wurden Museen mit Dioramen eröffnet, die heroische Schlachtszenen zeigten, und monumentale Skulpturen zu Ehren von Volk und Sieg errichtet, wie 1967 die 85 Meter große Statue der "Mutter Heimat ruft" in Wolgograd.

Einerseits war der Weltkriegskult sehr erfolgreich und wurde bald Bestandteil des Alltagslebens vieler Menschen – bis heute legen Brautpaare Blumen am Grab des unbekannten Soldaten nieder. Andererseits gelang es der Partei nicht, sich als unverzichtbarer Teil dieser Siegesgeschichte darzustellen – der Kult lebte auch ohne sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weiter. Problematisch war er dort, wo er der Jugend ein Schuldgefühl gegenüber der älteren Generation vermittelte. Ins Lächerliche kippte er seit 1976, als sich Breschnew, der im Krieg einfacher Politkommissar gewesen war, zum Marschall ernennen und in seinen Memoiren "Kleines Land" 1978 als Weltkriegsheld feiern ließ.

Der Bau der Baikal-Amur-Magistrale (1974-1985)

Während Breschnew einerseits auf Konsum und eine Anhebung des Lebensstandards setzte, versuchte er andererseits an den Enthusiasmus und Pioniergeist der 1930er-Jahre anzuknüpfen. Wie Chruschtschow mit der Neulandkampagne wollte auch er eine Utopie Wirklichkeit werden lassen und ferne, öde Gegenden zivilisieren. Exakt 20 Jahre nach dem Start der Neulandkampagne verkündete Breschnew 1974 den Baubeginn einer Entlastungstrasse für die Transsibirische Eisenbahn, die Baikal-Amur-Magistrale (BAM). Der propagandistische Aufwand war enorm: Wieder wurden junge Männer und Frauen aufgerufen, das Abenteuer des sowjetischen Aufbaus in Sibirien zu suchen, verpflichteten sich Arbeitskollektive, nur für die BAM zu produzieren, entwarfen Künstler Plakate und verfassten Schriftsteller Romane und Erzählungen. Die BAM wurde als sowjetischer "melting pot" propagiert, der die verschiedenen Ethnien der Sowjetunion zu einem harmonischen Arbeitskollektiv verschmolz. Doch das Ergebnis war niederschmetternd: Statt neuem Aufbruchsgeist brachte die BAM für Saisonarbeiter die Möglichkeit, schnelles Geld zu verdienen, statt Verständigung zwischen den Völkern gab es strukturelle Benachteiligungen und fremdenfeindliche Ausschreitungen, statt der Suche nach dem privaten Glück kam es vermehrt zu Vergewaltigungen der wenigen Frauen, die sich auf das "Abenteuer BAM" eingelassen hatten.

Der Kampf gegen Abweichung und Dissens

Es ist zu vereinfachend und letztlich falsch, von einer Restalinisierung unter Breschnew zu sprechen. 1969 sprach er sich auf einer ZK-Sitzung eindeutig dagegen aus, erneut die Methoden der Angst und "brutalen Administrierung" anzuwenden: Diese Zeiten seien vorbei. Gleichzeitig unterband er die noch unter Chruschtschow möglichen freieren Diskussionen und die Thematisierung "heikler" Themen. Der KGB verstand sich wie unter Chruschtschow als "Erziehungsbehörde", die ein abgestuftes System von Instrumentarien einsetzte: vom "prophylaktischen Gespräch" mit dem Delinquenten über die "Abschreckung" durch Schmutzkampagnen in der Presse oder Verlust des Arbeitsplatzes bis hin zu Haft, Zwangsunterbringung in der Psychiatrie, Verbannung und Exil.

