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11.8.2017

Resümee

Zeichen der Annäherung: Zum 500. Reformationsjubiläum feiern Landesbischof Heinrich Bedford- Strohm (li.) und Kardinal Reinhard Marx als Stellvertreter ihrer Kirchen einen gemeinsamen Gottesdienst in der Michaeliskirche Hildesheim. (© epd-bild / Jens schulze)


  1. Je nach konfessioneller Position wird die reformatorische Bewegung als Spaltung der Christenheit und/oder der Nation oder als Lockerung bzw. Aufgliederung des monolithischen Blocks beschrieben, den die römisch-katholische Kirche und deren dogmatische Festlegungen bildeten.
    Die sola-Theologie der Reformation bot große Entfaltungsräume zur Individualisierung der Frömmigkeit, zur Wiederbelebung von gemeindechristlichen Strukturen bei gleichzeitigem Abbau von innerkirchlichen und weltlichen Hierarchien sowie zum Einsatz textkritischer Methoden (sola scriptura). Diese zum Teil unbeabsichtigten Folgen der Reformation boten den Zeitgenossen stets Herausforderungen und Chancen.

  2. Insbesondere für die deutsche Geschichte hat die Spaltung zu einer über Jahrhunderte anhaltenden konfessionellen, mentalen, politischen und kulturellen Trennung geführt, die erst allmählich abgebaut wurde. Unterschiede im Recht, in den Frömmigkeitsformen, in der Kirchenverfassung und in den kulturellen Lebensweisen (Sprache, Musik, Bildung) haben sich bis weit in das 20. Jahrhundert hinein erhalten.

  3. Die reformatorische Bewegung spaltete Europa, in enger Verbindung mit politischen Interessen wurden die konfessionellen Gegensätze zu einem steten Konfliktpotenzial und daraus erwachsenden Konfessionskriegen; Europa blieb ein unruhiger Kontinent.

  4. Die Spaltung führte zu vornehmlich inner- aber auch außereuropäischen Konfessionsmigrationen. Seit dem 19. Jahrhundert verzahnten sie sich mit Armutsmigrationen und wurde zu einer Auswanderungswelle auch über die europäischen Grenzen hinaus. Inzwischen sind protestantische Gemeinden außerhalb von Europa zahlenmäßig stärker vertreten als im europäischen Kernland.

  5. Die Annahme einer wesenhaften Verbindung von Protestantismus und Moderne wurde als Meistererzählung vom Vorsprung protestantischer Bildung und als Theorie der innerkonfessionellen Unterschiede zwischen demokratieförderndem Calvinismus und obrigkeitshörigem Luthertum bis ins 20. Jahrhundert tradiert. Als protestantische Genealogie der Bürger- und Menschenrechte erlebte diese Deutung eine beindruckende Rezeption. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich der Blick für die Parallelität der Entwicklungen in beiden Konfessionen geöffnet.

Bedeutung der Kirchen heute

[…] Die Säkularisierungsprozesse in Deutschland gehen weiter, unabhängig davon, wie viele Menschen hierzulande den Papst bewundern oder das Reformationsgedenken gut finden. […] Der Osten Deutschlands ist inzwischen nach Tschechien die am stärksten säkularisierte Region Europas, obwohl es dort ohne mutige Christen 1989 keine friedliche Revolution gegeben hätte.

Beitrag der Reformation zu Religionsfreiheit und Kultur

[…] Sehr aktuell ist der Beitrag der Reformation zur Frage der Religionsfreiheit, also zum friedlichen Nebeneinander verschiedener Konfessionen und Religionen.

Luise Schorn-Schütte

Luise Schorn-Schütte

Luise Schorn-Schütte ist emeritierte Professorin für Neuere Geschichte der Goethe-Universität Frankfurt am Main.


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