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8.4.2015

Wie viel Vergangenheit braucht die Gegenwart?

Der Wunsch, sich der historischen Last der Vergangenheit zu entledigen, trübt das deutsch-israelische Verhältnis bisweilen bis in die Gegenwart. Nicht zuletzt das Wirken von Bundespräsidenten steht dem entgegen.

Trotz einiger Differenzen stehen die besonderen Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht in Frage. Bundespräsident Joachim Gauck 2012 mit dem damaligen Staatspräsidenten Shimon Peres in der Halle der Erinnerung in Jad Vashem. (© Imago / UPI Photo)


1958 riefen evangelische Aktivisten die "Aktion Sühnezeichen" ins Leben: Seit jener Zeit arbeiten jedes Jahr weltweit – auch in Israel – hunderte junger Deutscher in sozialen Projekten für und mit Menschen, denen während der Zeit des Nationalsozialismus Leid zugefügt worden ist. Mit diesem Projekt haben sich die Deutschen großes Ansehen erworben. Doch als die "Aktion" 1968 beschloss, sich den Namenszusatz "Friedensdienste" zuzulegen, um sowohl anerkannte Kriegsdienstverweigerer einzusetzen als auch Projekte unter der arabischen Minderheit Israels durchzuführen, entbrannte in der bundesdeutschen und israelischen Öffentlichkeit eine Debatte, die seither immer wieder neu aufbricht und um folgende Fragen kreist:

Inwieweit besteht in Deutschland der Wunsch oder die Tendenz, die NS-Vergangenheit zu verdrängen? Sind deutsche "Nahost-Experten" besonders qualifiziert, Israel in Sachen Menschenrechte moralische Lektionen zu erteilen, oder streben sie damit nach moralischer Kompensation für die NS-Vergangenheit?
Die "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" wurde 1968 zu Unrecht der Relativierung der Vergangenheit bezichtigt. Es gibt jedoch zahlreiche Fälle, in denen dies tatsächlich geschah; dazu vier Beispiele: In Deutschland hat es bis in die jüngste Zeit vergangenheitspolitische Eklats gegeben; dabei spielte der Wunsch eine Rolle, sich der historischen Last durch Verdrängung und Relativierung zu entledigen. Dass das bilaterale Verhältnis diesen Belastungen standhalten konnte, ist auch auf das Wirken einiger Bundespräsidenten zurückzuführen.

Martin Kloke

Martin Kloke

Dr. Martin Kloke ist verantwortlicher Redakteur für die Fächer Ethik, Philosophie und Religion bei den Cornelsen Schulverlagen in Berlin. Daneben befasst er sich seit vielen Jahren mit der deutsch-israelischen sowie christlich-jüdischen Beziehungsgeschichte und hat dazu zahlreiche Beiträge verfasst.


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