Als Geburtsstunde des Dissenses gilt die Verhaftung der Publizisten Andrei Sinjawski (1925-1997) und Juli Daniel (1925-1988) 1965, die im Ausland unter Pseudonymen Satiren auf die Sowjetunion publiziert hatten. Als ihnen Anfang 1966 ein Schauprozess wegen des "tamizdats" (im Ausland auf Russisch verlegte, in die Sowjetunion zurück geschmuggelte Werke) gemacht wurde, fürchteten Angehörige und Freunde eine Rückkehr zu Stalins Zeiten und organisierten verschiedene Protest- und Solidaritätsbekundungen, mit denen sie die Einhaltung der sowjetischen Gesetze forderten. Im Vorfeld des XXIII. Parteitags im Frühjahr 1966 richteten 25 Intellektuelle und Gelehrte einen Brief an das Parteipräsidium, in dem sie vor einer Rehabilitierung Stalins warnten. Sie bezeichneten sich selbst als "Unterstützer" oder "Unterzeichner" von Petitionen, nicht als "Dissidenten", wie sie im Westen genannt wurden. Sie beriefen sich auf sowjetische Gesetze, wenn sie argumentierten, Auslandspublikationen seien nicht verboten, Gerichtsverhandlungen öffentlich und die freie Meinungsäußerung durch die Verfassung von 1936 gedeckt. Am 5. Dezember 1966 versammelten sich einige Dutzend am Puschkindenkmal in Moskau zu einer Schweigedemonstration, um die Einhaltung der Verfassung anzumahnen. Als 1968 die UNO das Jahr der Menschenrechte ausrief, gründeten sie im Selbstverlag (russ.: samizdat) die Zeitschrift "Chronik der laufenden Ereignisse", die aus den Gerichtssälen von den politischen Prozessen und über die Haftbedingungen in den Lagern, Gefängnissen und Psychiatrien berichtete. Obwohl zwischendurch die gesamte Redaktion verhaftet wurde, erschien die "Chronik" bis 1983 in 63 Nummern. Samizdat entwickelte sich in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einer eigenen, unzensierten, inoffiziellen Kultur, in der verbotene Gedichte, Romane, religiöse Texte, politische Pamphlete und vieles mehr zirkulierten.

Die "Dissidenten" umfassten ein Spektrum höchst unterschiedlicher Gesinnungen: von dem antisowjetischen wie auch antiwestlichen Solschenizyn, der 1970 den Literaturnobelpreis erhalten hatte und für die Veröffentlichung seines Werks "Archipel Gulag" im Tamizdat 1974 ausgewiesen wurde, bis hin zum prosowjetischen Vater der sowjetischen Atombombe Andrei Sacharow (1921-1989), der wegen seines Manifests "Gedanken über den Fortschritt, die friedliche Koexistenz und die geistige Freiheit" 1968 seinen Arbeitsplatz verlor, 1975 den Friedensnobelpreis erhielt und 1980 in die geschlossene Stadt Gorki verbannt wurde, aus der ihn Gorbatschow 1986 persönlich befreite.

Allerdings waren zum Amtsantritt Gorbatschows 1985 bereits die meisten Dissidenten ins ausländische Exil vertrieben, verhaftet oder verbannt worden. Wie groß ihr intellektueller Einfluss auf die Reformen Gorbatschows war, ist umstritten.

Arbeitsverweigerer und Underground

Alexandra Oberländer

Das 1961 verabschiedete Gesetz gegen "Parasitismus" gab nicht nur den Behörden eine Handhabe gegen missliebige Personen, sondern diesen auch die Möglichkeit, sich auszurechnen, wie sie sich einer regulären Arbeit repressionsfrei entziehen konnten. Vor allem der gut vernetzte subkulturelle Underground der 1970er- und 1980er-Jahre begnügte sich oft mit einfachen Jobs als Hausmeister, Hilfsarbeiter oder Fassadenstreicher und wenig Geld, um sich in erster Linie zeitliche Freiräume zu schaffen. Inoffizielle Netzwerke sorgten für die notwendigen nachzuweisenden Stempel in den Arbeitsbüchern – nach dem Pass das wichtigste Dokument sowjetischer Bürgerinnen und Bürger. Viktor Zoy (1962-1990) etwa war an ein bis zwei Tagen der Woche Heizer in einem Leningrader Wohnblock und den Rest der Tage Rockmusiker und Frontsänger der Gruppe "Kino".

Derartige Versuche, weniger zu arbeiten, waren allerdings kein Privileg des subkulturellen Undergrounds. Viele Menschen richteten sich ihre Nischen in der sowjetischen Arbeitswelt ein. Derart leisteten sich auch durchschnittliche Sowjetbürger und Sowjetbürgerinnen ihren Teil der Arbeitsverweigerung. Mittagspausen wurden genutzt, um Einkäufe zu erledigen, die oft etwas länger dauerten, da man lange in den Schlangen anstehen musste. Oder aber die Arbeitszeit selbst wurde zweckentfremdet, um illegal in die eigene Tasche zu wirtschaften. Auch die unabdingbaren persönlichen Netzwerke, die einem Ersatzteile, Kleidung, Westzigaretten oder andere Konsumprodukte besorgten, pflegte man gerne zur Arbeitszeit.


