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20.11.2014

Freiheitstraditionen in der deutschen Geschichte

Plakat des Grafikers Frank Leuchte: Es zeigt eine stilisierte Jakobinermütze in rot und gelb mit einer Kokarde in den Farben der Deutschlandflagge. (© Deutsches Historisches Museum, Berlin)

Am 18. März 2015 jährt sich zum 25. Mal der Tag der ersten freien Wahl zur Volkskammer, dem Parlament der DDR. Durch sie gewann die Freiheitsrevolution der DDR-Bürgerinnen und -Bürger, die sich seit Mai 1989 entwickelt hatte, institutionelle Gestalt. Als am 29. Januar 1990 der Zentrale Runde Tisch in Ost-Berlin – ein paritätisch besetztes Gremium aus Vertretern der SED/PDS, der alten Blockparteien und der oppositionellen Bürgerbewegungen – den Beschluss fasste, den ursprünglich für den 6. Mai festgelegten Wahltermin auf den 18. März vorzuziehen, weckte dies Assoziationen. Denn das Datum hatte bereits seinen Platz in der Demokratiegeschichte der Deutschen:

Am 18. März 1848 wehrte sich die Bevölkerung Berlins in opferreichen Barrikadenkämpfen gegen Militär, das von König Friedrich Wilhelm IV. eingesetzt worden war und eine ursprünglich friedliche Dankeskundgebung auf dem Schlossplatz gewaltsam auflösen sollte. Dieses spektakuläre Geschehen während der "Märzereignisse" in den deutschen Staaten erschütterte die bis dahin vorherrschende Vorstellung der monarchischen Souveränität. Volkssouveränität sowie die Erfüllung der Forderungen nach einem deutschen Nationalstaat auf einer freiheitlichen konstitutionellen Grundlage schienen möglich zu sein.

Das dritte Ereignis, das auf einen 18. März fiel, ist im allgemeinen Wissen um Freiheitstraditionen in Deutschland eher randständig geblieben. Mit der Proklamation des Rheinisch-Deutschen Freistaates am 18. März 1793 entstand im Raum Mainz während der Französischen Revolution ein kurzlebiges republikanisches Staatswesen, das auf Menschenrechten und demokratischen Ideen gründete.

Die Pflege von Freiheitstraditionen in der deutschen Geschichte war während der vergangenen eineinhalb Jahrhunderte in starkem Maße eingeschränkt. In weiten Teilen der deutschen Gesellschaft herrschte stattdessen eine antidemokratische Grundströmung vor. Während im autoritär verfassten Kaiserreich von 1871 die Parolen der Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" eher gering geschätzt wurden, standen angebliche "deutsche Werte" wie Ordnung, Zucht und Innerlichkeit hoch im Kurs. Die Stützen der monarchischen Gesellschaft – Adel, Militär, Amtskirchen, Großbürgertum und bürgerliche Funktionseliten im Rechtswesen, an den Universitäten sowie in den Spitzenbürokratien – standen der demokratischen Ordnung der Weimarer Republik fern. Sie war eine Folge der Kriegsniederlage von 1918 und eben nicht Ergebnis eines gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses. So wurde sie von den genannten Gruppen bekämpft und schließlich von ihnen gemeinsam mit den erstarkenden Nationalsozialisten zerstört. Auch in der breiten Bevölkerung genoss die Weimarer Republik wenig Rückhalt. Bei den Wahlen zum Reichstag am 5. März 1933, nach der Übergabe der Macht an die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler, wurden beinahe zwei Drittel der Stimmen für demokratiefeindliche Parteien abgegeben.

In der Frühphase der (alten) Bundesrepublik war die Gesellschaft durch die vorangegangene NS-Herrschaft belastet. Die Neigung zur Verdrängung traf auf die Verpflichtung zur Aufarbeitung der nationalen Schuld. Angesichts dessen fristeten die freiheitlichen Traditionen der deutschen Geschichte innerhalb der politisch-gesellschaftlichen Neuorientierung lange ein Schattendasein. Allein in der Arbeiterbewegung und in linksliberalen Kreisen hatte sich eine Erinnerungskultur herausgebildet, in der auch Freiheitstraditionen Beachtung fanden.

Gustav Heinemann, von 1969 bis 1974 der dritte Bundespräsident, forderte wiederholt, demokratische Traditionen in wesentlich stärkerem Umfang in die historisch-politische Forschung, in den Geschichtsunterricht und in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Am 13. Februar 1970 äußerte er in einer Rede zur Thematik "Geschichtsbewusstsein und Tradition in Deutschland" folgende Überlegungen: "Es ist Zeit, dass ein freiheitlich-demokratisches Deutschland unsere Geschichte bis in die Schulbücher hinein anders schreibt." […] [N]ichts kann uns hindern, in der Geschichte unseres Volkes nach jenen Kräften zu spüren und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die dafür gelebt und gekämpft haben, damit das deutsche Volk politisch mündig und moralisch verantwortlich sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann."