Die Supermacht Sowjetunion



US-Importe in die UdSSR

Breschnew war durch seine Zeit als formales Staatsoberhaupt 1960 bis 1963 bereits viel gereist und somit im Ausland bekannt. Seine "Eintrittskarte" in die Welt der Außenpolitik war jedoch der Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag 1968, mit dem er sich als mächtiger, zugleich kühl kalkulierender Gegner etablierte. Dennoch war auch seine Amtszeit vorrangig von dem Ziel geprägt, einen Dritten Weltkrieg zu vermeiden und zu einer Begrenzung des Wettrüstens mit den USA zu finden. Der zeitliche Schwerpunkt seiner außenpolitischen Aktivitäten lag in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre. Auf Gipfeltreffen in den USA, Frankreich und Westdeutschland traf er mit den jeweiligen Regierungschefs Richard Nixon, George Pompidou und Willy Brandt zusammen, lud sie teils auch privat zu sich auf die Krim ein und erwies sich als charmanter und witziger Gesprächspartner.

Die "Ostpolitik" Willy Brandts, die Unterzeichnung eines Nichtangriffspakts mit Westdeutschland sowie die Anerkennung der bestehenden deutschen Grenzen und damit der DDR im August 1970 waren für die Sowjetunion wichtige Bausteine für die Entspannung mit den USA: Die Unantastbarkeit der Grenzen machte es einfacher, sich die Hand zu reichen. Seit 1969 verhandelten sowjetische und US-amerikanische Unterhändler im Rahmen der Strategic Arms Limitations Talks (SALT) über eine Rüstungsbeschränkung, die 1972 (SALT I) und 1979 (SALT II) zum Abschluss kamen. Für die Sowjetunion fast noch wichtiger als die Begrenzung der Raketen waren gleichzeitig geschlossene weitreichende Wirtschaftsabkommen mit den USA, die die Lieferung von Gebrauchsgütern und Getreide sicherten. In diesem Rahmen wurde 1972 auch eine Kooperation im All vereinbart, die 1975 zum Ankoppeln einer Apollo-Rakete an das sowjetische Raumschiff Sojus führte.

Deutsch-russische Beziehungen 1971/73

In Oreanda sprachen wir mehrmals über Stunden miteinander. Vorrangig über die bilateralen Beziehungen und Möglichkeiten europäischer Zusammenarbeit. Auch über China, das ich als Gesprächsthema angemeldet hatte, aber das unergiebig blieb. Natürlich nahmen die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen und die deutsche Frage einen breiten Raum ein. Ich war beeindruckt davon, wie Breschnew – nach den auflockernden Stunden im Gästehaus des Flugplatzes und als wir uns auf den Weg hinunter zur Krim begaben – die deutsche Frage zugleich anschnitt und aus der Diskussion nahm. Als der Wagen startete, legte er seine Hand auf mein Knie und sagte: "Ich verstehe Sie, Willy Brandt, was Deutschland angeht. Aber nicht wir, Hitler ist dafür verantwortlich." Oder sagte er sogar, wir könnten jetzt nichts daran ändern?


Prager Frühling und Breschnew-Doktrin

Breschnew pflegte zu den Ersten Sekretären der Warschauer- Pakt-Staaten ein Verhältnis wie zu den Vorsitzenden der Unionsrepubliken: Er sah sich als freundschaftlich verbundenen Patron, der das Recht und die Pflicht hatte, seinen "Schutzbefohlenen" mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Das galt zunächst auch für die Beziehung zu Alexander Dubcˇek (1921-1992), der im Januar 1968 neuer Vorsitzender der KP der Tschechoslowakei (CˇSSR) geworden war und bald Reformen einleitete. Zwar vermied es Dubcˇek tunlichst, die Mitgliedschaft im Warschauer Pakt in Frage zu stellen. Aber die nun von der Zensur befreite Presse seines Landes forderte, die Verteidigungsstrategie müsse überdacht, stalinistische Verbrechen aufgeklärt und die Freundschaft mit der Sowjetunion hinterfragt werden. Am 21. August marschierten Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei ein. In der Forschung wird eine Vielzahl von Gründen dafür angeführt: Die Angst vor dem Überspringen des reformatorischen Funkens auf die Sowjetunion und andere "Bruderstaaten", die "historische Pflicht" zu verteidigen, was im Zweiten Weltkrieg mit so vielen menschlichen Opfern erkauft worden war, die strategische Bedeutung der CˇSSR im Rahmen des Kalten Krieges und der Druck, der auf Breschnew lastete, kein Land "verlieren" zu dürfen.

Die zur Rechtfertigung verbreitete Formel, die Selbstbestimmung der Warschauer-Pakt-Staaten ende dort, wo die Interessen des Verteidigungsbündnisses bedroht seien, wurde im Westen als "Breschnew-Doktrin" bezeichnet. Sie war im Grunde als Handlungsmaxime nicht neu. Seit Berija und den Unruhen in der DDR 1953 sowie Chruschtschow und den Aufständen in Polen und Ungarn 1956 galt der Verlust eines Bündnispartners als größter anzunehmender Unfall.

Die Breschnew-Doktrin war ein weiterer Grund für China, auf Distanz zur Sowjetunion zu gehen. Breschnews anfängliche Bemühungen um ein besseres Verhältnis zu Peking trugen keine Früchte, zumal das Politbüro in Moskau seinerseits die Exzesse der chinesischen "Kulturrevolution" mit Argwohn beobachtete. Beide Mächte konkurrierten zudem im Vietnamkrieg (1955-1975) darum, wer mehr Hilfe für und Einfluss auf die nordvietnamesischen Kräfte geltend machen konnte.

"Warschauer Brief" vom 15. Juli 1968

Aus einem Schreiben der Kommunistischen Parteien Bulgariens, Ungarns, der DDR, Polens und der UdSSR an das ZK der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei

Telefongespräch zwischen Breschnew und Dubček am 13. August 1968

Dubček: Letztes Mal habe ich Ihnen alles gesagt, und jetzt kann ich nur das wiederholen, was ich vorhin schon gesagt habe, dass wir das Plenum einberufen, dass man das Plenum vorbereiten muss, dass man dafür Zeit braucht. Wenn Sie glauben, dass wir Sie betrügen, dann ergreifen Sie jene Maßnahmen, die Sie für richtig halten. Das ist Ihre Sache.

Die Helsinki-Schlußakte 1975

Die Idee einer "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE) stammte von Molotow, der 1954 einen Nichtangriffspakt mit den USA und eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen vorgeschlagen hatte, die auf gegenseitigen Konsultationen basieren sollten. Was im Westen lange als reine Propaganda gewertet worden war, begann die neue Führung unter Breschnew ab Mitte der 1960er-Jahre aktiv zu verfolgen. Nachdem sich auch der Warschauer Pakt und die NATO zum Friedensprozess bekannt hatten, konkretisierten sich Anfang der 1970er-Jahre die Planungen. Nach zweijährigen Verhandlungen unterschrieben am 1. August 1975 35 Staatschefs in Helsinki die in drei Körbe unterteilte Schlussakte. Doch während sich Korb 1 "Sicherheitsfragen in Europa" und Korb 2 "Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Umwelt" im Sinne der sowjetischen Delegation gestalteten, entwickelte sich Korb 3 "Zusammenarbeit auf humanitären und anderen Gebieten" zum Problemfall, denn damit verpflichteten sich die Signatarmächte zur Einhaltung der Menschenrechte.

Erklärung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS vom 21. August 1968

TASS ist bevollmächtigt zu erklären, daß sich Persönlichkeiten der Partei und des Staates der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik an die Sowjetunion und die anderen verbündeten Staaten mit der Bitte gewandt haben, dem tschechoslowakischen Brudervolk dringend Hilfe, einschließlich der Hilfe durch bewaffnete Kräfte, zu gewähren. Dieser Appell wurde ausgelöst, weil die in der Verfassung festgelegte sozialistische Staatsordnung durch konterrevolutionäre Kräfte gefährdet wurde, die mit den dem Sozialismus feindlichen äußeren Kräften in eine Verschwörung getreten sind. […]

"Begrenzte Souveränität sozialistischer Staaten" ("Breschnew-Doktrin")

Die Völker der sozialistischen Länder, die kommunistischen Parteien haben die uneingeschränkte Freiheit und sie müssen sie haben, die Entwicklungswege ihres Landes zu bestimmen. Jedoch darf keine Entscheidung von ihrer Seite entweder dem Sozialismus in ihrem Land oder den Grundinteressen der anderen sozialistischen Länder […] Schaden zufügen. […] Man kann die Interessen einzelner sozialistischer Länder nicht den Interessen des Weltsozialismus, der revolutionären Bewegung der Welt entgegenstellen. W. I. Lenin forderte von allen Kommunisten "gegen die kleinnationale Beschränktheit, Abgeschlossenheit und Isolation zu kämpfen, für die Berücksichtigung des ganzen und allgemeinen, für die Unterordnung der Interessen des Teils unter die Interessen der Gesamtheit". […]