Über die Freiheitsbewegung in der deutschen Geschichte

"Man sagt gelegentlich, und ich habe es auch getan, die Geschichte werde vom Sieger geschrieben. Wahr daran ist, dass die deutsche Erhebung von 1848/49 wie so manch andere Freiheitsbewegung niedergeschlagen wurde, und wahr ist auch, dass sich die Sieger mit den Fürstenkronen und ihre Diener nach Kräften bemüht haben, das Bild der Erinnerung daran bis in die Geschichtsbücher hinein zu schmähen, zu verdunkeln, ja nach Möglichkeit ganz zu tilgen. Genau dies hat meine Bemühungen um ein ausgeglichenes Geschichtsbild angetrieben.

Dieser Impuls mündete 1974 in der Gründung der "Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte" in Rastatt, bei deren Eröffnung Heinemann einmal mehr Aufmerksamkeit für die demokratischen Traditionen in Deutschland einforderte (Zitat S. 2). Oft berief er sich auf eine Aussage des französischen Sozialisten und Antimilitaristen Jean Jaurés, wonach Tradition nicht heiße, Asche zu verwahren, sondern eine Flamme am Brennen zu halten.

Für die historisch-politische Bildung in Westdeutschland nahm der damalige Bundespräsident damit eine bedeutsame Weichenstellung vor. Sie fügte sich in den Rahmen jenes Prozesses, den der Historiker Heinrich August Winkler für das politisch-gesellschaftliche Gemeinwesen der Deutschen als den "langen Weg nach Westen" beschrieben hat.

In den 1970er-Jahren lösten in der Bundesrepublik Sozialkunde/Gesellschaftskunde und Politische Bildung die bisherige Gemeinschaftskunde ab. Erkenntnisinteresse(n) und Inhalte orientierten sich zunehmend an der These, dass mit der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der 1789 einsetzenden Französischen Revolution eine geschichtliche Entwicklung begann, in der immer größere Teile der Bevölkerung danach strebten, selbstbestimmt ihre Interessen zu vertreten und an den politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entscheidungen teilzuhaben. Dabei gehörte undgehört es zu den Lernzielen, unkontrollierte Herrschaftsverhältnisse und sozioökonomische Privilegien bzw. Benachteiligungen sowie Wege ihrer Veränderung in Geschichte und Gegenwart erkennen zu können.

In der DDR hatte die Würdigung historischer Freiheitstraditionen von Anbeginn einen hohen Stellenwert, und zwar sowohl in der politisch-gesellschaftlichen Öffentlichkeit wie in den Bildungsinstitutionen. Insbesondere in historischen Unterrichtswerken fanden sich thematisch einschlägige Zusammenstellungen von didaktisch nützlichem Quellenmaterial. Die Auswahl von Inhalten wie deren analytische Einordnung waren geprägt durch die erkenntnisleitende marxistische Theorie des Historischen Materialismus. Sie ging von der These aus, dass sich die geschichtliche Entwicklung in Gesetzmäßigkeiten vollzieht, die nach Überwindung des Kapitalismus in eine sozial gerechte, klassenlose Gesellschaft münden. Abläufe, Zusammenhänge und Geschehnisse wurden vornehmlich so interpretiert, dass sie die Entwicklung zu einer sozialistischen Gesellschaft belegten. In diesem Sinne wurden auch Freiheitstraditionen in der deutschen Geschichte von der DDR-Geschichtsschreibung ideologisch vereinnahmt. Ein Beispiel hierfür ist die Kontroverse um die demokratiegeschichtliche Bewertung der Mainzer Republik zwischen dem Mainzer Historiker Franz Dumont und seinem Ost-Berliner Kollegen Heinrich Scheel, der die DDR zur historisch legitimen Erbin der Mainzer Republik erklärte. (Siehe den Beitrag von Dominik Kasper in den Literaturangaben)

Visualisierte Erinnerungskultur während der Freiheitsrevolution in der DDR

Bei den vielfältigen Aktivitäten des gewaltfreien Aufstandes in der DDR zählten – in der Regel individuell gefertigte – Plakate und Transparente mit Bild- und Textelementen zu den kreativen Ausdrucksformen des Protestes gegen die SED-Herrschaft. Bisweilen fanden sich dabei auch Versuche, das eigene Handeln in einen historischen Bezug zu stellen. Zwei dieser Plakate führen unmittelbar in die Thematik dieses Heftes.

Zum Inhalt und Aufbau des Heftes



Im Zentrum dieser Darstellung stehen die drei Geschehnisse, die mit dem 18. März verbunden sind. Dabei wird zunächst das Geschehen des jeweiligen Tages beschrieben. Danach folgen zwei Skizzen: einmal zu dem geschichtlichen Zusammenhang, in den ein jeder dieser Tage einzuordnen ist, zum anderen zu den Auswirkungen der Geschehnisse auf den demokratischen Prozess in Deutschland. Dabei sollen exemplarisch Frauen und Männer vorgestellt werden, die in den jeweiligen Phasen der Freiheitsbewegung in Deutschland mit ihrem politischen Engagement hervorgetreten sind.

Gernot Jochheim

Gernot Jochheim

Dr. Gernot Jochheim lebt in Berlin, wo er als Lehrer tätig gewesen ist. Er hat zur Sozialgeschichte der Gewaltfreiheit gearbeitet, eine Vielzahl von Lernmaterialien zur politischen und sozio-historischen Bildung publiziert sowie an Projekten zur schulischen Gewaltprävention mitgewirkt. Für die bpb hat er bereits das infoaktuell "27. Januar – Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus" (2012) verfasst.


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