Verkündung der „Breschnew-Doktrin“

Aus einer Rede des Generalsekretärs des ZK der KPdSU, L. I. Breschnew, auf dem V. Parteitag der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei am 12. November 1968


Im Gegensatz zur Annahme vieler Diplomaten, Helsinki werde bald vergessen sein, entwickelte Korb 3 ein Eigenleben und verschaffte der Menschenrechtsbewegung in den Warschauer-Pakt-Staaten neue, wichtige Impulse: In Moskau gründete sich im Mai 1976 die erste von zahlreichen "Helsinki-Gruppen", die offen die Einhaltung der Menschenrechte einforderten. In der Tschechoslowakei traten Oppositionelle, ebenfalls unter Berufung auf die KSZE-Schlussakte, am 1. Januar 1977 mit der Charta 77 an die Öffentlichkeit; in Polen bildete sich nach den Arbeiterunruhen von 1976 das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR), das sich ebenfalls auf die in der Helsinki-Schlussakte verbürgten Rechte berief. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer, in den 1980er-Jahren einer der Anführer des zivilen Widerstands in der DDR, kam daher zu der Überzeugung: "1989 wäre nicht passiert, wenn es 1975 nicht gegeben hätte."

Bilanz der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ aus sowjetischer Sicht

Aus der Rede L. I. Breschnews in Helsinki am 31. Juli 1975


Engagement und Stellvertreterkriege in der "Dritten Welt"



Breschnew baute aus, was Chruschtschow begonnen hatte: die Beziehungen zu Staaten in Südamerika, Afrika, im Nahen Osten und Südostasien. Die neueste Forschung zeigt, dass die Sowjetunion dabei keineswegs stets der dominante Partner war, sondern oft genug von den kleineren Ländern genötigt, gedrängt und damit erpresst wurde, man könne sich sonst auch den US-Amerikanern anschließen. Die Ideologie spielte oft keine Rolle, die Sowjetunion tolerierte es sogar mitunter stillschweigend oder nur mit formalem Protest, wenn die umworbenen Entwicklungsländer ihre kommunistischen Parteien drangsalierten, verboten und ihre Führer verhafteten oder sogar ermordeten. Auch die Lieferung von Lebensmittelhilfen, Technologie und Waffen bedeutete nicht automatisch, dass die Sowjetunion sich damit politischen Einfluss erkaufte: Obwohl Nordvietnam im Krieg 75 bis 80 Prozent seiner materiellen Hilfe aus der Sowjetunion bezog, blieb deren politischer Einfluss gering.

Die Politik der UdSSR in den "befreiten Ländern" Afrikas und Asiens

[...] In vielen befreiten Ländern vollzieht sich ein komplizierter Prozeß der Polarisierung der Klassenkräfte, verstärkt sich der Klassenkampf. Das tritt auf verschiedene Art in Erscheinung. Neue fortschrittliche Veränderungen sind in der Wirtschaft und im politischen Leben der arabischen, afrikanischen und asiatischen Länder sozialistischer Orientierung eingetreten. Es gibt auch Länder, in denen die Entwicklung weiter auf dem kapitalistischen Weg vor sich gegangen ist. […]


Am meisten Strahlkraft entwickelte die Sowjetunion jenseits von Ideologie und Utopien durch die Schwerindustrialisierung, mit der sie sich in den 1930er-Jahren in die Moderne katapultiert hatte. Auf Basis der sowjetischen Ingenieurskunst kam es zu der Kooperation zwischen Ägypten und der Sowjetunion beim (Neu-)Bau des Assuan-Staudamms (1960-1971), bevor Ägypten die sowjetischen Berater auswies und sich den USA zuwandte.

Selbst Kuba war nicht, wie lange Zeit vom Westen unterstellt, von der Sowjetunion gesteuert, als es in den 1960er- und 1970er-Jahren ganze Bataillone von Freiheitskämpfern nach Afrika entsandte. 1975 gelang es Fidel Castro durch eigene Streitkräfte, lediglich durch diplomatischen Druck der Sowjetunion unterstützt, den Kampf um den Einfluss in Angola für die kommunistische Seite und gegen die USA zu entscheiden. Angola, in das seit 1961 Hilfsgüter und Waffen der Sowjetunion flossen, zeigt allerdings, dass die "Erpressbarkeit" der Supermächte den kleinen Ländern keineswegs immer zum Vorteil gereichte: So lange, wie alle Gruppierungen mit Waffen beliefert wurden, versank das Land in einem blutigen Bürgerkrieg.

Die Sowjetunion hütete sich davor, eigene Truppen in Krisengebiete zu entsenden, gerade wenn die Gefahr bestand, dass dies zu einer direkten Konfrontation mit den USA führen könnte. Doch der Anspruch, in Konkurrenz mit den USA immer mehr Länder mit immer mehr Lieferungen versorgen zu müssen, überforderte die heimische (Land-)Wirtschaft. Es entstand eine Situation, die heute als "Imperial Overstretch" ("Imperiale Überdehnung") bezeichnet wird: Die Ansprüche der "kontrollierten" Territorien überstiegen die zur Verfügung stehenden Ressourcen.

Der Militäreinsatz in Afghanistan 1979

Auch die Beziehungen zu Afghanistan begannen mit Wirtschaftshilfen, Militärberatern, Waffenlieferungen und Millionenkrediten – schon im Jahr 1955. Bis zum Sturz des Königs und der Machtergreifung der Demokratischen Volkspartei DVPA unter Nur Mohammed Taraki (1917-1979) im Frühjahr 1978 war eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit entstanden, die sich von der Förderung von Bodenschätzen über das Bildungssystem bis hin zum Tourismus erstreckte. Obwohl die DVPA seit ihrer Gründung 1965 ideell wie finanziell von Moskau unterstützt wurde, beäugte Moskau sie doch mit Argwohn. Das änderte sich auch nicht mit dem Putsch 1978, in den Moskau nicht eingeweiht gewesen war. Mit großer Skepsis und Zurückhaltung beobachtete das Politbüro, wie die innerlich gespaltene Partei das Land ins Chaos stürzte und einem Terrorregime unterwarf. Die mehrfach von Taraki angeforderte Militärhilfe zur Niederschlagung von Volksaufständen lehnte Breschnew ab. Aber als Taraki im Herbst 1979 in einem weiteren Putsch von seinem Stellvertreter Hafisullah Amin (1921-1979) abgesetzt und ermordet wurde, beschloss am 12. Dezember ein kleiner Ausschuss des Politbüros, Truppen zu entsenden, um Amin abzusetzen und die Ordnung im Land wiederherzustellen. Am 25. Dezember überschritten sowjetische Truppen die Grenzen und ermordeten Amin.

Ähnlich wie beim Einmarsch in Prag wird bis heute in der Forschung debattiert, was letztlich ausschlaggebend für den Einmarsch war. Genannt werden:
Wieder fiel der Satz wie in Ungarn 1956 und der Tschechoslowakei 1968: "Unter keinen Umständen dürfen wir Afghanistan verlieren." Aber anders als in Prag und vom Politbüro erwartet, brachten die sowjetischen Panzer keine Ruhe und "Ordnung", sondern ließen die Lage vollends eskalieren. Erst zehn Jahre später zog Gorbatschow die letzten Truppen ab und hinterließ ein verwüstetes Land im Bürgerkrieg. Afghanistan trug erheblich zur Delegitimierung und Unzufriedenheit in der Sowjetunion bei, denn seit 1945 war dies der erste Krieg, in den sowjetische Soldaten entsandt wurden; 15.000 fielen, 54.000 wurden verwundet.

Susanne Schattenberg, Maike Lehmann

Susanne Schattenberg

Prof. Dr. Susanne Schattenberg ist Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Zu ihren Forschungsgebieten gehören der Stalinismus, die Kulturgeschichte der Außenpolitik und die Sowjetunion nach 1953. Aktuell arbeitet sie an einer Breschnew-Biografie.
Kontakt: schattenberg@uni-bremen.de


Maike Lehmann

Dr. Maike Lehmann ist Juniorprofessorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Köln. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Nationalitätenpolitik, Fragen der sowjetischen Identität (Bsp. Armenien) und die transnationalen Netzwerke von Dissidenten und westlichen Intellektuellen in der späten Sowjetunion.
Kontakt: m.lehmann@uni-koeln.de


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